Susan Sontag – Standpunkt beziehen

Der Realität ins Auge blicken

Standpunkt beziehen ist ein kleines Reclam-Heftchen mit gut 60 Seiten. Es enthält fünf Essays von Susan Sontag (1933-2004), einer umstrittenen amerikanischen Intellektuellen. Sie setzte sich sehr für Menschenrechte ein und war eine große Kritikerin der US-amerikanischen Gesellschaft und Regierung.

Susan Sontag hat mehrere Texte verfasst. Standpunkt beziehen gibt Auszüge aus einem Teil davon wieder.

Am interessantesten fand ich das Essay Gegen Interpretation. Susan Sontag geht davon aus, dass Kunst sich rechtfertigen muss, da sie keinen besonderen Sinn erfüllt. Dieser Umstand, und die Unfähigkeit der Menschen die Realität zu akzeptieren, hat eine wichtige Konsequenz:

Kunstwerke (z.B. Bücher) werden oft nicht so genommen, wie sie sind. Vielmehr schreiben Interpreten den Werken eine weitere Bedeutungsebene zu. Eine solche Interpretation weist wiederum darauf hin, dass der Interpret mit dem Werk unzufrieden ist. Er möchte es durch etwas anderes ersetzen.

Sontag fordert dazu auf, ein Kunstwerk in seiner realen Form anzunehmen. Statt zu überlegen, was es aussagt, sollte man nach dessen Wirkung fragen, d.h. nach den Empfindungen, die es auslöst.

Das hat mich nachdenklich gemacht, bin ich doch selbst jemand, der hinter jeder Ecke eine tiefere Bedeutung vermutet. Eine weitere Beobachtung passt zu Sontags Hypothese: Bei Büchern, die mich spontan begeistern, grabe ich selten tiefer nach. Dagegen nehme ich Bücher, die mich nicht packen, oft „auseinander“.

Daneben gibt es zwei Essays, die sich mit dem 11. September 2001 bzw. der Fotografie im Irakkrieg befassen. Ein weiteres, sehr kurzes Essay handelt von der Fotografie im Allgemeinen und ihren Merkmalen.

Im fünften und letzten Essay geht es um die Schönheit. Wie ist sie zu definieren? Aber auch der Missbrauch des Begriffs kommt zur Sprache. So sagte Papst Johannes Paul II. im Jahre 2002 zu den sexuellen Übergriffen katholischer Priester in den USA: „Ein großes Kunstwerk kann man verunstalten, doch seine Schönheit bleibt bestehen; und jede intellektuell redliche Kritik muss die Wahrheit dieses Satzes anerkennen.“ (S. 23)

Dieser Vergleich zwischen der katholischen Kirche und einem großen Kunstwerk dient laut Sontag dazu, das Geschehene zu bagatellisieren, „aus den abscheulichen Verfehlungen etwas zu machen, über das wir hinwegsehen können.“ (S. 23)

Susan Sontag ist sehr deutlich in ihren Aussagen – was aber nicht heißt, dass die Essays besonders leicht zu lesen wären. Doch dass sie ihre Meinung klar sagt, ist angesichts des Titels kein Wunder. Nicht zuletzt habe ich Standpunkt beziehen gelesen, um ihre Meinung zu erfahren.

Bei allen fünf Essays scheint die Forderung durch, der Realität ins Auge zu blicken. Sontag fordert den Leser eindringlich auf, sich nichts vorzumachen. 60 Seiten, die es in sich haben.

Susan Sontag – Standpunkt beziehen – Reclam

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt ist ein Kunstexperte aus gutem Hause. Er hat untadelige Manieren, feste Grundsätze und lebt ein vorhersehbares Leben. Er weiß, dass seine Freunde ihn ausnutzen, aber er tut, was man von ihm erwartet, um niemanden zu enttäuschen. Genau dieser Weynfeldt lernt eine faszinierende, aber leider sprunghafte junge Frau kennen. Lorena ist ein Ex-Model, das sich durchs Leben schnorrt und nach dem ersten Zusammentreffen zunächst wieder aus Weynfeldts Leben verschwindet. Er ist darüber nicht sehr glücklich, aber seine gute Erziehung verbietet ihm, ihr nachzustellen.

Dann passieren mehrere Dinge, die die Geschichte in Fahrt bringen: Ein alter Freund bittet Adrian, ein wertvolles Bild zu verkaufen, Lorena meldet sich überraschend wieder und ein anderer Freund erbittet Geld für einen Neuanfang als Kunstmaler in Polynesien. Damit bahnen sich diverse Probleme an.

Gelungen finde ich die Darstellung des Protagonisten. Suter macht z.B. immer wieder darauf aufmerksam, was Weynfeldt nicht sagt und tut und illustriert damit dessen Charakter umso genauer. Weynfeldt ist gefangen in seinen Routinen und Grundsätzen. Seine Angst vor dem Leben wird durch die Gegenspieler – denen es an Prinzipien mangelt – umso stärker hervorgehoben.

Mir gefällt, wie die drei Handlungsstränge miteinander verwoben werden; daneben ist die Entwicklung Weynfeldts interessant und spannend (wie es in einem guten Roman ja auch sein sollte): Wie geht er mit den neuen Herausforderungen um? Wird er daran wachsen oder scheitern?

Die Auflösung ist überraschend und begeistert mich in besonderer Weise: Weynfeldt bleibt sich selber treu und  wird trotzdem ein anderer. Er ist klüger als erwartet. Eine Genugtuung für den Leser, dem Weynfeldt ans Herz gewachsen ist.

Die Sprache ist klar, flüssig und verständlich; nur manchmal finde ich die Schilderungen der Personen und Orte etwas zu detailliert.

Fazit:

Schnörkellose, unterhaltsame, kluge und überraschende Lektüre.

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt – Diogenes