Daniel Salber – Wirklichkeit im Wandel

Heitere Gelassenheit

Die Morphologische Psychologie wurde von Daniel Salbers Vater Wilhelm Salber (1928-2016) in den 1960er Jahren an der Universität zu Köln entwickelt. Sie greift inhaltlich auf Gedanken von Goethe, Nietzsche, Freud und der Gestaltpsychologie zurück.

Wirklichkeit im Wandel ist laut Untertitel eine Einführung in die Morphologische Psychologie. Um es vorwegzunehmen: Ich habe nach dem Lesen zwar eine Idee, worum es in diesem Teilbereich der Psychologie geht, insgesamt ist mein Bild aber noch etwas verschwommen. Dennoch ist es Daniel Salber gelungen, mir ein paar grundlegende Gedanken näherzubringen, die ich im Folgenden darstelle.

Die Morphologische Psychologie befasst sich mit der Wirklichkeit, also dem, „was wir konkret erleben, was auf uns wirkt und worin wir wirken.“ (S. 7). Im Alltag, in den alltäglichen Dingen, spiegelt sich die menschliche Seele. Es geht also nicht, wie sonst oft in der Psychologie, um theoretische Konstrukte wie z.B. die Intelligenz, die konkret definiert bzw. operationalisiert und dann gemessen wird.

Speziell interessieren Veränderungen dieser Wirklichkeit. Was heißt das? Dazu muss man zunächst wissen, dass die Morphologische Psychologie Werke analysiert. Eine Ehekrise ist z.B. ein Werk, die Kultur, aber auch Dinge sind Werke, wenn sie produziert werden. Werke produzieren aber auch selbst etwas, z.B. produziert ein Duschgel eine Belebung am Morgen (S. 34). Werke können auch scheitern, wie z.B. eine Ehe.

Existieren heißt also Werke schaffen. Aber Werke sind nie perfekt, immer in Entwicklung, bilden nie wirklich das Ganze oder die Idealvorstellung ab, nach der der Mensch eigentlich strebt. „Das Leben ist eine Dauer-Baustelle“ (S. 39), der Sinn des Lebens liegt im ständigen Auf- und Umbau. Der Traum von der Umsetzung des Ideals wird nie ganz erfüllt, ist aber die Motivation dafür, weiter Werke zu schaffen.

Die Seele drückt sich, wie oben gesagt, im Alltag aus, also in dem, was wir sagen und tun, in unseren Gesten etc. Dieser Ausdruck wird Wirkung genannt. Wenn man Zusammenhänge herstellt zwischen den Wirkungen erhält man eine Gestalt, die durch eine sogenannte Konstruktion erklärt wird. Die Konstruktion beschreibt das Prinzip, nach der Gestalten gebildet werden und ist die Grundlage der Behandlung.

Teil dieser Konstruktion sind unbewusste Bilder, die unsere alltäglichen Entscheidungen leiten. Ein Beispiel ist das Bild einer älteren Frau, ewig jung sein zu wollen. Dieses Bild bestimmt ihr Handeln und schließt viele andere Lebensmöglichkeiten aus. Sie treibt z.B. viel Sport, ist auf Schönheitschirurgie und teure Kosmetik angewiesen, spricht nicht über altersbedingte körperliche Einschränkungen etc.

Die Morphologische Psychologie geht interessanterweise davon aus, dass nicht die Kindheit die Bilder prägt, sondern die Bilder prägen die Kindheit. Damit sind die Ursachen für psychische Probleme nicht in der Vergangenheit angesiedelt, sondern in den Bildern, die von vornherein vorhanden waren.

Ein etwas ausführlicheres Beispiel für eine Konstruktion und die zugehörigen Bilder findet sich auf Seite 66/67: Ein junger Mann, der sein Jura-Studium abgebrochen hat, fängt immer wieder neue Berufe an, kommt einfach nicht auf einen grünen Zweig. Sein großes Vorbild sind die Brüder, die ein geregeltes Leben führen und erfolgreich sind (Hauptbild). Doch er fühlt sich in geordneten Verhältnissen einfach nicht wohl, wuselt lieber vor sich hin, was er sich aber nicht eingestehen will.

Er macht schließlich eine kleine Galerie auf. Sie ist nicht perfekt, sondern etwas chaotisch und gemütlich (Gegenbild). Dann lernt er eine Frau kennen, die das Hauptbild – das perfekte Leben, wie die Brüder es führen – repräsentiert. Sie nimmt die Sache in die Hand und aus der kleinen, gemütlichen Galerie wird eine große, perfekte.

Jetzt hat der Mann sein Ziel erreicht, ist aber überhaupt nicht glücklich. Er kann aber auch nicht mehr zurück in sein altes Leben und kommt zur Beratung. Es stellt sich heraus, dass er sich immer wieder abhängig gemacht hat, statt selbständig zu werden und „eine eigene Gestalt zu wagen“ (S. 67). Er hat die Selbständigkeit nicht gewagt, weil sie unplanbar und ungewiss ist. In der Behandlung werden dann Nebenbilder herausgearbeitet, die den jungen Mann ermutigen, etwas Eigenes zu machen und Chancen zum Wandel wahrzunehmen.

Wie diese Bilder konkret aussehen können, wird nicht gesagt, und so spekuliere ich: Vielleicht wäre ein Nebenbild, dass der Mann es sich zur Aufgabe macht, junge Künstler mit ungewöhnlichen Ideen und kleine Galerien aufzuspüren und auf ihrem individuellen Weg zu fördern?

Eine seelische Störung bedeutet nach der Morphologischen Psychologie, wie das obige Beispiel zeigt, dass der Wandel oder die Produktion von eigenen Werken z.B. durch Angst blockiert ist. Dabei ist die Morphologische Psychologie eher Hilfe zur Selbsthilfe: „Behandlung kann nur wirken, wenn sie die ohnehin laufende ‚Selbstbehandlung‘ des Seelischen versteht, aufgreift und weiterentwickelt. Therapie ist Weiter-Ent-Wicklung von Werken.“ (W. Salber; zitiert nach D. Salber S. 127).

Werke gehen immer wieder schief, das lässt sich nicht verhindern. Das Ziel ist, einen anderen Umgang mit den Lebensproblemen zu finden, über sich selber und seine Fehlerhaftigkeit lachen zu können: „Die heitere Gelassenheit, in der die Existenz auf Distanz zu sich selber geht, kann das Leben erträglicher machen“ (S. 137).

Ein Kapitel befasst sich mit dem Wesen des Psychologen. Zwei Begriffe sind hier besonders wichtig: Verwunderung und Betroffenwerden. „Zwischen Verwunderung für das Fremde, das begegnet, und Betroffenheit des Eigenen balanciert der psychologische Suchprozess in der Mitte“ (S. 84). Was bedeutet das? Zum einen bedeutet es, dass ein Psychologie das Gefühl haben muss, mit einem Phänomen konfrontiert zu sein, dass er nicht versteht, das ihn aber interessiert: „Verwunderung fängt an mit der Verwunderung darüber, was alles möglich ist unter der Sonne.“ (S. 78).

Betroffenwerden heißt, dass dieses Phänomen aber durchaus auch etwas mit dem Psychologen selbst zu tun hat. Er kann nicht auf Distanz bleiben, wird Teil der Wirklichkeit des Klienten: „Was er erforscht, ist er in gewisser Weise ja auch selbst. Sein Gegenstand be-trifft ihn, geht ihn an, ängstigt und lockt ihn. Er kann sich nicht davon machen, in reiner Distanz bleiben. Der Psychologe wird von seiner Sache ‚gehandelt‘. Es gibt hier keinen objektiven Beobachter, da der Psychologe in derselben Wirklichkeit lebt wie sein Gegenüber.“ (S. 81). Dabei ist es wichtig, dass der Psychologe sich selbst gut kennt, um zwischen den Problemen des Klienten und den eigenen Problemen trennen zu können.

Im letzten und sechsten Kapitel geht es um den aktuellen Zustand der Gesellschaft (Publikationsjahr 2009). Die Menschen sollen nach D. Salber – wenn ich es richtig verstehe wieder mehr zu einem Leben zurückkehren, in dem sie in Gesellschaft mit anderen Menschen Werke produzieren. Sie müssen zudem erkennen, dass dies ein anstrengendes, langwieriges Unterfangen und nicht immer von Erfolg gekrönt ist der Mensch ist nun mal nicht perfekt. Demgegenüber steht sein Wunsch, schnell und ohne Mühe zu Profit zu kommen – was durch das gesellschaftliche System, die Politik und Medien gefördert wird. Das Kapitel war mir alles in allem zu diffus und ich fand die Schlussfolgerungen nicht überzeugend hergeleitet, auch wenn ich den Grundgedanken selbst nicht verkehrt finde.

In meinem Psychologie-Studium wurde die Morphologische Psychologie nie erwähnt, und ich habe den Eindruck, dass es vielen anderen Psychologen, die nicht gerade in Köln studiert haben, ähnlich geht. Warum das so ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Morphologische Psychologie dem Trend der „Wissenschaftlichkeit“ im naturwissenschaftlichen Sinne widersetzt und eine eigene Sprache entwickelt hat.

Fazit: Eine für meinen Geschmack z.T. etwas diffus bleibende Erläuterung der Grundgedanken der Morphologischen Psychologie. Nichtsdestotrotz ein Buch mit vielen interessanten Gedanken, die mein Bild von der Psychologie erweitert haben. Ein Buch, das für all diejenigen ein Denkanstoß sein könnte, die der naturwissenschaftlichen Psychologie verpflichtet sind. Ist man damit wirklich auf der „sicheren“ Seite? Erfasst man damit die menschliche Psyche besser als mit einer Psychologie, die sich nur auf sich selbst beruft? Diese Frage ist schwer zu beantworten und vermutlich ist es auch nicht wichtig, eine definitive Antwort zu finden. Die Frage lehrt mich aber, offen zu bleiben: Vielleicht ist doch alles anders, als ich bisher gedacht habe.

Daniel Salber – Wirklichkeit im Wandel – Bouvier

Daniel Glattauer – Die Wunderübung

Die Wunderübung ist kein Roman, sondern ein Theaterstück bzw. eine Komödie. Sie handelt vom Ehepaar Dorek, das einen Berater aufsucht, um eine Paartherapie zu machen. So besteht das Buch im Wesentlichen aus wörtlicher Rede plus einigen kurzen „Regieanweisungen“:  „Berater (hocherfreut): Jaja, aber sicher, natürlich! Sehr gerne! Der Berater mustert die Klienten erwartungsvoll. Schweigepause. Joana: Sie meinem vielleicht, dass einer von uns beiden…“ (S. 8).

Das Ehepaar macht es dem Berater nicht gerade leicht; Herr und Frau Dorek sind ein bisschen sperrig – um es vorsichtig auszudrücken – und die Komödie handelt davon, wie der Berater mit dieser Situation umgeht und das Paar doch noch „knackt“ und ihnen hilft. Angeblich schafft er das mit Hilfe der titelgebenden „Wunderübung“, letztlich ist es aber die sogenannte „Paradoxe Intervention“, die hilft und in der Komödie beschrieben wird.

Es wird deutlich, warum die Situation der Doreks so verfahren ist: Keiner der beiden will seine Dominanz aufgeben, sich in den anderen hineinversetzen, es hagelt gegenseitige Vorwürfe, eine böse Unterstellung jagt die nächste. Am Ende ist es um die Beziehung von Joana und Valentin dank der Intervention des Beraters zwar wieder besser gestellt, aber eigentlich haben sie nichts dazugelernt.  Dafür der Leser umso mehr.

Man lernt in Die Wunderübung also etwas darüber, wie manche Paare miteinander umgehen und welche Methoden Psychotherapeuten anwenden, um Beziehungskonflikte zu bearbeiten. Man erfährt aber letztlich auch – und das ist neben der plötzlichen Wendung hin zur Lösung des Beziehungskonfliktes der zweite Clou des Buches – dass es zwei verschiedene Paar Schuhe sind, andere Menschen zu behandeln und selber eine Beziehung zu führen (S. 109-111).

Fazit:

Ein kleines, lehrreiches Büchlein für zwischendurch für alle, die sich für Psychologie interessieren; amüsant und mit zwei mehr oder weniger unerwarteten Wendungen.

Daniel Glattauer – Die Wunderübung – Goldmann