Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf

Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten

Stilkritik

Der Patriotismus beschreibt laut Wikipedia die „emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation“. Wie der Untertitel schon sagt, plädiert Frau Dorn für eine aufgeklärte Form desselben und erläutert dies in 8 Kapiteln. Darin geht es zum Beispiel um die Frage, was eigentlich die deutsche Identität und Kultur ausmacht. Wenn ich die Autorin richtig verstehe, findet sie, dass es so etwas wie eine deutsche Identität und Kultur tatsächlich gibt. Und dass man auch ruhig dahinterstehen darf, ohne jedoch überheblich zu werden.

Sie findet zudem, dass die Nation als Identitätsobjekt für die Menschen immer noch erforderlich ist. Anders gesagt, Menschen beziehen sich bei der Frage, was ihre Identität ausmacht, auch auf ihr Deutsch-Sein. Europa ist als Identitätsobjekt noch nicht soweit und beim „Weltbürger“ sind wir erst recht noch nicht angekommen.

Frau Dorn glaubt, dass die Deutschen mit ihren Musikern, Dichtern und Denkern ein wichtiges Erbe haben und man diese Werte als Identitätsobjekt für die Deutschen bewahren und sogar hervorheben sollte. Deutschland sollte sich also als Kulturnation sehen und die Bildungsbürger und Intellektuellen sollten ihren Teil dazu beitragen, dass das gelingt. Auf diese Weise kann man links- und rechtsradikalen Tendenzen die Stirn bieten. Die (klassische, bildungsbürgerlich definierte) Kultur ist es, die uns zusammenhält.

So verstehe ich Frau Dorn, aber ich bin mir nicht sicher. Und ich bin mir auch nicht sicher, wie sie das alles genau begründet. Das Buch ließ mich mit einem diffusen Gefühl der Unsicherheit zurück. Wie bei einem Bild, von dem ich sagen soll, ob es mir gefällt, das aber halb verdeckt ist. Ich kann das Bild ungefähr erkennen, aber nicht so richtig.

Ich habe zu einzelnen Punkten, die sie anspricht, durchaus eine Meinung. Ich denke z.B. nicht, dass die klassische Bildung uns wirklich bei dem Problem der Identitätsbildung weiterhilft. Ich vermute, es gibt relativ wenig Leute, denen man bei der Frage der Identitätsfindung mit Goethe, Mann und Beethoven weiterhelfen kann. Da schließt Frau Dorns meines Erachtens zu sehr von ihrer eigenen Lebenssituation auf die der anderen Menschen.

Ich traue mich aber schlicht nicht, das Gesamtkonzept zu bewerten, weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann. Der Grund für meine Unsicherheit und mein mangelndes Verständnis liegt, so vermute ich, zum einen in meinem mangelnden Vorwissen. Viele Dinge werden als bekannt vorausgesetzt; eine Erwartung, die ich nicht erfülle. Ein weiterer Grund ist wohl Frau Dorns Schreibstil. Das versuche ich im Folgenden zu erklären.

Thea Dorn befasst sich an mindestens zwei Stellen (siehe die nächsten Abschnitte) nicht ausreichend mit den Hintergründen von Begriffen und zieht Analogien, ohne sie nachvollziehbar zu begründen. An diesen Stellen, die ich meine, geht es um die psychologischen Begriffe der Resilienz und des Über-Ichs, die ich als Psychologin einordnen kann. Ich frage mich: Was ist mit dem Rest des Buches, wo es um historische, philosophische, sozialwissenschaftliche, politische Themen geht, mit denen ich mich nicht so gut auskenne?

