Marc Raabe – Schlüssel 17

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Unterhaltsame Action

Eine tote Frau hängt engelsgleich unter der Kuppel des Berliner Doms. Sie trägt einen Schlüssel um ihren Hals, in den eine 17 eingraviert ist. Weitere Personen im Umfeld des Opfers bekommen einen identischen Schlüssel zugeschickt und müssen um ihr Leben bangen.

Tom Babylon, der verantwortliche Ermittler, will das Schlimmste verhindern. Doch er ist befangen: Als seine kleine Schwester vor Jahren verschwand, hatte sie genau einen solchen Schlüssel dabei! Zwar wurde später angeblich ihre Leiche gefunden, doch tief in seinem Innern hängt Tom der Hoffnung nach, dass es sich um eine Verwechslung handelt und sie noch lebt. Werden ihn die Ermittlungen auch zu seiner Schwester führen?

Tom Babylon ist ein kaputter Typ und Held gleichzeitig: traumatisiert, tablettenabhängig, bindungsunfähig und ein Workaholic auf der einen Seite. Auf der anderen Seite „zieht er sein Ding durch“, ist dabei eigentlich immer erfolgreich und insgesamt unkaputtbar sowie frei von menschlichen Bedürfnissen wie Hunger und Schlaf. Eher gezwungenermaßen arbeitet er mit der Psychologin Sita Johanns zusammen, die Tom Babylon nicht unähnlich ist. Zu Superman gesellt sich Wonderwoman.

Die Hauptfiguren sind also etwas holzschnittartig, und mit den anderen Figuren ist es eigentlich nicht viel anders. Dazu kommt auf der sprachlichen Ebene ein Hauch Drama. Zum Beispiel heißt es an einer Stelle ziemlich am Anfang: „Er steigt aus und legt sein Holster an. Das Adrenalin baut sich langsam auf – die Anspannung vor dem Betreten des Tatortes. Sämtliche Poren öffnen, um alles zu spüren, und dennoch kühl auf Distanz bleiben. Ein höllischer Widerspruch für jeden Ermittler. Entscheidet man sich fürs Offensein, läuft man früher oder später umher wie eine klaffende Wunde. Wählt man Distanz, fehlt sie Einfühlung in Oper und Täter. Man klärt nichts mehr auf, verkümmert und wird kalt.“

Beides, die etwas stereotypen Figuren und die Sprache, finde ich angesichts des Thriller-Genres in Ordnung. Wer literarisch Hochtrabendes sucht, wird enttäuscht. Hier geht es eher darum, ein Gefühl von Action und Spannung zu erzeugen, und das gelingt meines Erachtens gut. Ein Problem liegt allerdings in der Bindung an die Hauptfiguren, wie ich im letzten Abschnitt noch ausführen werde.

Es ist viel los in Raabes Thriller: Es gibt erstens verschiedene Handlungsstränge, die in der Jetzt-Zeit und in der Vergangenheit spielen. Meistens wird aus der Sicht Toms erzählt. Einmal als der Polizist, der er heute ist, und einmal als Jugendlicher, der er war, als seine Schwester verschwand. Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, der aus der Sicht der jungen Franziska erzählt wird, die in einer psychiatrischen Abteilung arbeitet.

Es werden zweitens viele Themen angesprochen: Die Stasi und Regimekritik in der DDR, Psychiatrie und Kindesmissbrauch, private Probleme der Polizisten sowie Stress zwischen den Hierarchieebenen der Polizei (der unbequeme Mitarbeiter, der sich nicht an die Dienstanweisungen hält vs. der unfreundliche Chef, der selbst Dreck am Stecken hat).

Das Ganze ist gut gemachte Unterhaltung. Hier gibt es ein Quäntchen Information, da noch eins, dort eine überraschende Wendung. Bis am Ende die meisten offenen Fragen beantwortet werden. Aber eben nicht alle. Vielleicht habe ich etwas überlesen? Aber vielleicht werden diese Fragen auch in den Nachfolgebänden geklärt; Schlüssel 17 ist der erste Band einer Reihe um Tom Baylon. So oder so, es hat mich nicht gestört, dass die Fragen offenblieben.

Und genau das ist auch die Crux des Buches: Möchte ich weitere Bände der Reihe lesen, um eventuell Antworten zu bekommen? Sicher bin ich mir nicht. Das liegt vielleicht daran, dass mir die Figuren fern geblieben sind und kein rechtes Interesse bei mir geweckt haben. Mal schauen. Ich habe das Buch gerne gelesen und würde es weiterempfehlen. Zum Fan von Tom Babylon bin ich dabei aber nicht geworden. Unter dem Aspekt, dass es eine Reihe werden soll, ist das natürlich eher ein Manko.

Fazit: Spannende, gute Unterhaltung. Richtig übergesprungen ist der Funke aber nicht.

Marc Raabe – Schlüssel 17 – Ullstein

Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Der Tod so kalt ist ein Thriller über ein nie aufgeklärtes Verbrechen, besser gesagt ein Massaker, das sich 1985 in einer sagenumwobenen Schlucht in den Dolomiten ereignet hat. Eine Hypothese ist, dass die drei Toten einem prähistorischen Monster zum Opfer gefallen sind, einem Tier, das im Perm gelebt hat und in den Höhlen der Gegend bis in die heutige Zeit überlebt hat.

Hauptperson ist der US-Amerikaner Jeremiah Salinger, ein Drehbuchautor, der mit Frau und Kind aus den USA in das Heimatdorf seiner Frau in Norditalien zieht. Er verbeißt sich in die Idee, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Bei seinen Recherchen zu dem Massaker trifft Salinger auf viel Widerstand seitens der Dorfbewohner.

Die Idee finde ich gut, aber ich denke, es ist kein Thriller, sondern ein Krimi. Diese Einschätzung leite ich zum einen aus der Tatsache ab, dass die Hauptperson Salinger eigentlich nie ernsthaft in Gefahr gerät (beziehungsweise erst ganz am Ende, und auch da hatte ich nicht wirklich Angst um ihn). Zum anderen ist das Tempo der Erzählung vor allem in der ersten Hälfte langsam, teilweise sogar etwas zäh. D‘Andrea versucht, mit kurzen Vorschauen Spannung zu erzeugen (z.B. S. 118), aber so richtig hat es mich nicht gepackt. Warum ist das so?

D’Andrea berichtet bisweilen eher kursorisch über Dinge, die er erlebt hat, statt sie wirklich plastisch darzustellen (z.B. S. 45ff, S. 115ff). Dazu kommt, dass er Anekdoten aus seinem Familienleben einstreut, die nicht direkt mit der Handlung zu tun haben (z.B. S. 47ff, S. 110ff). Ich vermute, D’Andrea will uns damit die Hauptpersonen näher bringen, die Identifikation mit den Figuren erleichtern. Aber dazu hätte er lieber weniger berichtet und stattdessen aussagekräftigere Situationen geschildert.

Es hat mich aber auch deshalb nicht so richtig mitgerissen, weil die Aufklärung im Wesentlichen darin besteht, dass Salinger nacheinander verschiedene Dorfbewohner befragt, und D’Andrea dies in etwas anstrengende Dialoge packt: Salinger stellt eine Frage, die Person liefert Info 1. Salinger hakt bei irgendeinem Detail nach, die Person liefert Info 2. Salinger hakt nach, Info 3 usw. (z.B. S. 87ff). Auf diese Weise durchstrukturiert wirken die Dialoge sehr künstlich, da ja im wahren Leben Information auch aus freien Stücken und beiläufig gegeben und normalerweise auch nicht so gezielt kommuniziert wird.

Schließlich gelingt es D’Andrea nach meinem Empfinden nicht so gut, die Gefühle seiner Hauptpersonen zu vermitteln: Salingers Reaktion nach einem Unfall der Tochter, seine Besessenheit, das Massaker aufzuklären, das Gefühl, seine Frau zu hintergehen, die nicht möchte, dass er ermittelt… Ich habe lange überlegt, wie dieser Eindruck entsteht und ich glaube, es liegt unter anderem daran, dass D‘Andrea es übertreibt mit den Gefühlen. Es wird so dick aufgetragen, dass es für mich nicht mehr nachvollziehbar ist. Das schafft dann eher Distanz, als dass ich mitfühle.

Fazit:

Zu langer, anfangs etwas zäher Krimi mit interessantem Plot, der gegen Mitte Fahrt aufnimmt und sprachlich etwas ansprechender hätte sein können.

Der Tod so kalt – Luca D’Andrea – Deutsche Verlags-Anstalt