Isabel Bogdan – Der Pfau

Quelle: pixabay.com

Teambuildingmaßnahme mit Pfau

Der Pfau spielt in den Highlands auf dem Anwesen von Lord und Lady McIntosh. Sie vermieten Teile ihres Herrenhauses mit Wirtschaftsgebäude, Scheune etc. als Feriencottages. Notgedrungen, denn das alte Gebäude verschlingt viel Geld, das die McIntoshs mit ihren eigentlichen Berufen nicht verdienen. Sie ist Ingenieurin, er Uni-Dozent.

Die Geschichte dreht sich um die Teambuildingmaßnahme einer Gruppe von Londoner Bankern, die für ein verlängertes Wochenende im November in die Highlands kommen. Sie werden von den McIntoshs im Westflügel des alten Herrenhauses einquartiert. Und „alt“ heißt in diesem Fall wirklich „alt“. Heißes Wasser ist Mangelware, die Heizung hat den Namen nicht verdient und die Stromleitungen dürfen nicht überlastet werden, sonst gibt es keinen Strom mehr.

Die Gruppe besteht aus Liz, der Leiterin der Investmentabteilung, ihrem Team aus vier Mitarbeitern plus der patenten Köchin Helen und der Psychologin Rachel. Sie leitet die Teambuildingmaßnahme. Keiner hat wirklich Lust auf die Aktion, und auch die Gastgeber sind mäßig begeistert von ihren Gästen. Vor allem Liz scheint etwas schwierig zu sein. Aber auf das Geld können die McIntoshs nicht verzichten.

Der Pfau ist eine Geschichte, die komplett ohne wörtliche Rede und mit einer lakonischen Ausdrucksweise daherkommt. Sie ist erfrischend und kurzweilig. Der Clou der Geschichte ist meines Erachtens, dass zwar niemand direkt zu Wort kommt, der Leser dafür aber in alle Köpfe hineingucken kann (selbst in den Kopf von Liz‘ Hund Mervyn). Es mangelt nicht an Animositäten zwischen den Beteiligten und die Stimmung ist nicht gerade harmonisch. Bogdan beschreibt die jeweiligen Gedanken und Gefühle sehr treffend und mit einer guten Portion Humor.

Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Ansichten, Wünsche, Bedürfnisse, aber auch Wissensstände ist unterhaltsam und interessant. Interessant ist auch, wie sich die Stimmung und die Ansichten der Beteiligten im Laufe der Zeit durch die zu bewältigenden Herausforderungen (und davon gibt es an diesem Wochenende nicht wenige) wandeln.

Natürlich gibt es in dieser Geschichte auch einen Pfau. Es gibt sogar mehrere, aber das namensgebende Tier ist ein wenig verrückt geworden und hat es auf blaue Dinge abgesehen. So z.B. auf das blaue Auto von Liz. Sie weiß nichts von der Störung des Pfaus und kann sich den Schaden an ihrem Auto gar nicht erklären. Die Spannung in der Geschichte ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass dieser Pfau irgendwann tot aufgefunden wird, und Liz denkt, ihr Hund Mervyn hätte ihn gerissen…

Abschließend noch ein kleiner Haken. Ich habe das Buch zwei Mal gelesen. Beim ersten Mal blitzte das Gefühl, dass die Geschichte ein wenig belanglos ist, nur kurz auf. Beim zweiten Mal habe ich es sehr deutlich gespürt.

Fazit: Eine gut geschriebene, treffende, humorvolle, aber für meinen Geschmack auch wenig nachhaltige Geschichte über Gruppendynamik und Persönlichkeitsentwicklung.

Isabel Bogdan – Der Pfau – Kiepenheuer und Witsch

Pierre Martin – Madame le Commissaire und die tote Nonne

Quelle: pixabay.com

Ein neuer Fall für Isabelle Bonnet

Eigentlich will Madame le Commissaire einfach nur einen schönen Nachmittag verbringen. Sie befindet sich mit ihrer Freundin Jacqueline in der Domaine du Rayol, einem botanischen Garten in Canadel-sur-Mer. Doch eine tote Nonne macht den beiden Frauen einen Strich durch die Rechnung. Sie ist offenbar beim Kräutersammeln die Klippe hinuntergestürzt, ein tragischer Unfall!

Isabelle kann sich jedoch nicht mit der Erklärung eines Unfalls anfreunden; es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten. Und schon ist sie wieder mitten in einem neuen Fall! Tatkräftige Unterstützung erhält sie von ihrem schrulligen Mitarbeiter Apollinaire, der immer noch die Angewohnheit hat, verschiedenfarbige Socken zu tragen. Auch der Bürgermeister Thierry Blès und Kunstfreund Rouven Mardrinac treten wieder in Erscheinung; Isabelle hat sich auf eine etwas komplizierte Dreiecksgeschichte eingelassen…

Es gibt einiges, was man dem Buch vorwerfen könnte: Es wird zu viel gelächelt, gelacht, geschmunzelt, die Atmosphäre ist zu sonnig, die Figuren sind zu eindimensional, die Geschichte hat zu wenig Tiefgang und Spannung.

Für mich stellt sich die Lage aber eher so dar: Es herrscht eine heitere Grundstimmung vor, eingebettet in die leuchtende Atmosphäre der Provence. Man wird nicht mit großen Gefühlen oder komplizierten Charakteren belastet, sondern mit einer gefälligen, unterhaltsamen Geschichte belohnt, die den Leser von vorne bis hinten bei der Stange hält. Und das ohne dass man beim abendlichen Lesen Angst haben muss, hinterher nicht einschlafen zu können.

Fazit: Sehr gut gemachter Krimi, der fünfte der Reihe um Isabelle Bonnet. Ich konnte keine Ermüdungs- oder Abnutzungserscheinungen feststellen, das heißt ich habe diesen Band genauso gerne gelesen wie die ersten vier Bände. Bestens geeignet, um sich an einem ungemütlichen Sonntag auf dem Sofa zu verkriechen und für ein paar Stunden nach Fragolin in die Sonne zu träumen.

Pierre Martin – Madame le Commissaire und die tote Nonne –Knaur

Mechtild Borrmann – Der Geiger

Quelle: pixabay.com

Der Roman von Mechtild Borrmann handelt von einem Geiger namens Ilja Wassiljewitsch, der in den 1950er Jahren mit seiner Frau Galina und den beiden Kindern in Moskau lebt und arbeitet.

Es geht aber auch um einen jungen Mann namens Sascha Grenko, Iljas Enkel, der in der Jetztzeit in Köln lebt. Nach vielen Jahren erhält er unerwartet ein Lebenszeichen seiner Schwester Vika, die er seit dem Tod seiner Eltern nicht mehr gesehen hat. Leider stirbt die Schwester, bevor Sascha mit ihr reden kann.

Ihr Tod scheint mit der berühmten Geige zusammen zu hängen, mit der Ilja seinerzeit gespielt hat, bevor er in den Gulag musste und seine Frau Galina mit den Kindern verbannt wurde.

Es gibt drei verschiedene Handlungsstränge: Iljas Schicksal im Gulag, Galinas Leben in der Verbannung und Saschas Suche nach der Geige und dem Mörder seiner Schwester. Während die Schilderungen über das Leben in Russland sehr interessant waren und mich berührt haben, empfand ich Saschas Geschichte als eher oberflächlich.

Die verschiedenen Stränge werden schließlich zusammengeführt, aber die Auflösung überzeugt mich nicht. Erstens finde ich den Spannungsbogen etwas flach. Zweitens wird mir nicht richtig klar, wie alles zusammenpasst.

Den Hauptpersonen bin ich nicht richtig nah gekommen. Vielleicht liegt es (zumindest bei Sascha) an den Stereotypen, die zu seiner Beschreibung herangezogen werden. Vielleicht liegt es auch am häufigen Wechsel der Erzählperspektive. Andererseits macht gerade dieser Perspektivenwechsel die Lektüre spannend. Dazu ist die Sprache angenehm flüssig, ohne zu simpel zu sein.

Fazit: Die Geschichte ist nicht schlecht, aber auch nicht richtig überzeugend. Mechtild Borrmanns Schreibstil gefällt mir hingegen sehr gut. Vielleicht versuche ich es mal mit einem anderen Buch der Autorin.

Mechtild Borrmann – Der Geiger – Droemer Knaur

Daniel Salber – Wirklichkeit im Wandel

Heitere Gelassenheit

Die Morphologische Psychologie wurde von Daniel Salbers Vater Wilhelm Salber (1928-2016) in den 1960er Jahren an der Universität zu Köln entwickelt. Sie greift inhaltlich auf Gedanken von Goethe, Nietzsche, Freud und der Gestaltpsychologie zurück.

Wirklichkeit im Wandel ist laut Untertitel eine Einführung in die Morphologische Psychologie. Um es vorwegzunehmen: Ich habe nach dem Lesen zwar eine Idee, worum es in diesem Teilbereich der Psychologie geht, insgesamt ist mein Bild aber noch etwas verschwommen. Dennoch ist es Daniel Salber gelungen, mir ein paar grundlegende Gedanken näherzubringen, die ich im Folgenden darstelle.

Die Morphologische Psychologie befasst sich mit der Wirklichkeit, also dem, „was wir konkret erleben, was auf uns wirkt und worin wir wirken.“ (S. 7). Im Alltag, in den alltäglichen Dingen, spiegelt sich die menschliche Seele. Es geht also nicht, wie sonst oft in der Psychologie, um theoretische Konstrukte wie z.B. die Intelligenz, die konkret definiert bzw. operationalisiert und dann gemessen wird.

Speziell interessieren Veränderungen dieser Wirklichkeit. Was heißt das? Dazu muss man zunächst wissen, dass die Morphologische Psychologie Werke analysiert. Eine Ehekrise ist z.B. ein Werk, die Kultur, aber auch Dinge sind Werke, wenn sie produziert werden. Werke produzieren aber auch selbst etwas, z.B. produziert ein Duschgel eine Belebung am Morgen (S. 34). Werke können auch scheitern, wie z.B. eine Ehe.

Existieren heißt also Werke schaffen. Aber Werke sind nie perfekt, immer in Entwicklung, bilden nie wirklich das Ganze oder die Idealvorstellung ab, nach der der Mensch eigentlich strebt. „Das Leben ist eine Dauer-Baustelle“ (S. 39), der Sinn des Lebens liegt im ständigen Auf- und Umbau. Der Traum von der Umsetzung des Ideals wird nie ganz erfüllt, ist aber die Motivation dafür, weiter Werke zu schaffen.

Die Seele drückt sich, wie oben gesagt, im Alltag aus, also in dem, was wir sagen und tun, in unseren Gesten etc. Dieser Ausdruck wird Wirkung genannt. Wenn man Zusammenhänge herstellt zwischen den Wirkungen erhält man eine Gestalt, die durch eine sogenannte Konstruktion erklärt wird. Die Konstruktion beschreibt das Prinzip, nach der Gestalten gebildet werden und ist die Grundlage der Behandlung.

Teil dieser Konstruktion sind unbewusste Bilder, die unsere alltäglichen Entscheidungen leiten. Ein Beispiel ist das Bild einer älteren Frau, ewig jung sein zu wollen. Dieses Bild bestimmt ihr Handeln und schließt viele andere Lebensmöglichkeiten aus. Sie treibt z.B. viel Sport, ist auf Schönheitschirurgie und teure Kosmetik angewiesen, spricht nicht über altersbedingte körperliche Einschränkungen etc.

Die Morphologische Psychologie geht interessanterweise davon aus, dass nicht die Kindheit die Bilder prägt, sondern die Bilder prägen die Kindheit. Damit sind die Ursachen für psychische Probleme nicht in der Vergangenheit angesiedelt, sondern in den Bildern, die von vornherein vorhanden waren.

Ein etwas ausführlicheres Beispiel für eine Konstruktion und die zugehörigen Bilder findet sich auf Seite 66/67: Ein junger Mann, der sein Jura-Studium abgebrochen hat, fängt immer wieder neue Berufe an, kommt einfach nicht auf einen grünen Zweig. Sein großes Vorbild sind die Brüder, die ein geregeltes Leben führen und erfolgreich sind (Hauptbild). Doch er fühlt sich in geordneten Verhältnissen einfach nicht wohl, wuselt lieber vor sich hin, was er sich aber nicht eingestehen will.

Er macht schließlich eine kleine Galerie auf. Sie ist nicht perfekt, sondern etwas chaotisch und gemütlich (Gegenbild). Dann lernt er eine Frau kennen, die das Hauptbild – das perfekte Leben, wie die Brüder es führen – repräsentiert. Sie nimmt die Sache in die Hand und aus der kleinen, gemütlichen Galerie wird eine große, perfekte.

Jetzt hat der Mann sein Ziel erreicht, ist aber überhaupt nicht glücklich. Er kann aber auch nicht mehr zurück in sein altes Leben und kommt zur Beratung. Es stellt sich heraus, dass er sich immer wieder abhängig gemacht hat, statt selbständig zu werden und „eine eigene Gestalt zu wagen“ (S. 67). Er hat die Selbständigkeit nicht gewagt, weil sie unplanbar und ungewiss ist. In der Behandlung werden dann Nebenbilder herausgearbeitet, die den jungen Mann ermutigen, etwas Eigenes zu machen und Chancen zum Wandel wahrzunehmen.

Wie diese Bilder konkret aussehen können, wird nicht gesagt, und so spekuliere ich: Vielleicht wäre ein Nebenbild, dass der Mann es sich zur Aufgabe macht, junge Künstler mit ungewöhnlichen Ideen und kleine Galerien aufzuspüren und auf ihrem individuellen Weg zu fördern?

Eine seelische Störung bedeutet nach der Morphologischen Psychologie, wie das obige Beispiel zeigt, dass der Wandel oder die Produktion von eigenen Werken z.B. durch Angst blockiert ist. Dabei ist die Morphologische Psychologie eher Hilfe zur Selbsthilfe: „Behandlung kann nur wirken, wenn sie die ohnehin laufende ‚Selbstbehandlung‘ des Seelischen versteht, aufgreift und weiterentwickelt. Therapie ist Weiter-Ent-Wicklung von Werken.“ (W. Salber; zitiert nach D. Salber S. 127).

Werke gehen immer wieder schief, das lässt sich nicht verhindern. Das Ziel ist, einen anderen Umgang mit den Lebensproblemen zu finden, über sich selber und seine Fehlerhaftigkeit lachen zu können: „Die heitere Gelassenheit, in der die Existenz auf Distanz zu sich selber geht, kann das Leben erträglicher machen“ (S. 137).

Ein Kapitel befasst sich mit dem Wesen des Psychologen. Zwei Begriffe sind hier besonders wichtig: Verwunderung und Betroffenwerden. „Zwischen Verwunderung für das Fremde, das begegnet, und Betroffenheit des Eigenen balanciert der psychologische Suchprozess in der Mitte“ (S. 84). Was bedeutet das? Zum einen bedeutet es, dass ein Psychologie das Gefühl haben muss, mit einem Phänomen konfrontiert zu sein, dass er nicht versteht, das ihn aber interessiert: „Verwunderung fängt an mit der Verwunderung darüber, was alles möglich ist unter der Sonne.“ (S. 78).

Betroffenwerden heißt, dass dieses Phänomen aber durchaus auch etwas mit dem Psychologen selbst zu tun hat. Er kann nicht auf Distanz bleiben, wird Teil der Wirklichkeit des Klienten: „Was er erforscht, ist er in gewisser Weise ja auch selbst. Sein Gegenstand be-trifft ihn, geht ihn an, ängstigt und lockt ihn. Er kann sich nicht davon machen, in reiner Distanz bleiben. Der Psychologe wird von seiner Sache ‚gehandelt‘. Es gibt hier keinen objektiven Beobachter, da der Psychologe in derselben Wirklichkeit lebt wie sein Gegenüber.“ (S. 81). Dabei ist es wichtig, dass der Psychologe sich selbst gut kennt, um zwischen den Problemen des Klienten und den eigenen Problemen trennen zu können.

Im letzten und sechsten Kapitel geht es um den aktuellen Zustand der Gesellschaft (Publikationsjahr 2009). Die Menschen sollen nach D. Salber – wenn ich es richtig verstehe wieder mehr zu einem Leben zurückkehren, in dem sie in Gesellschaft mit anderen Menschen Werke produzieren. Sie müssen zudem erkennen, dass dies ein anstrengendes, langwieriges Unterfangen und nicht immer von Erfolg gekrönt ist der Mensch ist nun mal nicht perfekt. Demgegenüber steht sein Wunsch, schnell und ohne Mühe zu Profit zu kommen – was durch das gesellschaftliche System, die Politik und Medien gefördert wird. Das Kapitel war mir alles in allem zu diffus und ich fand die Schlussfolgerungen nicht überzeugend hergeleitet, auch wenn ich den Grundgedanken selbst nicht verkehrt finde.

In meinem Psychologie-Studium wurde die Morphologische Psychologie nie erwähnt, und ich habe den Eindruck, dass es vielen anderen Psychologen, die nicht gerade in Köln studiert haben, ähnlich geht. Warum das so ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Morphologische Psychologie dem Trend der „Wissenschaftlichkeit“ im naturwissenschaftlichen Sinne widersetzt und eine eigene Sprache entwickelt hat.

Fazit: Eine für meinen Geschmack z.T. etwas diffus bleibende Erläuterung der Grundgedanken der Morphologischen Psychologie. Nichtsdestotrotz ein Buch mit vielen interessanten Gedanken, die mein Bild von der Psychologie erweitert haben. Ein Buch, das für all diejenigen ein Denkanstoß sein könnte, die der naturwissenschaftlichen Psychologie verpflichtet sind. Ist man damit wirklich auf der „sicheren“ Seite? Erfasst man damit die menschliche Psyche besser als mit einer Psychologie, die sich nur auf sich selbst beruft? Diese Frage ist schwer zu beantworten und vermutlich ist es auch nicht wichtig, eine definitive Antwort zu finden. Die Frage lehrt mich aber, offen zu bleiben: Vielleicht ist doch alles anders, als ich bisher gedacht habe.

Daniel Salber – Wirklichkeit im Wandel – Bouvier

Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel

Quelle: pixabay.com

Melancholie pur

Die schwedischen Gummistiefel ist eine melancholische Geschichte, in der der Tod allgegenwärtig ist. Menschen sterben, oder es wird von Menschen berichtet, die gestorben sind. Das Ganze geschieht vor der Kulisse einer kleinen, schwedischen Schäreninsel, der Herbst ist gerade herangezogen.

Es passiert nicht viel in diesem Roman, und das, was passiert, ist nicht sonderlich spektakulär. Abgesehen von dem Ereignis, das die Geschichte ins Rollen bringt: Hauptperson Fredrik Welin – ein ehemalige Arzt, der sich nach einem Kunstfehler auf die Insel zurückgezogen hat – kann sich gerade noch aus seinem brennenden Haus retten. Schnell ist klar, dass es Brandstiftung war. Hat Welin sein Haus gar selbst angezündet?

Die namensgebenden Stiefel spielen natürlich ebenfalls eine Rolle: Welin bestellt ein neues Paar in dem Schiffsbedarfsladen auf dem Festland, nachdem sein altes verbrannt ist. Aber es ist wie verhext: Die Bestellung will und will nicht eintreffen.

Welin ist mir nur mäßig sympathisch, empfinde ich ihn doch als übergriffig und einen Menschen mit vielen Vorurteilen. Es fällt ihm zudem schwer, zu kommunizieren und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das führt teilweise zu hölzernen Dialogen, nicht zuletzt, weil sein jeweiliges Gegenüber in vielen Fällen genauso schweigsam ist.

Und trotzdem. Trotz Melancholie, Tod, mangelnder Handlung und einem unzugänglichen Protagonisten: Ich hatte keine Mühe, das über vierhundertseitige Werk zu lesen. Es war interessant. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, was den Reiz des Buches wirklich ausmacht. Es ist einfach fesselnd. Vielleicht ist es die subtile Entwicklung, die Welin durchmacht, vielleicht die Atmosphäre, die gut rübergebracht wird?

Über die Phase des Lesens hinaus hat mich die Geschichte dann aber doch wenig berührt. Vielleicht ist die Lebenssituation des Protagonisten – seine Probleme mit dem Älterwerden – noch zu weit von meiner eigenen entfernt. Führt man sich vor Augen, dass Die schwedischen Gummistiefel Mankells letztes Werk war, bevor er im Oktober 2015 starb, bekommt der Tenor der Geschichte allerdings eine ganz andere Bedeutung.

Fazit: Auf mysteriöse Weise fesselnde, und doch ruhige Geschichte über einen alternden Arzt, der ein bisschen aus seiner Einsamkeit herausfindet. Vielleicht etwas zu weit von meinem eigenen Leben entfernt, als dass sie mich nachhaltig beeindruckt hätte.

Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel – Aus dem Schwedischen von Verena Reichel – dtv

Neil Gaiman – Beobachtungen aus der letzten Reihe

Quelle: pixabay.com

Ein neues Universum

Auf das Buch, das ich heute vorstellen möchte, bin ich ganz zufällig gestoßen, und ich bin froh über diesen Zufall. Es enthält verschiedene Texte von Neil Gaiman, einem britischen Science-Fiction, Fantasy- und Comic-Autor, der auch Kinder- und Jugendbücher verfasst. Der vorliegende Band enthält u.a. Vorwörter, die Gaiman für die Bücher anderer Autoren geschrieben hat, aber auch Reden, oder zum Beispiel  ein Interview, das er als Journalist mit Lou Reed geführt hat.

In seinen Texten greift er ganz unterschiedlichen Themen auf: Zum einen geht es natürlich um die Bücher, deren Vorwörter er verfasst hat. Auf diese Weise habe ich eine ganze Reihe von Autoren kennen gelernt und mehr über ein Genre erfahren, das ich bisher immer links liegen gelassen habe. Immerhin, einige Autoren waren selbst mir bekannt, denn  natürlich habe ich schon von Terry Pratchett, Douglas Adams und Stephen King gehört. Gaiman war bzw. ist mit ihnen befreundet und hat mit ihnen zusammengearbeitet. Berührt hat mich ein Kapitel, in dem er durch Zufall während eines Interviews vom Tode Douglas Adams‘ erfährt. Das Interview ist später nicht zu gebrauchen, so geschockt ist Gaiman.

Zum anderen geht es in Beobachtungen aus der letzten Reihe aber auch um allgemeine Themen rund ums Schreiben: Wofür sind Geschichten eigentlich gut? Welche Bedeutung hat das Lesen? Brauchen wir heutzutage noch Bibliotheken? Was ist eigentlich Genre-Literatur? Dabei erfährt man  auch viel über Neil Gaiman selbst: Wie ist er zu dem Schriftsteller geworden, der er ist? Was ist ihm wichtig? Wir erfahren, dass er Musik sehr gerne mag. Hier war ein Kapitel besonders schön, das sich seiner Frau und ihrer Musik widmet.

Es hat mir großen Spaß gemacht, das Buch zu lesen, auch wenn mir bei manchen Kapiteln etwas der Hintergrund fehlte und sich die Inhalte z.T. überschnitten haben. Es hat Spaß gemacht, weil man Gaimans Begeisterung heraushört. Weil er seine Kollegen wertschätzt und ihr Talent neidlos anerkennt. Weil er sich selbst nicht so tierisch ernst nimmt und selbstkritisch ist, ohne seine Erfolge klein zu reden. Weil er mir eine unbekannte Welt nahegebracht hat.

Dieses Buch ist wahrscheinlich ein Fundus für Science-Fiction-, Fantasy- und Comic-Fans, aber eben nicht nur für sie.  Ich werde es wohl noch einmal lesen, mir ein paar Autoren herauspicken und mich in das neue Universum einarbeiten. Und mir natürlich noch andere Bücher von Gaiman zu Gemüte führen.

Neil Gaiman – Beobachtungen aus der letzten Reihe: Über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen – Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Ruggero Leò – Eichborn-Verlag

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler

Quelle: pixabay.com

Was heißt eigentlich kreativ?

Der Titel Denken wie ein Künstler – Wie Sie Ihr Leben kreativer machen klang für mich zuerst nach einem Ratgeber, der vollmundige Versprechen abgibt, die er dann doch nicht einhält. Doch war mein Interesse geweckt und so habe ich mich ein bisschen genauer mit dem Buch befasst. Und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht doch lohnen würde, es zu lesen. Und so war es dann auch.

Warum ist das so? Ich habe gemerkt, dass Denken wie ein Künstler kein Ratgeber ist, sondern eher eine Analyse – eine Analyse des künstlerischen Wesens. Was macht den Künstler zum Künstler? Gompertz überlässt es seinem Leser, zu entscheiden, was er aus seinen Ausführungen mitnehmen möchte.

Will Gompertz ist Kunstkorrespondent der BBC und hat Künstler verschiedener Art kennen gelernt und in ihrem Schaffen beobachtet. In Denken wie ein Künstler gibt er in unterhaltsamer Form einen Überblick darüber, was seiner Meinung nach diesen Künstlern gemein ist.

Das tut er in insgesamt 11 Kapiteln, deren Überschriften schon ganz gut andeuten, worum es geht: 1. Künstler denken unternehmerisch, 2. …scheitern nicht, 3. …sind ernsthaft neugierig, 4. …stehlen, 5.  …sind Skeptiker, 6. …sehen das große Ganze und die kleinen Details, 7. …haben einen Standpunkt, 8. …sind mutig, 9. …machen Denkpausen, 10. Alle Schulen sollten Kunstschulen sein, 11. Ein letzter Gedanke.

Aufgelockert wird das Ganze durch witzige Strichzeichnungen, Schwarz-Weiß-Abbildungen verschiedener Kunstwerke und Fotos sowie Zitaten von Künstlern zu Anfang und Ende jeden Kapitels. Innerhalb des Fließtextes sind wichtige Aussagen fett hervorgehoben.

Dazu kommt ein Farbteil mit Bildern, auf die Gompertz im Text genauer eingeht. Was er zu den Bildern zu sagen hatte, fand ich überaus spannend. Wenn ich in einem Museum bin, läuft das bei mir normalerweise so ab: Ich schaue mir ein Gemälde an, finde es ansprechend oder eher nicht. Ich bewundere den Künstler für sein Können und seine Ideen, kann ihn vielleicht einer Epoche zuordnen. Das war es aber auch schon.

Gompertz erhellt die Hintergründe zu den Bildern. Warum ist zum Beispiel Die Geißelung Christi von Piero della Francesca (1458-1460) ein so bemerkenswertes Bild? Es ist die perspektivische Darstellung, etwas völlig Neues für diese Zeit. Mit diesen und weiteren Hintergrundinformationen kann man die Bilder ganz anders, mit viel mehr Interesse betrachten.

Ich fand Denken wie ein Künstler nicht nur sehr angenehm zu lesen – Gompertz ist einfach begeistert von dem, was er tut und das merkt man dem Text an – es war auch gespickt mit gedanklichen Anregungen. So zum Beispiel im Kapitel Künstler haben einen Standpunkt, als Gompertz von dem US-amerikanischen Künstler Kerry James Marshall berichtet. Gompertz möchte ihn interviewen, und landet statt im Atelier (wo Marshall auf ihn wartet), aus Versehen zu Hause bei dessen Frau, der Schauspielerin Cheryl Lynn Bruce.

Sie bietet ihm Kuchen an, und als er sagt, dass er gerne welchen möchte, fordert sie ihn auf, sich einen Teller aus dem Regal auszusuchen. Sie sammelt Teller, von jeder Sorte gibt es einen. „Wir sind keine Roboter“, sagt sie dazu. „Das Leben ist aufregender, wenn man eine Meinung hat.“ (S. 165)

Ich fand es äußert spannend zu lesen, wie Künstler arbeiten, zu ihrem ganz persönlichen, unverwechselbaren Stil finden. Gompertz beschreibt z.B., wie Picasso von einem talentierten „Imitator“ zu einem Meister wurde. Picasso „bedient“ sich zwar auch als Meister noch bei vielen anderen Künstlern, nimmt deren Ideen auf, macht aber etwas ganz Eigenes draus, wobei die Reduktion eine wichtige Rolle spielt.

Das Denken der Künstler, wie es in den 11 Kapiteln charakterisiert wird, bildet einen wohltuenden Kontrast zu der Denkweise, die wir in der Schule lernen, und die leider so oft das Gegenteil von Kreativität ist.

Was heißt nun Kreativität? Gompertz stellt seinen Ausführungen keine Lehrbuch-Definition voraus. Ich fasse sie so zusammen: Kreativ-Sein heißt, dem eigenen Standpunkt auf originelle, neue Art Ausdruck zu verleihen, und sich dabei nicht vom Althergebrachten einschüchtern zu lassen. Dazu ist der Kreative neugierig und skeptisch und hört nie auf zu fragen. Kreativ-Sein beinhaltet die Verknüpfung von Dingen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen. Es heißt aber auch, Dinge weglassen zu können.

Fazit: Ein sehr unterhaltsames, interessantes Buch für all diejenigen, die das Gefühl haben, dass die Kreativität in ihrem Leben zu kurz kommt.

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler – aus dem Englischen von Sofia Blind – Dumont

 

Susan Sontag – Standpunkt beziehen

Der Realität ins Auge blicken

Standpunkt beziehen ist ein kleines Reclam-Heftchen mit gut 60 Seiten. Es enthält fünf Essays von Susan Sontag (1933-2004), einer umstrittenen amerikanischen Intellektuellen. Sie setzte sich sehr für Menschenrechte ein und war eine große Kritikerin der US-amerikanischen Gesellschaft und Regierung.

Susan Sontag hat mehrere Texte verfasst. Standpunkt beziehen gibt Auszüge aus einem Teil davon wieder.

Am interessantesten fand ich das Essay Gegen Interpretation. Susan Sontag geht davon aus, dass Kunst sich rechtfertigen muss, da sie keinen besonderen Sinn erfüllt. Dieser Umstand, und die Unfähigkeit der Menschen die Realität zu akzeptieren, hat eine wichtige Konsequenz:

Kunstwerke (z.B. Bücher) werden oft nicht so genommen, wie sie sind. Vielmehr schreiben Interpreten den Werken eine weitere Bedeutungsebene zu. Eine solche Interpretation weist wiederum darauf hin, dass der Interpret mit dem Werk unzufrieden ist. Er möchte es durch etwas anderes ersetzen.

Sontag fordert dazu auf, ein Kunstwerk in seiner realen Form anzunehmen. Statt zu überlegen, was es aussagt, sollte man nach dessen Wirkung fragen, d.h. nach den Empfindungen, die es auslöst.

Das hat mich nachdenklich gemacht, bin ich doch selbst jemand, der hinter jeder Ecke eine tiefere Bedeutung vermutet. Eine weitere Beobachtung passt zu Sontags Hypothese: Bei Büchern, die mich spontan begeistern, grabe ich selten tiefer nach. Dagegen nehme ich Bücher, die mich nicht packen, oft „auseinander“.

Daneben gibt es zwei Essays, die sich mit dem 11. September 2001 bzw. der Fotografie im Irakkrieg befassen. Ein weiteres, sehr kurzes Essay handelt von der Fotografie im Allgemeinen und ihren Merkmalen.

Im fünften und letzten Essay geht es um die Schönheit. Wie ist sie zu definieren? Aber auch der Missbrauch des Begriffs kommt zur Sprache. So sagte Papst Johannes Paul II. im Jahre 2002 zu den sexuellen Übergriffen katholischer Priester in den USA: „Ein großes Kunstwerk kann man verunstalten, doch seine Schönheit bleibt bestehen; und jede intellektuell redliche Kritik muss die Wahrheit dieses Satzes anerkennen.“ (S. 23)

Dieser Vergleich zwischen der katholischen Kirche und einem großen Kunstwerk dient laut Sontag dazu, das Geschehene zu bagatellisieren, „aus den abscheulichen Verfehlungen etwas zu machen, über das wir hinwegsehen können.“ (S. 23)

Susan Sontag ist sehr deutlich in ihren Aussagen – was aber nicht heißt, dass die Essays besonders leicht zu lesen wären. Doch dass sie ihre Meinung klar sagt, ist angesichts des Titels kein Wunder. Nicht zuletzt habe ich Standpunkt beziehen gelesen, um ihre Meinung zu erfahren.

Bei allen fünf Essays scheint die Forderung durch, der Realität ins Auge zu blicken. Sontag fordert den Leser eindringlich auf, sich nichts vorzumachen. 60 Seiten, die es in sich haben.

Susan Sontag – Standpunkt beziehen – Reclam

Theresia Enzensberger – Blaupause

Quelle: pixabay.com

Eine junge Frau sucht ihre Identität

Luise Schilling kommt 1921 nach Weimar, um am Bauhaus Architektur zu studieren. Sie verliebt sich in Jakob, der neben einigen anderen Studenten ein Anhänger Johannes Ittens und des Mazdaznans ist.

Itten ist Meister, so nennen sich die Lehrenden am Bauhaus. Mazdaznan ist eine religiöse Lehre, bei der es darum geht, mit dem Ich in Einklang zu leben. Dazu dient eine asketische Lebensweise mit vegetarischer Ernährung, Fasten, viel Bewegung, Meditation u.a.

Luise möchte zum Kreis der Mazdaznan-Studenten dazuzugehören, doch es will ihr nicht recht gelingen. Und auch Jakob macht ihr abwechselnd Hoffnung und stößt sie von sich, so dass sie sich schließlich enttäuscht sowohl von Jakob als auch Itten und Mazdaznan abwendet.

Wenig später wird Luise von ihren Eltern nach Berlin zurückbeordert. Dies erfährt der Leser aber nur anhand eines Briefes, den der Vater der Tochter schreibt. Die Eltern waren von Anfang an nicht sehr glücklich über Luises Entscheidung, nach Weimar zu gehen. Sie möchten, dass ihre Tochter einen guten Mann findet und auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet wird. Und so geht Luise die folgende Zeit auf eine Haushaltsschule.

Nachdem ihr Vater gestorben ist, kehrt Luise 1926 zum Bauhaus zurück, das mittlerweile nach Dessau umgesiedelt ist. Sie kann Bauhaus-Leiter Gropius  davon überzeugen, in die Bauabteilung zu kommen (und nicht in die Webwerkstatt, die ursprünglich für sie vorgesehen war).

Sie lernt neue Freunde kennen und verliebt sich. Erst scheint es so, als habe sie mit Hermann mehr Glück, doch dann treten auch in dieser Beziehung gravierende Probleme zutage, u.a. wegen Hermanns lockerer Lebensauffassung. Irgendwann wendet sich Luise auch von Hermann ab.

Sie schließt ihr Studium zwar ab, verlässt das Bauhaus aber desillusioniert. Sie wandert in die USA aus und wird dort, so erfährt der Leser am Ende des Buches, als Architektin und Autorin arbeiten.

In meinen Augen geht es in Blaupause vor allem um Luises Suche nach der eigenen Identität. Es geht um die Frage, die man sich als junger Erwachsener stellt: Wer bin ich eigentlich? Die Beantwortung dieser Frage geht unweigerlich  mit Abgrenzung einher – vom Elternhaus, von Jakob und dem Mazdaznan, von Hermann, letztlich auch vom Bauhaus. So gesehen ist es wohl ein klassischer Coming-of-Age-Roman.

Ein zweiter Aspekt ist natürlich das Bauhaus selbst. Man erfährt, wie das Studium dort funktionierte und hört bekannte Namen wie Gropius, Itten, Klee, Kandinsky usw. Das ist interessant und hat mich animiert, weitergehend zum Bauhaus zu recherchieren. Insgesamt bleibt die Auseinandersetzung mit dieser Kunstschule aber etwas an der Oberfläche.

Ein dritter Aspekt ist die geschichtliche Einordung. Luise ist nicht so desinteressiert an den politischen Ereignissen dieser Zeit wie die Itten-Jünger. Ihnen geht es nur um ihre persönliche Entwicklung und die Kunst. Luise ist aber doch so weit mit sich selbst beschäftigt, dass sie z.B. nicht versteht, wie ihr Bekannter Friedrich, ein Kommunist, so alarmiert sein kann.

Ein vierter Aspekt ist die Benachteiligung der Frau. Auch in einer so fortschrittlichen Umgebung wie dem Bauhaus herrschen traditionelle Rollenbilder vor. So traut man Luise nicht zu, richtig mit Zahlen umgehen oder dreidimensional Denken zu können. Itten sieht sie in der Webwerkstatt, aber nicht als Architektin. Er ist nicht der einzige, der so denkt.

Das Buch ist in der Gegenwartsform geschrieben und wirkt dadurch sehr aktuell; für meinen Geschmack fast ein bisschen zu aktuell. Oft hatte ich das Gefühl, dass es gar nicht um eine junge Frau Anfang des 20. Jahrhunderts geht, sondern um jemanden, der – sagen wir – fünfzig Jahre später gelebt hat.

Das liegt glaube ich im Wesentlich daran, dass Theresia Enzensberger an verschiedenen Stellen nicht sehr ins Detail geht: So z.B. beim Konflikt Luises mit ihrer Familie. Wir erfahren nicht viel über die inneren und äußeren Kämpfe, die sie austrägt, um ihre eigene Vorstellung vom Leben durchzusetzen. Es muss Frauen wie sie sehr viel Kraft gekostet haben, und das wird in Blaupause nicht richtig deutlich. (Vielleicht ist meine Vorstellung von den 1920er Jahren aber auch verkehrt).

Diesen kursorischen Stil kann man einerseits beklagen. Andererseits ist das Buch dadurch schnell und flüssig zu lesen und wühlt den Leser nicht sonderlich auf (zumindest mich nicht). Die Sprache würde ich schließlich als schnörkellos bezeichnen. In dieser Schnörkellosigkeit ist sie aber meines Erachtens nicht besonders raffiniert.

Fazit: Ein gut zu lesendes, interessantes, aber nicht allzu sehr in die Tiefe gehendes Buch über eine junge Frau, die ihre Identität sucht, und das in der besonderen Umgebung des Bauhauses. Es geht um den zentralen Konflikt der Identitätsfindung im jungen Erwachsenenalter: Die Abnabelung vom Elternhaus und die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. Wie viel Individualität ist der junge Mensch bereit aufzugeben, um dazuzugehören? Die historische Einbettung ins Deutschland der 1920er Jahre und die Darstellung der Schwierigkeiten, die man als Frau in dieser Zeit hatte, überzeugen mich nicht ganz. Das liegt vermutlich daran, dass zentrale Passagen nicht detailliert ausgeführt werden.

Theresia Enzensberger – Blaupause – Hanser

 

Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil

Quelle: pixabay.com

Ein etwas anderer Kommissar und ein vertrackter Fall

Kurz hintereinander werden in Paris zwei Leichen gefunden, die einer Lehrerin und eines reichen Schlossherrn. Im ersten Moment deutet alles auf Selbstmord hin. Da entdeckt Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg ein merkwürdiges Zeichen, das an beiden Tatorten hinterlassen wurde. Was hat es damit auf sich?

Adamsberg und seine Mitarbeiter finden heraus, dass beide Toten vor einigen Jahren zusammen in Island waren. Damals kamen zwei Mitglieder der Reisegruppe ums Leben. Wie hängen die beiden aktuellen Fälle mit der Reise und den damaligen Toten zusammen? War es möglicherweise doch Mord?

Die Lehrerin und der Schlossherr waren aber nicht nur zusammen in Island, sondern beide auch Mitglied in einem Geheimbund. Dieser Geheimbund spielt Sitzungen der Nationalversammlung zur Zeit der französischen Revolution originalgetreu nach. Als noch weitere  Mitglieder der geheimen Vereinigung sterben, wenden sich Adamsberg und die anderen Ermittler von der Island-Spur ab. Sie begeben sich in die Untiefen des Geheimbundes, kommen aber auch hier nicht weiter…. Bis es fast zu spät ist.

Das barmherzige Fallbeil ist für meinen Geschmack ein sehr spannender Kriminalroman, und Jean-Baptiste Adamsberg ein sehr ungewöhnlicher Kommissar. Er löst seine Fälle eher intuitiv. Bilder und Gedankenfetzen steigen in seinem Kopf auf, führen ein Eigenleben. Adamsberg versucht, diese Eingebungen festzuhalten und zu deuten. Er geht nicht analytisch vor wie sein Stellvertreter Danglard, was manchmal auch zu Konflikten führt.

In dieser Geschichte fügt sich das Puzzle nicht, wie in anderen Krimis, nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Was nicht bedeutet, dass man im Laufe der Ermittlungen nicht immer wieder etwas Neues erfährt. Adamsberg schaut sich all diese Puzzleteile immer wieder an, dreht und wendet sie. Bis er das ganze Puzzle am Ende in einem Rutsch zusammensetzt.

Damit überrascht er sowohl den Leser als auch seine Mitarbeiter, die schon lange das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. (Zumindest war ich überrascht über die Lösung; vielleicht geht es spitzfindigeren Lesern anders).

Adamsberg kommt sympathisch rüber, bleibt als Person aber auch ein Rätsel. Vargas stellt seine Gedanken und Gefühle nicht sehr ausführlich dar. Vermutlich, weil Adamsberg selbst keinen rechten Zugang zu ihnen hat. (Genau das ist ja der Grund für sein intuitives Vorgehen.) So gesehen stellt Vargas Adamsbergs Persönlichkeit konsistent dar. Auch die anderen Figuren sind gut gezeichnet.

In der Mitte hat das Buch einige Längen, da geht es um den Geheimbund und Robespierre. Hier hätte man von den 500 Seiten etwas abzwacken können. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt.

Fazit: Ein spannender Krimi mit einem etwas anderen Kommissar, mit einigen Längen in der Mitte. Wobei Menschen, die sich mehr für Robespierre interessieren, das vielleicht gar nicht so kritisch sehen.

Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil – aus dem Französischen von Waltraud Schwarze – Blanvalet