Resilienz

Resilienz ist die psychologische Widerstandskraft. Der Begriff ist erwachsen aus der Beobachtung, dass manche Kinder, die in widrigen Umständen aufwachsen, trotzdem einen guten Lebensweg haben, also den Umständen trotzen. Es gibt die sogenannte Resilienzforschung, die sich damit befasst, wie Resilienz entsteht. Frau Dorn schreibt dazu: „Wenn ich es richtig überblicke, vermag bis zum heutigen Tage niemand abschließend zu erklären, warum es manchen Menschen besser gelingt als anderen, Beleidigungen und seelische Verletzungen wegzustecken. […] Aus der immunologischen Forschung wissen wir, dass es für die Ausbildung eines robusten Immunsystems unerlässlich ist, dass ein heranwachsender Mensch zahlreichen „Erregern“ ausgesetzt ist, zahlreiche Krankheiten durchläuft. Nur so kann sich sein Immunsystem überhaupt entwickeln. Ich halte es für zulässig, dies in analoger Weise von psychischen Immunsystem zu sagen.“

Hier kritisiere ich erstens, dass im Text nicht zum Ausdruck kommt, dass es durchaus einige recht gut untersuchte Hypothesen darüber gibt, wie Resilienz entsteht. Zweitens kritisiere ich, dass Frau Dorn, ohne sich mit dem Begriff wirklich auseinandergesetzt zu haben, eine Analogie zu einem anderen System zieht und es auch noch so darstellt, als wäre dies „zulässig“. Sie kann diese Analogie ja gerne ziehen, aber dann soll sie es als Vermutung in den Raum stellen. Bei mir entsteht der Eindruck, dass sie die Resilienz einfach nur insofern heranzieht, als sie ihre These zu stützen vermag, dass Menschen eben auch mal was aushalten müssen, um später im Leben klarzukommen. Und das ist sicher nicht die Kern-Aussage der Resilienzforschung. Wichtige Einflussfaktoren für die Entwicklung der Resilienz sind z.B. Intelligenz, Temperament und Persönlichkeit, die Warmherzigkeit der Beziehung zu den Eltern und die soziale Unterstützung außerhalb des engeren Familienkreises.

Über-Ich

Frau Dorn bezieht sich an einer Stelle auf Freud und zieht den Schluss vom „Über-Ich“ auf das „Über-Wir“, ohne dies zu begründen: „Alles, was Freud über die individuelle Psyche sagt, lässt sich auf die Psyche einer Gesellschaft übertragen: Ohne Über-Wir besitzt sie weder ein Gewissen, noch kann sie nach höherem Streben.“ Zunächst ist es so, dass Freuds Auffassung von der menschlichen Psyche nur eine unter zahlreichen ist und Freud und seine Theorien zumindest in meinem Studium allenfalls eine Randerscheinung waren. Zudem bleibt Frau Dorn die Begründung schuldig, warum die Übertragung auf die Gesellschaft möglich ist. Wieso sollte ich das als Leser einfach so schlucken?

So viel zur Resilienz und dem Über-Ich. Kommen wir zu einem weiteren Thema, den wörtlichen Zitaten. Thea Dorn ist sehr belesen und das wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Sie zitiert in großer Zahl diverse Politiker, Philosophen, Soziologen, Schriftsteller, Journalisten und so weiter. Und diese Zitate sind auch häufig wörtlich wiedergegeben. Frau Dorn hätte meines Erachtens gut darin getan, etwas sparsamer mit wörtlichen Zitaten umzugehen und Zusammenhänge in ihren eigenen Worten darzustellen. Ich finde, es ist dem Verständnis abträglich, wenn ich mich als Leserin ständig auf die unterschiedlichen Schreibstile von Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten einstellen muss und wenn Frau Dorn andere Leute in ihren fremden Worten sagen lässt, was sie selber denkt.

Damit zusammen hängt auch der nächste Punkt: Dorns Argumentationstaktik besteht meines Erachtens darin, zu sagen, inwiefern sie mit den zitierten Personen und ihren Aussagen übereinstimmt oder auch nicht. Sie definiert ihre Meinung also über deren Überschneidung mit der Meinung anderer. Ich finde es aber schwer, Frau Dorns Argumentation aus diesen Überschneidungen abzuleiten. Es hilft mir nicht so sehr zu wissen, inwiefern Frau Dorns Meinung z.B. mit der von Kurt Tucholsky übereinstimmt (oder eben nicht), sondern es würde mir helfen zu hören, was sie denkt und warum.

Dorn hat zudem einen etwas weitschweifigen Schreibstil. Sie liefert Details über die zitierten Leute, die interessant, aber für die Argumentation unerheblich sind. In dem Bemühen, diese Details zu erfassen und mir zu überlegen, ob sie etwas mit dem Thema des Buches zu tun haben oder nicht, habe ich oftmals den Faden verloren.

Dorns Formulierungen sind komplexer und „metaphoriger“ als in einem Sachbuch nach meinem Empfinden günstig. Ein Sachbuch ist für mich nicht der Ort, an dem ein Autor mit einer besonders einfallsreichen Sprache glänzen sollte, da diese vom Inhalt ablenkt. Die Form sollte für mich, wie beim Bauhaus, der Funktion folgen. Ein paar Beispiele:

„Deshalb habe ich im letzten Kapitel dafür plädiert, dass Europa seine Funktion als Hüter des Humanen beherzter wahrnehmen soll, indem es sich bemüht, die feurigen Rösser des technologischen Fortschritts zu zügeln. Wenn wir die Gäule von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Vollautomatisierung mit uns durchgehen lassen, wird dies den Menschen, so wie wir ihn bislang kannten, als kreatürliches und vernünftiges Doppelwesen, schleifen.“

„Wir dürfen gern gegen die McDonaldisierung unserer Welt polemisieren und ankämpfen. Aber wir sollten uns hüten, die Vertreter von Menschenrechten als Agenten eines gefräßigen Imperiums zu diffamieren, das die Welt mit Human-Rights-Burgern übersättigen will.“

„Dass (West-)Deutschland in den Sechzigerjahren endlich begann, sich seiner verbrecherischen Vergangenheit ernsthaft zu stellen, verdankte sich weniger revolutionären Hitzköpfen, die der „BRD“ den Krieg erklärten, als vielmehr dem konsequenten Mut des jüdisch-schwäbischen Juristen Fritz Bauer, der in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt in Hessen – gegen alle juristischen, politischen und gesellschaftlichen Wiederstände – dafür gesorgt hatte, dass ab 1963 in Frankfurt am Main zahlreiche SS-Leute, die im Vernichtungslager Auschwitz „Dienst“ getan hatten, sich vor Gericht verantworten mussten.“

Insgesamt ist Frau Dorns Schreibstil meiner Meinung nach zu indirekt. Ich bin als Leserin zu oft gefordert, das, was sie sagen will, aus etwas anderem zu erschließen. Ich muss also nach jedem Abschnitt innehalten und umformulieren, quasi einen Übersetzungsprozess leisten. In dem Versuch, das zu tun, vergesse ich, was ich vorher gelesen habe. Als Psychologin würde ich sagen: Mein Arbeitsgedächtnis wird von diesem Text schlicht überlastet.

Vielleicht würde Frau Dorn hier argumentieren, dass ich einfach bereit sind muss, mich der Komplexität der Realität zu stellen und mich richtig in den Text einzuarbeiten. Ich entspreche nämlich mit meiner Kritik so ziemlich genau dem negativen Bild, das Dorn von dem durchschnittlichen Leser zeichnet: Den Unwillen, sich mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen, nur noch die Länge von Twitter-Nachrichten zu tolerieren und darüber hinaus sowieso sehr schnell das Handtuch zu werfen, wenn es ums Verstehen geht.

Was ich mich aber frage ist, ob die sprachliche Komplexität nicht eine inhaltliche Komplexität suggeriert, die nicht gegeben ist. Jeden einzelnen Satz kann ich theoretisch für mich in eine einfache Sprache übersetzen und verstehen, aber das große Ganze, die Zusammenhänge, der Rahmen, das alles fehlt mir.

Fazit: Frau Dorn ist vermutlich blitzgescheit und mit Sicherheit sehr belesen. Es gelingt ihr aber meines Erachtens nur begrenzt, dieses Wissen und diese Brillanz so einzusetzen, dass ein gutes Buch entsteht. In diesem Fall meine ich „gut“ im Sinne von verständlich, nachvollziehbar und auf den Punkt.

Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf – Albrecht Knaus Verlag