Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt ist ein Kunstexperte aus gutem Hause. Er hat untadelige Manieren, feste Grundsätze und lebt ein vorhersehbares Leben. Er weiß, dass seine Freunde ihn ausnutzen, aber er tut, was man von ihm erwartet, um niemanden zu enttäuschen. Genau dieser Weynfeldt lernt eine faszinierende, aber leider sprunghafte junge Frau kennen. Lorena ist ein Ex-Model, das sich durchs Leben schnorrt und nach dem ersten Zusammentreffen zunächst wieder aus Weynfeldts Leben verschwindet. Er ist darüber nicht sehr glücklich, aber seine gute Erziehung verbietet ihm, ihr nachzustellen.

Dann passieren mehrere Dinge, die die Geschichte in Fahrt bringen: Ein alter Freund bittet Adrian, ein wertvolles Bild zu verkaufen, Lorena meldet sich überraschend wieder und ein anderer Freund erbittet Geld für einen Neuanfang als Kunstmaler in Polynesien. Damit bahnen sich diverse Probleme an.

Gelungen finde ich die Darstellung des Protagonisten. Suter macht z.B. immer wieder darauf aufmerksam, was Weynfeldt nicht sagt und tut und illustriert damit dessen Charakter umso genauer. Weynfeldt ist gefangen in seinen Routinen und Grundsätzen. Seine Angst vor dem Leben wird durch die Gegenspieler – denen es an Prinzipien mangelt – umso stärker hervorgehoben.

Mir gefällt, wie die drei Handlungsstränge miteinander verwoben werden; daneben ist die Entwicklung Weynfeldts interessant und spannend (wie es in einem guten Roman ja auch sein sollte): Wie geht er mit den neuen Herausforderungen um? Wird er daran wachsen oder scheitern?

Die Auflösung ist überraschend und begeistert mich in besonderer Weise: Weynfeldt bleibt sich selber treu und  wird trotzdem ein anderer. Er ist klüger als erwartet. Eine Genugtuung für den Leser, dem Weynfeldt ans Herz gewachsen ist.

Die Sprache ist klar, flüssig und verständlich; nur manchmal finde ich die Schilderungen der Personen und Orte etwas zu detailliert.

Fazit:

Schnörkellose, unterhaltsame, kluge und überraschende Lektüre.

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt – Diogenes

Kent Haruf – Our souls at night

Addie macht Louis einen ungewöhnlichen Vorschlag: Sie möchte seine Gesellschaft, nachts. Sie will mit ihm zusammen im Bett liegen, seine Hand halten und reden. Addie und Louis sind alleinstehend, ihre Partner sind vor einigen Jahren gestorben. Die beiden Nachbarn im Seniorenalter kennen sich so gut, wie man sich als Nachbarn eben kennt.

Mit dem wunderbaren ersten Satz wird der Stein ins Rollen gebracht: „And then there was the day when Addie Moore made a call on Louis Waters. It was an evening in May just before full dark.“

Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die später bereichert wird durch die Anwesenheit von Addies Enkelsohn Jamie. Seine Eltern haben sich vorübergehend getrennt und können sich nicht um das Kind kümmern. Addie und Louis machen es sich zur Aufgabe, dem durch die ungewohnte Situation aufgewühlten Jungen ein schönes zu Hause zu bieten. Und Jamie blüht auf. Alles wäre also wunderbar, wäre da nicht Addies Sohn Gene (Jamies Vater), der gegen die Verbindung seiner Mutter mit Louis ist und Jamie in Gefahr wähnt.

Our souls at night ist ein kurzes Buch mit einer sanften Sprache. Einfache Begebenheiten werden ohne große Aufregung erzählt, aber jede dieser Begebenheiten hat eine Bedeutung, erhellt die Beziehung zwischen Addie und Louis, zeigt ihr Verantwortungsgefühl gegenüber denen, die sie lieben, erklärt die Vergangenheit der beiden, deren Leben in vielerlei Hinsicht ein Kompromiss war. Sie haben Fehler gemacht, die sie nicht wieder gutmachen können, aber sie sind nicht verbittert deswegen. Sie genießen die gemeinsame Zeit, die Gegenwart des anderen, die Wahrhaftigkeit ihrer Freundschaft.

Das Buch lebt von dieser Wahrhaftigkeit. Es braucht keine besonderen stilistischen Kniffe. Haruf erzählt einfach, wie es ist, und das ist gut so.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, was in Ordnung war, da es nicht sonderlich lang und nicht sehr kompliziert geschrieben ist.

Fazit:

Eine wunderschöne Geschichte über zwei Menschen, die es wagen, ehrlich zu sein, sich zu öffnen und ein Risiko einzugehen.  Die damit belohnt werden, einen Seelenverwandten zu finden. Die zwar nicht gefeit sind vor den Unbill des Lebens, die schwere Entscheidungen treffen müssen. Die trotz allem einen Weg finden, ihre Freundschaft zu erhalten.

Kent Haruf – Our Souls at night – Picador

Astrid Rosenfeld – Zwölf Mal Juli

Protagonistin Juli bekommt eine E-Mail von Jakob, der in einem knappen Dreizeiler sein Kommen für den 24. Mai ankündigt. Was man am Anfang noch nicht weiß: Jakob hat Juli vor Jahren völlig überraschend verlassen, ohne zu sagen, warum. Seitdem hat sie ihn nicht mehr gesehen.

Es sind noch zwölf Tage bis zum 24. Mai, die in dem kurzen Roman von Astrid Rosenfeld beschrieben werden. An jedem dieser Tage trifft die Protagonistin auf eine besondere Person, und Julis Denken und Handeln in diesen sehr unterschiedlichen Zusammentreffen illustrieren nach und nach ihre Persönlichkeit und Geschichte. Als Leser lernt man Jakob kennen, Julis Eltern, ihren Bruder, aber auch eine Reihe anderer Personen, die Julis Leben mehr oder weniger stark beeinflussen.

Es entfaltet sich das Bild einer sehr sympathischen, etwas verlorenen jungen Frau, die einem Freund nachhängt, der sie nie richtig verstanden hat. Einerseits empfinde ich die Geschichte als melancholisch, weil ich Julis Einsamkeit nachfühlen kann, andererseits ist es aber auch eine hoffnungsvolle Geschichte, weil Juli auf Menschen trifft, die sie verstehen und ihr nah sind.

Juli ist voller verrückter Sehnsüchte und Ideen, voller Mitgefühl, Spontaneität, Zweifel – Nichts davon konnte Jakob von jeher so richtig nachvollziehen. Noch dazu hatte Juli während ihrer Zeit mit Jakob ständig das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, während Jakob immer eine interessante Geschichte auf Lager hatte.

Nachdem er weg ist, versucht sie, in dieser Hinsicht aufzuholen, saugt begierig Fakten auf, damit sie genauso viel zu erzählen hat wie Jakob. Doch das macht ihr Leben nicht besser. Ihre Karriere als Schriftstellerin stagniert, sie bringt nichts zu Papier. Sie ist passiv, lässt die Dinge geschehen, hängt Jakob nach, hat mit Jakob sich selber verloren. In ihrem Kopf spukt noch das Bild, dass er ihr von ihrer eigenen Persönlichkeit eingepflanzt hat: Eine Frau, die feige ist, nichts zu sagen hat und nichts kann.

Juli findet ganz zu Anfang der Geschichte eine tote Taube, um die ihre Gedanken während der zwölf Tage kreisen. Sie ist überzeugt, dass die Taube eine Botschaft für sie hat, und hört nicht auf, nach dieser Botschaft zu suchen. Am zwölften Tag – dem Tag des Wiedersehens – begreift Juli endlich: Sie muss Jakob hinter sich lassen.

Die Sprache ist sehr reduziert und auf den Punkt, federleicht.

Fazit:

Eine sehr schöne kleine Geschichte, die mich berührt hat.

Astrid Rosenfeld – Zwölf Mal Juli – Diogenes

Haruki Murakami – Von Männern, die keine Frauen haben

Das Buch Von Männern, die keine Frauen haben umfasst sieben Erzählungen, in denen es, wie der Name schon sagt, um Männer geht, die aus unterschiedlichen Gründen alleine leben.

In Drive my Car freundet sich die Hauptperson mit dem damaligen Geliebten seiner verstorbenen Frau an. Er kann einfach nicht verstehen, warum sie ihn betrogen hat, und er hat sich zu ihren Lebzeiten einfach nicht getraut, sie zu fragen. Er ist Schauspieler und spielt auch bei seiner Freundschaft mit dem Geliebten eine Rolle, um an die gewünschte Information zu kommen. Er gibt zu, auch bei seiner Frau manchmal eine Rolle gespielt zu haben. In der Geschichte geht es meines Erachtens darum, dass jeder auf gewisse Art und Weise im Umgang mit anderen Menschen eine Rolle spielt und dass die Grenze zwischen dieser Rolle und der eigenen Persönlichkeit fließend ist. Letztlich kann man sich nie sicher sein, was die wahren Beweggründe des Verhaltens sind.

In Yesterday geht es um die Freundschaft zwischen zwei sehr unterschiedlichen Studenten. Der eine, eher konventionell, lernt brav für die Uni, der andere vertieft sich in seine ungewöhnlichen Interessen und kommt mit dem Studium nicht voran. In dieser Geschichte geht es um die Frage, wo das Leben einen hinführt und wie es gelingt, das Leben so zu leben, wie man gerne möchte. Es geht um die Einsamkeit in diesem jungen Lebensabschnitt, um die „Verwirrung“, „Unentschlossenheit“ und „Umwege“, die man geht. Wagt man etwas, nimmt man eine „neue Perspektive“ ein, oder wählt man die Sicherheit des Vertrauten? Gibt es einen Mittelweg zwischen diesen Alternativen? Es geht auch um die Angst, nicht die richtige Entscheidung zu treffen und die Tatsache, dass man um eine Entscheidung nicht herumkommt. Manchmal kann das schmerzhaft sein, macht einen aber zu der Person, die man ist.

In Das eigenständige Organ geht es um einen Mann, dem es nichts ausmacht, keine Frau zu haben. Zumindest glaubt er das. Er hat immer nur Geliebte; Affären, aus denen nichts Ernstes werden kann. Manchmal hat er sogar mehrere Frauen gleichzeitig und sein Sekretär „regelt den Verkehr“ wie ein „Fluglotse“. Als er sich einmal richtig verliebt, und diese Liebe nicht erwidert wird, geht er daran zugrunde. In der Geschichte geht es meinem Empfinden nach darum, dass man sich gegen die Liebe nicht wehren kann, dass sie einen ergreift, auch körperlich. Man kann sich nicht wappnen, und man hat es selber nicht im Griff. Die Menschen, die das glauben, machen sich etwas vor.

In Scheherazade bringt eine Frau einem Mann, der aus uns unbekannten Gründen das Haus nicht verlassen kann, regelmäßig die Einkäufe nach Hause und schläft bei der Gelegenheit auch mit ihm. Nach dem Akt erzählt sie ihm „wundersame“ Geschichten. Es bleibt unklar, ob sie diese Geschichten wirklich erlebt oder bloß erfunden hat. In der Geschichte geht es darum, dass die Liebe den Menschen merkwürdige Dinge tun lässt, den Verstand außer Kraft setzt. Das gilt für beide Geschlechter, aber am Ende lässt Murakami seine Hauptperson sagen: „Frauen schenken uns besondere Momente, in denen sie für uns mitten in der Wirklichkeit die Wirklichkeit außer Kraft setzen.“

Kinos Bar handelt von einem Mann, der seine Frau auf frischer Tat beim Fremdgehen ertappt. Daraufhin trennen sie sich und er ändert sein Leben radikal und macht eine Bar auf. In dieser Bar geschehen merkwürdige Dinge, die dazu führen, dass Kino über sein Leben nachdenkt und zu einer besonderen Einsicht gelangt. Für mich die spannendste der sieben Geschichten, wenn auch mit einem starken mystischen Element.  Es geht, nach meiner Auffassung, darum, dass es nicht einfach ist, Verletzungen zuzulassen, dass man aber nicht darum herumkommt. Liebe bedeutet manchmal auch Verletztwerden.

In Samsa in Love erwacht ein Mann nackt in einem kargen Zimmer. Er weiß nicht, wer oder was er ist und wie er an diesen Ort gekommen ist, und der Leser erfährt es auch nicht. Der Mann muss lernen, was es heißt zu leben, denn er weiß es genauso wenig wie ein Säugling. Nach dem Erwachen bekommt der Mann Besuch von einer Frau, die ein Tür-Schloss in dem Haus reparieren soll, und er verliebt sich augenblicklich in sie. Vielleicht kommt sie wieder, er weiß es nicht. Er nimmt sich vor, bis dahin alles über das Leben zu lernen. Ich finde es schwer zu sagen, was die Geschichte zu bedeuten hat. Vielleicht geht es darum, dass Frauen die Männer dazu bringen, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen bzw. das Leben zu lernen?

Die letzte Geschichte mit dem Titel Von Männern, die keine Frauen haben ist meines Erachtens eine Zusammenführung der vorherigen Geschichten. Ein Mann wird nachts angerufen und die Stimme am Telefon sagt ihm, dass eine Frau gestorben ist. Der Angerufene war vor Jahren einmal mit der Frau zusammen, und der Anrufer ist der Ehemann. Dieses kurze Telefonat ist der Beginn einer Reihe von Reflexionen über die Bedeutung der verstorbenen Frau für den Mann, aber auch über die Bedeutung von Frauen für Männer im Allgemeinen. Es geht auch darum, wie es ist, eine Frau zu verlieren, es geht um Einsamkeit. Die Geschichte steckt voller Metaphorik.

Fazit:

Ich finde Murakamis Schreibstil sehr angenehm. Er hat einen feinen Humor, bringt passende Vergleiche und Metaphern; ein einfühlsamer Schriftsteller. Murakami stellt alltägliche Gefühlslagen dar, überzeichnet die Charaktere nach meinem Empfinden dabei etwas. Vielleicht, um die Gefühle plastischer werden zu lassen. Murakamis Geschichten haben  z.T. etwas Mystisches oder Magisches, das mir etwas Schwierigkeiten macht. Es bleibt das diffuse Gefühl zurück, nicht richtig durchzublicken. Insgesamt glaube ich, dass Murakami uns sagen will, dass die Liebe uns trifft, um den Verstand bringt, körperlich erfasst, manchmal auch verletzt, dass wir uns nicht wehren können, und dass wir das Gefühl der Liebe letztlich nie ganz verstehen können. So gesehen passt es auch, dass die Geschichten etwas diffus bleiben.

Haruki Murakami – Von Männern, die keine Frauen haben – btb-Verlag

Navid Kermani – Sozusagen Paris

Sozusagen Paris ist ein Eheroman und ein Buch über die Liebe, genauer gesagt über den Unterschied zwischen dem Ideal der romantischen Liebe und dem Ehe-Alltag, der der Phase der Verliebtheit unter Umständen folgt.

Der Ich-Erzähler ist ein Romanautor, der nach einer Lesung beim Signieren seine Jugendliebe trifft, um die es in dem präsentierten Buch ging. Im Buch heißt die Jugendliebe „Jutta“, wie sie im wahren Leben heißt, erfahren wir nicht. Nach der Lesung gehen die beiden zu Jutta nach Hause, wo sie mit ihrem Ehemann und den drei Kindern lebt. Die ganze Nacht über sitzen die beiden zusammen und reden über Juttas Ehe, um die es nicht sonderlich gut bestellt ist, und über das Wesen der Liebe. Dabei nimmt der Ich-Erzähler Bezug zu den französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts; Kermani lässt seine Protagonisten dazu im Wohnzimmer vor einem Regal mit eben diesen Romanen sitzen. Das Ideal der romantischen Liebe wurde,  so der Ich-Erzähler,  durch die Literatur in die Köpfe der Menschen gepflanzt.

Es ist ein Buch über die sich sehnende Liebe, die zu Ende ist, wenn das Subjekt der Begierde erobert ist. In der romantischen Liebe verliebt man sich in ein Wunschbild des anderen, in ein Idealbild, das keine Individualität hat. Schließlich wird man aber mit der Realität konfrontiert und enttäuscht. Die Wirklichkeit ist einfach nicht komplex genug, um den einen Partner lange genug an den anderen zu binden oder für ihn interessant zu machen.

Der Roman wird auf mehreren Ebenen erzählt. Der Ich-Erzähler beschreibt seine Unterhaltung mit Jutta, gleichzeitig reflektiert er über das Thema Liebe, zitiert die französischen Romanciers und berichtet auch über seinen Plan, ein neues Buch zu schreiben (eben das Buch, das man als Leser in Händen hält). Daneben sind Gespräche mit dem strengen  Lektor eingebaut, die der Ich-Erzähler gedanklich vorwegnimmt. Er spricht den Leser auch direkt an und reflektiert darüber, wie sein Roman beim Leser ankommen wird.

Der Ich-Erzähler schreibt am Anfang, dass der Inhalt des Buches nicht spektakulär sein wird, dafür aber sehr bedeutungsvoll. Leider überlässt er es nicht dem Leser, über die Bedeutung des Gesagten zu entscheiden. Die vielen Zitate wirken auf mich so, als würde der Ich-Erzähler seiner eigene Einschätzung darüber, was Liebe ist, nicht so recht trauen und sich lieber auf „Experten“ zurückziehen: Seht her, es ist wirklich bedeutungsvoll, denn Proust, Flaubert etc. haben es auch gesagt, und die müssen es wissen.

Übergeordnetes Thema ist nach meiner Auffassung die Frage, welche Bedeutung ein Mensch für einen anderen hat. Welche Bedeutung hat Jutta für ihren Mann, und welche er für sie? Diese Frage nach der Bedeutung überträgt der Ich-Erzähler aber auch auf andere Beziehungen, z.B. die zwischen Autor und Leser.  Letztlich geht es auch darum, wer zuerst nachgibt in der Beziehung, d.h. um Macht. Wer gibt seine Vorwürfe zuerst auf und versucht, den anderen zu verstehen. Damit geht es auch um die Frage der Nähe. Man muss dem anderen nahekommen, um eine Bedeutung für ihn zu haben und ihn zu verstehen. Wie kann man Nähe herstellen? Welche Rolle spielt z.B. die Sexualität dabei? Jutta versucht, ihren Mann über die Sexualität zu erreichen. Aber ist das wirklich Liebe? Letztlich will man einfach Gehör finden mit dem, was einem wichtig ist.

Und so will auch der Ich-Erzähler nicht, dass der Lektor an ihm herumkritisiert und ihn nötigt, Passagen zu löschen, die nicht zum Thema gehören, die dem Ich-Erzähler aber wichtig sind: Die Herkunft des Autors/Rassismus, Integration, Terror, Neil Young und das Buch, auf dem dieser Roman aufbaut („Große Liebe“).

Der Ich-Erzähler behauptet, mit einem „liebenden Auge auf Jutta“ zu blicken, aber so ganz überzeugend finde ich diese Aussage nicht. Er reflektiert ausgiebig darüber, was Jutta in bestimmten Situationen denken, fühlen und sagen würde. Der Leser erlebt Jutta selber gar nicht richtig, alles wird gefiltert durch den Ich-Erzähler, genau wie wir den Ehemann nicht selber erleben, sondern nur gefiltert durch Jutta. Der Ich-Erzähler scheint mehr an seinen Gedanken über Jutta und ihre Ehe interessiert zu sein als an Jutta selber. Es geht um ein Leben im Konjunktiv: was würde jemand sagen, wie würde jemand reagieren, es geht darum, Möglichkeiten gedanklich durchzuspielen, die vielleicht interessanter sind als die Wirklichkeit.

Kermani hat, passend zu den vielen Reflexionen, ein Faible für lange Sätze, die sich manchmal über mehr als zwanzig Zeilen erstrecken und zahlreiche Einschübe mit Erläuterungen, Einschränkungen und  Assoziationen aufweisen. Der Ich-Erzähler scheint sich dieser Eigenart bewusst zu sein, spricht er doch an einer Stelle von einem „Satzungetüm“, das der Lektor ihm herausstreichen wird.  Ein weiteres Stilmittel sind Wiederholungen, d.h. Aufzählungen, die immer mit dem gleichen Begriff anfangen.  Vielleicht hat es etwas mit Musik bzw. Rhythmus und Kermanis Begeisterung für Neil Young zu tun? Das Stilmittel erinnert auch an Gebete; etwas wird „gebetsmühlenartig“ wiederholt. Der Ich-Erzähler schreibt sehr detailliert, es bleibt nicht viel Raum für eigene Interpretation, bisweilen scheint mir, dass alles etwas übererklärt wird. Humor konnte ich keinen finden, oder ich habe ihn nicht bemerkt/verstanden, auch wenn der Ich-Erzähler sagt, dass die Unterhaltung zwischen Jutta und ihm nicht immer ernst war.

Wenn man zurückgeht zu der Idee, dass es in der Liebe darum geht, für jemanden eine Bedeutung zu haben und Nähe herzustellen, dann widerspricht der Aufbau des Romans mit der oft verwendeten indirekten Rede und den Reflexionen genau diesem Ziel. Vielleicht liegt gerade hier das Problem in der Liebe, dass zu viel reflektiert wird, statt direkt miteinander zu sprechen und den anderen wahrzunehmen. Andererseits macht der Ich-Erzähler gerade durch diesen Gegensatz auf das Problem aufmerksam. Am Ende spricht der Ich-Erzähler den Leser des Romans direkt an und erklärt, dass Liebe heißt, Aufmerksamkeit zu schenken, aber es bleibt ein ungutes Gefühl zurück, weil mir als Leser nicht klar ist, ob der Ich-Erzähler (oder der Autor?) sich darüber im Klaren ist, dass er – trotz eines fundierten theoretischen Wissens, das er sich bei Experten holt – bei seiner Beziehung zu Jutta genau die gleichen Fehler macht wie Jutta und ihr Mann. Alle kreisen nur um sich selbst.

Fazit:

Insgesamt habe ich nicht so viel Neues über die Liebe gelernt. Der Ich-Erzähler ist mir nicht sonderlich sympathisch, weil er sich für meinen Geschmack zu sehr auf Experten zurückzieht und vor allem um sich selber kreist. So kann Beziehung nicht funktionieren. Es kann sein, dass das Buch genau diesen Eindruck erwecken und damit aufklären wollte; insofern wäre es dann ein gelungenes Buch.

Navid Kermani – Sozusagen Paris – Hanser Literaturverlag