Han Kang – Die Vegetarierin

Die Vegetarierin handelt von Yong-Hye, einer Frau, die sich von einen Tag auf den anderen weigert, Fleisch, Fisch oder andere tierische Produkte zu sich zu nehmen.  Der Ehemann und die restliche Familie versuchen, sie zum Essen zu bewegen, aber es gelingt ihnen bis zum Schluss nicht.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Teil 1 wird aus der Sicht des Ehemanns Chong erzählt. Er hat sich bewusst für eine durchschnittliche Frau entschieden. Abgesehen von der Tatsache, dass Yong-Hye keinen BH trägt, ist sie total unauffällig. Sie kocht, macht den Haushalt, schläft mit ihrem Mann, ansonsten lässt sie ihn in Ruhe. Er ist zufrieden, hat nie „die Herausforderung gesucht, die eine außergewöhnliche Ehefrau mit sich gebracht hätte.“ (S. 8). Es läuft aus seiner Sicht alles gut, er arbeitet die meiste Zeit und kümmert sich nicht um seine Frau.

Als Yong-Hye Hals über Kopf zur Vegetarierin (eigentlich Veganerin) wird, ist Chong zunächst entsetzt – bekommt er jetzt kein Fleisch mehr serviert? Er interessiert sich aber nicht für Yong-Hyes Motive, die sagt, ein Traum stecke dahinter, und gewöhnt sich an sein neues Leben. Es stört ihn nur, dass sie nicht mehr mit ihm schlafen will, und so vergewaltigt er sie. Nach einem Geschäftsessen, bei dem Yong-Hye ihren Mann seiner Meinung nach blamiert, informiert er schließlich ihre Familie. Die Eltern machen sich vor allem Sorgen um Chong, der nun zu Hause ohne Fleisch auskommen muss. Bei einer darauffolgenden Familienfeier will der cholerische Vater Yong-Hye mit Gewalt zwingen, Fleisch zu essen. Er schlägt sie, wie er das bis zu ihrem 18. Lebensjahr getan hat. Der Ehemann fasst es als „Demonstration väterlicher Liebe“ auf (S. 42). Yong-Hye schneidet sich daraufhin die Pulsadern auf und kommt ins Krankenhaus.

In kursiv gedruckten Passagen werden in diesem ersten Teil nach und nach Yong Hyes Träume und Empfindungen dargestellt. Sie kann nicht schlafen, weil sie immer wieder von Träumen heimgesucht wird. Sie spürt einen Druck in Herz und Magen: „Was sich dort angesammelt und festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind dort eingeklemmt, da bin ich sicher“ (S. 53). Dieser Druck ist übrigens auch der Grund, warum sie keinen BH trägt (S. 52/53). Es wird in diesen Passagen aber meines Erachtens auch deutlich, dass Yong-Hye Fleisch eigentlich mag, dass es für sie auch Lebendigkeit bedeutet (S. 15/16). Gleichzeitig hat sie das Gefühl, „mit den eigenen Händen jemanden umgebracht zu haben oder getötet worden zu sein“ (S. 32).

Am Ende des ersten Teils sagt Chong: „Ich betrachtete die Szene wie ein Außenstehender, als sei ich nur ein Schaulustiger“ (S. 56). Und genauso liest es sich. Emotional unbeteiligt, aber detailliert, schildert Chong den furchtbaren Verfall seiner Frau. Dieser Eindruck wird verstärkt dadurch, dass der Teil in Ich-Form verfasst ist. Schließlich träumt Chong, Yong-Hye umzubringen. Ist dieser Traum ein Ausdruck von Schuldgefühl? Oder symbolisiert er einfach den Wunsch, sie loszuwerden?

Teil 2 wird aus Sicht des Schwagers erzählt. Er ist ein nicht sonderlich erfolgreicher Video-Künstler; seine Frau In-Hye – Yong-Hyes Schwester – besitzt einen sehr gut laufenden Kosmetiksalon. Der Schwager ist der einzige, der Yong-Hye als normal ansieht. Er möchte wissen, warum sie kein Fleisch mehr ist, interessiert sich für ihre Motive, empfindet starkes Mitgefühl für sie seit ihrem Selbstmordversuch. Er denkt aber auch, dass ihre Situation hoffnungslos ist und dass sie wohl erneut versuchen wird, sich umzubringen (S. 71).

Seit In-Hye ihm erzählt hat, dass Yong-Hye einen Mongolen-Fleck oberhalb des Gesäßes hat, ist er besessen von der Vorstellung, dass sich zwei nackte Menschen, die über und über mit Blumen bemalt sind, vereinen. Er möchte das Ganze filmen, und er möchte, dass Yong-Hye und er diese beiden Menschen sind.  Er liebt Yong-Hyes „Natürlichkeit eines wildgewachsenen Baumes [], der nie zurechtgestutzt worden war.“ (S. 68). Yong-Hye ist für ihn ein „göttliches Wesen, weder Mensch noch Tier, eher irgendwas zwischen Pflanze und Urwild.“ (S.  92). Ihren Mongolenfleck  empfindet er als „ein Überbleibsel der Photosynthese. Auf alle Fälle etwas Pflanzliches, nichts Sexuelles.“ (S. 87). Er spürt eine große Freude, als sie ihm schließlich erlaubt, sie mit Blumen zu bemalen und zu filmen (S. 91).

Yong-Hye mag die Bemalung und möchte, dass sie bleibt (S. 93). Sie fühlt sich beschützt, träumt nicht mehr schlecht (S. 100). Als sich der Schwager schließlich auch mit Blumen bemalen lässt, schläft Yong-Hye mit ihm. Danach sagt sie: „Ich habe geglaubt, das Fleisch sei daran schuld. [] Ich dachte, ich bräuchte nur auf Fleisch zu verzichten und hätte diese Träume nicht mehr. [] Erst jetzt … habe ich verstanden. Diese Gesichter leben in meinem Bauch. Sie kommen von dort. [] Nun habe ich keine Angst mehr … Das macht mir keine Angst mehr.“ (S. 121). Kann sie an dieser Stelle vielleicht gesund werden? Wir werden es nicht erfahren, denn die Schwester erwischt die beiden, hält das Ganze für krank und lässt beide in die Psychiatrie einweisen. Im Gegensatz zu ihrem Mann wird Yong-Hye die Psychiatrie nie mehr verlassen.

Der dritte Teil wird aus Sicht In-Hyes im Präsens mit Rückblenden in die jüngere und ältere Vergangenheit erzählt. Diese Form der Darstellung lässt das Erzählte unmittelbarer erscheinen und Zusammenhänge zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit deutlich werden. Nachdem In-Hye ihren Mann mit Yong-Hye erwischt hat, verlässt sie ihn. Sie erkennt, dass ihr Ehemann ihr in den Jahren des Zusammenlebens fremd geblieben ist, dass sie ihn nie verstanden hat. Sie hat sich einfach angepasst, nicht widersprochen, alles hingenommen. Sie liebt ihn nicht, hat ihn nie geliebt, er sie auch nicht. Sie denkt über ihre Kindheit nach, darüber, dass sie sich immer um Yong-Hye gekümmert hat, und dass Yong-Hye es war, die die meisten Prügel vom Vater einstecken musste. In-Hye wird zunehmend der Schlaf geraubt, genauso wie zuvor Yong-Hye, die inzwischen wegen Magersucht und Schizophrenie in der geschlossenen Psychiatrie liegt.

Yong-Hye fühlt sich wie eine Pflanze und glaubt, sie brauche nur noch Wasser und Sonne. Die Ärzte wollen sie mit Gewalt zwingen, zu essen – genau wie ihre Eltern. Yong-Hye ist wütend auf In-Hye, weil sie die Ärzte in diesen Versuchen unterstützt, statt ihr die Hoheit über den eigenen Körper – letztlich den Tod – zuzugestehen. In-Hye begreift, dass wenn ihre Schwester und ihr Mann nicht verrückt geworden wären, sie vielleicht den ersten Schritt in diese Richtung getan hätte.

Fazit:

Die Vegetarierin ist für mich die bedrückende Geschichte einer Magersucht. Erst macht sich Yong-Hye mit ihrer Durchschnittlichkeit unsichtbar, dann löst sie sich vollends auf, indem sie kein Fleisch mehr isst und abnimmt. Sie lehnt Fleisch ab, das nach meiner Interpretation hier für das Leben steht. Der Druck, den Yong-Hye spürt, die Schreie und das Gebrüll, stehen nach meinem Empfinden für ihren Wunsch nach Leben, den sie sich nicht zugesteht, und die Wut darüber, dass man ihr ein eigenständiges Leben verwehrt hat. In-Hye und ihrem Mann geht es ähnlich, doch während der Ehemann sich diesen Gefühlen früh angenähert hat, lässt In-Hye sie erst ganz am Ende zu, als ihre Schwester schon fast tot ist.

Han Kang – Die Vegetarierin – Aufbau-Verlag – aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee