Thomas Hettche – Pfaueninsel

Der Roman Pfaueninsel befasst sich mit der gleichnamigen Insel  in der Havel im Südwesten Berlins und verknüpft die Geschichte der Insel mit dem Schicksal der kleinwüchsigen Marie (Maria Dorothea Strakon), die von  1800 bis 1880 tatsächlich dort lebte. Hettche liefert eine äußerst detaillierte Darstellung der Ereignisse auf der Insel; fast habe ich den Eindruck, er hätte gerne noch mehr Informationen in den Roman hineingepackt. Man erfährt auch einiges über das Thema Kleinwuchs (z.B. über die körperlichen Probleme, die er mit sich bringt). Es gibt eine durchgehende Handlung – Maries Leben – die immer wieder unterbrochen wird durch Beschreibungen der sonstigen Vorgänge auf der Insel.

Unter Friedrich Wilhelm II. wird die Insel noch landwirtschaftlich genutzt; mit Friedrich Wilhelm III. werden exotische Pflanzen, aber auch nicht-heimische Tiere auf die Insel gebracht, von denen viele verenden und regelmäßig ersetzt werden müssen. Marie, ihr ebenfalls kleinwüchsiger Bruder Christian, ein „Mohr“, ein Riese, ein Südseeinsulaner, sie alle sind Teil dieser Exotik. Marie wird von einigen Bewohnern der Insel als „Monster“, „Missgeburt“ und „Krüppel“ bezeichnet. Aber auch die, die es besser mit ihr meinen, sehen in ihr keinen Menschen. Der Gärtner empfindet Marie als schlecht gewachsene Pflanze, der Meier sieht sie als Tier. Aberglaube und irrsinnige Geschichten, die sich um „Zwerge“ ranken, kursieren auf der Insel.

Unter Friedrich Wilhelm III. wird die Landwirtschaft durch eine Künstlichkeit ersetzt, die Modernität ausdrücken soll – so kommt z.B. auch die Dampfmaschine auf die Insel. Moderne bedeutet für ihn, Tiere und Pflanzen in einer Umgebung am zu Leben erhalten, die nicht für sie gemacht ist. Die exotischen Pflanzen brauchen ein Bewässerungssystem und Wärme, die Tiere ein bestimmtes Futter etc. Gäste kommen auf die Insel, um sich die exotischen Wesen anzusehen, die auf der Insel gefangen gehalten werden. In der künstlichen Schönheit, die auf der Insel gebildet wird, empfindet Marie ihre eigene „Missbildung“ umso stärker.

Marie kann sich mit dem Leiden der eingesperrten Tiere identifizieren; sie sieht sich selbst bisweilen  als Tier. So enthaart sie sich z.B. am ganzen Körper, um nicht an einen Affen zu erinnern. Marie mag ihren Körper nicht anschauen, aber sie liebt es, wenn man sie ansieht. Sie fühlt sich lebendig unter den Blicken, auch dem der Tiere. Es macht ihr auch nichts aus, wenn man sie wie ein Ding betrachtet, Hauptsache, man betrachtet sie nicht als Monster, Tier oder Pflanze. Sie ist ein „Einzelexemplar einer Gattung“, wie der Löwe, den sie auf der Insel halten. (Die exotischen Tiere werden nicht in Paaren gehalten, damit sie sich nicht vermehren.)

Marie ist aber auch eine Frau, wird begehrt, doch die Männer, die sie begehren, können mit diesem Gefühl schlecht umgehen. Gustav, der Sohn des Gärtners, ist in Marie verliebt, fühlt sich aber nicht stark genug für „das Fremde“. Marie zeigt ihm ihre Liebe, indem sie sich ihm darbietet. Sie will, dass er sie ansieht und sie schön findet, dass er kein Tier in ihr sieht. Doch er begehrt sie nur, wenn er sie nicht ansieht. Für ihn ist sie ein Fehlgriff der Natur und Gustav hat Angst, dass er selbst zum Monster wird, wenn er sich mit ihr einlässt.

Gustav macht die Insel nach Friedrich Wilhelm III. wieder zu einer grünen Insel, zu einer „Wiege der Blattpflanzenmode des 19. Jahrhunderts“. Alles, was nicht Pflanze ist, was nicht „Platz in der Systematik“ hat, muss weg. Gustav verehrt Hegel, der behauptet, die Natur stehe unter dem „Geistigen“: „Pflanzen? Nichts bedeuten sie ihm. Der Pflanze, meint Hegel, gehe Selbstgefühl und die Seelenhaftigkeit völlig ab, indem sie nur immer neue Individuen an sich selbst produziere. Die Pflanze nimmt nichts auf und empfindet nichts“ (S. 187). Das Grün macht Gustav keine Angst: „Pflanzen begehren nicht. Und sie fügen keinem ein Leid zu.“ (S. 188)

Vielleicht könnte man es so interpretieren, dass Gustav Angst vor seiner eigenen Sexualität und „Tierhaftigkeit“ hat, die ihm – seiner Auffassung nach – durch die Liebe zu Marie vor Augen geführt wird. So will er alles, was nicht grüne Pflanze ist, von der Insel verbannen. Marie ihrerseits hat das Gefühl, dass wenn die Natürlichkeit auf die Insel zurückkehrt, dort kein Platz mehr für sie ist.

Hettche zeigt, dass es auch zu Maries Zeiten Menschen gibt, für die Vorbehalte gegen Kleinwüchsige ein Relikt aus vergangener Zeit sind. Aber diese Menschen sind leider die Ausnahme. Dazu kommt, dass Marie aufgrund der vielen negativen Erfahrungen irgendwann nicht mehr in der Lage ist, die Zuwendung dieser Menschen anzunehmen und zu erwidern. Sie verlässt die Insel nur ein einziges Mal und entdeckt, dass ihr Leben auch anders hätte verlaufen können, aber da ist es schon zu spät. Sie hat die Rolle, die man ihr gegeben hat, verinnerlicht.

Hettche benutzt z.T. „altertümliche“ Begriffe (z.B. „adorieren“), jedoch nicht um Übermaß, sondern so, dass es zur Geschichte passt. Beschreibungen werden oft in Form von Ellipsen präsentiert, und es finden sich mitunter philosophisch anmutende Reflexionen, die für mich nicht recht nachvollziehbar sind (z.B. S. 68/69, Darwin, die Pfauen und die Schönheit). Insgesamt ist der Roman trotz mitunter sehr langer Sätze flüssig zu lesen. Stellenweise empfand ich ihn als etwas langatmig, was vor allem an den detaillierten Beschreibungen der Vorgänge auf der Insel lag.

Fazit:

Die Idee, das persönliche Schicksal Maries mit dem der Insel zu verbinden, finde ich sehr gelungen. Dass und wie Marie auf der Insel lebt, ergibt sich aus der Historie, aus dem Weltbild der Menschen und aus der Art und Weise, wie die Insel gesehen und genutzt wird. Insgesamt bleibt mir das Schicksal Maries aber auch fremd, ohne genau sagen zu können, warum. Vielleicht, weil sich das Buch bei der Beschreibung der Insel sehr in Details verliert, so dass der rote Faden verloren geht. Vielleicht, weil Maries Schicksal eben vor allem durch das Schicksal der Insel illustriert wird und sie ihre Gefühle gar nicht so recht in Worte fassen kann. Aber vielleicht ist gerade das der Clou des Buches.

Thomas Hettche – Pfaueninsel – Btb-Verlag