Potpourri

Nach einer längeren Pause möchte ich euch wieder ganz herzlich auf meinem Blog begrüßen. Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen, das ja jetzt auch nicht mehr ganz so jung ist.

Im Folgenden werde ich euch eine Reihe von Büchern vorstellen, die ich in dieser Pause (nochmal) gelesen oder endlich zu Ende gelesen habe. Die Zusammenstellung umfasst die Themen, die mich in letzter Zeit beschäftigt haben, dazu gehört zum Beispiel das Ausmisten und die Frage, was mir in meinem Leben eigentlich wichtig ist und was nicht.

Letzteres macht sich eben auch an den Dingen fest, mit denen man sich umgibt. Ich fand es wichtig, wieder einen Überblick zu kriegen über mein Leben, materiell, aber auch immateriell. Ich habe mir dazu auch viele Youtube-Videos angeguckt; es gibt eine ganze Menge zu dem Thema . Hier muss man einfach für sich herausfiltern, was einen anspricht und wie weit man beim Ausmisten gehen will.

Ein zweiter Schwerpunkt war das Thema Kreativität. Hier hatte ich ja auch schon mal das Buch Denken wie ein Künstler von Will Gompertz vorgestellt.

Schließlich möchte ich noch ein paar Krimis vorstellen – da gibt es nicht viel drumherum zu sagen – sowie ein Sachbuch von Stephen King.

Ausmisten

Marie Kondo – Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert

Das Buch von Marie Kondo ist der Klassiker zum Thema Ausmisten. Ihre Methode nennt sich Konmari (sie selbst nennt sich aber auch so). Im Wesentlichen geht es ihr darum, Kategorien von Dingen (Klamotten, Bücher…) systematisch nacheinander auszumisten und dabei das Kriterium der Freude heranzuziehen. Das heißt man nimmt jedes einzelne Teil in die Hand und hört in sich hinein, ob dieses Teil Freude hervorruft oder nicht. Wenn nicht, heißt es weg damit. Die Methode ist sehr konsequent und vielleicht für manche zu extrem. Ich finde Konmaris Buch als Inspiration sehr gut, aber ich halte es schlicht nicht für nötig, so radikal zu sein.

Hideko Yamashita – Dan-Sha-Ri: Das Leben entrümpeln, die Seele befreien: Mit der japanischen Erfolgsmethode Überflüssiges loswerden, Ordnung schaffen, frei sein

Auch hier geht es ums Ausmisten, wobei ich die Vorstellung interessant fand, dass es drei Arten von „Behaltern“ gibt. Solche, die behalten, weil sie für die Zukunft gewappnet sein wollen, solche, die behalten, weil sie nostalgisch an der Vergangenheit hängen, uns solche, die vor der Gegenwart ihres Lebens fliehen und einfach keine Zeit haben, sich um ihr Zeug zu kümmern. Regelmäßig Ausmisten heißt nämlich auch, in der Gegenwart zu leben. Insgesamt geht dieses Buch sehr auf die emotionale Ebene des Entrümpelns ein.

Fumio Sasaki – Das kann doch weg!: Das befreiende Gefühl, mit weniger zu leben. 55 Tipps für einen minimalistischen Lebensstil

Sasakis Buch enthält zum einen Fotos und Beschreibungen von Minimalisten, was für den ein oder anderen Leser inspirierend sein kann. Aber auch hier ist es teilweise schon extrem, wie wenig die Leute besitzen. Das Buch enthält nicht nur viele praktische Tipps, Sasaki erzählt auch viel darüber, wie ihn der Minimalismus persönlich verändert hat. Dazu gehören eine größere Zufriedenheit und Dankbarkeit sowie das Gefühl, nicht mehr durch Besitztümer einen bestimmten Eindruck auf andere Menschen machen zu wollen.

Ein Buch über ein verwandtes, aber weniger materielles Thema ist das Buch Essentialism von Greg McKeon. Letztlich ist die Message hier, so wie ich sie verstehe, dass man sein Leben konsequent priorisieren sollte. Also dass man sich bei allem, was man tut, fragen sollte, ob es wirklich das ist, was man tun möchte und was einem wirklich wichtig ist. Wenn man zu einer Arbeit, einer Freizeitbeschäftigung etc. nicht Ja! sagt, dann sollte man nein sagen. Klingt gut, ist aber natürlich praktisch nicht immer umsetzbar. Dennoch hat man im Leben ja auch oft die Wahl :-), und da hilft es vielleicht, genauer in sich hineinzuhorchen. Interessant fand ich auch die Information, dass das Wort „Priorität“ früher nicht im Plural verwendet wurde. Das könnte man sich ein bisschen zu Herzen nehmen, denn dadurch, dass man sich durch zu viele Verpflichtungen verzettelt, entsteht Stress und das Gefühl, nichts wirklich richtig zu machen.

Das Buch The slight Edge von Jeff Olsen handelt weder von Minimalismus noch Essentialismus, aber es passt trotzdem in die Thematik, weil es auch hier darum geht, Prioritäten zu setzen. Wichtig ist dabei aber der Aspekt, eine priorisierte Aktivität umzusetzen. Den Kerngedanken des Buches finde ich interessant, aber er ist meiner Meinung nach auf unnötige Weise ausgewalzt und die ganze Darstellung hat etwas Missionarisches, das mir nicht so liegt. Letztlich kann man die Idee meines Erachtens mit dem alten Sprichwort Kleinvieh macht auch Mist zusammenfassen. In meinen eigenen Worten: Es geht darum, dass man mit kleinen, alltäglichen Handlungen, die leicht umzusetzen sind, auf lange Sicht sein Leben ändern kann.

Also: Es ist leicht, sich jeden Tag ein bisschen zu bewegen, und es wird auf lange Sicht einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben. Leider ist es aber genauso leicht, diese kleinen Aktivitäten immer wieder auf den nächsten Tag zu verschieben. Auf lange Sicht addiert sich dann das fehlende Training hin zum Negativen. Genauso kann sich das Sparen kleiner Mengen an Geld, wenn man früh genug damit anfängt, über die Zeit ordentlich summieren (um mal etwas näher an der ursprünglichen Bedeutung des Sprichwortes zu sein). Olsen konstatiert also, dass Erfolg im Wesentlichen gar nicht von einmaligen, besonderen, großen Handlungen abhängt, sondern davon, dass kleine, auf den ersten Blick unwesentliche Handlungen konsequent verfolgt werden. Und da ist, glaube ich, was dran.

Kreativität

Nonkonformisten von Adam Grant

Wieso haben manche Menschen originelle Ideen und andere nicht? Warum ist es wichtig, originell zu sein? Wie kann man Originalität fördern? Diese und andere Fragen werden sehr ausführlich in dem Buch von Adam Grant dargestellt und wissenschaftlich untermauert. Er beschreibt u.a. das interessante Phänomen, dass manche Menschen in einem jungen Alter ein paar originelle Eingebungen haben und danach eigentlich nicht mehr sonderlich originell sind, während andere erst spät originell werden, dann aber längerdauernd.

Alles nur geklaut von Austin Kleon

Das ist ein nettes kleines Büchlein, das sich auch gut zum Verschenken eignet. Es befasst sich mit der Frage, inwiefern Kunst eigentlich originär neu ist und warum „Diebstahl“ bei anderen Künstlern nicht prinzipiell schlecht ist, sondern der Beginn der eigenen Originalität sein kann. Kleon führt 10 Regeln aus, wie Kreativsein funktioniert. Ich fand’s interessant und inspirierend.

Lockerlassen von Steve Ayan

Ayan geht in seinem Buch von der weit verbreiteten Annahme aus, dass viele Probleme dadurch entstehen, dass man Entscheidungen nicht gründlich genug durchdenkt und sie nicht ausreichend analysiert. Im Gegensatz dazu möchte der Autor deutlich machen, warum mehr bewusstes Denken im Leben nicht nur nicht unbedingt weiterhilft, sondern manchmal sogar kontraproduktiv ist. Die Intuition findet manchmal ohne bewusstes Zutun Lösungen für Probleme, die unserem Bewusstsein zu kompliziert sind – wenn wir uns nur Zeit lassen und uns anderen Dingen zuwenden. Selbstvergessenheit ist das Stichwort. (Ich merke gerade, dass dieses Buch nur sehr indirekt in die Kategorie „Kreativität“ passt…)

Krimi

Zorn 8 – Blut und Strafe von Stephan Ludwig

Die Zutaten in diesem Buch sind brutale Morde und viel Privatleben der Ermittler Zorn und Schröder. Die Frotzeleien zwischen den beiden sind ganz amüsant, was mir allerdings ein bisschen gefehlt hat, sind systematische Ermittlungen. Und das auch in der zweiten Hälfte, obwohl es da wirklich spannend wird. Die Handlung wird nicht von der Aktivität der Ermittler getragen, sondern es passiert etwas mit den Ermittlern. Schließlich muss ich sagen, dass Zorn mir nicht wirklich sympathisch ist. Ich verstehe z.B. nicht, warum er immer wieder einen Behindertenparkplatz blockiert und Kaffeebecher einfach auf den Boden schmeißt. Vielleicht soll Zorn als ein Mensch mit Fehlern und Schwächen dargestellt werden, aber irgendwie funktioniert es bei mir nicht. Zumindest nicht so.

Muttertag von Nele Neuhaus

Muttertag ist ein spannender und auch informativer Krimi rund um das Thema Kindesmisshandlung. Mein wichtigster Kritikpunkt ist der, dass mir die Leute ein bisschen fernbleiben, auch Pia, die wichtigste Ermittlerin. Die Charaktere finde ich irgendwie blass, ohne zu wissen, warum. Vielleicht ist es so, dass zu wenig wirklich konkret dargestellt wird. Also statt ein bestimmtes, z.B. ängstliches Verhalten zu beschreiben, wird explizit gesagt, dass jemand ängstlich ist. Einmal wird z.B. eine Frau in einer Befragung von Pia im Nachhinein als selbstgefällig bezeichnet, diese Frau kam mir aber während des Gesprächs kein bisschen selbstgefällig vor. Es werden zudem auffällig viele Markennamen erwähnt, der Grund ist mir schleierhaft. Vielleicht soll es die Geschichte für den Leser anschaulicher machen? Muttertag ist trotz dieser Kritik ein spannender und interessanter Krimi, bei dem ich keine Schwierigkeiten hatte, dranzubleiben.

Himmelhorn von Klüpfel/Kobr (Kluftinger-Krimi)

Drei Bergsteiger stürzen in den Allgäuer Alpen von dem gefährlichen Berg „Himmelhorn“ ab. Tragischen Unfall oder Mord? Zwei verfeindete Bergbauern-Familien sind in die Sache verwickelt; die Ermittlungen führen weit in die Vergangenheit. Der Krimi besteht zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Klamauk rund um das Privatleben des Kommissars (die Schwiegertochter ist schwanger und Kluftinger würde sie am liebsten in Watte packen), das ist ganz amüsant zu lesen, manchmal driftet es aber sehr ins Alberne ab. Für mich war es im Moment des Lesens okay, weil ich auf leichte Lektüre aus war, und trotz dieser Kritik gut unterhalten wurde. Für manchen mag es etwas zu viel privates Drumherum sein.

Über das Schreiben

Das Leben und das Schreiben: Memoiren von Stephen King.

Das Buch ist eine Art Biographie, gepaart mit einem Buch über das Schreiben (wie der Titel schon nahelegt :-)). Es ist locker-flockig geschrieben, auch die Teile über Kings Kindheit, die eigentlich teilweise zum Weinen sind. Er macht auch keinen Hehl aus seiner früheren Drogensucht. Den Teil über das Schreiben fand ich sehr aufschlussreich. Er umfasst hilfreiche Tipps, die gut dargestellt und begründet werden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es für Leute interessant ist, die mit Schreiben nichts am Hut haben. Ich bin zwar kein Stephen King Fan und habe – genrebedingt – noch nie etwas von ihm gelesen, aber er scheint mir in seiner ehrlichen und direkten Art sehr sympathisch.

Zu guter Letzt

…noch was ganz anderes, nämlich die Empfehlung eines TED-Talks von Robert Waldinger (ich habe viel Zeit mit Youtube verbracht in den letzten Monaten.) Der Titel lautet: „What makes a good life?“ Es geht um eine Studie zum Thema Glück und Gesundheit im Leben und wovon diese abhängen. Rund 2000 Männer wurden von Jugend an untersucht, davon leben heute noch 60, die in ihren 90ern sind. Die Studie läuft also schon seit mehreren Jahrzehnten und umfasst vier Forschergenerationen, was allein schon sehr bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, Forschungsgelder und Wissenschaftler für Forschungsprojekte zu akquirieren. Genauso bemerkenswert ist die Schlussfolgerung, die Waldinger aus den Daten zieht: Entscheidend für Glück und Gesundheit sind nicht Ernährung, Sport, beruflicher Erfolg…, sondern die Beziehungen, die man zu anderen Menschen hat. Sehr informativ und unterhaltsam.

