Ian McEwan – Nussschale

Nussschale ist ein ganz besonderer Roman, weil er aus der Sicht einer ganz besonderen Person geschrieben ist, der eines (männlichen) Fötus. Dieser bekommt ganz gut mit, was draußen so vor sich geht und weiß von daher, dass seine Mutter Trudy und ihr Geliebter Claude planen, seinen leiblichen Vater umzubringen. Diese Ausgangssituation legt McEwan auf den ersten anderthalb Seiten des Romans genial dar.

Zwar muss sich der Fötus aufgrund seiner Abgeschiedenheit mit einigen Mutmaßungen zufrieden geben (z.B. S. 40/41), alles in allem hat er aber ein sehr fundiertes Wissen über die Welt und eine dezidierte Meinung zu aktuellen Themen, was er in einigen längeren Abhandlungen demonstriert (z.B. S. 42).

Der erzählende Fötus, an sich schon absurd, denkt und spricht wie ein äußerst gebildeter Erwachsener. Diese Bildung hat er durchs genaue Zuhören und dank der Vorliebe seiner Mutter für auditive Informationsquellen wie Radio und Podcasts: „In so mancher langen, ruhigen Nacht habe ich meiner Mutter einen heftigen Tritt verpasst. Sie wurde wach, konnte nicht wieder einschlafen und tastete nach dem Radio. Grausam, ich weiß, aber am Morgen waren wir beide besser informiert.“ (S. 14).

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für McEwans (trockenen) Humor, so die Beschreibung Claudes durch den Fötus auf Seite 83/84: „Seine [Claudes] Geistlosigkeit hat etwas Poetisches, eine Form von Nihilismus, die das Gewöhnliche aufwertet. Oder, umgekehrt, etwas Gewöhnliches, das selbst den abscheulichsten Gedanken entschärft.“. Später, als Claude über den Mordplan spricht, kommentiert der Fötus: „Trotzdem ist sein Plan eher der eines Winzers als eines Metzgers. Unausgegoren.“ (S. 89). Die Grenze zwischen Humor und Zynismus ist fließend, manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken: „Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter.  Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt […]“ (S. 17).

Schon mit dem Zitat, das dem Roman vorangestellt ist, wird der Bezug zu Shakespeares Drama „Hamlet“ klar. Schnell sind die Rollen verteilt: Die Mutter des Fötus, Trudy, entspricht Gertrude; ihr Geliebter Claude ist Claudius. Claudes Bruder, John, ist König Hamlet, der Fötus selber Prinz Hamlet. Letzterer kann nichts tun, um den Mord zu verhindern, aber er könnte später Rache nehmen (S. 80/81), genauso wie Prinz Hamlet.

Doch der Fötus ruft sich ins Gedächtnis, dass Rache „out“ ist (S. 80/81) und bezieht sich dabei auf den englischen Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes und sein Hauptwerk Leviathan. Hobbes stellt dem Naturzustand des Menschen, der durch Gewalt, Anarchie, Gesetzlosigkeit, Wettbewerb und Ehrgeiz gekennzeichnet ist, den Staat gegenüber, d.h. eine übergeordnete Instanz, die die Einhaltung der Gesetze überwacht. (Auf Claude und Trudy trifft die Charakterisierung des Naturzustandes mehr als zu: Sie versinken im Chaos, sind selbstsüchtig und rücksichtslos.)

Dass der Roman an ein Theaterstück angelehnt ist, wird an vielen weiteren Stellen deutlich. Zum einen spielt er, an ein Bühnenbild erinnernd, ausschließlich im Hause Johns, wo Trudy mit Claude lebt. Und genauso wie Hamlet, stirbt John durch Gift.

Weitere Beispiele: Der Fötus sieht sich selbst wie einen Theater-Besucher (S. 37ff); auf S. 130 sagt er: „Seit einer Weile, aber, fragt nicht, warum, bin ich der Komödie überdrüssig.“; die Sprache ist dramatisch: „Aber ich war’s, ich war’s! O Gott!“ (Seite 75); dramatische Zuspitzung der Ereignisse, nachdem die Polizei die Nachricht vom Tode Johns überbracht hat; usw.

Schließlich klärt McEwan mit seinem Roman einige Fragen, die Shakespeares Drama offen gelassen hat: Hatten Gertrude und Claudius zu Lebzeiten des Königs ein Verhältnis? Ja! Woher stammt Hamlets Ekel gegenüber Sexualität? Er musste als Fötus das überaktive Sexualleben seiner Mutter mit ihrem Geliebten miterleben! Dann: War Gertrude vielleicht doch am Mord beteiligt? Jawohl! Hat Gertrude den Mord aus sexuellem Interesse an Claudius befördert? Ja!

Fazit:

Ein witziger, unterhaltsamer, aber aufgrund der Erzählhaltung des Fötus nicht übermäßig spannender Roman mit (etwas zu ausgiebigen) politischen Statements und unklarer Message. Dennoch lesenswert.

Ian McEwan – Nussschale – Diogenes – aus dem Englischen von Bernhard Robben

 

Dimitri Verhulst – Die Unerwünschten

Die Unerwünschten umfasst zwei Geschichten, die sich um das Schicksal von Heimkindern drehen und von wahren Begebenheiten handeln. Die erste Geschichte, Requiem für eine Fotze, erzählt von einem jungen Mann, der die Beerdigung eines Mädchens namens Gianna besucht. Sie hat mit ihm zusammen im Heim gelebt und sich selbst das Leben genommen. Die zweite Geschichte, Die Ankunft am bleichen Morgen, handelt von Sarah und Stefaan, einem Ehepaar, das seine beiden Kinder umgebracht hat und deshalb vor Gericht steht.

In Requiem für eine Fotze spricht ein unbekannter Erzähler ein „Du“ an. Ich habe es so verstanden, dass Verhulst, der selber im Heim gelebt hat, hier mit und über sich selbst und seine Erfahrungen spricht. Er tut das in einem überwiegend zynischen Tonfall, der mich sehr beklommen gemacht hat.

Der Junge ist erfüllt von Schuldgefühlen und zermürbender Selbstkritik. Ein Gefühl der Minderwertigkeit kommt in dem Bericht zum Ausdruck, aber auch Scham über die eigene Situation, das Gefühl, etwas beweisen zu müssen und die eigene Unsicherheit zu verbergen.

Der Erzähler beschreibt die Sonntage im Heim, an denen nur wenige Kinder Besuch bekommen. Und wenn doch, wird der „Appetit auf Mutterliebe“ schnell „von ihrem Achselgeruch erstickt“ (S. 26). Es geht um Sexualität, die im Heim zum Ersatz für Zuneigung wird, um gutmeinende Menschen, die ihren Müll im Heim abgeben und Dankbarkeit erwarten. Schließlich sitzt der Junge in der Kirche und muss sich anhören, alles sei gut, wie es ist (S. 33): „Der Anfang von Psalm 23 – ‚Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln‘ – ist eine wahre Zumutung für jeden Menschen.“

Und die Folgen? Eine davon ist die Bindungsunfähigkeit: „Einerseits fühltest du dich unheimlich leicht abgelehnt, andererseits hättest du Hornhaut auf sämtlichen Gefühlsorgangen entwickelt. Zwischen Bindungsfurcht und der Angst, verlassen zu werden, jagtest du hin und her.“ (S. 61).

Die Ankunft am bleichen Morgen  umfasst einen Dialog zwischen Stefaan und Sarah, den unter Anklage stehenden Eltern. Man erfährt, was die beiden für Menschen sind, wie sie zu Soziopathen – so das Urteil der Gutachter – wurden, die ihre Kinder umgebracht haben.

Andererseits wird in einer Ausführung des Richters klar, dass die beiden sich nicht hinter ihrer Herkunftsgeschichte verstecken dürfen, dass es Menschen gibt, die unter ähnlichen Bedingungen aufwachsen und anders handeln (S. 134 ff). Die Ankunft am bleichen Morgen schockierte mich durch den kompletten Mangel an Empathie der Eltern für ihre Kinder.

Zwei Aussagen Stefaans bringen seine Sichtweise auf den Punkt: „Kinder darf man in die Welt setzen, aus welchem Grund auch immer. Aber wenn einer seine Kinder kaputtmacht, um endlich aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen, landet er vor Gericht. Alle hacken auf uns herum.“ (S. 99). Die Kinder werden aufgefasst als ein Ding, das man sich anschafft und wieder loswird. Es wird aber auch klar, was aus seiner Warte dahintersteckt: „Ich wusste nicht viel, aber eins wusste ich: Meine Kinder würden sie nicht in ein Heim stecken, nur über meine Leiche. Also, was sollten wir tun? Wir haben unsere Kinder kaputtgemacht. Zu ihrem eigenen Besten.“ (S. 141/142).

Fazit:

Inwieweit die geschilderten Umstände repräsentativ für Kinderheime sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Was den Gesamteindruck des Buches angeht, schließe ich mich dem an, was auf dem Umschlag steht: „schmerzhaft und ergreifend“.

Dimitri Verhulst – Die Unerwünschten – Luchterhand – Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten