Marc Raabe – Schlüssel 17

Quelle: pixabay.com

Unterhaltsame Action

Eine tote Frau hängt engelsgleich unter der Kuppel des Berliner Doms. Sie trägt einen Schlüssel um ihren Hals, in den eine 17 eingraviert ist. Weitere Personen im Umfeld des Opfers bekommen einen identischen Schlüssel zugeschickt und müssen um ihr Leben bangen.

Tom Babylon, der verantwortliche Ermittler, will das Schlimmste verhindern. Doch er ist befangen: Als seine kleine Schwester vor Jahren verschwand, hatte sie genau einen solchen Schlüssel dabei! Zwar wurde später angeblich ihre Leiche gefunden, doch tief in seinem Innern hängt Tom der Hoffnung nach, dass es sich um eine Verwechslung handelt und sie noch lebt. Werden ihn die Ermittlungen auch zu seiner Schwester führen?

Tom Babylon ist ein kaputter Typ und Held gleichzeitig: traumatisiert, tablettenabhängig, bindungsunfähig und ein Workaholic auf der einen Seite. Auf der anderen Seite „zieht er sein Ding durch“, ist dabei eigentlich immer erfolgreich und insgesamt unkaputtbar sowie frei von menschlichen Bedürfnissen wie Hunger und Schlaf. Eher gezwungenermaßen arbeitet er mit der Psychologin Sita Johanns zusammen, die Tom Babylon nicht unähnlich ist. Zu Superman gesellt sich Wonderwoman.

Die Hauptfiguren sind also etwas holzschnittartig, und mit den anderen Figuren ist es eigentlich nicht viel anders. Dazu kommt auf der sprachlichen Ebene ein Hauch Drama. Zum Beispiel heißt es an einer Stelle ziemlich am Anfang: „Er steigt aus und legt sein Holster an. Das Adrenalin baut sich langsam auf – die Anspannung vor dem Betreten des Tatortes. Sämtliche Poren öffnen, um alles zu spüren, und dennoch kühl auf Distanz bleiben. Ein höllischer Widerspruch für jeden Ermittler. Entscheidet man sich fürs Offensein, läuft man früher oder später umher wie eine klaffende Wunde. Wählt man Distanz, fehlt sie Einfühlung in Oper und Täter. Man klärt nichts mehr auf, verkümmert und wird kalt.“

Beides, die etwas stereotypen Figuren und die Sprache, finde ich angesichts des Thriller-Genres in Ordnung. Wer literarisch Hochtrabendes sucht, wird enttäuscht. Hier geht es eher darum, ein Gefühl von Action und Spannung zu erzeugen, und das gelingt meines Erachtens gut. Ein Problem liegt allerdings in der Bindung an die Hauptfiguren, wie ich im letzten Abschnitt noch ausführen werde.

Es ist viel los in Raabes Thriller: Es gibt erstens verschiedene Handlungsstränge, die in der Jetzt-Zeit und in der Vergangenheit spielen. Meistens wird aus der Sicht Toms erzählt. Einmal als der Polizist, der er heute ist, und einmal als Jugendlicher, der er war, als seine Schwester verschwand. Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, der aus der Sicht der jungen Franziska erzählt wird, die in einer psychiatrischen Abteilung arbeitet.

Es werden zweitens viele Themen angesprochen: Die Stasi und Regimekritik in der DDR, Psychiatrie und Kindesmissbrauch, private Probleme der Polizisten sowie Stress zwischen den Hierarchieebenen der Polizei (der unbequeme Mitarbeiter, der sich nicht an die Dienstanweisungen hält vs. der unfreundliche Chef, der selbst Dreck am Stecken hat).

Das Ganze ist gut gemachte Unterhaltung. Hier gibt es ein Quäntchen Information, da noch eins, dort eine überraschende Wendung. Bis am Ende die meisten offenen Fragen beantwortet werden. Aber eben nicht alle. Vielleicht habe ich etwas überlesen? Aber vielleicht werden diese Fragen auch in den Nachfolgebänden geklärt; Schlüssel 17 ist der erste Band einer Reihe um Tom Baylon. So oder so, es hat mich nicht gestört, dass die Fragen offenblieben.

Und genau das ist auch die Crux des Buches: Möchte ich weitere Bände der Reihe lesen, um eventuell Antworten zu bekommen? Sicher bin ich mir nicht. Das liegt vielleicht daran, dass mir die Figuren fern geblieben sind und kein rechtes Interesse bei mir geweckt haben. Mal schauen. Ich habe das Buch gerne gelesen und würde es weiterempfehlen. Zum Fan von Tom Babylon bin ich dabei aber nicht geworden. Unter dem Aspekt, dass es eine Reihe werden soll, ist das natürlich eher ein Manko.

Fazit: Spannende, gute Unterhaltung. Richtig übergesprungen ist der Funke aber nicht.

Marc Raabe – Schlüssel 17 – Ullstein