George Watsky – Wie man es vermasselt

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Das wahre Leben

Wie man es vermasselt umfasst 13 Essays über das Leben des Autors. In der ersten Geschichte wollen George und sein Freund Jackson einen Narwal-Stoßzahn von Kanada in die USA schmuggeln. Für mich die schwächste Geschichte (und ich war beim Lesen schon ein wenig enttäuscht). Doch ich bin drangeblieben. Nicht zuletzt wegen der Sprache, die locker, flockig und stellenweise richtig witzig daherkommt.

Ich habe es nicht bereut… Watsky hält ein ganzes Potpourri an Themen für den Leser bereit: Pleiten, Pech und Pannen eines pubertierenden Schülers; eine Reise durch Europa, die zeigt, dass man oft gar nicht so mutig ist, wie man gerne wäre; Watskys Bemühungen, in LA einen Job als Schauspieler zu bekommen, ohne seine Prinzipien an den Nagel hängen; die ersten Auftritte vor spärlichem  Publikum; seine Epilepsie, aber auch erste hilflose Erfahrungen mit Frauen. Und das sind nur einige Beispiele.

Es macht Spaß, den Beobachtungen, Gefühlen und Gedanken dieses sympathischen jungen Mannes zu folgen. Freimütig erzählt er von seinen Sorgen, Ängsten, Missgeschicken – ohne Selbstmitleid oder Bedauern. Eher als das, was sie sind: Erfahrungen, die man als fehlbarer Mensch nun mal macht und aus denen man lernen kann. Und so habe ich zwar gelacht, aber nicht über Watsky, sondern eher mit ihm als Schwester im Geiste und mit dem Gefühl: „Ja, so ist das Leben manchmal. Und trotzdem ist es irgendwie schön.“

Fazit: Watsky schafft es irgendwie, über die Fallstricke des Lebens zu philosophieren und dem Leser gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, dass am Ende schon alles gut wird. Das muss man erst mal hinkriegen. In meinen Augen eine sehr anregende und gleichzeitig auch ermutigende Lektüre.

George Watsky – Wie man es vermasselt – aus dem Amerikanischen von Jenny Merling – Diogenes

Hari Kunzru – White Tears

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„Hari Kunzru ist ein begnadeter Geschichtenerzähler“ – so wird die New York Times auf dem hinteren Buchdeckel zitiert. Und damit ist das Entscheidende  auch schon gesagt: Hari Kunzru  hat mit White Tears eine richtig gute Geschichte geschrieben.

Darin geht es um zwei junge Musiker namens Seth und Carter. Seth kommt aus schwierigen Verhältnissen; seine Mutter ist gestorben und der Vater mit der Erziehung vollkommen überfordert. Carter entstammt dem wohlhabenden Wallace-Clan:

„Carter sprach so gut wie nie über seine Familie. […] Er hatte einen Bruder und eine Schwester, beide älter als er, und sein Vater entpuppte sich als großzügiger Sponsor der Republikaner. […] Vielleicht war es kein Zufall, dass der Wallace-Konzern, ein Ungeheuer, dessen Tentakel sich bis in Bauwesen, Logistik und Energie ausbreiteten, seit Nine-Eleven expandiert hatte, indem er Amerika im Krieg gegen den Terror unterstützte.“ (S. 16).

Seth und Carter können mit der digitalen Musik nichts anfangen. Stattdessen nehmen sie auf alt hergebrachte Art Töne auf und entwerfen daraus in ihrem Studio einen ganz besonderen Sound. Vor allem der Blues hat es ihnen angetan.

Eines Tages erfasst Seth bei einem seiner Streifzüge durch New York zufällig den Gesang eines unbekannten Mannes. Unter mysteriösen Umständen gelingt es Carter, aus den aufgenommenen Fetzen ein ganzes Lied zu kreieren. Carter ist hin und weg von dem Song, Seth ist gleichzeitig fasziniert und irritiert, ja fast abgestoßen.

Dann verkauft Carter den Song ohne das Wissen seines Freundes im Netz. Er behauptet dabei, es handle sich um eine Aufnahme von „Charlie Shaw“ aus dem Jahre 1928. Der Hit geht viral. Die Sache ist Seth ganz und gar nicht geheuer, und dann meldet sich auch noch jemand und behauptet, den fiktiven Charlie Shaw zu kennen. JumpJim, der sich in einer Online-Tauschbörse herumtreibt, will unbedingt wissen, was auf der B-Seite der Platte ist….

Und Seths Unbehagen trügt nicht: Kurze Zeit später wird Carter auf brutale Weise überfallen und fällt ins Koma.  Alles deutet darauf hin, dass der Überfall mit der Aufnahme zusammenhängt. Seth macht sich mit Carters Schwester Leonie auf die Suche nach Charlie Shaw: Nur er kann Licht ins Dunkel bringen.

Die Suche führt die beiden Richtung Süden, durch Mississippi. Sie folgen den Hinweisen von JumpJim, der auch einst nach Charlie Shaw suchte. Wie es JumpJim damals erging, und was Seth und Leonie heute erleben, wird genial mit der Geschichte der Familie Wallace zusammengebracht und zu einem überzeugenden Ende geführt.

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Buch viele surreale Momente enthält, vor allem in der zweiten Hälfte. Es geschehen merkwürdige Dinge, die Seth sich nicht erklären kann. Später geht es sogar so weit, dass er nicht mehr weiß, welche Personen real sind, und welche nur Geister. Kunzru gelingt es meines Erachtens sehr gut, Seths Verwirrung für den Leser greifbar zu machen.

Fazit: Sehr lesenswerte, spannende Geschichte über den Blues, die Unterdrückung der Schwarzen und deren Ausbeutung.

Hari Kunzru – White Tears – Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner – Liebeskind

T. C. Boyle – Hart auf hart

Der Roman Hart auf hart handelt vom Ehepaar Sten und Carolee Stenson und ihrem drogensüchtigen, paranoiden Sohn Adam, der die meiste Zeit im Wald verbringt und gegen eingebildete Feinde kämpft. Es beginnt damit, dass Sten und Carolee im Rahmen einer Kreuzfahrt an einem Landgang in den Urwald Costa Ricas teilnehmen. Dort werden sie  von jungen Männern überfallen. Sten überwältigt einen der Männer in dem Versuch, die Gruppe zu beschützen. Schließlich tötet er ihn, obwohl die Lage schon unter Kontrolle ist. All das passiert quasi automatisch, der Vietnamkriegsveteran Sten agiert ohne nachzudenken. Es geht als Notwehr durch und Sten fährt zurück in die USA, wo er fortan als Held gilt, seiner eigenen Tat und seinem Heldentum aber durchaus mit gemischten Gefühlen gegenübersteht.

Im Weiteren lernen wir Sara kennen, die in einen Streit mit der Polizei gerät, weil sie beim Autofahren nicht angeschnallt ist. Sara erkennt die Polizei und ihre Befugnisse nicht an, bezieht sich dabei auf den „Universal Commercial Code“ (UCC) und den 14. Zusatzartikel zur Verfassung der USA (s.u.). Es kommt durch Saras Überzeugungen in dieser Situation und auch im Folgenden immer wieder zu Schwierigkeiten mit den Ordnungshütern, doch auch ihre gute Freundin Christabel kann sie nicht von ihrer Haltung abbringen. Sara trifft Adam, den sie noch aus der Schule kennt, und versteckt sich bei ihm vor der Polizei. Er lebt im Haus seiner Großmutter, die vor einiger Zeit verstorben ist.

Der UCC umfasst eine Reihe von Gesetzen, die den Handel zwischen US-Staaten und Territorien regeln. Die einzelnen Staaten können den UCC  so übernehmen, wie er ist, oder nach den eigenen Bedürfnissen anpassen und zum Landesgesetz machen (Quelle: Englische Wikipedia). In der englischen Wikipedia heißt es weiter: „The overriding philosophy of the Uniform Commercial Code is to allow people to make the contracts they want, but to fill in any missing provisions where the agreements they make are silent.” Ich verstehe es so, dass die Leute die Verträge machen können, die sie wollen, dass aber zu Aspekten, zu denen die Verträge nichts sagen („where the agreements they make are silent“) die Bestimmungen des UCC ergänzt werden können („fill in missing provisions“). Und so sagt Sara des Öfteren gegenüber der Polizei: „Ich habe keinen Vertrag mit Ihnen“ (S. 72, 73, 266).

Auf Seite 269ff bezieht Sara sich auf den 14. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten und referiert gegenüber Christabel: „Keiner der Einzelstaaten darf Gesetze erlassen oder durchführen, die die Vorrechte oder Freiheiten von Bürgern der Vereinigten Staaten beschränken, und kein Staat darf irgendjemandem ohne ordentliches Gerichtsverfahren nach Recht und Gesetz Leben, Freiheit oder Eigentum nehmen oder irgendjemandem innerhalb seines Hoheitsbereiches den gleichen Schutz durch das Gesetz versagen.“  Sara sieht sich als „souveräne Bürgerin“ (S. 71); die Gurtpflicht, gegen die sie verstößt und weswegen sie angehalten wird, ist „bloß eine weitere Schikane der Illegitimen Regierung des Amerikas der Konzerne“ (S. 71). Sie ist wütend: „alles, was man tat [war] reguliert bis zum bis zum Gehtnichtmehr“ (S. 267) und spricht vom „Polizeistaat“ (S. 344).

Adam ist ein glühender Bewunderer von „Colter“, einem amerikanischer Trapper (1774-1813). Bisweilen verschwimmt bei ihm die Grenze zwischen der eigenen Person und der Colters. Adam sieht sich immer im Kampf, Leben ist Kampf („Friss oder werde gefressen“, S. 378). Er kämpft gegen die Aliens, so wie Colter gegen die Blackfeet oder sein Vater in Vietnam gekämpft hat. Als Adam nach zwei Morden von einem Großaufgebot der Polizei gesucht wird, hält er sich lange versteckt. Es herrscht Krieg zwischen ihm und der Polizei („Überraschungsangriff“, „Verteidigungsstellung“, „Feuergefecht“; S. 320-321). Letztlich pflanzt sich Stens Erfahrung als Vietnam-Veteran wohl in Adam fort. Beide, Vater und Sohn, kämpfen im Wald. Adam ist „knallhart“; der Begriff „hart“ wird oft von Sara im Zusammenhang mit Adam gebraucht, sie bewundert Adams „Härte“, letztlich das Soldatische. Sie liebt ihn trotz seiner Gewalttätigkeit, sie denkt nur, dass „er vielleicht zu weit gegangen ist.“ (S. 268)

Doch nicht nur Adam ist voller Aggressionen, sondern auch Sten. Das wird nicht nur am Anfang deutlich, als er den jungen Räuber tötet, obwohl die Gefahr schon gebannt ist. Auch später gibt es mehrere Situationen, in denen Sten kurz davor ist, „auszurasten“, sich am Ende aber doch noch zusammenreißt.  Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Szene, in der sich die Bewohner der Stadt im Kampf gegen das mexikanische Drogenkartell zusammentun, um Selbstjustiz zu üben. Hier ist es Sten, der zur Vernunft rät und vorschlägt, die Ermittlungen abzuwarten: Zwei Seelen leben scheinbar in seiner Brust.

Jeder hat letztlich seine Feindbilder: Adam kämpft einen individuellen Kampf gegen Aliens, die Mitbewohner kämpfen gemeinsam gegen die Mexikaner. Und auch Sara hat einen Feind: den Staat und die Polizei.

Boyle lässt die Eltern und Sara schließlich fragen, welche (Mit-)Schuld sie an Adams Gewalttätigkeit haben. Beide kommen zu dem Schluss, dass sie nicht ganz unschuldig sind. Boyle wirft aber auch die Frage auf, inwiefern das Gesundheitssystem eine „Karriere“ wie die Adams befördert, da die Eltern, als Adam volljährig ist, aus Datenschutzgründen nichts mehr für ihn tun können (S. 314).

Boyles Sprache ist klar und anschaulich; die Persönlichkeit der Leute, ihre Gefühle, Motive sind greifbar. Es ist anhand der Sprache immer klar, wer gerade spricht (Sten, Adam oder Sara). Die Sprache steht nie im Vordergrund, dient immer der Geschichte. Allenfalls die Vergleiche sind für meinen Geschmack manchmal ein bisschen schief bzw. übertrieben, aber wenn man sich dem Lesefluss hingibt, fallen sie wahrscheinlich gar nicht so auf: „Die Scheinwerfer bohrten sich in die Luft wie wärmegesteuerte Raketen in der Nacht“ (S. 207); „Es stach auf sie ein, es schob sich unter ihre Haut wie eine mit Essig gereinigte Injektionsnadel“ (S. 208, es geht um die Polizeisirene); „Sie war scharf auf ihn, schärfer als je zuvor, die Erregung brannte in ihr wie Feuer“ (S. 210).

Fazit:

Hart auf hart ist ein Buch, in das man eintauchen kann, ein echter „Pageturner“, wie ganz passend auf der Rückseite des Buches gesagt wird. In Teil I – VI gibt es mehrere „schwelende“ Konflikte, aber eigentlich keinen konkreten Höhepunkt, auf den es hinauslaufen könnte. Trotzdem spürt man unterschwellig: das geht nicht gut aus… Ab Teil VII (es gibt insgesamt 13 Teile) wird es dann konkreter: Ein Mann wurde umgebracht, und Sten fragt sich, ob Adam damit zu tun hat. Was die „Message“ des Buches angeht: Ich lese es als Kritik am US-amerikanischen Umgang mit Krieg, Waffen und Gewalt. Es geht um die Rolle von Staat und Polizei, wobei die Kritik nach meinem Verständnis in beide Richtungen geht: Kritik am Staat – wie setzt er Gewalt/Macht ein und um? Kriege werden geführt, die den Menschen Gewalt „einpflanzen“. Kritik an den Bürgern – wie gehen sie mit der Autorität um, wie bewerten sie Gewalt?  Die eigene Ausübung von Macht und Gewalt wird von den Bürgern legitimiert, die Gewalt des Staates und seine Gesetze werden ignoriert. Vielleicht steht Adams persönliche, krankhafte Paranoia hier auch stellvertretend für die Paranoia einer ganzen Gesellschaft?

T. C. Boyle – Hart auf hart – dtv