Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf

Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten

Stilkritik

Der Patriotismus beschreibt laut Wikipedia die „emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation“. Wie der Untertitel schon sagt, plädiert Frau Dorn für eine aufgeklärte Form desselben und erläutert dies in 8 Kapiteln. Darin geht es zum Beispiel um die Frage, was eigentlich die deutsche Identität und Kultur ausmacht. Wenn ich die Autorin richtig verstehe, findet sie, dass es so etwas wie eine deutsche Identität und Kultur tatsächlich gibt. Und dass man auch ruhig dahinterstehen darf, ohne jedoch überheblich zu werden.

Sie findet zudem, dass die Nation als Identitätsobjekt für die Menschen immer noch erforderlich ist. Anders gesagt, Menschen beziehen sich bei der Frage, was ihre Identität ausmacht, auch auf ihr Deutsch-Sein. Europa ist als Identitätsobjekt noch nicht soweit und beim „Weltbürger“ sind wir erst recht noch nicht angekommen.

Frau Dorn glaubt, dass die Deutschen mit ihren Musikern, Dichtern und Denkern ein wichtiges Erbe haben und man diese Werte als Identitätsobjekt für die Deutschen bewahren und sogar hervorheben sollte. Deutschland sollte sich also als Kulturnation sehen und die Bildungsbürger und Intellektuellen sollten ihren Teil dazu beitragen, dass das gelingt. Auf diese Weise kann man links- und rechtsradikalen Tendenzen die Stirn bieten. Die (klassische, bildungsbürgerlich definierte) Kultur ist es, die uns zusammenhält.

So verstehe ich Frau Dorn, aber ich bin mir nicht sicher. Und ich bin mir auch nicht sicher, wie sie das alles genau begründet. Das Buch ließ mich mit einem diffusen Gefühl der Unsicherheit zurück. Wie bei einem Bild, von dem ich sagen soll, ob es mir gefällt, das aber halb verdeckt ist. Ich kann das Bild ungefähr erkennen, aber nicht so richtig.

Ich habe zu einzelnen Punkten, die sie anspricht, durchaus eine Meinung. Ich denke z.B. nicht, dass die klassische Bildung uns wirklich bei dem Problem der Identitätsbildung weiterhilft. Ich vermute, es gibt relativ wenig Leute, denen man bei der Frage der Identitätsfindung mit Goethe, Mann und Beethoven weiterhelfen kann. Da schließt Frau Dorns meines Erachtens zu sehr von ihrer eigenen Lebenssituation auf die der anderen Menschen.

Ich traue mich aber schlicht nicht, das Gesamtkonzept zu bewerten, weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann. Der Grund für meine Unsicherheit und mein mangelndes Verständnis liegt, so vermute ich, zum einen in meinem mangelnden Vorwissen. Viele Dinge werden als bekannt vorausgesetzt; eine Erwartung, die ich nicht erfülle. Ein weiterer Grund ist wohl Frau Dorns Schreibstil. Das versuche ich im Folgenden zu erklären.

Thea Dorn befasst sich an mindestens zwei Stellen (siehe die nächsten Abschnitte) nicht ausreichend mit den Hintergründen von Begriffen und zieht Analogien, ohne sie nachvollziehbar zu begründen. An diesen Stellen, die ich meine, geht es um die psychologischen Begriffe der Resilienz und des Über-Ichs, die ich als Psychologin einordnen kann. Ich frage mich: Was ist mit dem Rest des Buches, wo es um historische, philosophische, sozialwissenschaftliche, politische Themen geht, mit denen ich mich nicht so gut auskenne?

Resilienz

Resilienz ist die psychologische Widerstandskraft. Der Begriff ist erwachsen aus der Beobachtung, dass manche Kinder, die in widrigen Umständen aufwachsen, trotzdem einen guten Lebensweg haben, also den Umständen trotzen. Es gibt die sogenannte Resilienzforschung, die sich damit befasst, wie Resilienz entsteht. Frau Dorn schreibt dazu: „Wenn ich es richtig überblicke, vermag bis zum heutigen Tage niemand abschließend zu erklären, warum es manchen Menschen besser gelingt als anderen, Beleidigungen und seelische Verletzungen wegzustecken. […] Aus der immunologischen Forschung wissen wir, dass es für die Ausbildung eines robusten Immunsystems unerlässlich ist, dass ein heranwachsender Mensch zahlreichen „Erregern“ ausgesetzt ist, zahlreiche Krankheiten durchläuft. Nur so kann sich sein Immunsystem überhaupt entwickeln. Ich halte es für zulässig, dies in analoger Weise von psychischen Immunsystem zu sagen.“

Hier kritisiere ich erstens, dass im Text nicht zum Ausdruck kommt, dass es durchaus einige recht gut untersuchte Hypothesen darüber gibt, wie Resilienz entsteht. Zweitens kritisiere ich, dass Frau Dorn, ohne sich mit dem Begriff wirklich auseinandergesetzt zu haben, eine Analogie zu einem anderen System zieht und es auch noch so darstellt, als wäre dies „zulässig“. Sie kann diese Analogie ja gerne ziehen, aber dann soll sie es als Vermutung in den Raum stellen. Bei mir entsteht der Eindruck, dass sie die Resilienz einfach nur insofern heranzieht, als sie ihre These zu stützen vermag, dass Menschen eben auch mal was aushalten müssen, um später im Leben klarzukommen. Und das ist sicher nicht die Kern-Aussage der Resilienzforschung. Wichtige Einflussfaktoren für die Entwicklung der Resilienz sind z.B. Intelligenz, Temperament und Persönlichkeit, die Warmherzigkeit der Beziehung zu den Eltern und die soziale Unterstützung außerhalb des engeren Familienkreises.

Über-Ich

Frau Dorn bezieht sich an einer Stelle auf Freud und zieht den Schluss vom „Über-Ich“ auf das „Über-Wir“, ohne dies zu begründen: „Alles, was Freud über die individuelle Psyche sagt, lässt sich auf die Psyche einer Gesellschaft übertragen: Ohne Über-Wir besitzt sie weder ein Gewissen, noch kann sie nach höherem Streben.“ Zunächst ist es so, dass Freuds Auffassung von der menschlichen Psyche nur eine unter zahlreichen ist und Freud und seine Theorien zumindest in meinem Studium allenfalls eine Randerscheinung waren. Zudem bleibt Frau Dorn die Begründung schuldig, warum die Übertragung auf die Gesellschaft möglich ist. Wieso sollte ich das als Leser einfach so schlucken?

So viel zur Resilienz und dem Über-Ich. Kommen wir zu einem weiteren Thema, den wörtlichen Zitaten. Thea Dorn ist sehr belesen und das wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Sie zitiert in großer Zahl diverse Politiker, Philosophen, Soziologen, Schriftsteller, Journalisten und so weiter. Und diese Zitate sind auch häufig wörtlich wiedergegeben. Frau Dorn hätte meines Erachtens gut darin getan, etwas sparsamer mit wörtlichen Zitaten umzugehen und Zusammenhänge in ihren eigenen Worten darzustellen. Ich finde, es ist dem Verständnis abträglich, wenn ich mich als Leserin ständig auf die unterschiedlichen Schreibstile von Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten einstellen muss und wenn Frau Dorn andere Leute in ihren fremden Worten sagen lässt, was sie selber denkt.

Damit zusammen hängt auch der nächste Punkt: Dorns Argumentationstaktik besteht meines Erachtens darin, zu sagen, inwiefern sie mit den zitierten Personen und ihren Aussagen übereinstimmt oder auch nicht. Sie definiert ihre Meinung also über deren Überschneidung mit der Meinung anderer. Ich finde es aber schwer, Frau Dorns Argumentation aus diesen Überschneidungen abzuleiten. Es hilft mir nicht so sehr zu wissen, inwiefern Frau Dorns Meinung z.B. mit der von Kurt Tucholsky übereinstimmt (oder eben nicht), sondern es würde mir helfen zu hören, was sie denkt und warum.

Dorn hat zudem einen etwas weitschweifigen Schreibstil. Sie liefert Details über die zitierten Leute, die interessant, aber für die Argumentation unerheblich sind. In dem Bemühen, diese Details zu erfassen und mir zu überlegen, ob sie etwas mit dem Thema des Buches zu tun haben oder nicht, habe ich oftmals den Faden verloren.

Dorns Formulierungen sind komplexer und „metaphoriger“ als in einem Sachbuch nach meinem Empfinden günstig. Ein Sachbuch ist für mich nicht der Ort, an dem ein Autor mit einer besonders einfallsreichen Sprache glänzen sollte, da diese vom Inhalt ablenkt. Die Form sollte für mich, wie beim Bauhaus, der Funktion folgen. Ein paar Beispiele:

„Deshalb habe ich im letzten Kapitel dafür plädiert, dass Europa seine Funktion als Hüter des Humanen beherzter wahrnehmen soll, indem es sich bemüht, die feurigen Rösser des technologischen Fortschritts zu zügeln. Wenn wir die Gäule von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Vollautomatisierung mit uns durchgehen lassen, wird dies den Menschen, so wie wir ihn bislang kannten, als kreatürliches und vernünftiges Doppelwesen, schleifen.“

„Wir dürfen gern gegen die McDonaldisierung unserer Welt polemisieren und ankämpfen. Aber wir sollten uns hüten, die Vertreter von Menschenrechten als Agenten eines gefräßigen Imperiums zu diffamieren, das die Welt mit Human-Rights-Burgern übersättigen will.“

„Dass (West-)Deutschland in den Sechzigerjahren endlich begann, sich seiner verbrecherischen Vergangenheit ernsthaft zu stellen, verdankte sich weniger revolutionären Hitzköpfen, die der „BRD“ den Krieg erklärten, als vielmehr dem konsequenten Mut des jüdisch-schwäbischen Juristen Fritz Bauer, der in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt in Hessen – gegen alle juristischen, politischen und gesellschaftlichen Wiederstände – dafür gesorgt hatte, dass ab 1963 in Frankfurt am Main zahlreiche SS-Leute, die im Vernichtungslager Auschwitz „Dienst“ getan hatten, sich vor Gericht verantworten mussten.“

Insgesamt ist Frau Dorns Schreibstil meiner Meinung nach zu indirekt. Ich bin als Leserin zu oft gefordert, das, was sie sagen will, aus etwas anderem zu erschließen. Ich muss also nach jedem Abschnitt innehalten und umformulieren, quasi einen Übersetzungsprozess leisten. In dem Versuch, das zu tun, vergesse ich, was ich vorher gelesen habe. Als Psychologin würde ich sagen: Mein Arbeitsgedächtnis wird von diesem Text schlicht überlastet.

Vielleicht würde Frau Dorn hier argumentieren, dass ich einfach bereit sind muss, mich der Komplexität der Realität zu stellen und mich richtig in den Text einzuarbeiten. Ich entspreche nämlich mit meiner Kritik so ziemlich genau dem negativen Bild, das Dorn von dem durchschnittlichen Leser zeichnet: Den Unwillen, sich mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen, nur noch die Länge von Twitter-Nachrichten zu tolerieren und darüber hinaus sowieso sehr schnell das Handtuch zu werfen, wenn es ums Verstehen geht.

Was ich mich aber frage ist, ob die sprachliche Komplexität nicht eine inhaltliche Komplexität suggeriert, die nicht gegeben ist. Jeden einzelnen Satz kann ich theoretisch für mich in eine einfache Sprache übersetzen und verstehen, aber das große Ganze, die Zusammenhänge, der Rahmen, das alles fehlt mir.

Fazit: Frau Dorn ist vermutlich blitzgescheit und mit Sicherheit sehr belesen. Es gelingt ihr aber meines Erachtens nur begrenzt, dieses Wissen und diese Brillanz so einzusetzen, dass ein gutes Buch entsteht. In diesem Fall meine ich „gut“ im Sinne von verständlich, nachvollziehbar und auf den Punkt.

Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf – Albrecht Knaus Verlag

Marc Raabe – Schlüssel 17

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Unterhaltsame Action

Eine tote Frau hängt engelsgleich unter der Kuppel des Berliner Doms. Sie trägt einen Schlüssel um ihren Hals, in den eine 17 eingraviert ist. Weitere Personen im Umfeld des Opfers bekommen einen identischen Schlüssel zugeschickt und müssen um ihr Leben bangen.

Tom Babylon, der verantwortliche Ermittler, will das Schlimmste verhindern. Doch er ist befangen: Als seine kleine Schwester vor Jahren verschwand, hatte sie genau einen solchen Schlüssel dabei! Zwar wurde später angeblich ihre Leiche gefunden, doch tief in seinem Innern hängt Tom der Hoffnung nach, dass es sich um eine Verwechslung handelt und sie noch lebt. Werden ihn die Ermittlungen auch zu seiner Schwester führen?

Tom Babylon ist ein kaputter Typ und Held gleichzeitig: traumatisiert, tablettenabhängig, bindungsunfähig und ein Workaholic auf der einen Seite. Auf der anderen Seite „zieht er sein Ding durch“, ist dabei eigentlich immer erfolgreich und insgesamt unkaputtbar sowie frei von menschlichen Bedürfnissen wie Hunger und Schlaf. Eher gezwungenermaßen arbeitet er mit der Psychologin Sita Johanns zusammen, die Tom Babylon nicht unähnlich ist. Zu Superman gesellt sich Wonderwoman.

Die Hauptfiguren sind also etwas holzschnittartig, und mit den anderen Figuren ist es eigentlich nicht viel anders. Dazu kommt auf der sprachlichen Ebene ein Hauch Drama. Zum Beispiel heißt es an einer Stelle ziemlich am Anfang: „Er steigt aus und legt sein Holster an. Das Adrenalin baut sich langsam auf – die Anspannung vor dem Betreten des Tatortes. Sämtliche Poren öffnen, um alles zu spüren, und dennoch kühl auf Distanz bleiben. Ein höllischer Widerspruch für jeden Ermittler. Entscheidet man sich fürs Offensein, läuft man früher oder später umher wie eine klaffende Wunde. Wählt man Distanz, fehlt sie Einfühlung in Oper und Täter. Man klärt nichts mehr auf, verkümmert und wird kalt.“

Beides, die etwas stereotypen Figuren und die Sprache, finde ich angesichts des Thriller-Genres in Ordnung. Wer literarisch Hochtrabendes sucht, wird enttäuscht. Hier geht es eher darum, ein Gefühl von Action und Spannung zu erzeugen, und das gelingt meines Erachtens gut. Ein Problem liegt allerdings in der Bindung an die Hauptfiguren, wie ich im letzten Abschnitt noch ausführen werde.

Es ist viel los in Raabes Thriller: Es gibt erstens verschiedene Handlungsstränge, die in der Jetzt-Zeit und in der Vergangenheit spielen. Meistens wird aus der Sicht Toms erzählt. Einmal als der Polizist, der er heute ist, und einmal als Jugendlicher, der er war, als seine Schwester verschwand. Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, der aus der Sicht der jungen Franziska erzählt wird, die in einer psychiatrischen Abteilung arbeitet.

Es werden zweitens viele Themen angesprochen: Die Stasi und Regimekritik in der DDR, Psychiatrie und Kindesmissbrauch, private Probleme der Polizisten sowie Stress zwischen den Hierarchieebenen der Polizei (der unbequeme Mitarbeiter, der sich nicht an die Dienstanweisungen hält vs. der unfreundliche Chef, der selbst Dreck am Stecken hat).

Das Ganze ist gut gemachte Unterhaltung. Hier gibt es ein Quäntchen Information, da noch eins, dort eine überraschende Wendung. Bis am Ende die meisten offenen Fragen beantwortet werden. Aber eben nicht alle. Vielleicht habe ich etwas überlesen? Aber vielleicht werden diese Fragen auch in den Nachfolgebänden geklärt; Schlüssel 17 ist der erste Band einer Reihe um Tom Baylon. So oder so, es hat mich nicht gestört, dass die Fragen offenblieben.

Und genau das ist auch die Crux des Buches: Möchte ich weitere Bände der Reihe lesen, um eventuell Antworten zu bekommen? Sicher bin ich mir nicht. Das liegt vielleicht daran, dass mir die Figuren fern geblieben sind und kein rechtes Interesse bei mir geweckt haben. Mal schauen. Ich habe das Buch gerne gelesen und würde es weiterempfehlen. Zum Fan von Tom Babylon bin ich dabei aber nicht geworden. Unter dem Aspekt, dass es eine Reihe werden soll, ist das natürlich eher ein Manko.

Fazit: Spannende, gute Unterhaltung. Richtig übergesprungen ist der Funke aber nicht.

Marc Raabe – Schlüssel 17 – Ullstein

Isabel Bogdan – Der Pfau

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Teambuildingmaßnahme mit Pfau

Der Pfau spielt in den Highlands auf dem Anwesen von Lord und Lady McIntosh. Sie vermieten Teile ihres Herrenhauses mit Wirtschaftsgebäude, Scheune etc. als Feriencottages. Notgedrungen, denn das alte Gebäude verschlingt viel Geld, das die McIntoshs mit ihren eigentlichen Berufen nicht verdienen. Sie ist Ingenieurin, er Uni-Dozent.

Die Geschichte dreht sich um die Teambuildingmaßnahme einer Gruppe von Londoner Bankern, die für ein verlängertes Wochenende im November in die Highlands kommen. Sie werden von den McIntoshs im Westflügel des alten Herrenhauses einquartiert. Und „alt“ heißt in diesem Fall wirklich „alt“. Heißes Wasser ist Mangelware, die Heizung hat den Namen nicht verdient und die Stromleitungen dürfen nicht überlastet werden, sonst gibt es keinen Strom mehr.

Die Gruppe besteht aus Liz, der Leiterin der Investmentabteilung, ihrem Team aus vier Mitarbeitern plus der patenten Köchin Helen und der Psychologin Rachel. Sie leitet die Teambuildingmaßnahme. Keiner hat wirklich Lust auf die Aktion, und auch die Gastgeber sind mäßig begeistert von ihren Gästen. Vor allem Liz scheint etwas schwierig zu sein. Aber auf das Geld können die McIntoshs nicht verzichten.

Der Pfau ist eine Geschichte, die komplett ohne wörtliche Rede und mit einer lakonischen Ausdrucksweise daherkommt. Sie ist erfrischend und kurzweilig. Der Clou der Geschichte ist meines Erachtens, dass zwar niemand direkt zu Wort kommt, der Leser dafür aber in alle Köpfe hineingucken kann (selbst in den Kopf von Liz‘ Hund Mervyn). Es mangelt nicht an Animositäten zwischen den Beteiligten und die Stimmung ist nicht gerade harmonisch. Bogdan beschreibt die jeweiligen Gedanken und Gefühle sehr treffend und mit einer guten Portion Humor.

Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Ansichten, Wünsche, Bedürfnisse, aber auch Wissensstände ist unterhaltsam und interessant. Interessant ist auch, wie sich die Stimmung und die Ansichten der Beteiligten im Laufe der Zeit durch die zu bewältigenden Herausforderungen (und davon gibt es an diesem Wochenende nicht wenige) wandeln.

Natürlich gibt es in dieser Geschichte auch einen Pfau. Es gibt sogar mehrere, aber das namensgebende Tier ist ein wenig verrückt geworden und hat es auf blaue Dinge abgesehen. So z.B. auf das blaue Auto von Liz. Sie weiß nichts von der Störung des Pfaus und kann sich den Schaden an ihrem Auto gar nicht erklären. Die Spannung in der Geschichte ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass dieser Pfau irgendwann tot aufgefunden wird, und Liz denkt, ihr Hund Mervyn hätte ihn gerissen…

Abschließend noch ein kleiner Haken. Ich habe das Buch zwei Mal gelesen. Beim ersten Mal blitzte das Gefühl, dass die Geschichte ein wenig belanglos ist, nur kurz auf. Beim zweiten Mal habe ich es sehr deutlich gespürt.

Fazit: Eine gut geschriebene, treffende, humorvolle, aber für meinen Geschmack auch wenig nachhaltige Geschichte über Gruppendynamik und Persönlichkeitsentwicklung.

Isabel Bogdan – Der Pfau – Kiepenheuer und Witsch

Pierre Martin – Madame le Commissaire und die tote Nonne

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Ein neuer Fall für Isabelle Bonnet

Eigentlich will Madame le Commissaire einfach nur einen schönen Nachmittag verbringen. Sie befindet sich mit ihrer Freundin Jacqueline in der Domaine du Rayol, einem botanischen Garten in Canadel-sur-Mer. Doch eine tote Nonne macht den beiden Frauen einen Strich durch die Rechnung. Sie ist offenbar beim Kräutersammeln die Klippe hinuntergestürzt, ein tragischer Unfall!

Isabelle kann sich jedoch nicht mit der Erklärung eines Unfalls anfreunden; es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten. Und schon ist sie wieder mitten in einem neuen Fall! Tatkräftige Unterstützung erhält sie von ihrem schrulligen Mitarbeiter Apollinaire, der immer noch die Angewohnheit hat, verschiedenfarbige Socken zu tragen. Auch der Bürgermeister Thierry Blès und Kunstfreund Rouven Mardrinac treten wieder in Erscheinung; Isabelle hat sich auf eine etwas komplizierte Dreiecksgeschichte eingelassen…

Es gibt einiges, was man dem Buch vorwerfen könnte: Es wird zu viel gelächelt, gelacht, geschmunzelt, die Atmosphäre ist zu sonnig, die Figuren sind zu eindimensional, die Geschichte hat zu wenig Tiefgang und Spannung.

Für mich stellt sich die Lage aber eher so dar: Es herrscht eine heitere Grundstimmung vor, eingebettet in die leuchtende Atmosphäre der Provence. Man wird nicht mit großen Gefühlen oder komplizierten Charakteren belastet, sondern mit einer gefälligen, unterhaltsamen Geschichte belohnt, die den Leser von vorne bis hinten bei der Stange hält. Und das ohne dass man beim abendlichen Lesen Angst haben muss, hinterher nicht einschlafen zu können.

Fazit: Sehr gut gemachter Krimi, der fünfte der Reihe um Isabelle Bonnet. Ich konnte keine Ermüdungs- oder Abnutzungserscheinungen feststellen, das heißt ich habe diesen Band genauso gerne gelesen wie die ersten vier Bände. Bestens geeignet, um sich an einem ungemütlichen Sonntag auf dem Sofa zu verkriechen und für ein paar Stunden nach Fragolin in die Sonne zu träumen.

Pierre Martin – Madame le Commissaire und die tote Nonne –Knaur

Mechtild Borrmann – Der Geiger

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Der Roman von Mechtild Borrmann handelt von einem Geiger namens Ilja Wassiljewitsch, der in den 1950er Jahren mit seiner Frau Galina und den beiden Kindern in Moskau lebt und arbeitet.

Es geht aber auch um einen jungen Mann namens Sascha Grenko, Iljas Enkel, der in der Jetztzeit in Köln lebt. Nach vielen Jahren erhält er unerwartet ein Lebenszeichen seiner Schwester Vika, die er seit dem Tod seiner Eltern nicht mehr gesehen hat. Leider stirbt die Schwester, bevor Sascha mit ihr reden kann.

Ihr Tod scheint mit der berühmten Geige zusammen zu hängen, mit der Ilja seinerzeit gespielt hat, bevor er in den Gulag musste und seine Frau Galina mit den Kindern verbannt wurde.

Es gibt drei verschiedene Handlungsstränge: Iljas Schicksal im Gulag, Galinas Leben in der Verbannung und Saschas Suche nach der Geige und dem Mörder seiner Schwester. Während die Schilderungen über das Leben in Russland sehr interessant waren und mich berührt haben, empfand ich Saschas Geschichte als eher oberflächlich.

Die verschiedenen Stränge werden schließlich zusammengeführt, aber die Auflösung überzeugt mich nicht. Erstens finde ich den Spannungsbogen etwas flach. Zweitens wird mir nicht richtig klar, wie alles zusammenpasst.

Den Hauptpersonen bin ich nicht richtig nah gekommen. Vielleicht liegt es (zumindest bei Sascha) an den Stereotypen, die zu seiner Beschreibung herangezogen werden. Vielleicht liegt es auch am häufigen Wechsel der Erzählperspektive. Andererseits macht gerade dieser Perspektivenwechsel die Lektüre spannend. Dazu ist die Sprache angenehm flüssig, ohne zu simpel zu sein.

Fazit: Die Geschichte ist nicht schlecht, aber auch nicht richtig überzeugend. Mechtild Borrmanns Schreibstil gefällt mir hingegen sehr gut. Vielleicht versuche ich es mal mit einem anderen Buch der Autorin.

Mechtild Borrmann – Der Geiger – Droemer Knaur

Daniel Salber – Wirklichkeit im Wandel

Heitere Gelassenheit

Die Morphologische Psychologie wurde von Daniel Salbers Vater Wilhelm Salber (1928-2016) in den 1960er Jahren an der Universität zu Köln entwickelt. Sie greift inhaltlich auf Gedanken von Goethe, Nietzsche, Freud und der Gestaltpsychologie zurück.

Wirklichkeit im Wandel ist laut Untertitel eine Einführung in die Morphologische Psychologie. Um es vorwegzunehmen: Ich habe nach dem Lesen zwar eine Idee, worum es in diesem Teilbereich der Psychologie geht, insgesamt ist mein Bild aber noch etwas verschwommen. Dennoch ist es Daniel Salber gelungen, mir ein paar grundlegende Gedanken näherzubringen, die ich im Folgenden darstelle.

Die Morphologische Psychologie befasst sich mit der Wirklichkeit, also dem, „was wir konkret erleben, was auf uns wirkt und worin wir wirken.“ (S. 7). Im Alltag, in den alltäglichen Dingen, spiegelt sich die menschliche Seele. Es geht also nicht, wie sonst oft in der Psychologie, um theoretische Konstrukte wie z.B. die Intelligenz, die konkret definiert bzw. operationalisiert und dann gemessen wird.

Speziell interessieren Veränderungen dieser Wirklichkeit. Was heißt das? Dazu muss man zunächst wissen, dass die Morphologische Psychologie Werke analysiert. Eine Ehekrise ist z.B. ein Werk, die Kultur, aber auch Dinge sind Werke, wenn sie produziert werden. Werke produzieren aber auch selbst etwas, z.B. produziert ein Duschgel eine Belebung am Morgen (S. 34). Werke können auch scheitern, wie z.B. eine Ehe.

Existieren heißt also Werke schaffen. Aber Werke sind nie perfekt, immer in Entwicklung, bilden nie wirklich das Ganze oder die Idealvorstellung ab, nach der der Mensch eigentlich strebt. „Das Leben ist eine Dauer-Baustelle“ (S. 39), der Sinn des Lebens liegt im ständigen Auf- und Umbau. Der Traum von der Umsetzung des Ideals wird nie ganz erfüllt, ist aber die Motivation dafür, weiter Werke zu schaffen.

Die Seele drückt sich, wie oben gesagt, im Alltag aus, also in dem, was wir sagen und tun, in unseren Gesten etc. Dieser Ausdruck wird Wirkung genannt. Wenn man Zusammenhänge herstellt zwischen den Wirkungen erhält man eine Gestalt, die durch eine sogenannte Konstruktion erklärt wird. Die Konstruktion beschreibt das Prinzip, nach der Gestalten gebildet werden und ist die Grundlage der Behandlung.

Teil dieser Konstruktion sind unbewusste Bilder, die unsere alltäglichen Entscheidungen leiten. Ein Beispiel ist das Bild einer älteren Frau, ewig jung sein zu wollen. Dieses Bild bestimmt ihr Handeln und schließt viele andere Lebensmöglichkeiten aus. Sie treibt z.B. viel Sport, ist auf Schönheitschirurgie und teure Kosmetik angewiesen, spricht nicht über altersbedingte körperliche Einschränkungen etc.

Die Morphologische Psychologie geht interessanterweise davon aus, dass nicht die Kindheit die Bilder prägt, sondern die Bilder prägen die Kindheit. Damit sind die Ursachen für psychische Probleme nicht in der Vergangenheit angesiedelt, sondern in den Bildern, die von vornherein vorhanden waren.

Ein etwas ausführlicheres Beispiel für eine Konstruktion und die zugehörigen Bilder findet sich auf Seite 66/67: Ein junger Mann, der sein Jura-Studium abgebrochen hat, fängt immer wieder neue Berufe an, kommt einfach nicht auf einen grünen Zweig. Sein großes Vorbild sind die Brüder, die ein geregeltes Leben führen und erfolgreich sind (Hauptbild). Doch er fühlt sich in geordneten Verhältnissen einfach nicht wohl, wuselt lieber vor sich hin, was er sich aber nicht eingestehen will.

Er macht schließlich eine kleine Galerie auf. Sie ist nicht perfekt, sondern etwas chaotisch und gemütlich (Gegenbild). Dann lernt er eine Frau kennen, die das Hauptbild – das perfekte Leben, wie die Brüder es führen – repräsentiert. Sie nimmt die Sache in die Hand und aus der kleinen, gemütlichen Galerie wird eine große, perfekte.

Jetzt hat der Mann sein Ziel erreicht, ist aber überhaupt nicht glücklich. Er kann aber auch nicht mehr zurück in sein altes Leben und kommt zur Beratung. Es stellt sich heraus, dass er sich immer wieder abhängig gemacht hat, statt selbständig zu werden und „eine eigene Gestalt zu wagen“ (S. 67). Er hat die Selbständigkeit nicht gewagt, weil sie unplanbar und ungewiss ist. In der Behandlung werden dann Nebenbilder herausgearbeitet, die den jungen Mann ermutigen, etwas Eigenes zu machen und Chancen zum Wandel wahrzunehmen.

Wie diese Bilder konkret aussehen können, wird nicht gesagt, und so spekuliere ich: Vielleicht wäre ein Nebenbild, dass der Mann es sich zur Aufgabe macht, junge Künstler mit ungewöhnlichen Ideen und kleine Galerien aufzuspüren und auf ihrem individuellen Weg zu fördern?

Eine seelische Störung bedeutet nach der Morphologischen Psychologie, wie das obige Beispiel zeigt, dass der Wandel oder die Produktion von eigenen Werken z.B. durch Angst blockiert ist. Dabei ist die Morphologische Psychologie eher Hilfe zur Selbsthilfe: „Behandlung kann nur wirken, wenn sie die ohnehin laufende ‚Selbstbehandlung‘ des Seelischen versteht, aufgreift und weiterentwickelt. Therapie ist Weiter-Ent-Wicklung von Werken.“ (W. Salber; zitiert nach D. Salber S. 127).

Werke gehen immer wieder schief, das lässt sich nicht verhindern. Das Ziel ist, einen anderen Umgang mit den Lebensproblemen zu finden, über sich selber und seine Fehlerhaftigkeit lachen zu können: „Die heitere Gelassenheit, in der die Existenz auf Distanz zu sich selber geht, kann das Leben erträglicher machen“ (S. 137).

Ein Kapitel befasst sich mit dem Wesen des Psychologen. Zwei Begriffe sind hier besonders wichtig: Verwunderung und Betroffenwerden. „Zwischen Verwunderung für das Fremde, das begegnet, und Betroffenheit des Eigenen balanciert der psychologische Suchprozess in der Mitte“ (S. 84). Was bedeutet das? Zum einen bedeutet es, dass ein Psychologie das Gefühl haben muss, mit einem Phänomen konfrontiert zu sein, dass er nicht versteht, das ihn aber interessiert: „Verwunderung fängt an mit der Verwunderung darüber, was alles möglich ist unter der Sonne.“ (S. 78).

Betroffenwerden heißt, dass dieses Phänomen aber durchaus auch etwas mit dem Psychologen selbst zu tun hat. Er kann nicht auf Distanz bleiben, wird Teil der Wirklichkeit des Klienten: „Was er erforscht, ist er in gewisser Weise ja auch selbst. Sein Gegenstand be-trifft ihn, geht ihn an, ängstigt und lockt ihn. Er kann sich nicht davon machen, in reiner Distanz bleiben. Der Psychologe wird von seiner Sache ‚gehandelt‘. Es gibt hier keinen objektiven Beobachter, da der Psychologe in derselben Wirklichkeit lebt wie sein Gegenüber.“ (S. 81). Dabei ist es wichtig, dass der Psychologe sich selbst gut kennt, um zwischen den Problemen des Klienten und den eigenen Problemen trennen zu können.

Im letzten und sechsten Kapitel geht es um den aktuellen Zustand der Gesellschaft (Publikationsjahr 2009). Die Menschen sollen nach D. Salber – wenn ich es richtig verstehe wieder mehr zu einem Leben zurückkehren, in dem sie in Gesellschaft mit anderen Menschen Werke produzieren. Sie müssen zudem erkennen, dass dies ein anstrengendes, langwieriges Unterfangen und nicht immer von Erfolg gekrönt ist der Mensch ist nun mal nicht perfekt. Demgegenüber steht sein Wunsch, schnell und ohne Mühe zu Profit zu kommen – was durch das gesellschaftliche System, die Politik und Medien gefördert wird. Das Kapitel war mir alles in allem zu diffus und ich fand die Schlussfolgerungen nicht überzeugend hergeleitet, auch wenn ich den Grundgedanken selbst nicht verkehrt finde.

In meinem Psychologie-Studium wurde die Morphologische Psychologie nie erwähnt, und ich habe den Eindruck, dass es vielen anderen Psychologen, die nicht gerade in Köln studiert haben, ähnlich geht. Warum das so ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Morphologische Psychologie dem Trend der „Wissenschaftlichkeit“ im naturwissenschaftlichen Sinne widersetzt und eine eigene Sprache entwickelt hat.

Fazit: Eine für meinen Geschmack z.T. etwas diffus bleibende Erläuterung der Grundgedanken der Morphologischen Psychologie. Nichtsdestotrotz ein Buch mit vielen interessanten Gedanken, die mein Bild von der Psychologie erweitert haben. Ein Buch, das für all diejenigen ein Denkanstoß sein könnte, die der naturwissenschaftlichen Psychologie verpflichtet sind. Ist man damit wirklich auf der „sicheren“ Seite? Erfasst man damit die menschliche Psyche besser als mit einer Psychologie, die sich nur auf sich selbst beruft? Diese Frage ist schwer zu beantworten und vermutlich ist es auch nicht wichtig, eine definitive Antwort zu finden. Die Frage lehrt mich aber, offen zu bleiben: Vielleicht ist doch alles anders, als ich bisher gedacht habe.

Daniel Salber – Wirklichkeit im Wandel – Bouvier

Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel

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Melancholie pur

Die schwedischen Gummistiefel ist eine melancholische Geschichte, in der der Tod allgegenwärtig ist. Menschen sterben, oder es wird von Menschen berichtet, die gestorben sind. Das Ganze geschieht vor der Kulisse einer kleinen, schwedischen Schäreninsel, der Herbst ist gerade herangezogen.

Es passiert nicht viel in diesem Roman, und das, was passiert, ist nicht sonderlich spektakulär. Abgesehen von dem Ereignis, das die Geschichte ins Rollen bringt: Hauptperson Fredrik Welin – ein ehemalige Arzt, der sich nach einem Kunstfehler auf die Insel zurückgezogen hat – kann sich gerade noch aus seinem brennenden Haus retten. Schnell ist klar, dass es Brandstiftung war. Hat Welin sein Haus gar selbst angezündet?

Die namensgebenden Stiefel spielen natürlich ebenfalls eine Rolle: Welin bestellt ein neues Paar in dem Schiffsbedarfsladen auf dem Festland, nachdem sein altes verbrannt ist. Aber es ist wie verhext: Die Bestellung will und will nicht eintreffen.

Welin ist mir nur mäßig sympathisch, empfinde ich ihn doch als übergriffig und einen Menschen mit vielen Vorurteilen. Es fällt ihm zudem schwer, zu kommunizieren und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das führt teilweise zu hölzernen Dialogen, nicht zuletzt, weil sein jeweiliges Gegenüber in vielen Fällen genauso schweigsam ist.

Und trotzdem. Trotz Melancholie, Tod, mangelnder Handlung und einem unzugänglichen Protagonisten: Ich hatte keine Mühe, das über vierhundertseitige Werk zu lesen. Es war interessant. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, was den Reiz des Buches wirklich ausmacht. Es ist einfach fesselnd. Vielleicht ist es die subtile Entwicklung, die Welin durchmacht, vielleicht die Atmosphäre, die gut rübergebracht wird?

Über die Phase des Lesens hinaus hat mich die Geschichte dann aber doch wenig berührt. Vielleicht ist die Lebenssituation des Protagonisten – seine Probleme mit dem Älterwerden – noch zu weit von meiner eigenen entfernt. Führt man sich vor Augen, dass Die schwedischen Gummistiefel Mankells letztes Werk war, bevor er im Oktober 2015 starb, bekommt der Tenor der Geschichte allerdings eine ganz andere Bedeutung.

Fazit: Auf mysteriöse Weise fesselnde, und doch ruhige Geschichte über einen alternden Arzt, der ein bisschen aus seiner Einsamkeit herausfindet. Vielleicht etwas zu weit von meinem eigenen Leben entfernt, als dass sie mich nachhaltig beeindruckt hätte.

Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel – Aus dem Schwedischen von Verena Reichel – dtv

Neil Gaiman – Beobachtungen aus der letzten Reihe

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Ein neues Universum

Auf das Buch, das ich heute vorstellen möchte, bin ich ganz zufällig gestoßen, und ich bin froh über diesen Zufall. Es enthält verschiedene Texte von Neil Gaiman, einem britischen Science-Fiction, Fantasy- und Comic-Autor, der auch Kinder- und Jugendbücher verfasst. Der vorliegende Band enthält u.a. Vorwörter, die Gaiman für die Bücher anderer Autoren geschrieben hat, aber auch Reden, oder zum Beispiel  ein Interview, das er als Journalist mit Lou Reed geführt hat.

In seinen Texten greift er ganz unterschiedlichen Themen auf: Zum einen geht es natürlich um die Bücher, deren Vorwörter er verfasst hat. Auf diese Weise habe ich eine ganze Reihe von Autoren kennen gelernt und mehr über ein Genre erfahren, das ich bisher immer links liegen gelassen habe. Immerhin, einige Autoren waren selbst mir bekannt, denn  natürlich habe ich schon von Terry Pratchett, Douglas Adams und Stephen King gehört. Gaiman war bzw. ist mit ihnen befreundet und hat mit ihnen zusammengearbeitet. Berührt hat mich ein Kapitel, in dem er durch Zufall während eines Interviews vom Tode Douglas Adams‘ erfährt. Das Interview ist später nicht zu gebrauchen, so geschockt ist Gaiman.

Zum anderen geht es in Beobachtungen aus der letzten Reihe aber auch um allgemeine Themen rund ums Schreiben: Wofür sind Geschichten eigentlich gut? Welche Bedeutung hat das Lesen? Brauchen wir heutzutage noch Bibliotheken? Was ist eigentlich Genre-Literatur? Dabei erfährt man  auch viel über Neil Gaiman selbst: Wie ist er zu dem Schriftsteller geworden, der er ist? Was ist ihm wichtig? Wir erfahren, dass er Musik sehr gerne mag. Hier war ein Kapitel besonders schön, das sich seiner Frau und ihrer Musik widmet.

Es hat mir großen Spaß gemacht, das Buch zu lesen, auch wenn mir bei manchen Kapiteln etwas der Hintergrund fehlte und sich die Inhalte z.T. überschnitten haben. Es hat Spaß gemacht, weil man Gaimans Begeisterung heraushört. Weil er seine Kollegen wertschätzt und ihr Talent neidlos anerkennt. Weil er sich selbst nicht so tierisch ernst nimmt und selbstkritisch ist, ohne seine Erfolge klein zu reden. Weil er mir eine unbekannte Welt nahegebracht hat.

Dieses Buch ist wahrscheinlich ein Fundus für Science-Fiction-, Fantasy- und Comic-Fans, aber eben nicht nur für sie.  Ich werde es wohl noch einmal lesen, mir ein paar Autoren herauspicken und mich in das neue Universum einarbeiten. Und mir natürlich noch andere Bücher von Gaiman zu Gemüte führen.

Neil Gaiman – Beobachtungen aus der letzten Reihe: Über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen – Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Ruggero Leò – Eichborn-Verlag

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler

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Was heißt eigentlich kreativ?

Der Titel Denken wie ein Künstler – Wie Sie Ihr Leben kreativer machen klang für mich zuerst nach einem Ratgeber, der vollmundige Versprechen abgibt, die er dann doch nicht einhält. Doch war mein Interesse geweckt und so habe ich mich ein bisschen genauer mit dem Buch befasst. Und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht doch lohnen würde, es zu lesen. Und so war es dann auch.

Warum ist das so? Ich habe gemerkt, dass Denken wie ein Künstler kein Ratgeber ist, sondern eher eine Analyse – eine Analyse des künstlerischen Wesens. Was macht den Künstler zum Künstler? Gompertz überlässt es seinem Leser, zu entscheiden, was er aus seinen Ausführungen mitnehmen möchte.

Will Gompertz ist Kunstkorrespondent der BBC und hat Künstler verschiedener Art kennen gelernt und in ihrem Schaffen beobachtet. In Denken wie ein Künstler gibt er in unterhaltsamer Form einen Überblick darüber, was seiner Meinung nach diesen Künstlern gemein ist.

Das tut er in insgesamt 11 Kapiteln, deren Überschriften schon ganz gut andeuten, worum es geht: 1. Künstler denken unternehmerisch, 2. …scheitern nicht, 3. …sind ernsthaft neugierig, 4. …stehlen, 5.  …sind Skeptiker, 6. …sehen das große Ganze und die kleinen Details, 7. …haben einen Standpunkt, 8. …sind mutig, 9. …machen Denkpausen, 10. Alle Schulen sollten Kunstschulen sein, 11. Ein letzter Gedanke.

Aufgelockert wird das Ganze durch witzige Strichzeichnungen, Schwarz-Weiß-Abbildungen verschiedener Kunstwerke und Fotos sowie Zitaten von Künstlern zu Anfang und Ende jeden Kapitels. Innerhalb des Fließtextes sind wichtige Aussagen fett hervorgehoben.

Dazu kommt ein Farbteil mit Bildern, auf die Gompertz im Text genauer eingeht. Was er zu den Bildern zu sagen hatte, fand ich überaus spannend. Wenn ich in einem Museum bin, läuft das bei mir normalerweise so ab: Ich schaue mir ein Gemälde an, finde es ansprechend oder eher nicht. Ich bewundere den Künstler für sein Können und seine Ideen, kann ihn vielleicht einer Epoche zuordnen. Das war es aber auch schon.

Gompertz erhellt die Hintergründe zu den Bildern. Warum ist zum Beispiel Die Geißelung Christi von Piero della Francesca (1458-1460) ein so bemerkenswertes Bild? Es ist die perspektivische Darstellung, etwas völlig Neues für diese Zeit. Mit diesen und weiteren Hintergrundinformationen kann man die Bilder ganz anders, mit viel mehr Interesse betrachten.

Ich fand Denken wie ein Künstler nicht nur sehr angenehm zu lesen – Gompertz ist einfach begeistert von dem, was er tut und das merkt man dem Text an – es war auch gespickt mit gedanklichen Anregungen. So zum Beispiel im Kapitel Künstler haben einen Standpunkt, als Gompertz von dem US-amerikanischen Künstler Kerry James Marshall berichtet. Gompertz möchte ihn interviewen, und landet statt im Atelier (wo Marshall auf ihn wartet), aus Versehen zu Hause bei dessen Frau, der Schauspielerin Cheryl Lynn Bruce.

Sie bietet ihm Kuchen an, und als er sagt, dass er gerne welchen möchte, fordert sie ihn auf, sich einen Teller aus dem Regal auszusuchen. Sie sammelt Teller, von jeder Sorte gibt es einen. „Wir sind keine Roboter“, sagt sie dazu. „Das Leben ist aufregender, wenn man eine Meinung hat.“ (S. 165)

Ich fand es äußert spannend zu lesen, wie Künstler arbeiten, zu ihrem ganz persönlichen, unverwechselbaren Stil finden. Gompertz beschreibt z.B., wie Picasso von einem talentierten „Imitator“ zu einem Meister wurde. Picasso „bedient“ sich zwar auch als Meister noch bei vielen anderen Künstlern, nimmt deren Ideen auf, macht aber etwas ganz Eigenes draus, wobei die Reduktion eine wichtige Rolle spielt.

Das Denken der Künstler, wie es in den 11 Kapiteln charakterisiert wird, bildet einen wohltuenden Kontrast zu der Denkweise, die wir in der Schule lernen, und die leider so oft das Gegenteil von Kreativität ist.

Was heißt nun Kreativität? Gompertz stellt seinen Ausführungen keine Lehrbuch-Definition voraus. Ich fasse sie so zusammen: Kreativ-Sein heißt, dem eigenen Standpunkt auf originelle, neue Art Ausdruck zu verleihen, und sich dabei nicht vom Althergebrachten einschüchtern zu lassen. Dazu ist der Kreative neugierig und skeptisch und hört nie auf zu fragen. Kreativ-Sein beinhaltet die Verknüpfung von Dingen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen. Es heißt aber auch, Dinge weglassen zu können.

Fazit: Ein sehr unterhaltsames, interessantes Buch für all diejenigen, die das Gefühl haben, dass die Kreativität in ihrem Leben zu kurz kommt.

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler – aus dem Englischen von Sofia Blind – Dumont

 

Susan Sontag – Standpunkt beziehen

Der Realität ins Auge blicken

Standpunkt beziehen ist ein kleines Reclam-Heftchen mit gut 60 Seiten. Es enthält fünf Essays von Susan Sontag (1933-2004), einer umstrittenen amerikanischen Intellektuellen. Sie setzte sich sehr für Menschenrechte ein und war eine große Kritikerin der US-amerikanischen Gesellschaft und Regierung.

Susan Sontag hat mehrere Texte verfasst. Standpunkt beziehen gibt Auszüge aus einem Teil davon wieder.

Am interessantesten fand ich das Essay Gegen Interpretation. Susan Sontag geht davon aus, dass Kunst sich rechtfertigen muss, da sie keinen besonderen Sinn erfüllt. Dieser Umstand, und die Unfähigkeit der Menschen die Realität zu akzeptieren, hat eine wichtige Konsequenz:

Kunstwerke (z.B. Bücher) werden oft nicht so genommen, wie sie sind. Vielmehr schreiben Interpreten den Werken eine weitere Bedeutungsebene zu. Eine solche Interpretation weist wiederum darauf hin, dass der Interpret mit dem Werk unzufrieden ist. Er möchte es durch etwas anderes ersetzen.

Sontag fordert dazu auf, ein Kunstwerk in seiner realen Form anzunehmen. Statt zu überlegen, was es aussagt, sollte man nach dessen Wirkung fragen, d.h. nach den Empfindungen, die es auslöst.

Das hat mich nachdenklich gemacht, bin ich doch selbst jemand, der hinter jeder Ecke eine tiefere Bedeutung vermutet. Eine weitere Beobachtung passt zu Sontags Hypothese: Bei Büchern, die mich spontan begeistern, grabe ich selten tiefer nach. Dagegen nehme ich Bücher, die mich nicht packen, oft „auseinander“.

Daneben gibt es zwei Essays, die sich mit dem 11. September 2001 bzw. der Fotografie im Irakkrieg befassen. Ein weiteres, sehr kurzes Essay handelt von der Fotografie im Allgemeinen und ihren Merkmalen.

Im fünften und letzten Essay geht es um die Schönheit. Wie ist sie zu definieren? Aber auch der Missbrauch des Begriffs kommt zur Sprache. So sagte Papst Johannes Paul II. im Jahre 2002 zu den sexuellen Übergriffen katholischer Priester in den USA: „Ein großes Kunstwerk kann man verunstalten, doch seine Schönheit bleibt bestehen; und jede intellektuell redliche Kritik muss die Wahrheit dieses Satzes anerkennen.“ (S. 23)

Dieser Vergleich zwischen der katholischen Kirche und einem großen Kunstwerk dient laut Sontag dazu, das Geschehene zu bagatellisieren, „aus den abscheulichen Verfehlungen etwas zu machen, über das wir hinwegsehen können.“ (S. 23)

Susan Sontag ist sehr deutlich in ihren Aussagen – was aber nicht heißt, dass die Essays besonders leicht zu lesen wären. Doch dass sie ihre Meinung klar sagt, ist angesichts des Titels kein Wunder. Nicht zuletzt habe ich Standpunkt beziehen gelesen, um ihre Meinung zu erfahren.

Bei allen fünf Essays scheint die Forderung durch, der Realität ins Auge zu blicken. Sontag fordert den Leser eindringlich auf, sich nichts vorzumachen. 60 Seiten, die es in sich haben.

Susan Sontag – Standpunkt beziehen – Reclam