George Watsky – Wie man es vermasselt

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Das wahre Leben

Wie man es vermasselt umfasst 13 Essays über das Leben des Autors. In der ersten Geschichte wollen George und sein Freund Jackson einen Narwal-Stoßzahn von Kanada in die USA schmuggeln. Für mich die schwächste Geschichte (und ich war beim Lesen schon ein wenig enttäuscht). Doch ich bin drangeblieben. Nicht zuletzt wegen der Sprache, die locker, flockig und stellenweise richtig witzig daherkommt.

Ich habe es nicht bereut… Watsky hält ein ganzes Potpourri an Themen für den Leser bereit: Pleiten, Pech und Pannen eines pubertierenden Schülers; eine Reise durch Europa, die zeigt, dass man oft gar nicht so mutig ist, wie man gerne wäre; Watskys Bemühungen, in LA einen Job als Schauspieler zu bekommen, ohne seine Prinzipien an den Nagel hängen; die ersten Auftritte vor spärlichem  Publikum; seine Epilepsie, aber auch erste hilflose Erfahrungen mit Frauen. Und das sind nur einige Beispiele.

Es macht Spaß, den Beobachtungen, Gefühlen und Gedanken dieses sympathischen jungen Mannes zu folgen. Freimütig erzählt er von seinen Sorgen, Ängsten, Missgeschicken – ohne Selbstmitleid oder Bedauern. Eher als das, was sie sind: Erfahrungen, die man als fehlbarer Mensch nun mal macht und aus denen man lernen kann. Und so habe ich zwar gelacht, aber nicht über Watsky, sondern eher mit ihm als Schwester im Geiste und mit dem Gefühl: „Ja, so ist das Leben manchmal. Und trotzdem ist es irgendwie schön.“

Fazit: Watsky schafft es irgendwie, über die Fallstricke des Lebens zu philosophieren und dem Leser gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, dass am Ende schon alles gut wird. Das muss man erst mal hinkriegen. In meinen Augen eine sehr anregende und gleichzeitig auch ermutigende Lektüre.

George Watsky – Wie man es vermasselt – aus dem Amerikanischen von Jenny Merling – Diogenes

Zadie Smith – London NW

Der Roman London NW handelt von zwei Freundinnen, die im Nordwesten Londons leben und dort auch gemeinsam zur Schule gegangen sind. Leah ist weiß und kommt aus einer besser gestellten Familie, Natalie ist schwarz und ihrer Familie geht es weniger gut. London NW ist nicht gerade eine gute Gegend, viele Menschen sind arm, Kriminalität und Drogenhandel  sind an der Tagesordnung.

Das Buch besteht aus fünf Teilen. Im ersten Teil lernen wir Leah und ihren Mann Michel kennen. Leah hat einen Verwaltungsjob, Michel ist Friseur, sie kommen einigermaßen über die Runden.  Michel will weiterkommen, etwas erreichen, eine Familie gründen, Leah will den Status quo bewahren und bloß nicht schwanger werden. Sie blickt halb neidisch, halb verächtlich auf Natalie, die erfolgreiche Anwältin, Mutter von zwei Kindern und Frau des Bankers Frank ist.

Zentrales Ereignis dieses Teils ist der überraschende Besuch der ehemaligen Mitschülerin Shar bei Leah, die um Hilfe für ihre angeblich kranke Mutter bittet. Nicht nur Michel wird Leah später für verrückt erklären, dass sie Shar mit Geld aushilft, obwohl klar ist, dass sie das Geld nur für Drogen braucht. Die Begegnung bringt Leah in Kontakt mit Menschen, denen sie einerseits entfliehen, andererseits aber auch helfen will. Genauso hin- und hergerissen ist sie auch beim Thema Erwachsenwerden. Sie sträubt sich dagegen, fühlt sich aber auch minderwertig gegenüber Natalie, die scheinbar erwachsen ist. Es gibt noch einen dritten inneren Konflikt: Leah ist weiß und hat deswegen ein schlechtes Gewissen, fühlt sich aber bei ihren vornehmlich schwarzen Kolleginnen auch nicht zugehörig.

Stilistisch ist dieser erste (aber auch der dritte) Teil eine wahre „Fundgrube“:

  • Bei der wörtlichen Rede, die nicht durch Anführungszeichen, sondern Spiegelstriche eingeleitet wird, wird selten konkret gesagt, wer spricht (was bei mir teilweise für Verwirrung gesorgt hat). Vielleicht soll damit gezeigt werden, dass gar nicht so eindeutig ist, wer eigentlich welche Position vertritt?
  • Die wörtliche Rede Dritter wird zudem manchmal durch Leahs Gedanken unterbrochen, ohne dass im Nachhinein geschildert wird, was Leah verpasst hat. So ist man auch als Leser im Unklaren. Letztlich spiegelt das die Realität wieder, denn im wahren Leben bekommt man auch nicht mit, was andere sagen, wenn man den eigenen Gedanken nachhängt.
  • Ein weiteres Stilmittel sind fehlende Satzzeichen plus Wiederholung: „Er [Frank] sieht gut aus sein Hemd ist perfekt seine Hose ist perfekt seine Kinder sind perfekt seine Frau ist perfekt und dieses Glas Prosecco ist perfekt temperiert“ (S. 82). Vielleicht will Smith damit zeigen, dass Leah von Franks Perfektion überwältigt ist? (Wie von einer Lawine „überrollt“?)
  • Smith „malt“ mit der Sprache, indem die Form des Gedruckten den Inhalt illustriert. Ein Beispiel hierfür: Auf Seite 40 werden Gedanken über einen Apfelbaum in Form eines Baumes gedruckt. Funktion??
  • Michels französische Herkunft wird an einer Stelle durch seine Sprache deutlich: „Ich will einfach nicht, dass so ein Schild steht vor die Haus, wo ich wohne“ (S.42).
  • Auf Seite 112ff stellt Smith eine Dinnerparty bei Natalie und Frank dar, hier sind Reflexionen, wörtliche Rede (keine Anführungszeichen) und Kommentare gemischt, es geht alles durcheinander, wie es bei einer Party ja auch oft der Fall ist. Der Vorgang des Essens wird mit Hilfe von Wiederholungen dargestellt: „Thunfisch durchreichen“, „Salat aus wilden Tomaten durchreichen“ usw. Am Ende wird das übertragen auf: „Lösungsansätze werden über den Tisch gereicht“.  Vielleicht geht es hier darum, aufzuzeigen, dass bei so einem Essen bestimmte Themen einfach nach und nach abgehakt werden. („Das Staffelholz der Konversation wird an andere weitergereicht“, S. 113).
  • Smith neigt dazu, etwas anzudeuten und erst später aufzuklären, worum es dabei eigentlich geht, was natürlich zum Weiterlesen anregt, hier für meinen Geschmack aber etwas überstrapaziert wird.
  • Ich habe den Eindruck, Smith beschreibt Dinge und Ereignisse gerne möglichst ungewöhnlich: „periodische Anfälle von häuslichem Nudismus“ (S. 243) – Natalies Bruder läuft oft nackt in der Wohnung herum; als Natalie von Turnschuhen einer bestimmten Marke träumt, heißt es: „Die rot-weiße Luftpolstertechnologie der griechischen Siegesgöttin.“ (S. 233)

Der zweite Teil ist eher in „normaler“ Romanform gehalten, d.h. die wörtliche Rede steht in Anführungszeichen, es ist immer klar, wer redet, es gibt eine stringentere Handlung und es wird in der Vergangenheitsform erzählt. Es gibt einen neuen Protagonisten namens Felix, der mit Grace zusammenlebt. Beide sind schwarz, und Grace hat Felix offenbar aus einem Sumpf aus Drogen geholt, den er hinter sich lassen will. Dazu gehört auch, sich von seiner drogenabhängigen Geliebten Annie zu trennen. Hier sehe ich Parallelen zu Leah und Shar. Beide, Felix und Leah, haben Mitleid und wollen Shar bzw. Annie helfen, aber die wollen sich nicht helfen lassen. Eine weitere Parallele sehe ich zwischen Felix und Michel, die beide  „eine Stufe höher“ wollen. Felix trifft einen jungen Mann namens  Tom, um ihm ein Auto für Grace abzukaufen. Tom kommt aus guten Verhältnissen, kriegt aber in seinem Leben nichts auf die Reihe. Hier zeigt sich, dass auch ein guter sozialer Hintergrund kein Garant dafür ist, dass das Leben gut verläuft.

Im dritten Teil werden Natalies Leben und die Freundschaft zu Leah aus Natalies Sicht in kurzen, aufeinanderfolgend nummerierten Abschnitten dargestellt. Man bekommt einen Einblick in die „Gegenseite“, also Natalies Meinung über Leah. Das ist insofern interessant, weil man merkt, dass auch Natalie ihre Freundin beneidet. Man erfährt, wie sich die Freundschaft zwischen Leah und Natalie entwickelt hat. Während Leah eine wilde Jugend mit Drogen und schlechten Noten durchlebte, lernte Natalie eifrig. Natalie war auch früher schon sehr ehrgeizig: „Das Leben hielt sie für ein Problem, das sich mit der richtigen akademischen Ausbildung lösen ließ“ (S. 260). Auch finanzielle Unterschiede trennten die beiden, die aber später wieder zusammenfanden. Innerhalb der Familie treffen in der Jetztzeit verschiedene Lebensumstände aufeinander (vgl. Teil I und II): Natalie will ihre Familie retten; kann nicht mit ansehen, wie ärmlich ihre Mutter Marcia und die Schwester Cheryl in ihren Augen leben. Doch Cheryl will Natalies Hilfe nicht. Sie ist zufrieden, so wie es ist.

Im vierten Teil irrt Natalie nach einem schlimmen Streit mit Frank durch die Stadt.  Sie trifft Nathan, in den Leah früher verknallt war und der jetzt eine verkrachte Existenz ist. Er nimmt Drogen und ist Zuhälter; Shar gehört u.a. zu seiner „Familie“. Die beiden laufen high durch die Stadt. Die Polizei ist ganz offenbar auf der Suche nach einem Straftäter, Natalie bringt das aber in ihrem berauschten Zustand nicht mit Nathan in Zusammenhang.

Im letzten Teil liegen auch Leah und Michel im Streit. Es zeigt sich meines Erachtens, dass weder Leah noch Natalie aus ihrer Haut können; was fehlt, ist die Ehrlichkeit, das Zugebenkönnen von Schwäche, vor allem bei Natalie. Leah glaubt, dass Natalie das perfekte Leben führt. Natalie, die ganz und gar nicht glücklich ist, tut aber nichts dafür, dieses Missverständnis aufzuklären und Leah so näherzukommen. Umgekehrt ist es genauso.

Leah versteht auch nicht, warum es den einen Menschen gutgeht und den anderen nicht. Natalie glaubt (entsprechend ihrer eigenen Erfahrung), dass das daran liegt, dass sie härter arbeiten. Während Natalie, die aus schlechteren sozialen Verhältnissen kommt, die persönliche Verantwortung betont, sieht Leah, die aus besseren Verhältnissen kommt, stärker die Bedeutung der Herkunft.

Die zentralen Fragen des Buches sind nach meiner Einschätzung: Inwiefern kann man sein Leben / seinen Erfolg kontrollieren, sich von bestimmten Startbedingungen „befreien“? Ist man auf einer sozial höheren „Stufe“ wirklich glücklicher? Wer hat darüber zu entscheiden oder zu urteilen, wie man lebt und was man im Leben erreichen möchte?

Fazit:

Es handelt sich, soweit ich das beurteilen kann, um eine gute Milieustudie. Stilistisch wirkt es für meinen Geschmack etwas bemüht, es sind einfach zu viele Stilmittel, die den Lesefluss behindern und das Verständnis erschweren. Nichtsdestotrotz finde ich interessant, wie die Sichtweisen von Leah und Natalie gegenüberstellt werden. Sie beneiden sich gegenseitig, sehen nur, was sie sehen wollen – dass es der anderen besser geht. Eine echte Entwicklung machen die beiden nicht durch; sie sind am Ende nicht schlauer als am Anfang. Es ist auch ein Buch über das Erwachsenwerden. Hier Natalie, die scheinbar erwachsen geworden ist, da Leah, die es scheinbar nicht ist. Für mich sind sie es beide nicht, was sich auch am Ende zeigt, als sie Nathan bei der Polizei anzeigen. Die einzigen Personen, die eine Entwicklung durchmachen, sind Michel, Felix und Frank. Sie stehen etwas im Hintergrund und sie wissen auch nicht wirklich, wie es ihren Frauen geht. Aber sie sind meines Erachtens diejenigen, die für „Erwachsensein“, Realitätssinn und Ehrlichkeit stehen.

Zadie Smith – London NW – Goldmann Verlag