Fatma Aydemir – Ellbogen

Der Roman Ellbogen handelt von Hazal, einem in Berlin lebenden Mädchen, dessen Eltern vor Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Der Vater ist Taxifahrer, die Mutter arbeitet in einer Bäckerei. Hazal nimmt an einer BVB, das heißt einer „berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme“ teil.

In Teil I (Kapitel 1-6) schildert Hazal ihr Leben und ihre Probleme: Die Benachteiligungen, die sie erfährt, die Angst vor Abschiebung, Vorurteile gegen Menschen mit Migrationshintergrund, die Rolle der Religion für ihr Leben, die Langeweile, der Vorwurf, die Probleme selbst verschuldet zu haben. Sie beleuchtet die Bedeutung der Kinder für die Eltern, vor allem die Tatsache, dass Hazal im Vergleich zu ihrem Bruder abgewertet und für dumm gehalten wird. Mehmet, Hazals in Istanbul lebender (Facebook-) Freund, verheißt ein besseres Leben. Mit ihm verbindet sie all ihre Träume und Wünsche, er ist ihr Märchenprinz.

Zu Hause herrscht eine räumliche Enge, die einem die Luft zum Atmen nimmt, gepaart mit einem hohen Maß an Desinteresse an Hazal und ihren Probleme. Sie ist frustriert, enttäuscht, machtlos und beschreibt scheinbar unbeteiligt die Doppelmoral der Eltern, die Gewalt des Vaters gegen die Mutter, deren mangelnde Bildung und ihre psychischen Probleme in einer arrangierten Ehe. Es ist die allgegenwärtige Angst, die Hazals Meinung zufolge zu dem Bedürfnis führt, anderen Menschen Gewalt anzutun, um sich endlich mächtig zu fühlen. Was Hazal fehlt, was sie nicht hat, sieht sie bei den Bessergestellten „Mittetussis“ und  „Ärztetöchtern“.

Hazals Vertraute ist ihre selbstbewusste und studierte Tante Semra. Sie ist auch die Einzige, die sich für Hazals 18. Geburtstag interessiert und bei der Mutter dafür sorgt, dass Hazal bei ihrer Freundin Elma übernachten darf. Hazal fiebert auf diesen Tag hin, denn sie will die Gelegenheit nutzen, mit Elma und Gül in einen Club zu gehen (was ihre Eltern natürlich nicht wissen dürfen!). Es läuft alles wie geplant, bis sie vor dem Club stehen. Dann der Schock: die Türsteher lassen sie nicht hinein! Diese Abfuhr, gepaart mit der ohnehin schon aufgestauten Wut führt zu einem Eklat: Als ein Student in der U-Bahn-Station die Mädchen anmacht, fangen die drei an, auf ihn einzutreten…

Teil II (Kapitel 7-14) spielt in Istanbul; Hazal wohnt bei Mehmet, aber die Wohnung gefällt ihr genauso wenig wie Istanbul selber. Noch dazu ist Mehmet nicht der Märchenprinz, für den sie ihn gehalten hat. Trotzdem hat sie regelmäßig Sex mit ihm und schämt sich dafür (wenn ihre Eltern das wüssten!). Nichts ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Hazal hat keine Ahnung von der politischen Situation in der Türkei (der Roman spielt zur Zeit des Putsches im Juli 2016). Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in Halil, Mehmets Mitbewohner, der für die Rechte der Kurden kämpft und von der Polizei gesucht wird. Sie ahnt, dass ihr Leben in der Türkei auch nicht viel besser laufen wird, bemerkt, dass Halils Freundin „genauso scheiße [ist] wie die Mittetussis“, mit ihrer „Babywut“ und den „Mädchensorgen“. Insgesamt überblickt sie ihre persönliche und die politische Situation nach meinem Empfinden aber nicht richtig. Doch spürt sie, dass sie auch in der Türkei nicht vor ihrer Tat weglaufen kann.  Sie weint, fühlt sich heimat- und hoffnungslos. Mehmet ist aber viel zu kaputt, um ihr zu helfen. Sie bricht zusammen.

Tante Semra kommt in Teil III (Kapitel 15-16) in die Türkei, um Hazal nach Deutschland zurückholen, wo sie sich der Polizei stellen soll. Sie macht Hazal Hoffnung, dass sie doch noch etwas aus ihrem Leben machen kann. Aber Semras Worte kommen bei Hazal nicht an. Sie fühlt sich total unverstanden, und Semra kann Hazals Standpunkt scheinbar wirklich nicht verstehen.  Hazal glaubt, nun endlich begriffen zu haben, dass die Welt ungerecht ist, dass sich niemand für sie interessiert, dass ihr das Leben „den Ellbogen reingerammt“ hat. Das Buch endet mit dem Putschversuch.

Während Teil I also mit einem persönlichen „Ausbruch“ abschließt, steht am Schluss von Teil III ein gesellschaftlicher.  Beide resultieren, so verstehe ich das Buch, aus einem Gefühl der Benachteiligung, Missachtung und Machtlosigkeit Einzelner bzw. einer Gruppe von Menschen heraus. Wobei der politische Aspekt meines Erachtens nicht so stark ausgeführt wird.

Fazit:

Ellbogen ist ein leicht zu lesender, fesselnder Roman. Das Thema „Migrationshintergrund“ wird sehr betont, auch wenn die erwähnten Probleme meines Erachtens nicht (nur) mit ihm zu tun haben, sondern auch mit der Tatsache, dass Hazal in einfachen sozialen Verhältnissen aufwächst. Die im Roman verwendete Jugendsprache ist für mich plausibel und stimmig, andererseits ist Hazal an manchen Stellen nach meinem Empfinden reflektierter, als man es erwarten würde. Insgesamt finde ich Hazals Ausbruch am Ende des ersten Teils nicht zwingend. Anders gesagt, ihre Wut, die auf diesen Ausbruch hinausläuft, kommt bei mir nicht richtig an. Das liegt vielleicht daran, dass Hazal viele ihrer Probleme banalisiert und mit einer großen Sachlichkeit bzw. unbeteiligt erzählt.

Der Mangel an Mitgefühl mit sich selber, der durch die unbeteiligte Sprache zum Ausdruck kommt, ist wohl der Grund dafür, dass Hazal dem Studenten gegenüber gewalttätig wird und keine Empathie zeigt.  So gesehen geht es vielleicht inhaltlich gar nicht anders, als dass der Ausbruch nicht so zwingend erscheint.

Schließlich wird in dem Buch meines Erachtens deutlich, aus welchem (familiären) Klima und aus welchen Lebensbedingungen heraus Empathielosigkeit und Gewalt entstehen können. Dabei steht die Figur der Tante Semra einerseits für die Leute, denen es besser geht und die einfach nicht verstehen können, wie ein Mensch in Hazals Situation wirklich denkt und fühlt. Andererseits steht sie vielleicht auch für den Aspekt der persönlichen Verantwortung – im Gegensatz zur gesellschaftlichen bzw. sozialen Perspektive, die durch Hazal dargestellt wird.

Fatma Aydemir – Ellbogen – Hanser Verlag