Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf

Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten

Stilkritik

Der Patriotismus beschreibt laut Wikipedia die „emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation“. Wie der Untertitel schon sagt, plädiert Frau Dorn für eine aufgeklärte Form desselben und erläutert dies in 8 Kapiteln. Darin geht es zum Beispiel um die Frage, was eigentlich die deutsche Identität und Kultur ausmacht. Wenn ich die Autorin richtig verstehe, findet sie, dass es so etwas wie eine deutsche Identität und Kultur tatsächlich gibt. Und dass man auch ruhig dahinterstehen darf, ohne jedoch überheblich zu werden.

Sie findet zudem, dass die Nation als Identitätsobjekt für die Menschen immer noch erforderlich ist. Anders gesagt, Menschen beziehen sich bei der Frage, was ihre Identität ausmacht, auch auf ihr Deutsch-Sein. Europa ist als Identitätsobjekt noch nicht soweit und beim „Weltbürger“ sind wir erst recht noch nicht angekommen.

Frau Dorn glaubt, dass die Deutschen mit ihren Musikern, Dichtern und Denkern ein wichtiges Erbe haben und man diese Werte als Identitätsobjekt für die Deutschen bewahren und sogar hervorheben sollte. Deutschland sollte sich also als Kulturnation sehen und die Bildungsbürger und Intellektuellen sollten ihren Teil dazu beitragen, dass das gelingt. Auf diese Weise kann man links- und rechtsradikalen Tendenzen die Stirn bieten. Die (klassische, bildungsbürgerlich definierte) Kultur ist es, die uns zusammenhält.

So verstehe ich Frau Dorn, aber ich bin mir nicht sicher. Und ich bin mir auch nicht sicher, wie sie das alles genau begründet. Das Buch ließ mich mit einem diffusen Gefühl der Unsicherheit zurück. Wie bei einem Bild, von dem ich sagen soll, ob es mir gefällt, das aber halb verdeckt ist. Ich kann das Bild ungefähr erkennen, aber nicht so richtig.

Ich habe zu einzelnen Punkten, die sie anspricht, durchaus eine Meinung. Ich denke z.B. nicht, dass die klassische Bildung uns wirklich bei dem Problem der Identitätsbildung weiterhilft. Ich vermute, es gibt relativ wenig Leute, denen man bei der Frage der Identitätsfindung mit Goethe, Mann und Beethoven weiterhelfen kann. Da schließt Frau Dorns meines Erachtens zu sehr von ihrer eigenen Lebenssituation auf die der anderen Menschen.

Ich traue mich aber schlicht nicht, das Gesamtkonzept zu bewerten, weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann. Der Grund für meine Unsicherheit und mein mangelndes Verständnis liegt, so vermute ich, zum einen in meinem mangelnden Vorwissen. Viele Dinge werden als bekannt vorausgesetzt; eine Erwartung, die ich nicht erfülle. Ein weiterer Grund ist wohl Frau Dorns Schreibstil. Das versuche ich im Folgenden zu erklären.

Thea Dorn befasst sich an mindestens zwei Stellen (siehe die nächsten Abschnitte) nicht ausreichend mit den Hintergründen von Begriffen und zieht Analogien, ohne sie nachvollziehbar zu begründen. An diesen Stellen, die ich meine, geht es um die psychologischen Begriffe der Resilienz und des Über-Ichs, die ich als Psychologin einordnen kann. Ich frage mich: Was ist mit dem Rest des Buches, wo es um historische, philosophische, sozialwissenschaftliche, politische Themen geht, mit denen ich mich nicht so gut auskenne?

Resilienz

Resilienz ist die psychologische Widerstandskraft. Der Begriff ist erwachsen aus der Beobachtung, dass manche Kinder, die in widrigen Umständen aufwachsen, trotzdem einen guten Lebensweg haben, also den Umständen trotzen. Es gibt die sogenannte Resilienzforschung, die sich damit befasst, wie Resilienz entsteht. Frau Dorn schreibt dazu: „Wenn ich es richtig überblicke, vermag bis zum heutigen Tage niemand abschließend zu erklären, warum es manchen Menschen besser gelingt als anderen, Beleidigungen und seelische Verletzungen wegzustecken. […] Aus der immunologischen Forschung wissen wir, dass es für die Ausbildung eines robusten Immunsystems unerlässlich ist, dass ein heranwachsender Mensch zahlreichen „Erregern“ ausgesetzt ist, zahlreiche Krankheiten durchläuft. Nur so kann sich sein Immunsystem überhaupt entwickeln. Ich halte es für zulässig, dies in analoger Weise von psychischen Immunsystem zu sagen.“

Hier kritisiere ich erstens, dass im Text nicht zum Ausdruck kommt, dass es durchaus einige recht gut untersuchte Hypothesen darüber gibt, wie Resilienz entsteht. Zweitens kritisiere ich, dass Frau Dorn, ohne sich mit dem Begriff wirklich auseinandergesetzt zu haben, eine Analogie zu einem anderen System zieht und es auch noch so darstellt, als wäre dies „zulässig“. Sie kann diese Analogie ja gerne ziehen, aber dann soll sie es als Vermutung in den Raum stellen. Bei mir entsteht der Eindruck, dass sie die Resilienz einfach nur insofern heranzieht, als sie ihre These zu stützen vermag, dass Menschen eben auch mal was aushalten müssen, um später im Leben klarzukommen. Und das ist sicher nicht die Kern-Aussage der Resilienzforschung. Wichtige Einflussfaktoren für die Entwicklung der Resilienz sind z.B. Intelligenz, Temperament und Persönlichkeit, die Warmherzigkeit der Beziehung zu den Eltern und die soziale Unterstützung außerhalb des engeren Familienkreises.

Über-Ich

Frau Dorn bezieht sich an einer Stelle auf Freud und zieht den Schluss vom „Über-Ich“ auf das „Über-Wir“, ohne dies zu begründen: „Alles, was Freud über die individuelle Psyche sagt, lässt sich auf die Psyche einer Gesellschaft übertragen: Ohne Über-Wir besitzt sie weder ein Gewissen, noch kann sie nach höherem Streben.“ Zunächst ist es so, dass Freuds Auffassung von der menschlichen Psyche nur eine unter zahlreichen ist und Freud und seine Theorien zumindest in meinem Studium allenfalls eine Randerscheinung waren. Zudem bleibt Frau Dorn die Begründung schuldig, warum die Übertragung auf die Gesellschaft möglich ist. Wieso sollte ich das als Leser einfach so schlucken?

So viel zur Resilienz und dem Über-Ich. Kommen wir zu einem weiteren Thema, den wörtlichen Zitaten. Thea Dorn ist sehr belesen und das wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Sie zitiert in großer Zahl diverse Politiker, Philosophen, Soziologen, Schriftsteller, Journalisten und so weiter. Und diese Zitate sind auch häufig wörtlich wiedergegeben. Frau Dorn hätte meines Erachtens gut darin getan, etwas sparsamer mit wörtlichen Zitaten umzugehen und Zusammenhänge in ihren eigenen Worten darzustellen. Ich finde, es ist dem Verständnis abträglich, wenn ich mich als Leserin ständig auf die unterschiedlichen Schreibstile von Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten einstellen muss und wenn Frau Dorn andere Leute in ihren fremden Worten sagen lässt, was sie selber denkt.

Damit zusammen hängt auch der nächste Punkt: Dorns Argumentationstaktik besteht meines Erachtens darin, zu sagen, inwiefern sie mit den zitierten Personen und ihren Aussagen übereinstimmt oder auch nicht. Sie definiert ihre Meinung also über deren Überschneidung mit der Meinung anderer. Ich finde es aber schwer, Frau Dorns Argumentation aus diesen Überschneidungen abzuleiten. Es hilft mir nicht so sehr zu wissen, inwiefern Frau Dorns Meinung z.B. mit der von Kurt Tucholsky übereinstimmt (oder eben nicht), sondern es würde mir helfen zu hören, was sie denkt und warum.

Dorn hat zudem einen etwas weitschweifigen Schreibstil. Sie liefert Details über die zitierten Leute, die interessant, aber für die Argumentation unerheblich sind. In dem Bemühen, diese Details zu erfassen und mir zu überlegen, ob sie etwas mit dem Thema des Buches zu tun haben oder nicht, habe ich oftmals den Faden verloren.

Dorns Formulierungen sind komplexer und „metaphoriger“ als in einem Sachbuch nach meinem Empfinden günstig. Ein Sachbuch ist für mich nicht der Ort, an dem ein Autor mit einer besonders einfallsreichen Sprache glänzen sollte, da diese vom Inhalt ablenkt. Die Form sollte für mich, wie beim Bauhaus, der Funktion folgen. Ein paar Beispiele:

„Deshalb habe ich im letzten Kapitel dafür plädiert, dass Europa seine Funktion als Hüter des Humanen beherzter wahrnehmen soll, indem es sich bemüht, die feurigen Rösser des technologischen Fortschritts zu zügeln. Wenn wir die Gäule von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Vollautomatisierung mit uns durchgehen lassen, wird dies den Menschen, so wie wir ihn bislang kannten, als kreatürliches und vernünftiges Doppelwesen, schleifen.“

„Wir dürfen gern gegen die McDonaldisierung unserer Welt polemisieren und ankämpfen. Aber wir sollten uns hüten, die Vertreter von Menschenrechten als Agenten eines gefräßigen Imperiums zu diffamieren, das die Welt mit Human-Rights-Burgern übersättigen will.“

„Dass (West-)Deutschland in den Sechzigerjahren endlich begann, sich seiner verbrecherischen Vergangenheit ernsthaft zu stellen, verdankte sich weniger revolutionären Hitzköpfen, die der „BRD“ den Krieg erklärten, als vielmehr dem konsequenten Mut des jüdisch-schwäbischen Juristen Fritz Bauer, der in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt in Hessen – gegen alle juristischen, politischen und gesellschaftlichen Wiederstände – dafür gesorgt hatte, dass ab 1963 in Frankfurt am Main zahlreiche SS-Leute, die im Vernichtungslager Auschwitz „Dienst“ getan hatten, sich vor Gericht verantworten mussten.“

Insgesamt ist Frau Dorns Schreibstil meiner Meinung nach zu indirekt. Ich bin als Leserin zu oft gefordert, das, was sie sagen will, aus etwas anderem zu erschließen. Ich muss also nach jedem Abschnitt innehalten und umformulieren, quasi einen Übersetzungsprozess leisten. In dem Versuch, das zu tun, vergesse ich, was ich vorher gelesen habe. Als Psychologin würde ich sagen: Mein Arbeitsgedächtnis wird von diesem Text schlicht überlastet.

Vielleicht würde Frau Dorn hier argumentieren, dass ich einfach bereit sind muss, mich der Komplexität der Realität zu stellen und mich richtig in den Text einzuarbeiten. Ich entspreche nämlich mit meiner Kritik so ziemlich genau dem negativen Bild, das Dorn von dem durchschnittlichen Leser zeichnet: Den Unwillen, sich mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen, nur noch die Länge von Twitter-Nachrichten zu tolerieren und darüber hinaus sowieso sehr schnell das Handtuch zu werfen, wenn es ums Verstehen geht.

Was ich mich aber frage ist, ob die sprachliche Komplexität nicht eine inhaltliche Komplexität suggeriert, die nicht gegeben ist. Jeden einzelnen Satz kann ich theoretisch für mich in eine einfache Sprache übersetzen und verstehen, aber das große Ganze, die Zusammenhänge, der Rahmen, das alles fehlt mir.

Fazit: Frau Dorn ist vermutlich blitzgescheit und mit Sicherheit sehr belesen. Es gelingt ihr aber meines Erachtens nur begrenzt, dieses Wissen und diese Brillanz so einzusetzen, dass ein gutes Buch entsteht. In diesem Fall meine ich „gut“ im Sinne von verständlich, nachvollziehbar und auf den Punkt.

Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf – Albrecht Knaus Verlag

Daniel Salber – Wirklichkeit im Wandel

Heitere Gelassenheit

Die Morphologische Psychologie wurde von Daniel Salbers Vater Wilhelm Salber (1928-2016) in den 1960er Jahren an der Universität zu Köln entwickelt. Sie greift inhaltlich auf Gedanken von Goethe, Nietzsche, Freud und der Gestaltpsychologie zurück.

Wirklichkeit im Wandel ist laut Untertitel eine Einführung in die Morphologische Psychologie. Um es vorwegzunehmen: Ich habe nach dem Lesen zwar eine Idee, worum es in diesem Teilbereich der Psychologie geht, insgesamt ist mein Bild aber noch etwas verschwommen. Dennoch ist es Daniel Salber gelungen, mir ein paar grundlegende Gedanken näherzubringen, die ich im Folgenden darstelle.

Die Morphologische Psychologie befasst sich mit der Wirklichkeit, also dem, „was wir konkret erleben, was auf uns wirkt und worin wir wirken.“ (S. 7). Im Alltag, in den alltäglichen Dingen, spiegelt sich die menschliche Seele. Es geht also nicht, wie sonst oft in der Psychologie, um theoretische Konstrukte wie z.B. die Intelligenz, die konkret definiert bzw. operationalisiert und dann gemessen wird.

Speziell interessieren Veränderungen dieser Wirklichkeit. Was heißt das? Dazu muss man zunächst wissen, dass die Morphologische Psychologie Werke analysiert. Eine Ehekrise ist z.B. ein Werk, die Kultur, aber auch Dinge sind Werke, wenn sie produziert werden. Werke produzieren aber auch selbst etwas, z.B. produziert ein Duschgel eine Belebung am Morgen (S. 34). Werke können auch scheitern, wie z.B. eine Ehe.

Existieren heißt also Werke schaffen. Aber Werke sind nie perfekt, immer in Entwicklung, bilden nie wirklich das Ganze oder die Idealvorstellung ab, nach der der Mensch eigentlich strebt. „Das Leben ist eine Dauer-Baustelle“ (S. 39), der Sinn des Lebens liegt im ständigen Auf- und Umbau. Der Traum von der Umsetzung des Ideals wird nie ganz erfüllt, ist aber die Motivation dafür, weiter Werke zu schaffen.

Die Seele drückt sich, wie oben gesagt, im Alltag aus, also in dem, was wir sagen und tun, in unseren Gesten etc. Dieser Ausdruck wird Wirkung genannt. Wenn man Zusammenhänge herstellt zwischen den Wirkungen erhält man eine Gestalt, die durch eine sogenannte Konstruktion erklärt wird. Die Konstruktion beschreibt das Prinzip, nach der Gestalten gebildet werden und ist die Grundlage der Behandlung.

Teil dieser Konstruktion sind unbewusste Bilder, die unsere alltäglichen Entscheidungen leiten. Ein Beispiel ist das Bild einer älteren Frau, ewig jung sein zu wollen. Dieses Bild bestimmt ihr Handeln und schließt viele andere Lebensmöglichkeiten aus. Sie treibt z.B. viel Sport, ist auf Schönheitschirurgie und teure Kosmetik angewiesen, spricht nicht über altersbedingte körperliche Einschränkungen etc.

Die Morphologische Psychologie geht interessanterweise davon aus, dass nicht die Kindheit die Bilder prägt, sondern die Bilder prägen die Kindheit. Damit sind die Ursachen für psychische Probleme nicht in der Vergangenheit angesiedelt, sondern in den Bildern, die von vornherein vorhanden waren.

Ein etwas ausführlicheres Beispiel für eine Konstruktion und die zugehörigen Bilder findet sich auf Seite 66/67: Ein junger Mann, der sein Jura-Studium abgebrochen hat, fängt immer wieder neue Berufe an, kommt einfach nicht auf einen grünen Zweig. Sein großes Vorbild sind die Brüder, die ein geregeltes Leben führen und erfolgreich sind (Hauptbild). Doch er fühlt sich in geordneten Verhältnissen einfach nicht wohl, wuselt lieber vor sich hin, was er sich aber nicht eingestehen will.

Er macht schließlich eine kleine Galerie auf. Sie ist nicht perfekt, sondern etwas chaotisch und gemütlich (Gegenbild). Dann lernt er eine Frau kennen, die das Hauptbild – das perfekte Leben, wie die Brüder es führen – repräsentiert. Sie nimmt die Sache in die Hand und aus der kleinen, gemütlichen Galerie wird eine große, perfekte.

Jetzt hat der Mann sein Ziel erreicht, ist aber überhaupt nicht glücklich. Er kann aber auch nicht mehr zurück in sein altes Leben und kommt zur Beratung. Es stellt sich heraus, dass er sich immer wieder abhängig gemacht hat, statt selbständig zu werden und „eine eigene Gestalt zu wagen“ (S. 67). Er hat die Selbständigkeit nicht gewagt, weil sie unplanbar und ungewiss ist. In der Behandlung werden dann Nebenbilder herausgearbeitet, die den jungen Mann ermutigen, etwas Eigenes zu machen und Chancen zum Wandel wahrzunehmen.

Wie diese Bilder konkret aussehen können, wird nicht gesagt, und so spekuliere ich: Vielleicht wäre ein Nebenbild, dass der Mann es sich zur Aufgabe macht, junge Künstler mit ungewöhnlichen Ideen und kleine Galerien aufzuspüren und auf ihrem individuellen Weg zu fördern?

Eine seelische Störung bedeutet nach der Morphologischen Psychologie, wie das obige Beispiel zeigt, dass der Wandel oder die Produktion von eigenen Werken z.B. durch Angst blockiert ist. Dabei ist die Morphologische Psychologie eher Hilfe zur Selbsthilfe: „Behandlung kann nur wirken, wenn sie die ohnehin laufende ‚Selbstbehandlung‘ des Seelischen versteht, aufgreift und weiterentwickelt. Therapie ist Weiter-Ent-Wicklung von Werken.“ (W. Salber; zitiert nach D. Salber S. 127).

Werke gehen immer wieder schief, das lässt sich nicht verhindern. Das Ziel ist, einen anderen Umgang mit den Lebensproblemen zu finden, über sich selber und seine Fehlerhaftigkeit lachen zu können: „Die heitere Gelassenheit, in der die Existenz auf Distanz zu sich selber geht, kann das Leben erträglicher machen“ (S. 137).

Ein Kapitel befasst sich mit dem Wesen des Psychologen. Zwei Begriffe sind hier besonders wichtig: Verwunderung und Betroffenwerden. „Zwischen Verwunderung für das Fremde, das begegnet, und Betroffenheit des Eigenen balanciert der psychologische Suchprozess in der Mitte“ (S. 84). Was bedeutet das? Zum einen bedeutet es, dass ein Psychologie das Gefühl haben muss, mit einem Phänomen konfrontiert zu sein, dass er nicht versteht, das ihn aber interessiert: „Verwunderung fängt an mit der Verwunderung darüber, was alles möglich ist unter der Sonne.“ (S. 78).

