Donna Leon – Stille Wasser

Commissario Brunetti leidet an einem Erschöpfungssyndrom. Er bemerkt es eher zufällig, nachdem er einen jungen Kollegen durch einen kleinen Schauspieleinsatz vor einer Dummheit bewahrt hat. Der Commissario verabschiedet sich daraufhin für ein paar Wochen aus dem Dienst und zieht sich in die Villa eines Freundes der Faliers, d.h. der Familie seiner Ehefrau Paola, zurück. Dort lernt er den Verwalter Casati kennen und verbringt mit ihm viele Stunden im Ruderboot und bei Casatis Bienenstöcken. Dabei erholt Brunetti sich prächtig und kommt wieder zu Kräften.

So viel zur ersten Hälfte des Buches.

Die zweite Hälfte dreht sich – es ist nun mal ein Krimi – um die Aufklärung eines Todesfalls. Ich schreibe bewusst Todesfall, weil  von vornherein klar erscheint, dass es kein Mord war, sondern ein Unfall; eventuell Selbstmord. Die anschließenden Ermittlungen sind dann auch eher Brunettis persönlichem Interesse an dem Fall zu verdanken. Er führt einige Gespräche mit Verwandten und Freunden des Opfers; dazu kommt ein wenig Recherche in älteren Zeitungsartikeln (Signorina Elettra, der Sekretärin von Vice Questore Patta, sei Dank). Alle Spuren verweisen  auf einen Unfall in der Firma, in der das Opfer einst gearbeitet hat. Schnell wird auch klar, dass der Fall irgendwie mit Umweltverschmutzung zu tun haben muss.

Das hört sich nicht sonderlich spannend an, und tatsächlich ist die Geschichte sehr ruhig erzählt und es passiert nicht viel, was zwar nicht ganz untypisch für Donna Leon ist, hier aber auf die Spitze getrieben wird. Dessen ungeachtet habe ich den Krimi in einem Rutsch durchgelesen.  Denn trotz allem gelingt es Leon, mein Interesse für die Geschichte von vorne bis hinten zu erhalten.

Eine Sache ist mir unangenehm aufgefallen. Die Ermittlungen führen Brunetti in ein Pflegeheim, wo er sich mit zwei Bekannten des Opfers unterhält, die durch den o.g. Unfall versehrt bzw. körperlich behindert sind. In diesem Zusammenhang heißt es u.a.:

  • „Ist es nicht merkwürdig, mit welcher Selbstverständlichkeit wir davon ausgehen, dass Behinderte immer die Wahrheit sagen? Als ob ihr Leid sie ehrlich gemacht habe.“ (S. 274)
  • „Auf einmal musste Brunetti an seine Mutter denken und die Grundsätze, die sie ihm als Kind beigebracht hatte. Nicht lügen, bitte und danke sagen, zu alten Leuten höflich sein und ihnen helfen, wenn man kann, sich nicht mit Behinderten anlegen, immer alles aufessen und nicht gierig sein, niemals Geld leihen, seine Versprechen halten.“ (S. 309)
  • „Einen Versehrten in die Enge zu treiben hieß jedweden Stolz verletzen, der ihm noch geblieben war.“ (S. 319)

Brunetti schreibt Behinderten offenbar bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zu und glaubt, dass man sie anders behandeln sollte als Nicht-Behinderte. Das leuchtet mir nicht ein. Wieso sollte ich glauben, dass Behinderte ehrlicher sind als Nicht-Behinderte? Wieso sollte Leid ehrlich machen? Und wer sagt überhaupt, dass Behinderte generell leiden? Das ist mir alles zu pauschal. Des Weiteren: Jemanden in die Enge zu treiben finde ich doof, egal, ob derjenige behindert ist oder nicht, genauso wie ich auch einem körperlich Behinderten  ggfs. meine anders geartete Meinung sagen, mich also „mit ihm anlegen“ muss. Alles andere hieße doch, meinem Gegenüber nicht sonderlich viel Respekt entgegen zu bringen.

Paola, die Kinder und Patta nehmen keinen sonderlich großen Raum in diesem Band ein; Signorina Elettra kommt aber, wie oben schon angedeutet, zum Einsatz und besorgt mühelos alle notwendigen Informationen.

Fazit:

Verlässliche und vertraute Krimi-Unterhaltung, insgesamt aber etwas zu handlungsarm und mit einem Wermutstropfen.

Donna Leon – Stille Wasser – Diogenes – aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Der Roman Die Geschichte der Bienen besteht aus drei Handlungssträngen, die in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen. William ist ein unglücklicher englischer Wissenschaftler in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der gerade erst das Wunder der Bienen entdeckt. In der Gegenwartsgeschichte geht es um den US-amerikanischen Imker George, der darunter leidet, dass sein Sohn Tom das Geschäft nicht fortführen will. Die dritte Geschichte spielt im China des ausgehenden 21. Jahrhunderts. Protagonistin Tao bestäubt als Arbeiterin Blüten, da es keine Bienen mehr gibt. Es handelt sich um eine Dystopie, die illustriert, wie das Leben aussehen könnte, wenn es keine Bienen mehr gäbe.

William ist Saatgutverkäufer und siebenfacher Vater, dessen Herz für die Wissenschaft schlägt. Eine Leidenschaft, der er durch die Familiengründung und den Zwang, Geld nach Hause zu bringen, leider nicht ausgiebig frönen kann. Er wird depressiv, fängt sich aber wieder und entwickelt neue Arten von Bienenstöcken. Allein, zum Durchbruch kommt es nicht, da er mit seinen Erfindungen zu spät dran ist. Seine Tochter Charlotte „erbt“ sein Interesse für Bienen. Dabei erkennt William lange nicht, was er an Charlotte hat, weil er ständig auf Sohn Edmund schielt, den er mit seinen Forschungen beeindrucken will. Auch sein ehemaliger Professor und Mentor Rahm spielt eine große Rolle, er ist eine Vaterfigur,  die William nicht enttäuschen will. Letztlich ist William gefangen in seinem inneren Konflikt und kreist um sich selbst.

George, der Imker, kann nicht akzeptieren, dass sein Sohn Tom andere Pläne für die Zukunft hat, als den Hof des Vaters zu übernehmen. In dieser Geschichte geht es, ähnlich wie bei William und Edmund, um den typischen Konflikt zwischen Eltern und Kindern – inwieweit lässt man den Kindern Raum, ihre eigenen Wege zu gehen. George ist ein Praktiker, will seinem Sohn alles beibringen, was man fürs Imkerdasein können muss. Tom dagegen will schreiben, ist ein begabter Student, doch das interessiert George nur am Rande. George sieht, genau wie William, nur sich selbst und missbilligt die akademischen Ambitionen seines Sohnes. Als es jedoch zu einem großen Bienensterben kommt, entscheidet sich Tom überraschend für seinen Vater und den Hof. Später erfahren wir, dass Toms Wissen und seine Erfahrungen Tao und ihren Mitmenschen in Form eines Buches wieder Hoffnung gibt.

Taos Leben kann man kaum ein solches nennen, es ist eher ein Kampf ums Überleben. Die Städte sind tot, die verbliebenen Menschen leben auf dem Land und arbeiten unermüdlich.  Sie müssen Blüten von Hand bestäuben, damit es etwas zu essen gibt. Tao glaubt daran, durch Bildung zu einem besseren Leben zu finden, ihr Mann Kuan hat sich mit der aktuellen Situation arrangiert. Sie leben unter einer strengen Regierung, die alles bestimmt, keinen Widerspruch duldet, dies aber immerhin in dem Bemühen, die Menschen am Leben zu erhalten. Die Menschen werden in dieser Phase selber zu Bienen unter einer alles bestimmenden Königin, zu unermüdlichen Arbeitern und Arbeiterinnen. Als Taos Sohn einen Unfall hat, macht sie sich auf die Suche nach dessen Ursache. Sie kehrt mit einer Hoffnung gebenden Erkenntnis zurück.

Jede Geschichte für sich wäre nach meiner Einschätzung zu mager gewesen – die Konflikte zwischen den Protagonisten werden nicht in der Tiefe behandelt. Doch die Zusammenstellung der Handlungsstränge, die jeweils stückweise dargeboten werden, ist reizvoll. Dabei sind die Geschichten natürlich einerseits über das Thema Bienen verbunden, andererseits ist George ein Nachkomme Williams, und Tao findet ein Buch, dass Tom geschrieben hat.

Sehr interessant und wichtig finde ich, was man in sachlicher Hinsicht über die Bienen erfährt und natürlich über die möglichen Folgen ihres Aussterbens. Hier rüttelt das Buch auf und macht deutlich, wie wichtig es ist, die Bienen zu erhalten. Es war für mich allerdings ein bisschen schwierig, das inhaltliche Anliegen – die Bedeutung der Bienen für die Menschen zu illustrieren – und die Familien-Geschichten zusammen zu bringen. Ich wusste nicht so richtig, was ich gerade lese. Drei Familiensagen? Ein Sachbuch? Ein Buch über zwischenmenschliche Erwartungen? Diese Unklarheit, die natürlich im Konzept des Buches angelegt ist, bewahrte bei mir eine gewisse Distanz zum Text.

Es ist schon angeklungen, dass das Thema Bildung in dem Roman von großer Bedeutung ist. Es wird aber auch deutlich, dass Theorie und Praxis nur in der Kombination zum Ziel führen. George kann nicht glauben, dass die Theorie irgendeinen Nutzen für ihn als Imker hat. Doch das von Tom angelesene Wissen in Kombination mit seinen praktischen Erfahrungen helfen schließlich Tao. Ihre unbeirrbare Auffassung, dass Bildung der Schlüssel zur Lösung der Probleme ist, führt dazu, dass die Menschen zum ersten Mal wieder Hoffnung haben.

Sprachlich-stilistisch sticht der Roman, soweit ich das beurteilen kann, nicht besonders heraus.  Mir sind weder besonders raffinierte, noch besonders schlechte Formulierungen aufgefallen, es war einfach eine leicht zu lesende Lektüre, was ich angesichts des facettenreichen Inhaltes passend finde.

Fazit:

Im Gesamtpaket eine gut lesbare, interessante, spannende und wichtige Lektüre mit Appell-Charakter, genremäßig (wenig überraschend) nicht so richtig einzuordnen.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen – btb Verlag – aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein