Astrid Rosenfeld – Zwölf Mal Juli

Protagonistin Juli bekommt eine E-Mail von Jakob, der in einem knappen Dreizeiler sein Kommen für den 24. Mai ankündigt. Was man am Anfang noch nicht weiß: Jakob hat Juli vor Jahren völlig überraschend verlassen, ohne zu sagen, warum. Seitdem hat sie ihn nicht mehr gesehen.

Es sind noch zwölf Tage bis zum 24. Mai, die in dem kurzen Roman von Astrid Rosenfeld beschrieben werden. An jedem dieser Tage trifft die Protagonistin auf eine besondere Person, und Julis Denken und Handeln in diesen sehr unterschiedlichen Zusammentreffen illustrieren nach und nach ihre Persönlichkeit und Geschichte. Als Leser lernt man Jakob kennen, Julis Eltern, ihren Bruder, aber auch eine Reihe anderer Personen, die Julis Leben mehr oder weniger stark beeinflussen.

Es entfaltet sich das Bild einer sehr sympathischen, etwas verlorenen jungen Frau, die einem Freund nachhängt, der sie nie richtig verstanden hat. Einerseits empfinde ich die Geschichte als melancholisch, weil ich Julis Einsamkeit nachfühlen kann, andererseits ist es aber auch eine hoffnungsvolle Geschichte, weil Juli auf Menschen trifft, die sie verstehen und ihr nah sind.

Juli ist voller verrückter Sehnsüchte und Ideen, voller Mitgefühl, Spontaneität, Zweifel – Nichts davon konnte Jakob von jeher so richtig nachvollziehen. Noch dazu hatte Juli während ihrer Zeit mit Jakob ständig das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, während Jakob immer eine interessante Geschichte auf Lager hatte.

Nachdem er weg ist, versucht sie, in dieser Hinsicht aufzuholen, saugt begierig Fakten auf, damit sie genauso viel zu erzählen hat wie Jakob. Doch das macht ihr Leben nicht besser. Ihre Karriere als Schriftstellerin stagniert, sie bringt nichts zu Papier. Sie ist passiv, lässt die Dinge geschehen, hängt Jakob nach, hat mit Jakob sich selber verloren. In ihrem Kopf spukt noch das Bild, dass er ihr von ihrer eigenen Persönlichkeit eingepflanzt hat: Eine Frau, die feige ist, nichts zu sagen hat und nichts kann.

Juli findet ganz zu Anfang der Geschichte eine tote Taube, um die ihre Gedanken während der zwölf Tage kreisen. Sie ist überzeugt, dass die Taube eine Botschaft für sie hat, und hört nicht auf, nach dieser Botschaft zu suchen. Am zwölften Tag – dem Tag des Wiedersehens – begreift Juli endlich: Sie muss Jakob hinter sich lassen.

Die Sprache ist sehr reduziert und auf den Punkt, federleicht.

Fazit:

Eine sehr schöne kleine Geschichte, die mich berührt hat.

Astrid Rosenfeld – Zwölf Mal Juli – Diogenes