Betroffenwerden heißt, dass dieses Phänomen aber durchaus auch etwas mit dem Psychologen selbst zu tun hat. Er kann nicht auf Distanz bleiben, wird Teil der Wirklichkeit des Klienten: „Was er erforscht, ist er in gewisser Weise ja auch selbst. Sein Gegenstand be-trifft ihn, geht ihn an, ängstigt und lockt ihn. Er kann sich nicht davon machen, in reiner Distanz bleiben. Der Psychologe wird von seiner Sache ‚gehandelt‘. Es gibt hier keinen objektiven Beobachter, da der Psychologe in derselben Wirklichkeit lebt wie sein Gegenüber.“ (S. 81). Dabei ist es wichtig, dass der Psychologe sich selbst gut kennt, um zwischen den Problemen des Klienten und den eigenen Problemen trennen zu können.

Im letzten und sechsten Kapitel geht es um den aktuellen Zustand der Gesellschaft (Publikationsjahr 2009). Die Menschen sollen nach D. Salber – wenn ich es richtig verstehe wieder mehr zu einem Leben zurückkehren, in dem sie in Gesellschaft mit anderen Menschen Werke produzieren. Sie müssen zudem erkennen, dass dies ein anstrengendes, langwieriges Unterfangen und nicht immer von Erfolg gekrönt ist der Mensch ist nun mal nicht perfekt. Demgegenüber steht sein Wunsch, schnell und ohne Mühe zu Profit zu kommen – was durch das gesellschaftliche System, die Politik und Medien gefördert wird. Das Kapitel war mir alles in allem zu diffus und ich fand die Schlussfolgerungen nicht überzeugend hergeleitet, auch wenn ich den Grundgedanken selbst nicht verkehrt finde.

In meinem Psychologie-Studium wurde die Morphologische Psychologie nie erwähnt, und ich habe den Eindruck, dass es vielen anderen Psychologen, die nicht gerade in Köln studiert haben, ähnlich geht. Warum das so ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Morphologische Psychologie dem Trend der „Wissenschaftlichkeit“ im naturwissenschaftlichen Sinne widersetzt und eine eigene Sprache entwickelt hat.

Fazit: Eine für meinen Geschmack z.T. etwas diffus bleibende Erläuterung der Grundgedanken der Morphologischen Psychologie. Nichtsdestotrotz ein Buch mit vielen interessanten Gedanken, die mein Bild von der Psychologie erweitert haben. Ein Buch, das für all diejenigen ein Denkanstoß sein könnte, die der naturwissenschaftlichen Psychologie verpflichtet sind. Ist man damit wirklich auf der „sicheren“ Seite? Erfasst man damit die menschliche Psyche besser als mit einer Psychologie, die sich nur auf sich selbst beruft? Diese Frage ist schwer zu beantworten und vermutlich ist es auch nicht wichtig, eine definitive Antwort zu finden. Die Frage lehrt mich aber, offen zu bleiben: Vielleicht ist doch alles anders, als ich bisher gedacht habe.

Daniel Salber – Wirklichkeit im Wandel – Bouvier

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler

Quelle: pixabay.com

Was heißt eigentlich kreativ?

Der Titel Denken wie ein Künstler – Wie Sie Ihr Leben kreativer machen klang für mich zuerst nach einem Ratgeber, der vollmundige Versprechen abgibt, die er dann doch nicht einhält. Doch war mein Interesse geweckt und so habe ich mich ein bisschen genauer mit dem Buch befasst. Und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht doch lohnen würde, es zu lesen. Und so war es dann auch.

Warum ist das so? Ich habe gemerkt, dass Denken wie ein Künstler kein Ratgeber ist, sondern eher eine Analyse – eine Analyse des künstlerischen Wesens. Was macht den Künstler zum Künstler? Gompertz überlässt es seinem Leser, zu entscheiden, was er aus seinen Ausführungen mitnehmen möchte.

Will Gompertz ist Kunstkorrespondent der BBC und hat Künstler verschiedener Art kennen gelernt und in ihrem Schaffen beobachtet. In Denken wie ein Künstler gibt er in unterhaltsamer Form einen Überblick darüber, was seiner Meinung nach diesen Künstlern gemein ist.

Das tut er in insgesamt 11 Kapiteln, deren Überschriften schon ganz gut andeuten, worum es geht: 1. Künstler denken unternehmerisch, 2. …scheitern nicht, 3. …sind ernsthaft neugierig, 4. …stehlen, 5.  …sind Skeptiker, 6. …sehen das große Ganze und die kleinen Details, 7. …haben einen Standpunkt, 8. …sind mutig, 9. …machen Denkpausen, 10. Alle Schulen sollten Kunstschulen sein, 11. Ein letzter Gedanke.

Aufgelockert wird das Ganze durch witzige Strichzeichnungen, Schwarz-Weiß-Abbildungen verschiedener Kunstwerke und Fotos sowie Zitaten von Künstlern zu Anfang und Ende jeden Kapitels. Innerhalb des Fließtextes sind wichtige Aussagen fett hervorgehoben.

Dazu kommt ein Farbteil mit Bildern, auf die Gompertz im Text genauer eingeht. Was er zu den Bildern zu sagen hatte, fand ich überaus spannend. Wenn ich in einem Museum bin, läuft das bei mir normalerweise so ab: Ich schaue mir ein Gemälde an, finde es ansprechend oder eher nicht. Ich bewundere den Künstler für sein Können und seine Ideen, kann ihn vielleicht einer Epoche zuordnen. Das war es aber auch schon.

Gompertz erhellt die Hintergründe zu den Bildern. Warum ist zum Beispiel Die Geißelung Christi von Piero della Francesca (1458-1460) ein so bemerkenswertes Bild? Es ist die perspektivische Darstellung, etwas völlig Neues für diese Zeit. Mit diesen und weiteren Hintergrundinformationen kann man die Bilder ganz anders, mit viel mehr Interesse betrachten.

Ich fand Denken wie ein Künstler nicht nur sehr angenehm zu lesen – Gompertz ist einfach begeistert von dem, was er tut und das merkt man dem Text an – es war auch gespickt mit gedanklichen Anregungen. So zum Beispiel im Kapitel Künstler haben einen Standpunkt, als Gompertz von dem US-amerikanischen Künstler Kerry James Marshall berichtet. Gompertz möchte ihn interviewen, und landet statt im Atelier (wo Marshall auf ihn wartet), aus Versehen zu Hause bei dessen Frau, der Schauspielerin Cheryl Lynn Bruce.

Sie bietet ihm Kuchen an, und als er sagt, dass er gerne welchen möchte, fordert sie ihn auf, sich einen Teller aus dem Regal auszusuchen. Sie sammelt Teller, von jeder Sorte gibt es einen. „Wir sind keine Roboter“, sagt sie dazu. „Das Leben ist aufregender, wenn man eine Meinung hat.“ (S. 165)

Ich fand es äußert spannend zu lesen, wie Künstler arbeiten, zu ihrem ganz persönlichen, unverwechselbaren Stil finden. Gompertz beschreibt z.B., wie Picasso von einem talentierten „Imitator“ zu einem Meister wurde. Picasso „bedient“ sich zwar auch als Meister noch bei vielen anderen Künstlern, nimmt deren Ideen auf, macht aber etwas ganz Eigenes draus, wobei die Reduktion eine wichtige Rolle spielt.

Das Denken der Künstler, wie es in den 11 Kapiteln charakterisiert wird, bildet einen wohltuenden Kontrast zu der Denkweise, die wir in der Schule lernen, und die leider so oft das Gegenteil von Kreativität ist.

Was heißt nun Kreativität? Gompertz stellt seinen Ausführungen keine Lehrbuch-Definition voraus. Ich fasse sie so zusammen: Kreativ-Sein heißt, dem eigenen Standpunkt auf originelle, neue Art Ausdruck zu verleihen, und sich dabei nicht vom Althergebrachten einschüchtern zu lassen. Dazu ist der Kreative neugierig und skeptisch und hört nie auf zu fragen. Kreativ-Sein beinhaltet die Verknüpfung von Dingen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen. Es heißt aber auch, Dinge weglassen zu können.

Fazit: Ein sehr unterhaltsames, interessantes Buch für all diejenigen, die das Gefühl haben, dass die Kreativität in ihrem Leben zu kurz kommt.

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler – aus dem Englischen von Sofia Blind – Dumont

 

Erling Kagge – Stille

Quelle: pixabay.com

Assoziationen zur Stille

Stille ist ein sehr schön aufgemachtes, schmales Büchlein über ein besonderes Phänomen, an dem es heutzutage mangelt. So wirft Kagge am Anfang drei Fragen auf: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je? Es folgen „33 Versuche einer Antwort“. Bei diesen Antworten geht es um das Staunen, die Natur, Langeweile, Ablenkung, Smartphones und verschiedene andere Themen.

Das Buch liest sich flüssig und hält hier und da ein paar interessante Gedanken für den Leser bereit. Was mir allerdings fehlt sind Tiefgang und Struktur. Die Kapitel wirken auf mich willkürlich aneinandergereiht, so als habe Kagge einfach seinen Assoziationen freien Lauf gelassen. Dabei werden die drei Fragen sicherlich indirekt auf die ein oder andere Weise beantwortet. Wer es aber, wie ich, etwas konkreter mag, kommt nicht auf seine Kosten.

Auch Leser, die sich schon ein paar Gedanken über Achtsamkeit und verwandte Themen gemacht haben, werden meines Erachtens wenig von dem Buch profitieren, da es einfach zu sehr an der Oberfläche bleibt.

Fazit: Stille hinterlässt bei mir keinen bleibenden Eindruck. Laut Untertitel handelt es sich um einen Wegweiser. Ich finde, es ist einfach ein nettes Büchlein für einen entspannten Lese-Nachmittag.

Erling Kagge – Stille – aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg – Insel

Al Gore – Truth to Power

Al Gore, Ex-Vize-Präsident und zweifacher Präsidentschaftskandidat der USA, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Thema Klimawandel. Im Jahre 2006 veröffentlichte er  einen Film und ein dazugehöriges Buch mit dem Titel An Inconvenient Truth. Ausgehend davon rief er das sogenannte Climate Reality Project ins Leben.

Elf Jahre später gibt es nun erneut einen Film und auch Buch zum Thema. In dieser Folge-Publikation geht es zum einen darum, den Status-quo in Sachen Klimawandel darzustellen. Es wird aber auch gezeigt, welche Fortschritte gemacht wurden und es werden konkrete Hilfestellungen für die eigenen Klimaschutzaktivitäten gegeben.

Wenn man das Buch aufschlägt, merkt man direkt, dass es kein typisches Sachbuch ist. Es gibt viele Fotos und Diagramme  und relativ wenig Text, der noch dazu recht groß gedruckt ist. Eine Ausnahme bilden Porträts von Leuten, die als Mitarbeiter des Climate Reality Projects den Gedanken des Klimawandels weitertragen. Weitere Ausnahmen sind ausführliche Darstellungen ausgewählter Sachverhalte, wie die Luftverschmutzung in China. Das Buch erinnert stellenweise an eine sehr gut gemachte Power-Point-Präsentation zwischen zwei Buchdeckeln.

Doch die nette Aufmachung dient meiner Einschätzung nach nicht dazu, über mangelnde Inhalte hinwegzutäuschen. Zwar geht es inhaltlich nicht sehr in die Tiefe, aber ich hatte schon den Eindruck, dass die genannten Informationen Hand und Fuß haben bzw. aus verlässlichen Quellen stammen. Allerdings kann ich nicht verhehlen, dass ein wenig Selbstbeweihräucherung Al Gores dabei ist. Aber in erträglichem Maße.

Einen weiteren Aspekt finde ich wichtig. Er geht aus dem Untertitel des Buches hervor: Your action handbook to learn the science, find your voice, and help solve the climate crisis. Die zweite Hälfte des Buches enthält konkrete Anleitungen dafür, wie man Klimawandelaktivist wird.  Es wird z.B. erklärt, wie man Kindern das Problem des Klimawandels nahebringen kann, wie man selbst klimaschonender lebt, wie man Veranstaltungen zum Thema organisiert oder eine Präsentation vorbereitet. Es gibt sogar Briefvorlagen für Schreiben an Politiker. Letztlich ist das Buch auch deshalb lehrreich, weil Gore die Tipps zur erfolgreichen Verbreitung seines Anliegens auch selbst beherzigt und in dem Buch umsetzt.

Zwar glaube ich nicht, dass das Buch Klimawandel-Leugner vom Gegenteil überzeugen kann. Der oder die Unentschiedene kann aber durchaus Nutzen daraus ziehen. Gut fand ich auch, dass in einem Kapitel passende Antworten auf typische Einwände gegeben werden. (Bsp.: Es ist doch so kalt draußen, wie kann es da Klimawandel geben?) Das einzige, was ich vermisst habe, war ein Inhaltsverzeichnis.

Fazit: Wer sich auf angenehme Art über den Klimawandel informieren und dabei nicht zu sehr in die Tiefe gehen möchte, der ist mit diesem Buch sehr gut beraten. Gleiches gilt für Leser, die selbst gerne gegen den Klimawandel aktiv werden möchten und dazu Hilfestellung suchen. Die Informationen im Buch sind zwar auf die USA gemünzt, lassen sich aber meines Erachtens auf Deutschland übertragen. Last, but not least: Gore geht an vielen Stellen darauf ein, wie weit wir Menschen beim Thema Klimaschutz schon gekommen sind. Es ist also auch ein Buch, das Hoffnung macht und zeigt, welche positiven Entwicklungen es gibt und wie diese fortgesetzt werden können.

Al Gore – Truth to Power: An Inconventien Sequel – Macmillan USA

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Der Roman Die Geschichte der Bienen besteht aus drei Handlungssträngen, die in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen. William ist ein unglücklicher englischer Wissenschaftler in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der gerade erst das Wunder der Bienen entdeckt. In der Gegenwartsgeschichte geht es um den US-amerikanischen Imker George, der darunter leidet, dass sein Sohn Tom das Geschäft nicht fortführen will. Die dritte Geschichte spielt im China des ausgehenden 21. Jahrhunderts. Protagonistin Tao bestäubt als Arbeiterin Blüten, da es keine Bienen mehr gibt. Es handelt sich um eine Dystopie, die illustriert, wie das Leben aussehen könnte, wenn es keine Bienen mehr gäbe.

William ist Saatgutverkäufer und siebenfacher Vater, dessen Herz für die Wissenschaft schlägt. Eine Leidenschaft, der er durch die Familiengründung und den Zwang, Geld nach Hause zu bringen, leider nicht ausgiebig frönen kann. Er wird depressiv, fängt sich aber wieder und entwickelt neue Arten von Bienenstöcken. Allein, zum Durchbruch kommt es nicht, da er mit seinen Erfindungen zu spät dran ist. Seine Tochter Charlotte „erbt“ sein Interesse für Bienen. Dabei erkennt William lange nicht, was er an Charlotte hat, weil er ständig auf Sohn Edmund schielt, den er mit seinen Forschungen beeindrucken will. Auch sein ehemaliger Professor und Mentor Rahm spielt eine große Rolle, er ist eine Vaterfigur,  die William nicht enttäuschen will. Letztlich ist William gefangen in seinem inneren Konflikt und kreist um sich selbst.

George, der Imker, kann nicht akzeptieren, dass sein Sohn Tom andere Pläne für die Zukunft hat, als den Hof des Vaters zu übernehmen. In dieser Geschichte geht es, ähnlich wie bei William und Edmund, um den typischen Konflikt zwischen Eltern und Kindern – inwieweit lässt man den Kindern Raum, ihre eigenen Wege zu gehen. George ist ein Praktiker, will seinem Sohn alles beibringen, was man fürs Imkerdasein können muss. Tom dagegen will schreiben, ist ein begabter Student, doch das interessiert George nur am Rande. George sieht, genau wie William, nur sich selbst und missbilligt die akademischen Ambitionen seines Sohnes. Als es jedoch zu einem großen Bienensterben kommt, entscheidet sich Tom überraschend für seinen Vater und den Hof. Später erfahren wir, dass Toms Wissen und seine Erfahrungen Tao und ihren Mitmenschen in Form eines Buches wieder Hoffnung gibt.

Taos Leben kann man kaum ein solches nennen, es ist eher ein Kampf ums Überleben. Die Städte sind tot, die verbliebenen Menschen leben auf dem Land und arbeiten unermüdlich.  Sie müssen Blüten von Hand bestäuben, damit es etwas zu essen gibt. Tao glaubt daran, durch Bildung zu einem besseren Leben zu finden, ihr Mann Kuan hat sich mit der aktuellen Situation arrangiert. Sie leben unter einer strengen Regierung, die alles bestimmt, keinen Widerspruch duldet, dies aber immerhin in dem Bemühen, die Menschen am Leben zu erhalten. Die Menschen werden in dieser Phase selber zu Bienen unter einer alles bestimmenden Königin, zu unermüdlichen Arbeitern und Arbeiterinnen. Als Taos Sohn einen Unfall hat, macht sie sich auf die Suche nach dessen Ursache. Sie kehrt mit einer Hoffnung gebenden Erkenntnis zurück.

Jede Geschichte für sich wäre nach meiner Einschätzung zu mager gewesen – die Konflikte zwischen den Protagonisten werden nicht in der Tiefe behandelt. Doch die Zusammenstellung der Handlungsstränge, die jeweils stückweise dargeboten werden, ist reizvoll. Dabei sind die Geschichten natürlich einerseits über das Thema Bienen verbunden, andererseits ist George ein Nachkomme Williams, und Tao findet ein Buch, dass Tom geschrieben hat.

Sehr interessant und wichtig finde ich, was man in sachlicher Hinsicht über die Bienen erfährt und natürlich über die möglichen Folgen ihres Aussterbens. Hier rüttelt das Buch auf und macht deutlich, wie wichtig es ist, die Bienen zu erhalten. Es war für mich allerdings ein bisschen schwierig, das inhaltliche Anliegen – die Bedeutung der Bienen für die Menschen zu illustrieren – und die Familien-Geschichten zusammen zu bringen. Ich wusste nicht so richtig, was ich gerade lese. Drei Familiensagen? Ein Sachbuch? Ein Buch über zwischenmenschliche Erwartungen? Diese Unklarheit, die natürlich im Konzept des Buches angelegt ist, bewahrte bei mir eine gewisse Distanz zum Text.

Es ist schon angeklungen, dass das Thema Bildung in dem Roman von großer Bedeutung ist. Es wird aber auch deutlich, dass Theorie und Praxis nur in der Kombination zum Ziel führen. George kann nicht glauben, dass die Theorie irgendeinen Nutzen für ihn als Imker hat. Doch das von Tom angelesene Wissen in Kombination mit seinen praktischen Erfahrungen helfen schließlich Tao. Ihre unbeirrbare Auffassung, dass Bildung der Schlüssel zur Lösung der Probleme ist, führt dazu, dass die Menschen zum ersten Mal wieder Hoffnung haben.

Sprachlich-stilistisch sticht der Roman, soweit ich das beurteilen kann, nicht besonders heraus.  Mir sind weder besonders raffinierte, noch besonders schlechte Formulierungen aufgefallen, es war einfach eine leicht zu lesende Lektüre, was ich angesichts des facettenreichen Inhaltes passend finde.

Fazit:

Im Gesamtpaket eine gut lesbare, interessante, spannende und wichtige Lektüre mit Appell-Charakter, genremäßig (wenig überraschend) nicht so richtig einzuordnen.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen – btb Verlag – aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein