Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel

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Melancholie pur

Die schwedischen Gummistiefel ist eine melancholische Geschichte, in der der Tod allgegenwärtig ist. Menschen sterben, oder es wird von Menschen berichtet, die gestorben sind. Das Ganze geschieht vor der Kulisse einer kleinen, schwedischen Schäreninsel, der Herbst ist gerade herangezogen.

Es passiert nicht viel in diesem Roman, und das, was passiert, ist nicht sonderlich spektakulär. Abgesehen von dem Ereignis, das die Geschichte ins Rollen bringt: Hauptperson Fredrik Welin – ein ehemalige Arzt, der sich nach einem Kunstfehler auf die Insel zurückgezogen hat – kann sich gerade noch aus seinem brennenden Haus retten. Schnell ist klar, dass es Brandstiftung war. Hat Welin sein Haus gar selbst angezündet?

Die namensgebenden Stiefel spielen natürlich ebenfalls eine Rolle: Welin bestellt ein neues Paar in dem Schiffsbedarfsladen auf dem Festland, nachdem sein altes verbrannt ist. Aber es ist wie verhext: Die Bestellung will und will nicht eintreffen.

Welin ist mir nur mäßig sympathisch, empfinde ich ihn doch als übergriffig und einen Menschen mit vielen Vorurteilen. Es fällt ihm zudem schwer, zu kommunizieren und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das führt teilweise zu hölzernen Dialogen, nicht zuletzt, weil sein jeweiliges Gegenüber in vielen Fällen genauso schweigsam ist.

Und trotzdem. Trotz Melancholie, Tod, mangelnder Handlung und einem unzugänglichen Protagonisten: Ich hatte keine Mühe, das über vierhundertseitige Werk zu lesen. Es war interessant. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, was den Reiz des Buches wirklich ausmacht. Es ist einfach fesselnd. Vielleicht ist es die subtile Entwicklung, die Welin durchmacht, vielleicht die Atmosphäre, die gut rübergebracht wird?

Über die Phase des Lesens hinaus hat mich die Geschichte dann aber doch wenig berührt. Vielleicht ist die Lebenssituation des Protagonisten – seine Probleme mit dem Älterwerden – noch zu weit von meiner eigenen entfernt. Führt man sich vor Augen, dass Die schwedischen Gummistiefel Mankells letztes Werk war, bevor er im Oktober 2015 starb, bekommt der Tenor der Geschichte allerdings eine ganz andere Bedeutung.

Fazit: Auf mysteriöse Weise fesselnde, und doch ruhige Geschichte über einen alternden Arzt, der ein bisschen aus seiner Einsamkeit herausfindet. Vielleicht etwas zu weit von meinem eigenen Leben entfernt, als dass sie mich nachhaltig beeindruckt hätte.

Henning Mankell – Die schwedischen Gummistiefel – Aus dem Schwedischen von Verena Reichel – dtv

Banana Yoshimoto – Lebensgeister

Banana Yoshimoto heißt eigentlich Mahoko Yoshimoto und liebt die red banana flower, was auch der Grund für ihren Künstlernamen ist.

Yoshimoto hat ein Buch über eine junge Frau geschrieben, die durch einen Unfall ihren Freund verliert und selber schwere Verletzungen – innerlich wie äußerlich – davonträgt. Für einen kurzen Moment schwebt Sayoko, so heißt die junge Frau, in Lebensgefahr und tritt in die Welt der Toten ein. Doch ihr geliebter verstorbener Opa schickt sie zurück ins Leben. In Lebensgeister erfahren wir, wie Sayoko ihre Verletzungen überwindet und zu ihrer Lebensfreude zurückfindet.

Yoshimotos Geschichte hat, wie gerade schon angedeutet, übersinnliche Elemente. Nicht nur, dass Sayoko eine Nahtoderfahrung macht, sie sieht auch die Geister der Verstorben (wenn auch leider nicht den Geist ihres Freundes Yoichi). Man sollte meinen, dass Sayoko diese Erfahrung beunruhigt, aber dem ist nicht so. Später erfährt sie sogar, dass auch andere Menschen Geister sehen können.

Im Verlauf ihres Heilungsprozesses lernt Sayoko neue Menschen kennen, die ihr gut tun, und auch die Beziehungen zu bereits bekannten Menschen, z.B. Yoichis Eltern, vertiefen sich. Sie macht die Erfahrung, dass das Gute in ihr durch die anderen Menschen zur ihr zurückstrahlt und sie ist bei aller Trauer dankbar für das, was sie in ihrem neu geschenkten Leben hat. Und das umso mehr, als ihr durch den Unfall klar geworden ist: Der Tod ist immer in der Nähe.

Die Sprache ist gefällig; es klingt fast so, als wäre Sayoko eine gute Freundin, die einem ihre Geschichte erzählt. Banana Yoshimoto gelingt es, Sayokos Gefühle und Befindlichkeiten, auch den Aufenthalt in der Zwischenwelt, plastisch darzustellen. Schön auch die Beschreibungen der Natur. Eine besondere Handlung gibt es nicht; die Geschichte wird getragen von Sayokos Alltag, der Aufgabe, das künstlerische Erbe ihres Freundes zu verwalten, aber vor allem von Sayokos Gefühlen, Reflexionen und Gesprächen. Dabei werden bestimmte Themen, wie z.B. die Dankbarkeit, immer und immer wieder aufgegriffen, was ich komischerweise nicht als unangenehm empfunden habe. Eher fühlte ich mich auf schöne Art in positive Gedanken eingelullt.

Fazit:

Seelenmassage und Meditation in einem. Schwieriges Thema in Hoffnung umgemünzt. Eine warme Decke an einem kalten Tag. Vermutlich nicht für jede Stimmung geeignet. Und auch nicht für vornehmlich rational veranlagte Leser.

Banana Yoshimoto – Lebensgeister – Diogenes – Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg