James Comey – A higher loyality

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Truth, lies, and leadership

A higher loyality: trues, lies, and leadership ist in meinen Augen in erster Linie eine Biographie James Comeys. Chronologisch erzählt er von wichtigen Stationen seines privaten Lebens und seiner Arbeit als Jurist, Politiker und FBI-Chef. Gleichzeitig macht er sich darüber Gedanken, welche Eigenschaften einen guten Chef ausmachen und welche Rolle Ehrlichkeit dabei spielt.

Dazu liefert er einige Beispiele aus seinem Leben und er erklärt, welche Personen ihm als Vorbild taugen und welche nicht. Das „Sahnehäubchen“ im negativen Sinne bildet dabei Donald Trump. Comey beschreibt am Schluss des Buches seine skurrilen Zusammentreffen mit dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Als FBI-Chef will Comey einiges anders machen als sein Vorgänger Mueller: Zum Beispiel ist es für ihn (im Gegensatz zu Mueller) selbstverständlich, dass er sich sein Sandwich in der Cafeteria selbst holt. Comeys Sekretärin warnt: „Jemand könnte Sie ansprechen!“ Darauf erwidert Comey, er hoffe doch, dass das jemand tue. Er will mit seinen Leuten in Kontakt kommen.

Interessant ist auch, was Comey über Barack Obama erzählt. Der hat ihn zum FBI-Chef gemacht, obwohl Comey selbst Republikaner ist, und nicht Demokrat wie Obama. Wichtig ist Obama nicht, welcher Partei Comey nahesteht, sondern ob er unabhängig denken und entscheiden kann.

Comey diagnostiziert bei Obama zudem die Fähigkeit zum Zuhören. Richtiges Zuhören, nicht nur still sein und selbst nicht reden (was wohl in Washington sehr weit verbreitet ist). Obama ist offenbar interessiert an vielen verschiedenen Sichtweisen im Hinblick auf ein Problem, was Comey beeindruckt und was er in seiner eigenen Rolle als Chef übernimmt.

Insgesamt scheint Comey einen eklektischen Ansatz zu haben: Er beobachtet andere Menschen, überlegt, was er an deren Verhalten gut und richtig findet und übernimmt es. Das erfordert meines Erachtens eine große Offenheit, aber auch Selbstsicherheit. Offensichtlich wirft es Comey nicht aus der Bahn, festzustellen, dass andere Menschen an manchen Stellen Dinge vielleicht besser machen als er. Im Gegenteil, er fühlt sich bereichert.

Mehrere Stellen im Buch brachten mich zum Schmunzeln. Um nicht zu viel zu verraten, nur ein Beispiel: Unter der Präsidentschaft von Barrack Obama hat es sich eingebürgert, dass immer eine Schale mit Äpfeln im Oval Office steht. Comey ist sich zunächst gar nicht sicher, ob es richtige Äpfel sind, bis er einmal mitbekommt, dass ein Mitarbeiter zwei davon nimmt:

„I wasn’t entirely certain they were edible, but I once saw Chief of Staff Denis McDonough grab two at a time. He surely wasn’t eating plastic fruit replicas.“

Comey weiß, dass eine seiner Töchter gerne einen solchen Präsidenten-Apfel hätte. Doch die Zeit drängt: Trump ist schon so gut wie im Amt und Comey befindet sich gerade im Oval Office bei einer Sitzung zur Frage, ob Russland die Wahlen beeinflusst hat:

„My youngest daughter long ago had asked me to get her a presidential apple, and this was surely the last time the Oval Office, an apple, and I would even be together. Now or never. Swipe an apple at the close of a meeting about Russian interference? So tacky. But fatherhood beats tacky. I scooped an apple. Nobody stopped me. I photographed it in the car and texted the picture to my daughter, delivering the product that evening. She let me taste a slice. Not plastic.“

Stellenweise, das muss ich auch sagen, fand ich das Buch etwas zäh. Es ist eben kein Roman, hat keinen wie auch immer gearteten Spannungsbogen, sondern es wird einfach chronologisch heruntererzählt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es für Leser mit mehr juristischem Wissen und Wissen über die amerikanischen Politik interessanter ist. Ich verfolge die Politik in Amerika zwar auch (sonst wäre ich nicht auf dieses Buch gekommen), mein Wissen ist aber alles in allem eher oberflächlich.

Einer der Gründe, warum ich das Buch gelesen habe, war die Frage, warum Comey kurz vor der Wahl 2016 veröffentlicht hat, dass neue E-Mails von Hillary Clinton aufgetaucht sind und untersucht werden. Wie kann ein Mann, der so integer und reflektiert wirkt, Trump indirekt unterstützen oder zumindest das Risiko eingehen? Tatsächlich beantwortet Comey diese Frage sehr ausführlich und zumindest für mich nachvollziehbar.

Neben dieser Sache geriet Comey aber z.B. auch im Zusammenhang mit dem sog. „Ferguson-Effekt“ in die Kritik. Dieser Effekt besagt, dass die Black-Lives-Matter Bewegung dazu führt, dass die Polizei ihre Aufgaben nicht so gut erfüllen kann, weil sie sich von ihrer Arbeit zurückzieht. So steigt die Kriminalität an. (Die Black-Lives-Matter Bewegung protestiert gegen Racial Profiling, Polizeigewalt gegen Schwarze und Rassenungleichheit.) Comey plädiert in einer Stellungnahme im Oktober 2015 für den Ferguson-Effekt. Auch auf diesen Punkt geht er in seinem Buch ein und erklärt, wie es zu seiner von vielen Seiten stark kritisierten Rede kam.

Der Schluss des Buches beschäftigt sich, wie schon angedeutet, mit Donald Trump und seinem Umgang mit dem FBI und Comey selbst. Ein Zitat, das veranschaulicht, wie Comey sich gefühlt hat, ist das Folgende:

„I went to find my chief of staff, Jim Rybicki, to tell him the world had gone crazy and I was caught in the middle of it. It stayed crazy.“

Ursprung dieser Verzweiflung ist ein Telefonat mit Trump, in dem dieser noch einmal betont, dass er sich 2013 natürlich nicht in einem Moskauer Hotel mit Prostituierten getroffen hat. Comey hatte ihn einige Zeit zuvor darüber unterrichtet, dass es ein Dossier über ein solches Ereignis geben soll.

Das Buch ist alles in allem sehr persönlich verfasst; Comey lässt den Leser an seinen privaten Gedanken und Gefühlen, positiv wie negativ, teilhaben. Teilweise kamen mir auch die Tränen, so rührend fand ich die Ausführungen. Manchen Lesern mögen manche Stellen etwas melodramatisch vorkommen. Ich fand es okay.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen. Es ist nach meinem Dafürhalten nicht sehr kompliziert geschrieben und man kann gut folgen, auch wenn man nicht jede Vokabel kennt. (Es gibt aber auch eine deutsche Version, die ich offenbar einfach übersehen habe, als ich das Buch gekauft habe :-)).

Fazit: Trotz einiger Längen sehr lesenswerte Biographie mit vielen interessanten Informationen und Einschätzungen des Autors, die mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt haben. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass es keine objektive Abhandlung ist, sondern eine einzelne, subjektive Sicht auf bestimmte Geschehnisse.

James Comey – A higher loyality. Trues, lies, and leadership – Macmillan USA