Navid Kermani – Sozusagen Paris

Sozusagen Paris ist ein Eheroman und ein Buch über die Liebe, genauer gesagt über den Unterschied zwischen dem Ideal der romantischen Liebe und dem Ehe-Alltag, der der Phase der Verliebtheit unter Umständen folgt.

Der Ich-Erzähler ist ein Romanautor, der nach einer Lesung beim Signieren seine Jugendliebe trifft, um die es in dem präsentierten Buch ging. Im Buch heißt die Jugendliebe „Jutta“, wie sie im wahren Leben heißt, erfahren wir nicht. Nach der Lesung gehen die beiden zu Jutta nach Hause, wo sie mit ihrem Ehemann und den drei Kindern lebt. Die ganze Nacht über sitzen die beiden zusammen und reden über Juttas Ehe, um die es nicht sonderlich gut bestellt ist, und über das Wesen der Liebe. Dabei nimmt der Ich-Erzähler Bezug zu den französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts; Kermani lässt seine Protagonisten dazu im Wohnzimmer vor einem Regal mit eben diesen Romanen sitzen. Das Ideal der romantischen Liebe wurde,  so der Ich-Erzähler,  durch die Literatur in die Köpfe der Menschen gepflanzt.

Es ist ein Buch über die sich sehnende Liebe, die zu Ende ist, wenn das Subjekt der Begierde erobert ist. In der romantischen Liebe verliebt man sich in ein Wunschbild des anderen, in ein Idealbild, das keine Individualität hat. Schließlich wird man aber mit der Realität konfrontiert und enttäuscht. Die Wirklichkeit ist einfach nicht komplex genug, um den einen Partner lange genug an den anderen zu binden oder für ihn interessant zu machen.

Der Roman wird auf mehreren Ebenen erzählt. Der Ich-Erzähler beschreibt seine Unterhaltung mit Jutta, gleichzeitig reflektiert er über das Thema Liebe, zitiert die französischen Romanciers und berichtet auch über seinen Plan, ein neues Buch zu schreiben (eben das Buch, das man als Leser in Händen hält). Daneben sind Gespräche mit dem strengen  Lektor eingebaut, die der Ich-Erzähler gedanklich vorwegnimmt. Er spricht den Leser auch direkt an und reflektiert darüber, wie sein Roman beim Leser ankommen wird.

Der Ich-Erzähler schreibt am Anfang, dass der Inhalt des Buches nicht spektakulär sein wird, dafür aber sehr bedeutungsvoll. Leider überlässt er es nicht dem Leser, über die Bedeutung des Gesagten zu entscheiden. Die vielen Zitate wirken auf mich so, als würde der Ich-Erzähler seiner eigene Einschätzung darüber, was Liebe ist, nicht so recht trauen und sich lieber auf „Experten“ zurückziehen: Seht her, es ist wirklich bedeutungsvoll, denn Proust, Flaubert etc. haben es auch gesagt, und die müssen es wissen.

Übergeordnetes Thema ist nach meiner Auffassung die Frage, welche Bedeutung ein Mensch für einen anderen hat. Welche Bedeutung hat Jutta für ihren Mann, und welche er für sie? Diese Frage nach der Bedeutung überträgt der Ich-Erzähler aber auch auf andere Beziehungen, z.B. die zwischen Autor und Leser.  Letztlich geht es auch darum, wer zuerst nachgibt in der Beziehung, d.h. um Macht. Wer gibt seine Vorwürfe zuerst auf und versucht, den anderen zu verstehen. Damit geht es auch um die Frage der Nähe. Man muss dem anderen nahekommen, um eine Bedeutung für ihn zu haben und ihn zu verstehen. Wie kann man Nähe herstellen? Welche Rolle spielt z.B. die Sexualität dabei? Jutta versucht, ihren Mann über die Sexualität zu erreichen. Aber ist das wirklich Liebe? Letztlich will man einfach Gehör finden mit dem, was einem wichtig ist.

Und so will auch der Ich-Erzähler nicht, dass der Lektor an ihm herumkritisiert und ihn nötigt, Passagen zu löschen, die nicht zum Thema gehören, die dem Ich-Erzähler aber wichtig sind: Die Herkunft des Autors/Rassismus, Integration, Terror, Neil Young und das Buch, auf dem dieser Roman aufbaut („Große Liebe“).

Der Ich-Erzähler behauptet, mit einem „liebenden Auge auf Jutta“ zu blicken, aber so ganz überzeugend finde ich diese Aussage nicht. Er reflektiert ausgiebig darüber, was Jutta in bestimmten Situationen denken, fühlen und sagen würde. Der Leser erlebt Jutta selber gar nicht richtig, alles wird gefiltert durch den Ich-Erzähler, genau wie wir den Ehemann nicht selber erleben, sondern nur gefiltert durch Jutta. Der Ich-Erzähler scheint mehr an seinen Gedanken über Jutta und ihre Ehe interessiert zu sein als an Jutta selber. Es geht um ein Leben im Konjunktiv: was würde jemand sagen, wie würde jemand reagieren, es geht darum, Möglichkeiten gedanklich durchzuspielen, die vielleicht interessanter sind als die Wirklichkeit.

Kermani hat, passend zu den vielen Reflexionen, ein Faible für lange Sätze, die sich manchmal über mehr als zwanzig Zeilen erstrecken und zahlreiche Einschübe mit Erläuterungen, Einschränkungen und  Assoziationen aufweisen. Der Ich-Erzähler scheint sich dieser Eigenart bewusst zu sein, spricht er doch an einer Stelle von einem „Satzungetüm“, das der Lektor ihm herausstreichen wird.  Ein weiteres Stilmittel sind Wiederholungen, d.h. Aufzählungen, die immer mit dem gleichen Begriff anfangen.  Vielleicht hat es etwas mit Musik bzw. Rhythmus und Kermanis Begeisterung für Neil Young zu tun? Das Stilmittel erinnert auch an Gebete; etwas wird „gebetsmühlenartig“ wiederholt. Der Ich-Erzähler schreibt sehr detailliert, es bleibt nicht viel Raum für eigene Interpretation, bisweilen scheint mir, dass alles etwas übererklärt wird. Humor konnte ich keinen finden, oder ich habe ihn nicht bemerkt/verstanden, auch wenn der Ich-Erzähler sagt, dass die Unterhaltung zwischen Jutta und ihm nicht immer ernst war.

Wenn man zurückgeht zu der Idee, dass es in der Liebe darum geht, für jemanden eine Bedeutung zu haben und Nähe herzustellen, dann widerspricht der Aufbau des Romans mit der oft verwendeten indirekten Rede und den Reflexionen genau diesem Ziel. Vielleicht liegt gerade hier das Problem in der Liebe, dass zu viel reflektiert wird, statt direkt miteinander zu sprechen und den anderen wahrzunehmen. Andererseits macht der Ich-Erzähler gerade durch diesen Gegensatz auf das Problem aufmerksam. Am Ende spricht der Ich-Erzähler den Leser des Romans direkt an und erklärt, dass Liebe heißt, Aufmerksamkeit zu schenken, aber es bleibt ein ungutes Gefühl zurück, weil mir als Leser nicht klar ist, ob der Ich-Erzähler (oder der Autor?) sich darüber im Klaren ist, dass er – trotz eines fundierten theoretischen Wissens, das er sich bei Experten holt – bei seiner Beziehung zu Jutta genau die gleichen Fehler macht wie Jutta und ihr Mann. Alle kreisen nur um sich selbst.

Fazit:

Insgesamt habe ich nicht so viel Neues über die Liebe gelernt. Der Ich-Erzähler ist mir nicht sonderlich sympathisch, weil er sich für meinen Geschmack zu sehr auf Experten zurückzieht und vor allem um sich selber kreist. So kann Beziehung nicht funktionieren. Es kann sein, dass das Buch genau diesen Eindruck erwecken und damit aufklären wollte; insofern wäre es dann ein gelungenes Buch.

Navid Kermani – Sozusagen Paris – Hanser Literaturverlag