Theresia Enzensberger – Blaupause

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Eine junge Frau sucht ihre Identität

Luise Schilling kommt 1921 nach Weimar, um am Bauhaus Architektur zu studieren. Sie verliebt sich in Jakob, der neben einigen anderen Studenten ein Anhänger Johannes Ittens und des Mazdaznans ist.

Itten ist Meister, so nennen sich die Lehrenden am Bauhaus. Mazdaznan ist eine religiöse Lehre, bei der es darum geht, mit dem Ich in Einklang zu leben. Dazu dient eine asketische Lebensweise mit vegetarischer Ernährung, Fasten, viel Bewegung, Meditation u.a.

Luise möchte zum Kreis der Mazdaznan-Studenten dazuzugehören, doch es will ihr nicht recht gelingen. Und auch Jakob macht ihr abwechselnd Hoffnung und stößt sie von sich, so dass sie sich schließlich enttäuscht sowohl von Jakob als auch Itten und Mazdaznan abwendet.

Wenig später wird Luise von ihren Eltern nach Berlin zurückbeordert. Dies erfährt der Leser aber nur anhand eines Briefes, den der Vater der Tochter schreibt. Die Eltern waren von Anfang an nicht sehr glücklich über Luises Entscheidung, nach Weimar zu gehen. Sie möchten, dass ihre Tochter einen guten Mann findet und auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet wird. Und so geht Luise die folgende Zeit auf eine Haushaltsschule.

Nachdem ihr Vater gestorben ist, kehrt Luise 1926 zum Bauhaus zurück, das mittlerweile nach Dessau umgesiedelt ist. Sie kann Bauhaus-Leiter Gropius  davon überzeugen, in die Bauabteilung zu kommen (und nicht in die Webwerkstatt, die ursprünglich für sie vorgesehen war).

Sie lernt neue Freunde kennen und verliebt sich. Erst scheint es so, als habe sie mit Hermann mehr Glück, doch dann treten auch in dieser Beziehung gravierende Probleme zutage, u.a. wegen Hermanns lockerer Lebensauffassung. Irgendwann wendet sich Luise auch von Hermann ab.

Sie schließt ihr Studium zwar ab, verlässt das Bauhaus aber desillusioniert. Sie wandert in die USA aus und wird dort, so erfährt der Leser am Ende des Buches, als Architektin und Autorin arbeiten.

In meinen Augen geht es in Blaupause vor allem um Luises Suche nach der eigenen Identität. Es geht um die Frage, die man sich als junger Erwachsener stellt: Wer bin ich eigentlich? Die Beantwortung dieser Frage geht unweigerlich  mit Abgrenzung einher – vom Elternhaus, von Jakob und dem Mazdaznan, von Hermann, letztlich auch vom Bauhaus. So gesehen ist es wohl ein klassischer Coming-of-Age-Roman.

Ein zweiter Aspekt ist natürlich das Bauhaus selbst. Man erfährt, wie das Studium dort funktionierte und hört bekannte Namen wie Gropius, Itten, Klee, Kandinsky usw. Das ist interessant und hat mich animiert, weitergehend zum Bauhaus zu recherchieren. Insgesamt bleibt die Auseinandersetzung mit dieser Kunstschule aber etwas an der Oberfläche.

Ein dritter Aspekt ist die geschichtliche Einordung. Luise ist nicht so desinteressiert an den politischen Ereignissen dieser Zeit wie die Itten-Jünger. Ihnen geht es nur um ihre persönliche Entwicklung und die Kunst. Luise ist aber doch so weit mit sich selbst beschäftigt, dass sie z.B. nicht versteht, wie ihr Bekannter Friedrich, ein Kommunist, so alarmiert sein kann.

Ein vierter Aspekt ist die Benachteiligung der Frau. Auch in einer so fortschrittlichen Umgebung wie dem Bauhaus herrschen traditionelle Rollenbilder vor. So traut man Luise nicht zu, richtig mit Zahlen umgehen oder dreidimensional Denken zu können. Itten sieht sie in der Webwerkstatt, aber nicht als Architektin. Er ist nicht der einzige, der so denkt.

Das Buch ist in der Gegenwartsform geschrieben und wirkt dadurch sehr aktuell; für meinen Geschmack fast ein bisschen zu aktuell. Oft hatte ich das Gefühl, dass es gar nicht um eine junge Frau Anfang des 20. Jahrhunderts geht, sondern um jemanden, der – sagen wir – fünfzig Jahre später gelebt hat.

Das liegt glaube ich im Wesentlich daran, dass Theresia Enzensberger an verschiedenen Stellen nicht sehr ins Detail geht: So z.B. beim Konflikt Luises mit ihrer Familie. Wir erfahren nicht viel über die inneren und äußeren Kämpfe, die sie austrägt, um ihre eigene Vorstellung vom Leben durchzusetzen. Es muss Frauen wie sie sehr viel Kraft gekostet haben, und das wird in Blaupause nicht richtig deutlich. (Vielleicht ist meine Vorstellung von den 1920er Jahren aber auch verkehrt).

Diesen kursorischen Stil kann man einerseits beklagen. Andererseits ist das Buch dadurch schnell und flüssig zu lesen und wühlt den Leser nicht sonderlich auf (zumindest mich nicht). Die Sprache würde ich schließlich als schnörkellos bezeichnen. In dieser Schnörkellosigkeit ist sie aber meines Erachtens nicht besonders raffiniert.

Fazit: Ein gut zu lesendes, interessantes, aber nicht allzu sehr in die Tiefe gehendes Buch über eine junge Frau, die ihre Identität sucht, und das in der besonderen Umgebung des Bauhauses. Es geht um den zentralen Konflikt der Identitätsfindung im jungen Erwachsenenalter: Die Abnabelung vom Elternhaus und die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. Wie viel Individualität ist der junge Mensch bereit aufzugeben, um dazuzugehören? Die historische Einbettung ins Deutschland der 1920er Jahre und die Darstellung der Schwierigkeiten, die man als Frau in dieser Zeit hatte, überzeugen mich nicht ganz. Das liegt vermutlich daran, dass zentrale Passagen nicht detailliert ausgeführt werden.

Theresia Enzensberger – Blaupause – Hanser