Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt

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Eine Frau und ein Mann renovieren zur Zeit der Wende eine Altbau-Wohnung in Berlin. Sie wollen gemeinsam dort einziehen. Sie sind schon etwas älter, haben  erfüllende Berufe, ehemalige Beziehungen und ältere Kinder. Etwas Neues soll beginnen, ihr gemeinsames Leben. Aber schon auf den ersten Seiten wird klar, dass das Schicksal auf perfide Art dazwischenfunkt.

Der Mann fällt beim Renovieren von der Leiter und staucht sich die Wirbelsäule. Und während er sich durch die Reha kämpft, kümmert sie sich um die Wohnung. Als die beiden schließlich eingezogen sind – der Mann geht mittlerweile am Stock – stellt sich heraus, dass die Wohnung ein echter Fehlgriff ist: Nachts können sie vor lauter Lärm nicht schlafen, die Heizung geht dauernd kaputt, ständig ist der Behindertenparkplatz besetzt usw.

Auf die Frage, warum die beiden in der Wohnung bleiben, gibt das Buch keine Antwort. Es ist wie ein Bericht verfasst, d.h. man erfährt wenig über ihre Gefühle oder darüber, wie sie die Situation bewerten. Natürlich versuchen sie, die Probleme zu lösen, ihre Bemühungen bleiben aber erfolglos. Warum gehen sie nicht? Meine Vermutung ist, dass sie bleiben müssen, um dem Sturz nachträglich einen Sinn zu geben. Die Wohnung muss es wert sein, dass er nur noch am Stock laufen kann.

Am Ende des Buches heißt es: „Alles, was auf diesen Seiten zur Sprache kommt, hat sich auf diese oder jene Weise ereignet. […]“ Ulrike Edschmids Partner ist der Mann, der fällt – und der in der zweiten Hälfte des Buches etwas in den Hintergrund rückt. Die Erzählerin schildert hier alle möglichen Dinge, die sie erleben: Der Kioskbesitzer um die Ecke wird angeschossen, sie müssen wegen eines Bombenfundes überstürzt das Haus verlassen und ähnliches.

Der Mann kommt immer dann wieder ins Spiel, wenn er eigentlich schnell reagieren müsste, dies aber nicht mehr kann. Ich verstehe es so, dass die erzwungene Verlangsamung und Hilfsbedürftigkeit des Mannes durch die „Verschnellerung“ und Verrohung der Umwelt betont werden soll. Doch gelingt dies meines Erachtens nicht. Das liegt vor allem daran, dass es kein Vorher gibt. Wie haben sie vorher gelebt? Was hat der Mann gemacht, was die Frau? Was war ihnen wichtig? Wo haben sie gelebt? Wie verroht und schnell war das Viertel vorher? All das wird nur angerissen, ist aber zum Verständnis der Veränderung wichtig und hätte meines Erachtens genauer ausgeleuchtet werden müssen.

Es gelingt auch deshalb nicht, weil einfach ein schlimmes Ereignis an das nächste gereiht wird. Offensichtlich haben die beiden all das erlebt, aber so konzentriert und ohne eine Einordnung wirkt es auf mich übertrieben und unglaubwürdig. Dazu kommt, dass das Paar in einer anderen Gegend Berlins vielleicht auch positivere Erfahrungen hätte machen können.

Doch es wird so dargestellt, als gäbe es eine zwingende Beziehung zwischen dem Unfall und den Ereignissen. Als wäre das Ganze unabänderlich. Es kann natürlich sein, dass Edschmid das so empfunden hat:  Es passieren nur noch schlimme Dinge, wir können nichts dagegen tun und diese schlimmen Dinge fordern die Langsamkeit meines Partners heraus. Aber es gelingt ihr (zumindest in meinem Falle) nicht, diese Empfindung nachvollziehbar darzustellen.

Die Sprache ist flüssig und kommt ohne Schnörkel aus, was natürlich zur Berichtsform passt. Es gibt zudem einige treffende Passagen, die mich nachdenklich gemacht haben, so z.B. auf Seite 67: „Zuweilen erstaune es ihn, schreibt er, dass er bei der erzwungenen Verzögerung seiner Schritte auf eine innere, längst vorhandene Langsamkeit stoße, die er früher hinter einer zum Lebensstil gewordenen Eile habe verschwinden lassen.“

Manchmal bin ich über einen Wechsel der Zeitform innerhalb eines Satzes gestolpert (bspw. Seite 151/152): „Als ich mich nach zehn Tagen von ihr verabschiede, habe ich vor, im nächsten Jahr wiederzukommen. Sie wird dann alt genug für einen Sari sein – zwölf Jahre. Noch trägt sie ein kurzes Kleidchen. Ich habe ihr den Sari für den Geburtstag mitgebracht. Ich frage sie, wo sie sein wird, wenn ich kommen.“  Die Erzählerin streut die Information, dass sie dem Mädchen den Sari tatsächlich mitgebracht hat, offenbar einfach an irgendeiner Stelle ein. Vielleicht, um die Natürlichkeit des Berichts zu betonen?

Fazit: Ein in Berichtsform gehaltenes Buch über einen Mann, der aufgrund eines Unfalls nur noch mit Stock laufen kann und sich anpassen muss, und ein Buch über Berlin zur Zeit des Mauerfalls.

Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt – Suhrkamp

Banana Yoshimoto – Lebensgeister

Banana Yoshimoto heißt eigentlich Mahoko Yoshimoto und liebt die red banana flower, was auch der Grund für ihren Künstlernamen ist.

Yoshimoto hat ein Buch über eine junge Frau geschrieben, die durch einen Unfall ihren Freund verliert und selber schwere Verletzungen – innerlich wie äußerlich – davonträgt. Für einen kurzen Moment schwebt Sayoko, so heißt die junge Frau, in Lebensgefahr und tritt in die Welt der Toten ein. Doch ihr geliebter verstorbener Opa schickt sie zurück ins Leben. In Lebensgeister erfahren wir, wie Sayoko ihre Verletzungen überwindet und zu ihrer Lebensfreude zurückfindet.

Yoshimotos Geschichte hat, wie gerade schon angedeutet, übersinnliche Elemente. Nicht nur, dass Sayoko eine Nahtoderfahrung macht, sie sieht auch die Geister der Verstorben (wenn auch leider nicht den Geist ihres Freundes Yoichi). Man sollte meinen, dass Sayoko diese Erfahrung beunruhigt, aber dem ist nicht so. Später erfährt sie sogar, dass auch andere Menschen Geister sehen können.

Im Verlauf ihres Heilungsprozesses lernt Sayoko neue Menschen kennen, die ihr gut tun, und auch die Beziehungen zu bereits bekannten Menschen, z.B. Yoichis Eltern, vertiefen sich. Sie macht die Erfahrung, dass das Gute in ihr durch die anderen Menschen zur ihr zurückstrahlt und sie ist bei aller Trauer dankbar für das, was sie in ihrem neu geschenkten Leben hat. Und das umso mehr, als ihr durch den Unfall klar geworden ist: Der Tod ist immer in der Nähe.

Die Sprache ist gefällig; es klingt fast so, als wäre Sayoko eine gute Freundin, die einem ihre Geschichte erzählt. Banana Yoshimoto gelingt es, Sayokos Gefühle und Befindlichkeiten, auch den Aufenthalt in der Zwischenwelt, plastisch darzustellen. Schön auch die Beschreibungen der Natur. Eine besondere Handlung gibt es nicht; die Geschichte wird getragen von Sayokos Alltag, der Aufgabe, das künstlerische Erbe ihres Freundes zu verwalten, aber vor allem von Sayokos Gefühlen, Reflexionen und Gesprächen. Dabei werden bestimmte Themen, wie z.B. die Dankbarkeit, immer und immer wieder aufgegriffen, was ich komischerweise nicht als unangenehm empfunden habe. Eher fühlte ich mich auf schöne Art in positive Gedanken eingelullt.

Fazit:

Seelenmassage und Meditation in einem. Schwieriges Thema in Hoffnung umgemünzt. Eine warme Decke an einem kalten Tag. Vermutlich nicht für jede Stimmung geeignet. Und auch nicht für vornehmlich rational veranlagte Leser.

Banana Yoshimoto – Lebensgeister – Diogenes – Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg