Anuschka Rees – The curated closet

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Hilfe zur Selbsthilfe

Zu Beginn dieser Rezension erläutere ich mein Verhältnis zu Mode und Styling. Warum? Weil es anschaulich macht, wer ein potentieller Adressat des Buches ist, das ich euch vorstellen möchte.

Ich habe kein großes Interesse an Mode. Es bereitet mir Stress, mich schick machen zu müssen. Ich will nicht mehr Zeit als unbedingt nötig mit dem Thema „Anziehen“ verbringen. Wo ist das Problem, wird der geneigte Leser fragen. Das Problem ist, dass ich trotzdem gerne einigermaßen typgerecht angezogen bin.

Ich dachte bisher kaum „in Outfits“, sondern hatte eher eine Meinung zu individuellen Teilen, die ich schön fand oder eben nicht. Und die ich dann entweder gekauft habe oder eben nicht. Leider stellte sich dann öfter als nötig heraus, dass ich diese Teile nicht wirklich gut in meine bestehende Garderobe integrieren konnte. Verstärkt wurde das Problem dadurch, dass ich nur eine diffuse Vorstellung davon hatte, was mein Stil ist und wie ich gekleidet sein möchte. Das Ergebnis: Fehlkäufe.

Zwar habe ich über die Zeit trotz allem eine gewisse Idee davon bekommen, was mir steht und worin ich mich wohl fühle. Insgesamt nervte es mich aber zunehmend, dass aus relativ viel Mühe (Geld, Zeit, Überlegung) relativ wenig Kleiderschrank-Zufriedenheit resultierte. Es war also an der Zeit, mich  ernsthaft mit dem Problem auseinanderzusetzen, um eine längerfristige, zufriedenstellende Lösung zu finden.

Von dem Buch erhoffte ich mir dabei Hilfe, und was soll ich sagen, meine Erwartungen wurden erfüllt. „The curated closet“ enthält verschiedene Aufgaben, die dazu dienen, die eigene Wahrnehmung zu schärfen:

Welche Klamotten gefallen mir gut? Welche Klamotten passen meiner Meinung nach gut zu mir und warum? Was ist mein Stil? Welche Wirkung will ich mit meinem Outfit erzielen? Welche Anforderungen habe ich an meine Garderobe im Hinblick auf meinen persönlichen Lebensstil? Inwieweit passt meine bisherige Garderobe schon zu meinem Stil? Was an meinem Kleiderfundus muss noch ausgebessert werden, damit es zu meinem Stil passt?

Es war sehr aufschlussreich, diese Aufgaben durchzuführen. Mir ist klar geworden, dass es bei der Entwicklung einer passenden Garderobe wirklich auf die Details ankommt. Das Buch hat mir z.B. vor Augen geführt, dass ich lockere Passformen und fließende Stoffe bevorzuge. Das war mir nur halb bewusst. Wie oft habe ich mich gefragt, warum ich diese eine taillierte Bluse mit dem festen Baumwollstoff, die ich für teures Geld gekauft habe, nie angezogen habe… Ich habe in Bezug auf meinen ganz konkreten Fall aber z.B. auch gelernt, dass ich weniger Auswahl und Kombinationsmöglichkeiten bevorzuge. Ein zu voller Kleiderschrank und zu viele Möglichkeiten überfordern mich.

Das Buch hat mir auch gefallen, weil es keine Vorgaben macht. Es sagt mir eben nicht, welche Kleidungsstücke „in jeden Kleiderschrank gehören“ und zu meinem Körperbau passen oder welche Farben meinem Hauttyp schmeicheln. Es geht darum, zu lernen, eigene Regeln aufzustellen. Diese Regeln helfen mir dann wirklich, Fehlkäufe zu vermeiden und stattdessen eine Garderobe zu entwickeln, mit der ich zufrieden bin.

Ein positiver Nebeneffekt ist, dass man bei einem derart kuratierten Kleiderschrank ganz automatisch bewusster, qualitativ hochwertiger und seltener, d.h. insgesamt nachhaltiger einkauft.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, weil es die Kindle-Version nur auf Englisch gibt. Angesichts der Tatsache, dass viele Fotos und Grafiken drin sind, hätte ich in diesem Fall aber besser auf die deutsche, gedruckte Version zurückgegriffen („Das Kleiderschrank-Projekt“).

Fazit:  „The curated closet“ bietet fundierte Hilfe zur Selbsthilfe bei der Frage, wie man langfristig Kleiderschrank-Probleme löst.

Anuschka Rees – The curated closet – Ten Speed Press

Judith Hermann – Lettipark

In 17 Erzählungen lugt Hermann blitzlichtartig in das Leben verschiedener Menschen hinein und beschreibt alltägliche Begebenheiten und Probleme, Beziehungen, die mehr oder weniger gut funktionieren, vielleicht sogar kurz davor stehen, auseinanderzubrechen. Sie deutet Wendungen im Leben dieser Menschen an und bestimmte Einsichten, die sie haben. Sie tut das treffend und in einem interessanten minimalistischen Stil, alles in allem geht es aber inhaltlich nach meinem Empfinden über Allgemeinplätze nicht hinaus.

Für mich ist Lettipark wie eine Pralinenschachtel, die ich ganz schnell leer esse, immer in der Hoffnung, dass die nächste Praline etwas Besonderes ist. Irgendwie sind alle Pralinen ganz gut, aber keine ist speziell und gibt mir ein Aha-Erlebnis. Am Ende bin ich zwar satt, aber nicht richtig zufrieden und ich könnte auch nicht mehr sagen, wonach die einzelnen Pralinen geschmeckt haben.

Die Wirkung der Geschichten erinnert mich an Jazz bzw. die Art, wie ich diese Musik als Laie erlebe:  Hört sich ganz interessant an, hat kein System (zumindest keins, das ich verstehe), ich kann die Musik nicht wiedergeben und sie berührt mich nicht richtig, ohne dass ich sagen könnte, warum. Jazz wirkt auf mich tiefgründig und intelligent, aber ob er das wirklich ist, weiß ich nicht.

Fazit:

Minimalismus auf die Spitze getrieben. Andeutungen auf etwas tiefer Liegendes? Literatur, zu der man einen ganz bestimmten Zugang braucht, den ich nicht habe, trotz Hermanns außergewöhnlichem Stil.

Judith Hermann – Lettipark – S. Fischer