Blog-Pause

Ich mache eine kleine Blog-Pause. Anfang des nächsten Jahres melde ich mich mit neuen Beiträgen wieder. Bis dahin wünsche ich euch einen bunten Herbst, eine besinnliche Adventszeit, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch :-). Eure Stefanie

Barbara Bierach – Schweigegelübde

Quelle: pixabay.com

Heute möchte ich den Irland-Krimi „Schweigegelübde“ vorstellen, der sich um die Kommissarin Emma Vaughan dreht. Es ist der 2. Band von insgesamt zweien der Reihe.

Schweigegelübde hält einige interessante Informationen über Irland bereit und fängt sehr vielversprechend an. Ein Todesengel geht in einer Klinik um, die Ermittlungen starten, Emma verteilt Aufgaben an ihre Mitarbeiter, viele Fragen sind offen.

Man merkt aber auch direkt: Emma ist eine taffe Frau, die mit vielen privaten und beruflichen Problemen zu kämpfen hat. Ihrem Ex-Mann wird Mitgliedschaft in der IRA vorgeworfen, Emma glaubt, in einem vorherigen Fall einen Ermittlungsfehler gemacht zu haben, sie ist nach einem schweren Unfall medikamentenabhängig und sie wird nachts von einem IRA-Mann überfallen, der wohl mit ihrem Ex-Mann zusammengearbeitet hat. Viel zu bewältigen für Emma, aber sie packt es an und bleibt erstaunlich gelassen.

Bei knapp 70 Prozent Lesemenge auf dem Kindle und nach zahlreichen Gesprächen mit Verdächtigen hat Emma dann plötzlich eine Eingebung, wer der Todesengel sein könnte. Es ist genau die Person, von der ich direkt beim ersten Auftauchen dachte, sie sei der Täter. Der Fall ist gelöst, alle anderen Ermittlungslinien sind eigentlich lose Fäden, die nirgendwo hinführen.

Dann muss Emma noch das Problem mit dem Ermittlungsfehler lösen. Sie glaubt, dass sie eine Mörderin fälschlicherweise hat laufenlassen, ohne sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Dummerweise sind nämlich weitere Morde passiert, die auf die besagte Person als Mörderin hinweisen. Dazu fährt Emma in ein Wellness-Hotel, einen Schauplatz des früheren Verbrechens, wo zwei Personen ins Visier ihrer Aufmerksamkeit geraten. Es stellt sich relativ schnell heraus, dass Emma doch keinen Fehler gemacht hat. Die verbleibenden Probleme klären sich dann auch.

Fazit: Ganz unterhaltsamer, gut zu lesender Krimi, der thematisch etwas überfrachtet und recht einfach aufgebaut ist. Die Kommissarin ist mir zwar sympathisch, insgesamt fällt sie aber etwas stereotyp aus.

Barbara Bierach – Schweigegelübde – Ullstein

Anuschka Rees – The curated closet

Quelle: pixabay.com

Hilfe zur Selbsthilfe

Zu Beginn dieser Rezension erläutere ich mein Verhältnis zu Mode und Styling. Warum? Weil es anschaulich macht, wer ein potentieller Adressat des Buches ist, das ich euch vorstellen möchte.

Ich habe kein großes Interesse an Mode. Es bereitet mir Stress, mich schick machen zu müssen. Ich will nicht mehr Zeit als unbedingt nötig mit dem Thema „Anziehen“ verbringen. Wo ist das Problem, wird der geneigte Leser fragen. Das Problem ist, dass ich trotzdem gerne einigermaßen typgerecht angezogen bin.

Ich dachte bisher kaum „in Outfits“, sondern hatte eher eine Meinung zu individuellen Teilen, die ich schön fand oder eben nicht. Und die ich dann entweder gekauft habe oder eben nicht. Leider stellte sich dann öfter als nötig heraus, dass ich diese Teile nicht wirklich gut in meine bestehende Garderobe integrieren konnte. Verstärkt wurde das Problem dadurch, dass ich nur eine diffuse Vorstellung davon hatte, was mein Stil ist und wie ich gekleidet sein möchte. Das Ergebnis: Fehlkäufe.

Zwar habe ich über die Zeit trotz allem eine gewisse Idee davon bekommen, was mir steht und worin ich mich wohl fühle. Insgesamt nervte es mich aber zunehmend, dass aus relativ viel Mühe (Geld, Zeit, Überlegung) relativ wenig Kleiderschrank-Zufriedenheit resultierte. Es war also an der Zeit, mich  ernsthaft mit dem Problem auseinanderzusetzen, um eine längerfristige, zufriedenstellende Lösung zu finden.

Von dem Buch erhoffte ich mir dabei Hilfe, und was soll ich sagen, meine Erwartungen wurden erfüllt. „The curated closet“ enthält verschiedene Aufgaben, die dazu dienen, die eigene Wahrnehmung zu schärfen:

Welche Klamotten gefallen mir gut? Welche Klamotten passen meiner Meinung nach gut zu mir und warum? Was ist mein Stil? Welche Wirkung will ich mit meinem Outfit erzielen? Welche Anforderungen habe ich an meine Garderobe im Hinblick auf meinen persönlichen Lebensstil? Inwieweit passt meine bisherige Garderobe schon zu meinem Stil? Was an meinem Kleiderfundus muss noch ausgebessert werden, damit es zu meinem Stil passt?

Es war sehr aufschlussreich, diese Aufgaben durchzuführen. Mir ist klar geworden, dass es bei der Entwicklung einer passenden Garderobe wirklich auf die Details ankommt. Das Buch hat mir z.B. vor Augen geführt, dass ich lockere Passformen und fließende Stoffe bevorzuge. Das war mir nur halb bewusst. Wie oft habe ich mich gefragt, warum ich diese eine taillierte Bluse mit dem festen Baumwollstoff, die ich für teures Geld gekauft habe, nie angezogen habe… Ich habe in Bezug auf meinen ganz konkreten Fall aber z.B. auch gelernt, dass ich weniger Auswahl und Kombinationsmöglichkeiten bevorzuge. Ein zu voller Kleiderschrank und zu viele Möglichkeiten überfordern mich.

Das Buch hat mir auch gefallen, weil es keine Vorgaben macht. Es sagt mir eben nicht, welche Kleidungsstücke „in jeden Kleiderschrank gehören“ und zu meinem Körperbau passen oder welche Farben meinem Hauttyp schmeicheln. Es geht darum, zu lernen, eigene Regeln aufzustellen. Diese Regeln helfen mir dann wirklich, Fehlkäufe zu vermeiden und stattdessen eine Garderobe zu entwickeln, mit der ich zufrieden bin.

Ein positiver Nebeneffekt ist, dass man bei einem derart kuratierten Kleiderschrank ganz automatisch bewusster, qualitativ hochwertiger und seltener, d.h. insgesamt nachhaltiger einkauft.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, weil es die Kindle-Version nur auf Englisch gibt. Angesichts der Tatsache, dass viele Fotos und Grafiken drin sind, hätte ich in diesem Fall aber besser auf die deutsche, gedruckte Version zurückgegriffen („Das Kleiderschrank-Projekt“).

Fazit:  „The curated closet“ bietet fundierte Hilfe zur Selbsthilfe bei der Frage, wie man langfristig Kleiderschrank-Probleme löst.

Anuschka Rees – The curated closet – Ten Speed Press

James Comey – A higher loyality

Quelle: pixabay.com

Truth, lies, and leadership

A higher loyality: trues, lies, and leadership ist in meinen Augen in erster Linie eine Biographie James Comeys. Chronologisch erzählt er von wichtigen Stationen seines privaten Lebens und seiner Arbeit als Jurist, Politiker und FBI-Chef. Gleichzeitig macht er sich darüber Gedanken, welche Eigenschaften einen guten Chef ausmachen und welche Rolle Ehrlichkeit dabei spielt.

Dazu liefert er einige Beispiele aus seinem Leben und er erklärt, welche Personen ihm als Vorbild taugen und welche nicht. Das „Sahnehäubchen“ im negativen Sinne bildet dabei Donald Trump. Comey beschreibt am Schluss des Buches seine skurrilen Zusammentreffen mit dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Als FBI-Chef will Comey einiges anders machen als sein Vorgänger Mueller: Zum Beispiel ist es für ihn (im Gegensatz zu Mueller) selbstverständlich, dass er sich sein Sandwich in der Cafeteria selbst holt. Comeys Sekretärin warnt: „Jemand könnte Sie ansprechen!“ Darauf erwidert Comey, er hoffe doch, dass das jemand tue. Er will mit seinen Leuten in Kontakt kommen.

Interessant ist auch, was Comey über Barack Obama erzählt. Der hat ihn zum FBI-Chef gemacht, obwohl Comey selbst Republikaner ist, und nicht Demokrat wie Obama. Wichtig ist Obama nicht, welcher Partei Comey nahesteht, sondern ob er unabhängig denken und entscheiden kann.

Comey diagnostiziert bei Obama zudem die Fähigkeit zum Zuhören. Richtiges Zuhören, nicht nur still sein und selbst nicht reden (was wohl in Washington sehr weit verbreitet ist). Obama ist offenbar interessiert an vielen verschiedenen Sichtweisen im Hinblick auf ein Problem, was Comey beeindruckt und was er in seiner eigenen Rolle als Chef übernimmt.

Insgesamt scheint Comey einen eklektischen Ansatz zu haben: Er beobachtet andere Menschen, überlegt, was er an deren Verhalten gut und richtig findet und übernimmt es. Das erfordert meines Erachtens eine große Offenheit, aber auch Selbstsicherheit. Offensichtlich wirft es Comey nicht aus der Bahn, festzustellen, dass andere Menschen an manchen Stellen Dinge vielleicht besser machen als er. Im Gegenteil, er fühlt sich bereichert.

Mehrere Stellen im Buch brachten mich zum Schmunzeln. Um nicht zu viel zu verraten, nur ein Beispiel: Unter der Präsidentschaft von Barrack Obama hat es sich eingebürgert, dass immer eine Schale mit Äpfeln im Oval Office steht. Comey ist sich zunächst gar nicht sicher, ob es richtige Äpfel sind, bis er einmal mitbekommt, dass ein Mitarbeiter zwei davon nimmt:

„I wasn’t entirely certain they were edible, but I once saw Chief of Staff Denis McDonough grab two at a time. He surely wasn’t eating plastic fruit replicas.“

Comey weiß, dass eine seiner Töchter gerne einen solchen Präsidenten-Apfel hätte. Doch die Zeit drängt: Trump ist schon so gut wie im Amt und Comey befindet sich gerade im Oval Office bei einer Sitzung zur Frage, ob Russland die Wahlen beeinflusst hat:

„My youngest daughter long ago had asked me to get her a presidential apple, and this was surely the last time the Oval Office, an apple, and I would even be together. Now or never. Swipe an apple at the close of a meeting about Russian interference? So tacky. But fatherhood beats tacky. I scooped an apple. Nobody stopped me. I photographed it in the car and texted the picture to my daughter, delivering the product that evening. She let me taste a slice. Not plastic.“

Stellenweise, das muss ich auch sagen, fand ich das Buch etwas zäh. Es ist eben kein Roman, hat keinen wie auch immer gearteten Spannungsbogen, sondern es wird einfach chronologisch heruntererzählt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es für Leser mit mehr juristischem Wissen und Wissen über die amerikanischen Politik interessanter ist. Ich verfolge die Politik in Amerika zwar auch (sonst wäre ich nicht auf dieses Buch gekommen), mein Wissen ist aber alles in allem eher oberflächlich.

Einer der Gründe, warum ich das Buch gelesen habe, war die Frage, warum Comey kurz vor der Wahl 2016 veröffentlicht hat, dass neue E-Mails von Hillary Clinton aufgetaucht sind und untersucht werden. Wie kann ein Mann, der so integer und reflektiert wirkt, Trump indirekt unterstützen oder zumindest das Risiko eingehen? Tatsächlich beantwortet Comey diese Frage sehr ausführlich und zumindest für mich nachvollziehbar.

Neben dieser Sache geriet Comey aber z.B. auch im Zusammenhang mit dem sog. „Ferguson-Effekt“ in die Kritik. Dieser Effekt besagt, dass die Black-Lives-Matter Bewegung dazu führt, dass die Polizei ihre Aufgaben nicht so gut erfüllen kann, weil sie sich von ihrer Arbeit zurückzieht. So steigt die Kriminalität an. (Die Black-Lives-Matter Bewegung protestiert gegen Racial Profiling, Polizeigewalt gegen Schwarze und Rassenungleichheit.) Comey plädiert in einer Stellungnahme im Oktober 2015 für den Ferguson-Effekt. Auch auf diesen Punkt geht er in seinem Buch ein und erklärt, wie es zu seiner von vielen Seiten stark kritisierten Rede kam.

Der Schluss des Buches beschäftigt sich, wie schon angedeutet, mit Donald Trump und seinem Umgang mit dem FBI und Comey selbst. Ein Zitat, das veranschaulicht, wie Comey sich gefühlt hat, ist das Folgende:

„I went to find my chief of staff, Jim Rybicki, to tell him the world had gone crazy and I was caught in the middle of it. It stayed crazy.“

Ursprung dieser Verzweiflung ist ein Telefonat mit Trump, in dem dieser noch einmal betont, dass er sich 2013 natürlich nicht in einem Moskauer Hotel mit Prostituierten getroffen hat. Comey hatte ihn einige Zeit zuvor darüber unterrichtet, dass es ein Dossier über ein solches Ereignis geben soll.

Das Buch ist alles in allem sehr persönlich verfasst; Comey lässt den Leser an seinen privaten Gedanken und Gefühlen, positiv wie negativ, teilhaben. Teilweise kamen mir auch die Tränen, so rührend fand ich die Ausführungen. Manchen Lesern mögen manche Stellen etwas melodramatisch vorkommen. Ich fand es okay.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen. Es ist nach meinem Dafürhalten nicht sehr kompliziert geschrieben und man kann gut folgen, auch wenn man nicht jede Vokabel kennt. (Es gibt aber auch eine deutsche Version, die ich offenbar einfach übersehen habe, als ich das Buch gekauft habe :-)).

Fazit: Trotz einiger Längen sehr lesenswerte Biographie mit vielen interessanten Informationen und Einschätzungen des Autors, die mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt haben. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass es keine objektive Abhandlung ist, sondern eine einzelne, subjektive Sicht auf bestimmte Geschehnisse.

James Comey – A higher loyality. Trues, lies, and leadership – Macmillan USA

Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf

Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten

Stilkritik

Der Patriotismus beschreibt laut Wikipedia die „emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation“. Wie der Untertitel schon sagt, plädiert Frau Dorn für eine aufgeklärte Form desselben und erläutert dies in 8 Kapiteln. Darin geht es zum Beispiel um die Frage, was eigentlich die deutsche Identität und Kultur ausmacht. Wenn ich die Autorin richtig verstehe, findet sie, dass es so etwas wie eine deutsche Identität und Kultur tatsächlich gibt. Und dass man auch ruhig dahinterstehen darf, ohne jedoch überheblich zu werden.

Sie findet zudem, dass die Nation als Identitätsobjekt für die Menschen immer noch erforderlich ist. Anders gesagt, Menschen beziehen sich bei der Frage, was ihre Identität ausmacht, auch auf ihr Deutsch-Sein. Europa ist als Identitätsobjekt noch nicht soweit und beim „Weltbürger“ sind wir erst recht noch nicht angekommen.

Frau Dorn glaubt, dass die Deutschen mit ihren Musikern, Dichtern und Denkern ein wichtiges Erbe haben und man diese Werte als Identitätsobjekt für die Deutschen bewahren und sogar hervorheben sollte. Deutschland sollte sich also als Kulturnation sehen und die Bildungsbürger und Intellektuellen sollten ihren Teil dazu beitragen, dass das gelingt. Auf diese Weise kann man links- und rechtsradikalen Tendenzen die Stirn bieten. Die (klassische, bildungsbürgerlich definierte) Kultur ist es, die uns zusammenhält.

So verstehe ich Frau Dorn, aber ich bin mir nicht sicher. Und ich bin mir auch nicht sicher, wie sie das alles genau begründet. Das Buch ließ mich mit einem diffusen Gefühl der Unsicherheit zurück. Wie bei einem Bild, von dem ich sagen soll, ob es mir gefällt, das aber halb verdeckt ist. Ich kann das Bild ungefähr erkennen, aber nicht so richtig.

Ich habe zu einzelnen Punkten, die sie anspricht, durchaus eine Meinung. Ich denke z.B. nicht, dass die klassische Bildung uns wirklich bei dem Problem der Identitätsbildung weiterhilft. Ich vermute, es gibt relativ wenig Leute, denen man bei der Frage der Identitätsfindung mit Goethe, Mann und Beethoven weiterhelfen kann. Da schließt Frau Dorns meines Erachtens zu sehr von ihrer eigenen Lebenssituation auf die der anderen Menschen.

Ich traue mich aber schlicht nicht, das Gesamtkonzept zu bewerten, weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann. Der Grund für meine Unsicherheit und mein mangelndes Verständnis liegt, so vermute ich, zum einen in meinem mangelnden Vorwissen. Viele Dinge werden als bekannt vorausgesetzt; eine Erwartung, die ich nicht erfülle. Ein weiterer Grund ist wohl Frau Dorns Schreibstil. Das versuche ich im Folgenden zu erklären.

Thea Dorn befasst sich an mindestens zwei Stellen (siehe die nächsten Abschnitte) nicht ausreichend mit den Hintergründen von Begriffen und zieht Analogien, ohne sie nachvollziehbar zu begründen. An diesen Stellen, die ich meine, geht es um die psychologischen Begriffe der Resilienz und des Über-Ichs, die ich als Psychologin einordnen kann. Ich frage mich: Was ist mit dem Rest des Buches, wo es um historische, philosophische, sozialwissenschaftliche, politische Themen geht, mit denen ich mich nicht so gut auskenne?

Resilienz

Resilienz ist die psychologische Widerstandskraft. Der Begriff ist erwachsen aus der Beobachtung, dass manche Kinder, die in widrigen Umständen aufwachsen, trotzdem einen guten Lebensweg haben, also den Umständen trotzen. Es gibt die sogenannte Resilienzforschung, die sich damit befasst, wie Resilienz entsteht. Frau Dorn schreibt dazu: „Wenn ich es richtig überblicke, vermag bis zum heutigen Tage niemand abschließend zu erklären, warum es manchen Menschen besser gelingt als anderen, Beleidigungen und seelische Verletzungen wegzustecken. […] Aus der immunologischen Forschung wissen wir, dass es für die Ausbildung eines robusten Immunsystems unerlässlich ist, dass ein heranwachsender Mensch zahlreichen „Erregern“ ausgesetzt ist, zahlreiche Krankheiten durchläuft. Nur so kann sich sein Immunsystem überhaupt entwickeln. Ich halte es für zulässig, dies in analoger Weise von psychischen Immunsystem zu sagen.“

Hier kritisiere ich erstens, dass im Text nicht zum Ausdruck kommt, dass es durchaus einige recht gut untersuchte Hypothesen darüber gibt, wie Resilienz entsteht. Zweitens kritisiere ich, dass Frau Dorn, ohne sich mit dem Begriff wirklich auseinandergesetzt zu haben, eine Analogie zu einem anderen System zieht und es auch noch so darstellt, als wäre dies „zulässig“. Sie kann diese Analogie ja gerne ziehen, aber dann soll sie es als Vermutung in den Raum stellen. Bei mir entsteht der Eindruck, dass sie die Resilienz einfach nur insofern heranzieht, als sie ihre These zu stützen vermag, dass Menschen eben auch mal was aushalten müssen, um später im Leben klarzukommen. Und das ist sicher nicht die Kern-Aussage der Resilienzforschung. Wichtige Einflussfaktoren für die Entwicklung der Resilienz sind z.B. Intelligenz, Temperament und Persönlichkeit, die Warmherzigkeit der Beziehung zu den Eltern und die soziale Unterstützung außerhalb des engeren Familienkreises.

Über-Ich

Frau Dorn bezieht sich an einer Stelle auf Freud und zieht den Schluss vom „Über-Ich“ auf das „Über-Wir“, ohne dies zu begründen: „Alles, was Freud über die individuelle Psyche sagt, lässt sich auf die Psyche einer Gesellschaft übertragen: Ohne Über-Wir besitzt sie weder ein Gewissen, noch kann sie nach höherem Streben.“ Zunächst ist es so, dass Freuds Auffassung von der menschlichen Psyche nur eine unter zahlreichen ist und Freud und seine Theorien zumindest in meinem Studium allenfalls eine Randerscheinung waren. Zudem bleibt Frau Dorn die Begründung schuldig, warum die Übertragung auf die Gesellschaft möglich ist. Wieso sollte ich das als Leser einfach so schlucken?

So viel zur Resilienz und dem Über-Ich. Kommen wir zu einem weiteren Thema, den wörtlichen Zitaten. Thea Dorn ist sehr belesen und das wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Sie zitiert in großer Zahl diverse Politiker, Philosophen, Soziologen, Schriftsteller, Journalisten und so weiter. Und diese Zitate sind auch häufig wörtlich wiedergegeben. Frau Dorn hätte meines Erachtens gut darin getan, etwas sparsamer mit wörtlichen Zitaten umzugehen und Zusammenhänge in ihren eigenen Worten darzustellen. Ich finde, es ist dem Verständnis abträglich, wenn ich mich als Leserin ständig auf die unterschiedlichen Schreibstile von Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten einstellen muss und wenn Frau Dorn andere Leute in ihren fremden Worten sagen lässt, was sie selber denkt.

Damit zusammen hängt auch der nächste Punkt: Dorns Argumentationstaktik besteht meines Erachtens darin, zu sagen, inwiefern sie mit den zitierten Personen und ihren Aussagen übereinstimmt oder auch nicht. Sie definiert ihre Meinung also über deren Überschneidung mit der Meinung anderer. Ich finde es aber schwer, Frau Dorns Argumentation aus diesen Überschneidungen abzuleiten. Es hilft mir nicht so sehr zu wissen, inwiefern Frau Dorns Meinung z.B. mit der von Kurt Tucholsky übereinstimmt (oder eben nicht), sondern es würde mir helfen zu hören, was sie denkt und warum.

Dorn hat zudem einen etwas weitschweifigen Schreibstil. Sie liefert Details über die zitierten Leute, die interessant, aber für die Argumentation unerheblich sind. In dem Bemühen, diese Details zu erfassen und mir zu überlegen, ob sie etwas mit dem Thema des Buches zu tun haben oder nicht, habe ich oftmals den Faden verloren.

Dorns Formulierungen sind komplexer und „metaphoriger“ als in einem Sachbuch nach meinem Empfinden günstig. Ein Sachbuch ist für mich nicht der Ort, an dem ein Autor mit einer besonders einfallsreichen Sprache glänzen sollte, da diese vom Inhalt ablenkt. Die Form sollte für mich, wie beim Bauhaus, der Funktion folgen. Ein paar Beispiele:

„Deshalb habe ich im letzten Kapitel dafür plädiert, dass Europa seine Funktion als Hüter des Humanen beherzter wahrnehmen soll, indem es sich bemüht, die feurigen Rösser des technologischen Fortschritts zu zügeln. Wenn wir die Gäule von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Vollautomatisierung mit uns durchgehen lassen, wird dies den Menschen, so wie wir ihn bislang kannten, als kreatürliches und vernünftiges Doppelwesen, schleifen.“

„Wir dürfen gern gegen die McDonaldisierung unserer Welt polemisieren und ankämpfen. Aber wir sollten uns hüten, die Vertreter von Menschenrechten als Agenten eines gefräßigen Imperiums zu diffamieren, das die Welt mit Human-Rights-Burgern übersättigen will.“

„Dass (West-)Deutschland in den Sechzigerjahren endlich begann, sich seiner verbrecherischen Vergangenheit ernsthaft zu stellen, verdankte sich weniger revolutionären Hitzköpfen, die der „BRD“ den Krieg erklärten, als vielmehr dem konsequenten Mut des jüdisch-schwäbischen Juristen Fritz Bauer, der in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt in Hessen – gegen alle juristischen, politischen und gesellschaftlichen Wiederstände – dafür gesorgt hatte, dass ab 1963 in Frankfurt am Main zahlreiche SS-Leute, die im Vernichtungslager Auschwitz „Dienst“ getan hatten, sich vor Gericht verantworten mussten.“

Insgesamt ist Frau Dorns Schreibstil meiner Meinung nach zu indirekt. Ich bin als Leserin zu oft gefordert, das, was sie sagen will, aus etwas anderem zu erschließen. Ich muss also nach jedem Abschnitt innehalten und umformulieren, quasi einen Übersetzungsprozess leisten. In dem Versuch, das zu tun, vergesse ich, was ich vorher gelesen habe. Als Psychologin würde ich sagen: Mein Arbeitsgedächtnis wird von diesem Text schlicht überlastet.

Vielleicht würde Frau Dorn hier argumentieren, dass ich einfach bereit sind muss, mich der Komplexität der Realität zu stellen und mich richtig in den Text einzuarbeiten. Ich entspreche nämlich mit meiner Kritik so ziemlich genau dem negativen Bild, das Dorn von dem durchschnittlichen Leser zeichnet: Den Unwillen, sich mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen, nur noch die Länge von Twitter-Nachrichten zu tolerieren und darüber hinaus sowieso sehr schnell das Handtuch zu werfen, wenn es ums Verstehen geht.

Was ich mich aber frage ist, ob die sprachliche Komplexität nicht eine inhaltliche Komplexität suggeriert, die nicht gegeben ist. Jeden einzelnen Satz kann ich theoretisch für mich in eine einfache Sprache übersetzen und verstehen, aber das große Ganze, die Zusammenhänge, der Rahmen, das alles fehlt mir.

Fazit: Frau Dorn ist vermutlich blitzgescheit und mit Sicherheit sehr belesen. Es gelingt ihr aber meines Erachtens nur begrenzt, dieses Wissen und diese Brillanz so einzusetzen, dass ein gutes Buch entsteht. In diesem Fall meine ich „gut“ im Sinne von verständlich, nachvollziehbar und auf den Punkt.

Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf – Albrecht Knaus Verlag

Marc Raabe – Schlüssel 17

Quelle: pixabay.com

Unterhaltsame Action

Eine tote Frau hängt engelsgleich unter der Kuppel des Berliner Doms. Sie trägt einen Schlüssel um ihren Hals, in den eine 17 eingraviert ist. Weitere Personen im Umfeld des Opfers bekommen einen identischen Schlüssel zugeschickt und müssen um ihr Leben bangen.

Tom Babylon, der verantwortliche Ermittler, will das Schlimmste verhindern. Doch er ist befangen: Als seine kleine Schwester vor Jahren verschwand, hatte sie genau einen solchen Schlüssel dabei! Zwar wurde später angeblich ihre Leiche gefunden, doch tief in seinem Innern hängt Tom der Hoffnung nach, dass es sich um eine Verwechslung handelt und sie noch lebt. Werden ihn die Ermittlungen auch zu seiner Schwester führen?

Tom Babylon ist ein kaputter Typ und Held gleichzeitig: traumatisiert, tablettenabhängig, bindungsunfähig und ein Workaholic auf der einen Seite. Auf der anderen Seite „zieht er sein Ding durch“, ist dabei eigentlich immer erfolgreich und insgesamt unkaputtbar sowie frei von menschlichen Bedürfnissen wie Hunger und Schlaf. Eher gezwungenermaßen arbeitet er mit der Psychologin Sita Johanns zusammen, die Tom Babylon nicht unähnlich ist. Zu Superman gesellt sich Wonderwoman.

Die Hauptfiguren sind also etwas holzschnittartig, und mit den anderen Figuren ist es eigentlich nicht viel anders. Dazu kommt auf der sprachlichen Ebene ein Hauch Drama. Zum Beispiel heißt es an einer Stelle ziemlich am Anfang: „Er steigt aus und legt sein Holster an. Das Adrenalin baut sich langsam auf – die Anspannung vor dem Betreten des Tatortes. Sämtliche Poren öffnen, um alles zu spüren, und dennoch kühl auf Distanz bleiben. Ein höllischer Widerspruch für jeden Ermittler. Entscheidet man sich fürs Offensein, läuft man früher oder später umher wie eine klaffende Wunde. Wählt man Distanz, fehlt sie Einfühlung in Oper und Täter. Man klärt nichts mehr auf, verkümmert und wird kalt.“

Beides, die etwas stereotypen Figuren und die Sprache, finde ich angesichts des Thriller-Genres in Ordnung. Wer literarisch Hochtrabendes sucht, wird enttäuscht. Hier geht es eher darum, ein Gefühl von Action und Spannung zu erzeugen, und das gelingt meines Erachtens gut. Ein Problem liegt allerdings in der Bindung an die Hauptfiguren, wie ich im letzten Abschnitt noch ausführen werde.

Es ist viel los in Raabes Thriller: Es gibt erstens verschiedene Handlungsstränge, die in der Jetzt-Zeit und in der Vergangenheit spielen. Meistens wird aus der Sicht Toms erzählt. Einmal als der Polizist, der er heute ist, und einmal als Jugendlicher, der er war, als seine Schwester verschwand. Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, der aus der Sicht der jungen Franziska erzählt wird, die in einer psychiatrischen Abteilung arbeitet.

Es werden zweitens viele Themen angesprochen: Die Stasi und Regimekritik in der DDR, Psychiatrie und Kindesmissbrauch, private Probleme der Polizisten sowie Stress zwischen den Hierarchieebenen der Polizei (der unbequeme Mitarbeiter, der sich nicht an die Dienstanweisungen hält vs. der unfreundliche Chef, der selbst Dreck am Stecken hat).

Das Ganze ist gut gemachte Unterhaltung. Hier gibt es ein Quäntchen Information, da noch eins, dort eine überraschende Wendung. Bis am Ende die meisten offenen Fragen beantwortet werden. Aber eben nicht alle. Vielleicht habe ich etwas überlesen? Aber vielleicht werden diese Fragen auch in den Nachfolgebänden geklärt; Schlüssel 17 ist der erste Band einer Reihe um Tom Baylon. So oder so, es hat mich nicht gestört, dass die Fragen offenblieben.

Und genau das ist auch die Crux des Buches: Möchte ich weitere Bände der Reihe lesen, um eventuell Antworten zu bekommen? Sicher bin ich mir nicht. Das liegt vielleicht daran, dass mir die Figuren fern geblieben sind und kein rechtes Interesse bei mir geweckt haben. Mal schauen. Ich habe das Buch gerne gelesen und würde es weiterempfehlen. Zum Fan von Tom Babylon bin ich dabei aber nicht geworden. Unter dem Aspekt, dass es eine Reihe werden soll, ist das natürlich eher ein Manko.

Fazit: Spannende, gute Unterhaltung. Richtig übergesprungen ist der Funke aber nicht.

Marc Raabe – Schlüssel 17 – Ullstein

Isabel Bogdan – Der Pfau

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Teambuildingmaßnahme mit Pfau

Der Pfau spielt in den Highlands auf dem Anwesen von Lord und Lady McIntosh. Sie vermieten Teile ihres Herrenhauses mit Wirtschaftsgebäude, Scheune etc. als Feriencottages. Notgedrungen, denn das alte Gebäude verschlingt viel Geld, das die McIntoshs mit ihren eigentlichen Berufen nicht verdienen. Sie ist Ingenieurin, er Uni-Dozent.

Die Geschichte dreht sich um die Teambuildingmaßnahme einer Gruppe von Londoner Bankern, die für ein verlängertes Wochenende im November in die Highlands kommen. Sie werden von den McIntoshs im Westflügel des alten Herrenhauses einquartiert. Und „alt“ heißt in diesem Fall wirklich „alt“. Heißes Wasser ist Mangelware, die Heizung hat den Namen nicht verdient und die Stromleitungen dürfen nicht überlastet werden, sonst gibt es keinen Strom mehr.

Die Gruppe besteht aus Liz, der Leiterin der Investmentabteilung, ihrem Team aus vier Mitarbeitern plus der patenten Köchin Helen und der Psychologin Rachel. Sie leitet die Teambuildingmaßnahme. Keiner hat wirklich Lust auf die Aktion, und auch die Gastgeber sind mäßig begeistert von ihren Gästen. Vor allem Liz scheint etwas schwierig zu sein. Aber auf das Geld können die McIntoshs nicht verzichten.

Der Pfau ist eine Geschichte, die komplett ohne wörtliche Rede und mit einer lakonischen Ausdrucksweise daherkommt. Sie ist erfrischend und kurzweilig. Der Clou der Geschichte ist meines Erachtens, dass zwar niemand direkt zu Wort kommt, der Leser dafür aber in alle Köpfe hineingucken kann (selbst in den Kopf von Liz‘ Hund Mervyn). Es mangelt nicht an Animositäten zwischen den Beteiligten und die Stimmung ist nicht gerade harmonisch. Bogdan beschreibt die jeweiligen Gedanken und Gefühle sehr treffend und mit einer guten Portion Humor.

Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Ansichten, Wünsche, Bedürfnisse, aber auch Wissensstände ist unterhaltsam und interessant. Interessant ist auch, wie sich die Stimmung und die Ansichten der Beteiligten im Laufe der Zeit durch die zu bewältigenden Herausforderungen (und davon gibt es an diesem Wochenende nicht wenige) wandeln.

Natürlich gibt es in dieser Geschichte auch einen Pfau. Es gibt sogar mehrere, aber das namensgebende Tier ist ein wenig verrückt geworden und hat es auf blaue Dinge abgesehen. So z.B. auf das blaue Auto von Liz. Sie weiß nichts von der Störung des Pfaus und kann sich den Schaden an ihrem Auto gar nicht erklären. Die Spannung in der Geschichte ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass dieser Pfau irgendwann tot aufgefunden wird, und Liz denkt, ihr Hund Mervyn hätte ihn gerissen…

Abschließend noch ein kleiner Haken. Ich habe das Buch zwei Mal gelesen. Beim ersten Mal blitzte das Gefühl, dass die Geschichte ein wenig belanglos ist, nur kurz auf. Beim zweiten Mal habe ich es sehr deutlich gespürt.

Fazit: Eine gut geschriebene, treffende, humorvolle, aber für meinen Geschmack auch wenig nachhaltige Geschichte über Gruppendynamik und Persönlichkeitsentwicklung.

Isabel Bogdan – Der Pfau – Kiepenheuer und Witsch

Pierre Martin – Madame le Commissaire und die tote Nonne

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Ein neuer Fall für Isabelle Bonnet

Eigentlich will Madame le Commissaire einfach nur einen schönen Nachmittag verbringen. Sie befindet sich mit ihrer Freundin Jacqueline in der Domaine du Rayol, einem botanischen Garten in Canadel-sur-Mer. Doch eine tote Nonne macht den beiden Frauen einen Strich durch die Rechnung. Sie ist offenbar beim Kräutersammeln die Klippe hinuntergestürzt, ein tragischer Unfall!

Isabelle kann sich jedoch nicht mit der Erklärung eines Unfalls anfreunden; es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten. Und schon ist sie wieder mitten in einem neuen Fall! Tatkräftige Unterstützung erhält sie von ihrem schrulligen Mitarbeiter Apollinaire, der immer noch die Angewohnheit hat, verschiedenfarbige Socken zu tragen. Auch der Bürgermeister Thierry Blès und Kunstfreund Rouven Mardrinac treten wieder in Erscheinung; Isabelle hat sich auf eine etwas komplizierte Dreiecksgeschichte eingelassen…

Es gibt einiges, was man dem Buch vorwerfen könnte: Es wird zu viel gelächelt, gelacht, geschmunzelt, die Atmosphäre ist zu sonnig, die Figuren sind zu eindimensional, die Geschichte hat zu wenig Tiefgang und Spannung.

Für mich stellt sich die Lage aber eher so dar: Es herrscht eine heitere Grundstimmung vor, eingebettet in die leuchtende Atmosphäre der Provence. Man wird nicht mit großen Gefühlen oder komplizierten Charakteren belastet, sondern mit einer gefälligen, unterhaltsamen Geschichte belohnt, die den Leser von vorne bis hinten bei der Stange hält. Und das ohne dass man beim abendlichen Lesen Angst haben muss, hinterher nicht einschlafen zu können.

Fazit: Sehr gut gemachter Krimi, der fünfte der Reihe um Isabelle Bonnet. Ich konnte keine Ermüdungs- oder Abnutzungserscheinungen feststellen, das heißt ich habe diesen Band genauso gerne gelesen wie die ersten vier Bände. Bestens geeignet, um sich an einem ungemütlichen Sonntag auf dem Sofa zu verkriechen und für ein paar Stunden nach Fragolin in die Sonne zu träumen.

Pierre Martin – Madame le Commissaire und die tote Nonne –Knaur

Mechtild Borrmann – Der Geiger

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Der Roman von Mechtild Borrmann handelt von einem Geiger namens Ilja Wassiljewitsch, der in den 1950er Jahren mit seiner Frau Galina und den beiden Kindern in Moskau lebt und arbeitet.

Es geht aber auch um einen jungen Mann namens Sascha Grenko, Iljas Enkel, der in der Jetztzeit in Köln lebt. Nach vielen Jahren erhält er unerwartet ein Lebenszeichen seiner Schwester Vika, die er seit dem Tod seiner Eltern nicht mehr gesehen hat. Leider stirbt die Schwester, bevor Sascha mit ihr reden kann.

Ihr Tod scheint mit der berühmten Geige zusammen zu hängen, mit der Ilja seinerzeit gespielt hat, bevor er in den Gulag musste und seine Frau Galina mit den Kindern verbannt wurde.

Es gibt drei verschiedene Handlungsstränge: Iljas Schicksal im Gulag, Galinas Leben in der Verbannung und Saschas Suche nach der Geige und dem Mörder seiner Schwester. Während die Schilderungen über das Leben in Russland sehr interessant waren und mich berührt haben, empfand ich Saschas Geschichte als eher oberflächlich.

Die verschiedenen Stränge werden schließlich zusammengeführt, aber die Auflösung überzeugt mich nicht. Erstens finde ich den Spannungsbogen etwas flach. Zweitens wird mir nicht richtig klar, wie alles zusammenpasst.

Den Hauptpersonen bin ich nicht richtig nah gekommen. Vielleicht liegt es (zumindest bei Sascha) an den Stereotypen, die zu seiner Beschreibung herangezogen werden. Vielleicht liegt es auch am häufigen Wechsel der Erzählperspektive. Andererseits macht gerade dieser Perspektivenwechsel die Lektüre spannend. Dazu ist die Sprache angenehm flüssig, ohne zu simpel zu sein.

Fazit: Die Geschichte ist nicht schlecht, aber auch nicht richtig überzeugend. Mechtild Borrmanns Schreibstil gefällt mir hingegen sehr gut. Vielleicht versuche ich es mal mit einem anderen Buch der Autorin.

Mechtild Borrmann – Der Geiger – Droemer Knaur