Potpourri

Nach einer längeren Pause möchte ich euch wieder ganz herzlich auf meinem Blog begrüßen. Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen, das ja jetzt auch nicht mehr ganz so jung ist.

Im Folgenden werde ich euch eine Reihe von Büchern vorstellen, die ich in dieser Pause (nochmal) gelesen oder endlich zu Ende gelesen habe. Die Zusammenstellung umfasst die Themen, die mich in letzter Zeit beschäftigt haben, dazu gehört zum Beispiel das Ausmisten und die Frage, was mir in meinem Leben eigentlich wichtig ist und was nicht.

Letzteres macht sich eben auch an den Dingen fest, mit denen man sich umgibt. Ich fand es wichtig, wieder einen Überblick zu kriegen über mein Leben, materiell, aber auch immateriell. Ich habe mir dazu auch viele Youtube-Videos angeguckt; es gibt eine ganze Menge zu dem Thema . Hier muss man einfach für sich herausfiltern, was einen anspricht und wie weit man beim Ausmisten gehen will.

Ein zweiter Schwerpunkt war das Thema Kreativität. Hier hatte ich ja auch schon mal das Buch Denken wie ein Künstler von Will Gompertz vorgestellt.

Schließlich möchte ich noch ein paar Krimis vorstellen – da gibt es nicht viel drumherum zu sagen – sowie ein Sachbuch von Stephen King.

Ausmisten

Marie Kondo – Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert

Das Buch von Marie Kondo ist der Klassiker zum Thema Ausmisten. Ihre Methode nennt sich Konmari (sie selbst nennt sich aber auch so). Im Wesentlichen geht es ihr darum, Kategorien von Dingen (Klamotten, Bücher…) systematisch nacheinander auszumisten und dabei das Kriterium der Freude heranzuziehen. Das heißt man nimmt jedes einzelne Teil in die Hand und hört in sich hinein, ob dieses Teil Freude hervorruft oder nicht. Wenn nicht, heißt es weg damit. Die Methode ist sehr konsequent und vielleicht für manche zu extrem. Ich finde Konmaris Buch als Inspiration sehr gut, aber ich halte es schlicht nicht für nötig, so radikal zu sein.

Hideko Yamashita – Dan-Sha-Ri: Das Leben entrümpeln, die Seele befreien: Mit der japanischen Erfolgsmethode Überflüssiges loswerden, Ordnung schaffen, frei sein

Auch hier geht es ums Ausmisten, wobei ich die Vorstellung interessant fand, dass es drei Arten von „Behaltern“ gibt. Solche, die behalten, weil sie für die Zukunft gewappnet sein wollen, solche, die behalten, weil sie nostalgisch an der Vergangenheit hängen, uns solche, die vor der Gegenwart ihres Lebens fliehen und einfach keine Zeit haben, sich um ihr Zeug zu kümmern. Regelmäßig Ausmisten heißt nämlich auch, in der Gegenwart zu leben. Insgesamt geht dieses Buch sehr auf die emotionale Ebene des Entrümpelns ein.

Fumio Sasaki – Das kann doch weg!: Das befreiende Gefühl, mit weniger zu leben. 55 Tipps für einen minimalistischen Lebensstil

Sasakis Buch enthält zum einen Fotos und Beschreibungen von Minimalisten, was für den ein oder anderen Leser inspirierend sein kann. Aber auch hier ist es teilweise schon extrem, wie wenig die Leute besitzen. Das Buch enthält nicht nur viele praktische Tipps, Sasaki erzählt auch viel darüber, wie ihn der Minimalismus persönlich verändert hat. Dazu gehören eine größere Zufriedenheit und Dankbarkeit sowie das Gefühl, nicht mehr durch Besitztümer einen bestimmten Eindruck auf andere Menschen machen zu wollen.

Ein Buch über ein verwandtes, aber weniger materielles Thema ist das Buch Essentialism von Greg McKeon. Letztlich ist die Message hier, so wie ich sie verstehe, dass man sein Leben konsequent priorisieren sollte. Also dass man sich bei allem, was man tut, fragen sollte, ob es wirklich das ist, was man tun möchte und was einem wirklich wichtig ist. Wenn man zu einer Arbeit, einer Freizeitbeschäftigung etc. nicht Ja! sagt, dann sollte man nein sagen. Klingt gut, ist aber natürlich praktisch nicht immer umsetzbar. Dennoch hat man im Leben ja auch oft die Wahl :-), und da hilft es vielleicht, genauer in sich hineinzuhorchen. Interessant fand ich auch die Information, dass das Wort „Priorität“ früher nicht im Plural verwendet wurde. Das könnte man sich ein bisschen zu Herzen nehmen, denn dadurch, dass man sich durch zu viele Verpflichtungen verzettelt, entsteht Stress und das Gefühl, nichts wirklich richtig zu machen.

Das Buch The slight Edge von Jeff Olsen handelt weder von Minimalismus noch Essentialismus, aber es passt trotzdem in die Thematik, weil es auch hier darum geht, Prioritäten zu setzen. Wichtig ist dabei aber der Aspekt, eine priorisierte Aktivität umzusetzen. Den Kerngedanken des Buches finde ich interessant, aber er ist meiner Meinung nach auf unnötige Weise ausgewalzt und die ganze Darstellung hat etwas Missionarisches, das mir nicht so liegt. Letztlich kann man die Idee meines Erachtens mit dem alten Sprichwort Kleinvieh macht auch Mist zusammenfassen. In meinen eigenen Worten: Es geht darum, dass man mit kleinen, alltäglichen Handlungen, die leicht umzusetzen sind, auf lange Sicht sein Leben ändern kann.

Also: Es ist leicht, sich jeden Tag ein bisschen zu bewegen, und es wird auf lange Sicht einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben. Leider ist es aber genauso leicht, diese kleinen Aktivitäten immer wieder auf den nächsten Tag zu verschieben. Auf lange Sicht addiert sich dann das fehlende Training hin zum Negativen. Genauso kann sich das Sparen kleiner Mengen an Geld, wenn man früh genug damit anfängt, über die Zeit ordentlich summieren (um mal etwas näher an der ursprünglichen Bedeutung des Sprichwortes zu sein). Olsen konstatiert also, dass Erfolg im Wesentlichen gar nicht von einmaligen, besonderen, großen Handlungen abhängt, sondern davon, dass kleine, auf den ersten Blick unwesentliche Handlungen konsequent verfolgt werden. Und da ist, glaube ich, was dran.

Kreativität

Nonkonformisten von Adam Grant

Wieso haben manche Menschen originelle Ideen und andere nicht? Warum ist es wichtig, originell zu sein? Wie kann man Originalität fördern? Diese und andere Fragen werden sehr ausführlich in dem Buch von Adam Grant dargestellt und wissenschaftlich untermauert. Er beschreibt u.a. das interessante Phänomen, dass manche Menschen in einem jungen Alter ein paar originelle Eingebungen haben und danach eigentlich nicht mehr sonderlich originell sind, während andere erst spät originell werden, dann aber längerdauernd.

Alles nur geklaut von Austin Kleon

Das ist ein nettes kleines Büchlein, das sich auch gut zum Verschenken eignet. Es befasst sich mit der Frage, inwiefern Kunst eigentlich originär neu ist und warum „Diebstahl“ bei anderen Künstlern nicht prinzipiell schlecht ist, sondern der Beginn der eigenen Originalität sein kann. Kleon führt 10 Regeln aus, wie Kreativsein funktioniert. Ich fand’s interessant und inspirierend.

Lockerlassen von Steve Ayan

Ayan geht in seinem Buch von der weit verbreiteten Annahme aus, dass viele Probleme dadurch entstehen, dass man Entscheidungen nicht gründlich genug durchdenkt und sie nicht ausreichend analysiert. Im Gegensatz dazu möchte der Autor deutlich machen, warum mehr bewusstes Denken im Leben nicht nur nicht unbedingt weiterhilft, sondern manchmal sogar kontraproduktiv ist. Die Intuition findet manchmal ohne bewusstes Zutun Lösungen für Probleme, die unserem Bewusstsein zu kompliziert sind – wenn wir uns nur Zeit lassen und uns anderen Dingen zuwenden. Selbstvergessenheit ist das Stichwort. (Ich merke gerade, dass dieses Buch nur sehr indirekt in die Kategorie „Kreativität“ passt…)

Krimi

Zorn 8 – Blut und Strafe von Stephan Ludwig

Die Zutaten in diesem Buch sind brutale Morde und viel Privatleben der Ermittler Zorn und Schröder. Die Frotzeleien zwischen den beiden sind ganz amüsant, was mir allerdings ein bisschen gefehlt hat, sind systematische Ermittlungen. Und das auch in der zweiten Hälfte, obwohl es da wirklich spannend wird. Die Handlung wird nicht von der Aktivität der Ermittler getragen, sondern es passiert etwas mit den Ermittlern. Schließlich muss ich sagen, dass Zorn mir nicht wirklich sympathisch ist. Ich verstehe z.B. nicht, warum er immer wieder einen Behindertenparkplatz blockiert und Kaffeebecher einfach auf den Boden schmeißt. Vielleicht soll Zorn als ein Mensch mit Fehlern und Schwächen dargestellt werden, aber irgendwie funktioniert es bei mir nicht. Zumindest nicht so.

Muttertag von Nele Neuhaus

Muttertag ist ein spannender und auch informativer Krimi rund um das Thema Kindesmisshandlung. Mein wichtigster Kritikpunkt ist der, dass mir die Leute ein bisschen fernbleiben, auch Pia, die wichtigste Ermittlerin. Die Charaktere finde ich irgendwie blass, ohne zu wissen, warum. Vielleicht ist es so, dass zu wenig wirklich konkret dargestellt wird. Also statt ein bestimmtes, z.B. ängstliches Verhalten zu beschreiben, wird explizit gesagt, dass jemand ängstlich ist. Einmal wird z.B. eine Frau in einer Befragung von Pia im Nachhinein als selbstgefällig bezeichnet, diese Frau kam mir aber während des Gesprächs kein bisschen selbstgefällig vor. Es werden zudem auffällig viele Markennamen erwähnt, der Grund ist mir schleierhaft. Vielleicht soll es die Geschichte für den Leser anschaulicher machen? Muttertag ist trotz dieser Kritik ein spannender und interessanter Krimi, bei dem ich keine Schwierigkeiten hatte, dranzubleiben.

Himmelhorn von Klüpfel/Kobr (Kluftinger-Krimi)

Drei Bergsteiger stürzen in den Allgäuer Alpen von dem gefährlichen Berg „Himmelhorn“ ab. Tragischen Unfall oder Mord? Zwei verfeindete Bergbauern-Familien sind in die Sache verwickelt; die Ermittlungen führen weit in die Vergangenheit. Der Krimi besteht zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Klamauk rund um das Privatleben des Kommissars (die Schwiegertochter ist schwanger und Kluftinger würde sie am liebsten in Watte packen), das ist ganz amüsant zu lesen, manchmal driftet es aber sehr ins Alberne ab. Für mich war es im Moment des Lesens okay, weil ich auf leichte Lektüre aus war, und trotz dieser Kritik gut unterhalten wurde. Für manchen mag es etwas zu viel privates Drumherum sein.

Über das Schreiben

Das Leben und das Schreiben: Memoiren von Stephen King.

Das Buch ist eine Art Biographie, gepaart mit einem Buch über das Schreiben (wie der Titel schon nahelegt :-)). Es ist locker-flockig geschrieben, auch die Teile über Kings Kindheit, die eigentlich teilweise zum Weinen sind. Er macht auch keinen Hehl aus seiner früheren Drogensucht. Den Teil über das Schreiben fand ich sehr aufschlussreich. Er umfasst hilfreiche Tipps, die gut dargestellt und begründet werden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es für Leute interessant ist, die mit Schreiben nichts am Hut haben. Ich bin zwar kein Stephen King Fan und habe – genrebedingt – noch nie etwas von ihm gelesen, aber er scheint mir in seiner ehrlichen und direkten Art sehr sympathisch.

Zu guter Letzt

…noch was ganz anderes, nämlich die Empfehlung eines TED-Talks von Robert Waldinger (ich habe viel Zeit mit Youtube verbracht in den letzten Monaten.) Der Titel lautet: „What makes a good life?“ Es geht um eine Studie zum Thema Glück und Gesundheit im Leben und wovon diese abhängen. Rund 2000 Männer wurden von Jugend an untersucht, davon leben heute noch 60, die in ihren 90ern sind. Die Studie läuft also schon seit mehreren Jahrzehnten und umfasst vier Forschergenerationen, was allein schon sehr bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, Forschungsgelder und Wissenschaftler für Forschungsprojekte zu akquirieren. Genauso bemerkenswert ist die Schlussfolgerung, die Waldinger aus den Daten zieht: Entscheidend für Glück und Gesundheit sind nicht Ernährung, Sport, beruflicher Erfolg…, sondern die Beziehungen, die man zu anderen Menschen hat. Sehr informativ und unterhaltsam.

Barbara Bierach – Schweigegelübde

Quelle: pixabay.com

Heute möchte ich den Irland-Krimi „Schweigegelübde“ vorstellen, der sich um die Kommissarin Emma Vaughan dreht. Es ist der 2. Band von insgesamt zweien der Reihe.

Schweigegelübde hält einige interessante Informationen über Irland bereit und fängt sehr vielversprechend an. Ein Todesengel geht in einer Klinik um, die Ermittlungen starten, Emma verteilt Aufgaben an ihre Mitarbeiter, viele Fragen sind offen.

Man merkt aber auch direkt: Emma ist eine taffe Frau, die mit vielen privaten und beruflichen Problemen zu kämpfen hat. Ihrem Ex-Mann wird Mitgliedschaft in der IRA vorgeworfen, Emma glaubt, in einem vorherigen Fall einen Ermittlungsfehler gemacht zu haben, sie ist nach einem schweren Unfall medikamentenabhängig und sie wird nachts von einem IRA-Mann überfallen, der wohl mit ihrem Ex-Mann zusammengearbeitet hat. Viel zu bewältigen für Emma, aber sie packt es an und bleibt erstaunlich gelassen.

Bei knapp 70 Prozent Lesemenge auf dem Kindle und nach zahlreichen Gesprächen mit Verdächtigen hat Emma dann plötzlich eine Eingebung, wer der Todesengel sein könnte. Es ist genau die Person, von der ich direkt beim ersten Auftauchen dachte, sie sei der Täter. Der Fall ist gelöst, alle anderen Ermittlungslinien sind eigentlich lose Fäden, die nirgendwo hinführen.

Dann muss Emma noch das Problem mit dem Ermittlungsfehler lösen. Sie glaubt, dass sie eine Mörderin fälschlicherweise hat laufenlassen, ohne sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Dummerweise sind nämlich weitere Morde passiert, die auf die besagte Person als Mörderin hinweisen. Dazu fährt Emma in ein Wellness-Hotel, einen Schauplatz des früheren Verbrechens, wo zwei Personen ins Visier ihrer Aufmerksamkeit geraten. Es stellt sich relativ schnell heraus, dass Emma doch keinen Fehler gemacht hat. Die verbleibenden Probleme klären sich dann auch.

Fazit: Ganz unterhaltsamer, gut zu lesender Krimi, der thematisch etwas überfrachtet und recht einfach aufgebaut ist. Die Kommissarin ist mir zwar sympathisch, insgesamt fällt sie aber etwas stereotyp aus.

Barbara Bierach – Schweigegelübde – Ullstein

Pierre Martin – Madame le Commissaire und die tote Nonne

Quelle: pixabay.com

Ein neuer Fall für Isabelle Bonnet

Eigentlich will Madame le Commissaire einfach nur einen schönen Nachmittag verbringen. Sie befindet sich mit ihrer Freundin Jacqueline in der Domaine du Rayol, einem botanischen Garten in Canadel-sur-Mer. Doch eine tote Nonne macht den beiden Frauen einen Strich durch die Rechnung. Sie ist offenbar beim Kräutersammeln die Klippe hinuntergestürzt, ein tragischer Unfall!

Isabelle kann sich jedoch nicht mit der Erklärung eines Unfalls anfreunden; es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten. Und schon ist sie wieder mitten in einem neuen Fall! Tatkräftige Unterstützung erhält sie von ihrem schrulligen Mitarbeiter Apollinaire, der immer noch die Angewohnheit hat, verschiedenfarbige Socken zu tragen. Auch der Bürgermeister Thierry Blès und Kunstfreund Rouven Mardrinac treten wieder in Erscheinung; Isabelle hat sich auf eine etwas komplizierte Dreiecksgeschichte eingelassen…

Es gibt einiges, was man dem Buch vorwerfen könnte: Es wird zu viel gelächelt, gelacht, geschmunzelt, die Atmosphäre ist zu sonnig, die Figuren sind zu eindimensional, die Geschichte hat zu wenig Tiefgang und Spannung.

Für mich stellt sich die Lage aber eher so dar: Es herrscht eine heitere Grundstimmung vor, eingebettet in die leuchtende Atmosphäre der Provence. Man wird nicht mit großen Gefühlen oder komplizierten Charakteren belastet, sondern mit einer gefälligen, unterhaltsamen Geschichte belohnt, die den Leser von vorne bis hinten bei der Stange hält. Und das ohne dass man beim abendlichen Lesen Angst haben muss, hinterher nicht einschlafen zu können.

Fazit: Sehr gut gemachter Krimi, der fünfte der Reihe um Isabelle Bonnet. Ich konnte keine Ermüdungs- oder Abnutzungserscheinungen feststellen, das heißt ich habe diesen Band genauso gerne gelesen wie die ersten vier Bände. Bestens geeignet, um sich an einem ungemütlichen Sonntag auf dem Sofa zu verkriechen und für ein paar Stunden nach Fragolin in die Sonne zu träumen.

Pierre Martin – Madame le Commissaire und die tote Nonne –Knaur

Mechtild Borrmann – Der Geiger

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Der Roman von Mechtild Borrmann handelt von einem Geiger namens Ilja Wassiljewitsch, der in den 1950er Jahren mit seiner Frau Galina und den beiden Kindern in Moskau lebt und arbeitet.

Es geht aber auch um einen jungen Mann namens Sascha Grenko, Iljas Enkel, der in der Jetztzeit in Köln lebt. Nach vielen Jahren erhält er unerwartet ein Lebenszeichen seiner Schwester Vika, die er seit dem Tod seiner Eltern nicht mehr gesehen hat. Leider stirbt die Schwester, bevor Sascha mit ihr reden kann.

Ihr Tod scheint mit der berühmten Geige zusammen zu hängen, mit der Ilja seinerzeit gespielt hat, bevor er in den Gulag musste und seine Frau Galina mit den Kindern verbannt wurde.

Es gibt drei verschiedene Handlungsstränge: Iljas Schicksal im Gulag, Galinas Leben in der Verbannung und Saschas Suche nach der Geige und dem Mörder seiner Schwester. Während die Schilderungen über das Leben in Russland sehr interessant waren und mich berührt haben, empfand ich Saschas Geschichte als eher oberflächlich.

Die verschiedenen Stränge werden schließlich zusammengeführt, aber die Auflösung überzeugt mich nicht. Erstens finde ich den Spannungsbogen etwas flach. Zweitens wird mir nicht richtig klar, wie alles zusammenpasst.

Den Hauptpersonen bin ich nicht richtig nah gekommen. Vielleicht liegt es (zumindest bei Sascha) an den Stereotypen, die zu seiner Beschreibung herangezogen werden. Vielleicht liegt es auch am häufigen Wechsel der Erzählperspektive. Andererseits macht gerade dieser Perspektivenwechsel die Lektüre spannend. Dazu ist die Sprache angenehm flüssig, ohne zu simpel zu sein.

Fazit: Die Geschichte ist nicht schlecht, aber auch nicht richtig überzeugend. Mechtild Borrmanns Schreibstil gefällt mir hingegen sehr gut. Vielleicht versuche ich es mal mit einem anderen Buch der Autorin.

Mechtild Borrmann – Der Geiger – Droemer Knaur

Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil

Quelle: pixabay.com

Ein etwas anderer Kommissar und ein vertrackter Fall

Kurz hintereinander werden in Paris zwei Leichen gefunden, die einer Lehrerin und eines reichen Schlossherrn. Im ersten Moment deutet alles auf Selbstmord hin. Da entdeckt Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg ein merkwürdiges Zeichen, das an beiden Tatorten hinterlassen wurde. Was hat es damit auf sich?

Adamsberg und seine Mitarbeiter finden heraus, dass beide Toten vor einigen Jahren zusammen in Island waren. Damals kamen zwei Mitglieder der Reisegruppe ums Leben. Wie hängen die beiden aktuellen Fälle mit der Reise und den damaligen Toten zusammen? War es möglicherweise doch Mord?

Die Lehrerin und der Schlossherr waren aber nicht nur zusammen in Island, sondern beide auch Mitglied in einem Geheimbund. Dieser Geheimbund spielt Sitzungen der Nationalversammlung zur Zeit der französischen Revolution originalgetreu nach. Als noch weitere  Mitglieder der geheimen Vereinigung sterben, wenden sich Adamsberg und die anderen Ermittler von der Island-Spur ab. Sie begeben sich in die Untiefen des Geheimbundes, kommen aber auch hier nicht weiter…. Bis es fast zu spät ist.

Das barmherzige Fallbeil ist für meinen Geschmack ein sehr spannender Kriminalroman, und Jean-Baptiste Adamsberg ein sehr ungewöhnlicher Kommissar. Er löst seine Fälle eher intuitiv. Bilder und Gedankenfetzen steigen in seinem Kopf auf, führen ein Eigenleben. Adamsberg versucht, diese Eingebungen festzuhalten und zu deuten. Er geht nicht analytisch vor wie sein Stellvertreter Danglard, was manchmal auch zu Konflikten führt.

In dieser Geschichte fügt sich das Puzzle nicht, wie in anderen Krimis, nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Was nicht bedeutet, dass man im Laufe der Ermittlungen nicht immer wieder etwas Neues erfährt. Adamsberg schaut sich all diese Puzzleteile immer wieder an, dreht und wendet sie. Bis er das ganze Puzzle am Ende in einem Rutsch zusammensetzt.

Damit überrascht er sowohl den Leser als auch seine Mitarbeiter, die schon lange das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. (Zumindest war ich überrascht über die Lösung; vielleicht geht es spitzfindigeren Lesern anders).

Adamsberg kommt sympathisch rüber, bleibt als Person aber auch ein Rätsel. Vargas stellt seine Gedanken und Gefühle nicht sehr ausführlich dar. Vermutlich, weil Adamsberg selbst keinen rechten Zugang zu ihnen hat. (Genau das ist ja der Grund für sein intuitives Vorgehen.) So gesehen stellt Vargas Adamsbergs Persönlichkeit konsistent dar. Auch die anderen Figuren sind gut gezeichnet.

In der Mitte hat das Buch einige Längen, da geht es um den Geheimbund und Robespierre. Hier hätte man von den 500 Seiten etwas abzwacken können. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt.

Fazit: Ein spannender Krimi mit einem etwas anderen Kommissar, mit einigen Längen in der Mitte. Wobei Menschen, die sich mehr für Robespierre interessieren, das vielleicht gar nicht so kritisch sehen.

Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil – aus dem Französischen von Waltraud Schwarze – Blanvalet

Martin Walker – Eskapaden

Eskapaden ist der achte Band der Krimi-Reihe um Bruno, „Chef de police“ im fiktiven Ort Saint-Denis im Périgord. Er beginnt sehr vielversprechend mit dem Satz: „Benoît Courrèges, Chef de police de Kleinstadt Saint-Denis und allen bekannt als Bruno, hatte sich so sehr auf diesen Tag gefreut, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, er könnte tragisch enden.“ (S. 7).

Was dann folgt, ist eine anstrengende Beschreibung der Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Marco Desaix („dem Patriarchen“).  Anstrengend deshalb, weil zahlreiche Personen vorgestellt und verschiedene historische Details ausgebreitet werden (der Jubilar ist ein gefeierter Kriegsheld). Weder konnte ich mir alle Namen merken, noch verstand ich die Art der Beziehung zwischen den Leuten. Vom historischen Hintergrund ganz zu schweigen.

Mein Problem ist unter anderem sprachlicher Natur, da Walkers Sätze mit (zu) vielen Informationen gespickt sind. Ein Beispiel: „Als Gorbatschow im Kreml saß, war Crimson als Mitarbeiter der britischen Botschaft in Moskau sehr daran interessiert gewesen, Gilberts Bekanntschaft zu machen, da dieser beste Kontakte zur sowjetischen Luftwaffe unterhalten hatte. Er hatte Crimson schließlich auch dem Patriarchen vorgestellt, und zwar während einer seiner berühmten Partys in seiner Wohnung am Arbat, einer der ältesten und vornehmsten Straßen im Zentrum Moskaus.“ (S. 83/84).

Natürlich kann es sein, dass andere Leser solche Sätze überhaupt nicht kompliziert finden – umso besser! Ich habe  große Schwierigkeiten damit, die wichtigen Informationen zu extrahieren und zu behalten. Umso mehr, als mir nicht klar ist, inwiefern das Gesagte für die Geschichte wichtig ist. Walker behält diesen Stil bei, nur ist er mir in den ersten zwei Kapiteln in besonderer Weise aufgefallen.

Die Feierlichkeit endet mit dem Tod von erwähntem Gilbert. Bruno glaubt nicht an eine natürliche Todesursache und beginnt zu ermitteln. An dieser Stelle versprach es, unterhaltsamer und einfacher zu werden, aber so richtig sprang der Funke nicht über. Warum?

Da sind zum einen die Beschreibungen der verschiedenen Figuren. Walker schafft es meines Erachtens nicht, die Personen durch ihr Auftreten, ihre Sprache oder ihr Verhalten voneinander abzugrenzen. Die Figuren bleiben blass. Wenig überzeugend finde ich auch die Darstellung ihrer emotionalen Reaktionen. Dazu kommt, dass die Handlung eher vor sich hin „wabert“, als stringent voranzuschreiten. Bruno wird von diversen Essenseinladungen und anderen Pflichten einfach zu sehr in Anspruch genommen. Und der Leser wird, um im Bild zu bleiben, über all diese Nebenkriegsschauplätzen genauestens informiert. Weiterhin gibt es Szenen, die inhaltlich spannend sein sollten (zum Beispiel ein Überfall auf Bruno), aber nicht sonderlich spannend dargestellt werden.  Schließlich ist die Auflösung meines Erachtens hanebüchen.

Alles in allem finde ich die Geschichte also handwerklich nicht sehr gut gemacht. Welchen Anteil die Übersetzung an diesem Umstand hat, kann ich nicht beurteilen. Auch kann ich nichts dazu sagen, wie die ersten sieben Bände sind, da ich sie nicht gelesen habe.

Fazit:

Etwas zähe Lektüre mit blassen Figuren und zu viel Drumherum.

Martin Walker – Eskapaden – Diogenes – aus dem Englischen von Michael Windgassen

Donna Leon – Stille Wasser

Commissario Brunetti leidet an einem Erschöpfungssyndrom. Er bemerkt es eher zufällig, nachdem er einen jungen Kollegen durch einen kleinen Schauspieleinsatz vor einer Dummheit bewahrt hat. Der Commissario verabschiedet sich daraufhin für ein paar Wochen aus dem Dienst und zieht sich in die Villa eines Freundes der Faliers, d.h. der Familie seiner Ehefrau Paola, zurück. Dort lernt er den Verwalter Casati kennen und verbringt mit ihm viele Stunden im Ruderboot und bei Casatis Bienenstöcken. Dabei erholt Brunetti sich prächtig und kommt wieder zu Kräften.

So viel zur ersten Hälfte des Buches.

Die zweite Hälfte dreht sich – es ist nun mal ein Krimi – um die Aufklärung eines Todesfalls. Ich schreibe bewusst Todesfall, weil  von vornherein klar erscheint, dass es kein Mord war, sondern ein Unfall; eventuell Selbstmord. Die anschließenden Ermittlungen sind dann auch eher Brunettis persönlichem Interesse an dem Fall zu verdanken. Er führt einige Gespräche mit Verwandten und Freunden des Opfers; dazu kommt ein wenig Recherche in älteren Zeitungsartikeln (Signorina Elettra, der Sekretärin von Vice Questore Patta, sei Dank). Alle Spuren verweisen  auf einen Unfall in der Firma, in der das Opfer einst gearbeitet hat. Schnell wird auch klar, dass der Fall irgendwie mit Umweltverschmutzung zu tun haben muss.

Das hört sich nicht sonderlich spannend an, und tatsächlich ist die Geschichte sehr ruhig erzählt und es passiert nicht viel, was zwar nicht ganz untypisch für Donna Leon ist, hier aber auf die Spitze getrieben wird. Dessen ungeachtet habe ich den Krimi in einem Rutsch durchgelesen.  Denn trotz allem gelingt es Leon, mein Interesse für die Geschichte von vorne bis hinten zu erhalten.

Eine Sache ist mir unangenehm aufgefallen. Die Ermittlungen führen Brunetti in ein Pflegeheim, wo er sich mit zwei Bekannten des Opfers unterhält, die durch den o.g. Unfall versehrt bzw. körperlich behindert sind. In diesem Zusammenhang heißt es u.a.:

  • „Ist es nicht merkwürdig, mit welcher Selbstverständlichkeit wir davon ausgehen, dass Behinderte immer die Wahrheit sagen? Als ob ihr Leid sie ehrlich gemacht habe.“ (S. 274)
  • „Auf einmal musste Brunetti an seine Mutter denken und die Grundsätze, die sie ihm als Kind beigebracht hatte. Nicht lügen, bitte und danke sagen, zu alten Leuten höflich sein und ihnen helfen, wenn man kann, sich nicht mit Behinderten anlegen, immer alles aufessen und nicht gierig sein, niemals Geld leihen, seine Versprechen halten.“ (S. 309)
  • „Einen Versehrten in die Enge zu treiben hieß jedweden Stolz verletzen, der ihm noch geblieben war.“ (S. 319)

Brunetti schreibt Behinderten offenbar bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zu und glaubt, dass man sie anders behandeln sollte als Nicht-Behinderte. Das leuchtet mir nicht ein. Wieso sollte ich glauben, dass Behinderte ehrlicher sind als Nicht-Behinderte? Wieso sollte Leid ehrlich machen? Und wer sagt überhaupt, dass Behinderte generell leiden? Das ist mir alles zu pauschal. Des Weiteren: Jemanden in die Enge zu treiben finde ich doof, egal, ob derjenige behindert ist oder nicht, genauso wie ich auch einem körperlich Behinderten  ggfs. meine anders geartete Meinung sagen, mich also „mit ihm anlegen“ muss. Alles andere hieße doch, meinem Gegenüber nicht sonderlich viel Respekt entgegen zu bringen.

Paola, die Kinder und Patta nehmen keinen sonderlich großen Raum in diesem Band ein; Signorina Elettra kommt aber, wie oben schon angedeutet, zum Einsatz und besorgt mühelos alle notwendigen Informationen.

Fazit:

Verlässliche und vertraute Krimi-Unterhaltung, insgesamt aber etwas zu handlungsarm und mit einem Wermutstropfen.

Donna Leon – Stille Wasser – Diogenes – aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Pierre Martin – Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild

Die „Madame le Commissaire“- Krimireihe von Pierre Martin (Pseudonym) spielt in der Provence und umfasst bislang vier Bände: Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer, …und die späte Rache, …und der Tod des Polizeichefs sowie Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild. Pierre Martin ist, soviel erfährt man, „ein Autor, der sich mit Romanen, die in Frankreich und Italien spielen, einen Namen gemacht hat“.

Die Titelfigur Isabell Bonnet war einst Leiterin einer geheimen Spezialeinheit der Police nationale in Paris. Seit einem Attentat, bei dem sie fast gestorben wäre, lebt sie wieder in ihrem Geburtsort Fragolin, einem (fiktiven) Dorf im Department Var. Dort leitet sie ein Kommissariat für besondere Aufgaben, d.h. sie kümmert sich um die Aufklärung alter, ungelöster Fälle. Ihr einziger Mitarbeiter ist der kauzige Sous-Brigadier Jacobert Apollinaire Eustache.

Aus ihrer Zeit in Paris hat sie noch gute Kontakte zu ihrem väterlichen Freund und obersten Dienstherren Maurice Balancourt, der sie mit Fällen versorgt und bei Bedarf  mit weitreichen Befugnissen ausstattet. Privat steht Isabell zwischen zwei Männern, Thierry  Blès, dem Bürgermeister von Fragolin, und Rouven Mardrigal, einem Kunst sammelnden Privatier, der in Band 1 von Isabell im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms beschützt wird.

Man könnte Isabell Bonnet auch „Wonderwoman“ nennen. Sie kann alles, einen Helikopter fliegen, einen Gangster mit ein paar Handgriffen unschädlich machen, über Dächer klettern, sich mühelos in der High Society bewegen etc. Sie hängt ihren Misserfolgen nicht lange nach und steckt auch ihre posttraumatische Belastungsstörung ohne zu jammern weg.

In den Romanen werden immer zwei Fälle gleichzeitig untersucht, die aber nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben. In Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild geht es einerseits um einen toten Staatssekretär, andererseits um ein gefälschtes Kunstwerk:

Isabell und Apollinaire wollen ihr ungewöhnliches Kommissariat gerade für eine längere Sommerpause schließen, da meldet sich Balancourt. Er bittet Isabell, die Umstände des Todes von Staatssekretär Roux aufzuklären, der Mitglied eines Untersuchungsausschusses zu illegalen Waffengeschäften war. Isabell ermittelt undercover in dem Hotel, in dem sich Roux zuletzt aufgehalten hat und kann Balancourt schon bald den Namen eines Bösewichts nennen, der dem Politiker aller Wahrscheinlichkeit nach den tödlichen Medikamenten-Cocktail verabreicht hat.

Derweil wird in Fragolin ein kleines Matisse-Museum eröffnet, für das sich Thierry  Blès stark gemacht hat und in dem kleinere, unbekannte Arbeiten des Künstlers ausgestellt werden. Thierry kommt zu Ohren, dass ein neues Bild von Matisse aufgetaucht ist, das gut in die Sammlung passen würde. Er bittet Rouven Mardrinac, es zu kaufen und dem Museum als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Als Isabell mit Rouven das Bild begutachtet, stellt sich heraus, dass es sich um eine Fälschung handelt. Eine genauere Untersuchung des Bildes bringt einen mysteriösen Hilferuf zutage.

Alles in allem finde ich, Klischees werden in der Reihe ein bisschen überstrapaziert. Es wird zudem auffällig viel gelächelt, geschmunzelt, gelacht. Einige Wiederholungen führten bei mir schließlich zu leichtem Überdruss: Balancourt ist immer Isabells Trumpfkarte, die Telefonate mit ihm laufen immer ähnlich ab, ebenso wie die Treffen Isabells mit ihrer Freundin Clodine [sic]. Apollinaire ist im Allgemein verschroben, zeigt aber im entscheidenden Moment überraschende Fähigkeiten etc.

Ungeachtet dessen machen die Bücher Lust, in die Provence zu reisen, die Sonne auf der Haut zu spüren, den Lavendel zu riechen, marinierte Lammkottelets zu essen und dabei ein Glas frischen Roséwein zu schlürfen. Madame le Commissaire hat mich auf unbeschwerte Weise unterhalten. Das Personal ist übersichtlich und der Handlung ist leicht zu folgen.

Fazit: Leichte, aber nicht zu seichte Unterhaltung mit Gute-Laune-Effekt und kleinen Macken.

Pierre Martin – Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild – Knaur

Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Der Tod so kalt ist ein Thriller über ein nie aufgeklärtes Verbrechen, besser gesagt ein Massaker, das sich 1985 in einer sagenumwobenen Schlucht in den Dolomiten ereignet hat. Eine Hypothese ist, dass die drei Toten einem prähistorischen Monster zum Opfer gefallen sind, einem Tier, das im Perm gelebt hat und in den Höhlen der Gegend bis in die heutige Zeit überlebt hat.

Hauptperson ist der US-Amerikaner Jeremiah Salinger, ein Drehbuchautor, der mit Frau und Kind aus den USA in das Heimatdorf seiner Frau in Norditalien zieht. Er verbeißt sich in die Idee, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Bei seinen Recherchen zu dem Massaker trifft Salinger auf viel Widerstand seitens der Dorfbewohner.

Die Idee finde ich gut, aber ich denke, es ist kein Thriller, sondern ein Krimi. Diese Einschätzung leite ich zum einen aus der Tatsache ab, dass die Hauptperson Salinger eigentlich nie ernsthaft in Gefahr gerät (beziehungsweise erst ganz am Ende, und auch da hatte ich nicht wirklich Angst um ihn). Zum anderen ist das Tempo der Erzählung vor allem in der ersten Hälfte langsam, teilweise sogar etwas zäh. D‘Andrea versucht, mit kurzen Vorschauen Spannung zu erzeugen (z.B. S. 118), aber so richtig hat es mich nicht gepackt. Warum ist das so?

D’Andrea berichtet bisweilen eher kursorisch über Dinge, die er erlebt hat, statt sie wirklich plastisch darzustellen (z.B. S. 45ff, S. 115ff). Dazu kommt, dass er Anekdoten aus seinem Familienleben einstreut, die nicht direkt mit der Handlung zu tun haben (z.B. S. 47ff, S. 110ff). Ich vermute, D’Andrea will uns damit die Hauptpersonen näher bringen, die Identifikation mit den Figuren erleichtern. Aber dazu hätte er lieber weniger berichtet und stattdessen aussagekräftigere Situationen geschildert.

Es hat mich aber auch deshalb nicht so richtig mitgerissen, weil die Aufklärung im Wesentlichen darin besteht, dass Salinger nacheinander verschiedene Dorfbewohner befragt, und D’Andrea dies in etwas anstrengende Dialoge packt: Salinger stellt eine Frage, die Person liefert Info 1. Salinger hakt bei irgendeinem Detail nach, die Person liefert Info 2. Salinger hakt nach, Info 3 usw. (z.B. S. 87ff). Auf diese Weise durchstrukturiert wirken die Dialoge sehr künstlich, da ja im wahren Leben Information auch aus freien Stücken und beiläufig gegeben und normalerweise auch nicht so gezielt kommuniziert wird.

Schließlich gelingt es D’Andrea nach meinem Empfinden nicht so gut, die Gefühle seiner Hauptpersonen zu vermitteln: Salingers Reaktion nach einem Unfall der Tochter, seine Besessenheit, das Massaker aufzuklären, das Gefühl, seine Frau zu hintergehen, die nicht möchte, dass er ermittelt… Ich habe lange überlegt, wie dieser Eindruck entsteht und ich glaube, es liegt unter anderem daran, dass D‘Andrea es übertreibt mit den Gefühlen. Es wird so dick aufgetragen, dass es für mich nicht mehr nachvollziehbar ist. Das schafft dann eher Distanz, als dass ich mitfühle.

Fazit:

Zu langer, anfangs etwas zäher Krimi mit interessantem Plot, der gegen Mitte Fahrt aufnimmt und sprachlich etwas ansprechender hätte sein können.

Der Tod so kalt – Luca D’Andrea – Deutsche Verlags-Anstalt