John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

Der Junge im gestreiften Pyjama ist ein Jugendbuch, das aus der Sicht eines Neunjährigen namens Bruno erzählt wird. Das Buch liest sich entsprechend flüssig, ohne jedoch sprachlich anspruchslos oder langweilig zu werden.

Worum es geht: Bruno lebt während des Zweiten Weltkriegs in Berlin. Eines Tages kommt er von der Schule nach Hause und erfährt, dass die Familie schon bald umziehen wird. Es hängt irgendwie mit der Arbeit des Vaters zusammen. Bruno ist sehr unglücklich: In Berlin gefällt es ihm sehr gut; sie haben ein schönes Haus in einer schönen Gegend und er will natürlich auch seine Freunde nicht zurücklassen. Aber es nützt alles nichts, schon bald darauf verlassen sie Berlin und ziehen nach Auswisch (so spricht Bruno den neuen Wohnort fälschlicherweise aus).

Es heißt natürlich Auschwitz; das neue Haus der Familie liegt direkt neben dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau – durch einen langen, hohen Zaun getrennt. Schnell wird dem Leser klar: Der Vater ist der neue Lager-Kommandant. Bruno dagegen ahnt nicht, was vor sich geht und welche Rolle sein Vater dabei spielt. Er ist kreuzunglücklich in Auswisch, langweilt sich und findet die Menschen hinter dem Zaun allenfalls etwas unheimlich.

Eines Tages wandert Bruno den Zaun entlang bis zu einer sehr abgelegenen Stelle und lernt Schmuel kennen, der auf der anderen Seite auf dem Boden sitzt. Groteskerweise (aber aus Brunos Sicht vielleicht nachvollziehbar) findet Bruno sein eigenes Schicksal vergleichbar mit dem von Schmuel: Beide wurden von ihrem zu Hause weggerissen und an diesen schlimmen Ort verfrachtet. Sie treffen sich von da an jeden Tag am Zaun und reden.

Die Treffen gehen über ein Jahr. Doch obwohl Bruno sensibel ist und auch merkt, wie dünn Schmuel ist und wie schlecht er aussieht, und obwohl es noch mehr Hinweise darauf gibt, dass es den Leuten hinter dem Zaun nicht gut gehen kann, zieht Bruno aus diesen Hinweisen keinerlei sinnvolle Schlussfolgerungen. Er begreift auch nicht, dass der Vater, der das Lager ja leitet, irgendwie dafür verantwortlich sein muss.

Anfangs dachte ich, es geht darum, wie Bruno die Einsicht verarbeitet, dass der von ihm bewunderte Vater systematisch Menschen ermordet. Aber bevor Bruno überhaupt zu irgendeinem Verständnis kommt, ist die Geschichte zu Ende. Bruno stirbt, weil er unter dem Zaun hindurch zu Schmuel ins KZ klettert. Er will seinem Freund helfen, dessen Vater zu finden, der „verschwunden“ ist. Da Bruno von Schmuel einen gestreiften Pyjama, also Lagerkleidung, bekommen hat, wird er von den Soldaten nicht als Sohn des Kommandanten erkannt und mit Schmuel vergast.

Auf der ersten Seite steht, der Junge im gestreiften Pyjama sei eine Fabel. Davon abgesehen, dass keine Tiere vorkommen, frage ich mich: Was ist die Moral dieser Geschichte? Wer zu naiv ist, wird es bitter bereuen? Hilfsbereitschaft zahlt sich nicht aus? Und wieso wird Brunos Schicksal und das seiner Familie am Ende so betont, und nicht das von Schmuel und Millionen anderer Juden?

Im Vordergrund der Geschichte stehen Brunos grenzenlose Naivität, aber auch seine freundliche Offenheit und Unvoreingenommenheit. Sie führen ihn letztlich ins Verderben. Aber diese Eigenschaften waren ja nicht der Grund für den Holocaust. Ich verstehe nicht, was Boyne damit ausdrücken will.

Es ist dem Autor zwar sehr gut gelungen, mich als Leserin emotional anzusprechen, aber eben nur emotional. Wie es zu so etwas unvorstellbar Grausamem wie dem Holocaust kommen konnte, wird meines Erachtens nicht hinreichend thematisiert. Es kommen zwar einige Figuren vor, die Widerspruch äußern, aber mehr auch nicht. Es folgt nichts daraus und Bruno kann dem sowieso nicht die richtige Bedeutung beimessen.

Schließlich denke ich, dass die Geschichte in der Form nicht hätte passieren können. Sie ist nicht plausibel. Das ist zwar für ein gutes Buch nicht generell ein wichtiges Kriterium, aber in diesem Fall meines Erachtens schon. Auch deshalb bin ich mir nicht sicher, ob es als Jugendbuch zum Thema Holocaust wirklich geeignet ist.

Fazit: Ein sehr ergreifend geschriebenes Jugendbuch zum Thema Holocaust, das mich mit einem ratlosen bis ärgerlichen Gefühl zurücklässt.

John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama – Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit –Fischer

Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt

Quelle: pixabay.com

Eine Frau und ein Mann renovieren zur Zeit der Wende eine Altbau-Wohnung in Berlin. Sie wollen gemeinsam dort einziehen. Sie sind schon etwas älter, haben  erfüllende Berufe, ehemalige Beziehungen und ältere Kinder. Etwas Neues soll beginnen, ihr gemeinsames Leben. Aber schon auf den ersten Seiten wird klar, dass das Schicksal auf perfide Art dazwischenfunkt.

Der Mann fällt beim Renovieren von der Leiter und staucht sich die Wirbelsäule. Und während er sich durch die Reha kämpft, kümmert sie sich um die Wohnung. Als die beiden schließlich eingezogen sind – der Mann geht mittlerweile am Stock – stellt sich heraus, dass die Wohnung ein echter Fehlgriff ist: Nachts können sie vor lauter Lärm nicht schlafen, die Heizung geht dauernd kaputt, ständig ist der Behindertenparkplatz besetzt usw.

Auf die Frage, warum die beiden in der Wohnung bleiben, gibt das Buch keine Antwort. Es ist wie ein Bericht verfasst, d.h. man erfährt wenig über ihre Gefühle oder darüber, wie sie die Situation bewerten. Natürlich versuchen sie, die Probleme zu lösen, ihre Bemühungen bleiben aber erfolglos. Warum gehen sie nicht? Meine Vermutung ist, dass sie bleiben müssen, um dem Sturz nachträglich einen Sinn zu geben. Die Wohnung muss es wert sein, dass er nur noch am Stock laufen kann.

Am Ende des Buches heißt es: „Alles, was auf diesen Seiten zur Sprache kommt, hat sich auf diese oder jene Weise ereignet. […]“ Ulrike Edschmids Partner ist der Mann, der fällt – und der in der zweiten Hälfte des Buches etwas in den Hintergrund rückt. Die Erzählerin schildert hier alle möglichen Dinge, die sie erleben: Der Kioskbesitzer um die Ecke wird angeschossen, sie müssen wegen eines Bombenfundes überstürzt das Haus verlassen und ähnliches.

Der Mann kommt immer dann wieder ins Spiel, wenn er eigentlich schnell reagieren müsste, dies aber nicht mehr kann. Ich verstehe es so, dass die erzwungene Verlangsamung und Hilfsbedürftigkeit des Mannes durch die „Verschnellerung“ und Verrohung der Umwelt betont werden soll. Doch gelingt dies meines Erachtens nicht. Das liegt vor allem daran, dass es kein Vorher gibt. Wie haben sie vorher gelebt? Was hat der Mann gemacht, was die Frau? Was war ihnen wichtig? Wo haben sie gelebt? Wie verroht und schnell war das Viertel vorher? All das wird nur angerissen, ist aber zum Verständnis der Veränderung wichtig und hätte meines Erachtens genauer ausgeleuchtet werden müssen.

Es gelingt auch deshalb nicht, weil einfach ein schlimmes Ereignis an das nächste gereiht wird. Offensichtlich haben die beiden all das erlebt, aber so konzentriert und ohne eine Einordnung wirkt es auf mich übertrieben und unglaubwürdig. Dazu kommt, dass das Paar in einer anderen Gegend Berlins vielleicht auch positivere Erfahrungen hätte machen können.

Doch es wird so dargestellt, als gäbe es eine zwingende Beziehung zwischen dem Unfall und den Ereignissen. Als wäre das Ganze unabänderlich. Es kann natürlich sein, dass Edschmid das so empfunden hat:  Es passieren nur noch schlimme Dinge, wir können nichts dagegen tun und diese schlimmen Dinge fordern die Langsamkeit meines Partners heraus. Aber es gelingt ihr (zumindest in meinem Falle) nicht, diese Empfindung nachvollziehbar darzustellen.

Die Sprache ist flüssig und kommt ohne Schnörkel aus, was natürlich zur Berichtsform passt. Es gibt zudem einige treffende Passagen, die mich nachdenklich gemacht haben, so z.B. auf Seite 67: „Zuweilen erstaune es ihn, schreibt er, dass er bei der erzwungenen Verzögerung seiner Schritte auf eine innere, längst vorhandene Langsamkeit stoße, die er früher hinter einer zum Lebensstil gewordenen Eile habe verschwinden lassen.“

Manchmal bin ich über einen Wechsel der Zeitform innerhalb eines Satzes gestolpert (bspw. Seite 151/152): „Als ich mich nach zehn Tagen von ihr verabschiede, habe ich vor, im nächsten Jahr wiederzukommen. Sie wird dann alt genug für einen Sari sein – zwölf Jahre. Noch trägt sie ein kurzes Kleidchen. Ich habe ihr den Sari für den Geburtstag mitgebracht. Ich frage sie, wo sie sein wird, wenn ich kommen.“  Die Erzählerin streut die Information, dass sie dem Mädchen den Sari tatsächlich mitgebracht hat, offenbar einfach an irgendeiner Stelle ein. Vielleicht, um die Natürlichkeit des Berichts zu betonen?

Fazit: Ein in Berichtsform gehaltenes Buch über einen Mann, der aufgrund eines Unfalls nur noch mit Stock laufen kann und sich anpassen muss, und ein Buch über Berlin zur Zeit des Mauerfalls.

Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt – Suhrkamp

Hartmut Lange – Das Haus in der Dorotheenstraße

Hartmut Langes Das Haus in der Dorotheenstraße umfasst fünf kurze Novellen: Die Ewigkeit des Augenblicks handelt von Michael Denninghoff, einem Taxifahrer, der den Tod seiner Frau nicht verwunden hat und die nicht gelebte Trauer an ihrem Lieblingsbild festmacht, das er nach ihrem Tod weggegeben hat und nun unbedingt zurückhaben möchte. In Der Bürgermeister von Teltow geht es um einen überforderten Politiker namens Andreas Schmittke, dessen Stress sich in der Vorstellung manifestiert, eine Krähe halte sich auf dem Rücksitz seines Autos auf. Das Haus in der Dorotheenstraße handelt von Gottfried Klausen, der für seinen Job nach London zieht, während seine Frau Xenia in Berlin zurückbleibt. Er erkennt lange nicht, dass sie einen Geliebten hat und gar nicht in Erwägung zieht, ihm nach London zu folgen. In Die Cellistin sieht und hört eine Person unbekannten Namens eine Cellistin in der Natur sitzen und spielen. Schnell wird der Person klar, dass es Einbildung ist, aber das mindert nicht den Reiz der Erfahrung. Schließlich handelt Der Schatten von Steffi Trautwein, die darunter leidet, dass ihr Ehemann Philipp dauernd abwesend ist. Sie hat sich in der Rolle der wartenden Ehefrau eingerichtet und rückt auch nicht davon ab, als sich die Hinweise mehren, dass er eine Affäre hat.

Hartmut Lange benutzt des Öfteren lange, verschachtelte Sätze, die durch Einschübe und Wiederholungen an die Ungeordnetheit der gesprochenen (und gedachten) Sprache erinnern. Im Prinzip behält er diesen Stil in allen Novellen bei, er fiel mir aber in der ersten Novelle besonders auf, was zu dem unsicheren Tonfall des Protagonisten passt. In der zweiten Novelle ist der Tonfall eher nervös, in der dritten sachlich-penibel, in der vierten – die in der Ich-Form geschrieben ist – entspannt und in der fünften ironisch-distanziert.

Distanziert klingen aber eigentlich alle Novellen (bis auf die vierte mit der Cellistin). Es wird beschrieben, was die Protagonisten denken und tun, aber man erfährt wenig über ihre Gefühle und Motive. Es gibt kaum wörtliche Rede, dafür sind die Gedanken in Anführungszeichen gesetzt, was ich so interpretierte, dass für die jeweils sehr einsamen Protagonisten die Grenze zwischen dem, was sie denken, und dem, was sie sagen, verwischt. Sie sind zu sehr mit sich allein.

In allen Novellen steht der Alltag im Vordergrund, das Festhalten an alten Gewohnheiten. Michael Denninghoff aus der ersten Novelle leidet darunter, den Alltag mit seiner Frau nicht mehr erleben zu dürfen, Bürgermeister Schmittke erlebt ihn als Druck und wird aus der Bahn geworfen. Die untreue Ehefrau Xenia in der dritten Novelle will den Luxus ihres Lebens in Berlin nicht aufgeben. Ihr Mann erkennt, dass er in der Fremde, ohne den gewohnten Alltag, in unangenehmer Weise auf sich selbst zurückgeworfen ist: „Denn wenn man sich mit einer Gegend nicht anfreunden kann, wird man auf sich selbst verwiesen. Man lernt sich kennen, und man erlebt, das kann ich dir versichern, manch unangenehme Überraschung.“ (S. 91). Ein Mann in der Fremde, mit einer daheimgebliebenen Frau, die Xenia heißt, und ihm fremd ist. Gottfried Klausen muss erst aus dem Alltag ausbrechen, um das zu begreifen. Die wartende Ehefrau Steffi in Der Schatten ignoriert alle Warnsignale, nur um ihren Alltag in gewohnter Form aufrechtzuerhalten. Persönliche Vermutungen/Hoffnungen werden als allgemeine Aussagen umgedeutet und sich schöngeredet (S. 113).

In allen Novellen (außer der der Cellistin) geht es darum, dass die Protagonisten die Augen vor der Realität verschließen, nur sehen, was sie sehen wollen. Sie können schwer ertragen, dass die eigenen Überzeugungen angekratzt oder gar widerlegt werden. Lieber sterben sie (Novelle 1), verharren in einer Situation (Novelle 5), fliehen (Novelle 3), oder bekämpfen eine eingebildete Krähe (Novelle 2).

Die Protagonisten in diesen vier Novellen hängen einer fixen Idee nach, haben keinen richtigen Zugang zu ihren Gefühlen und den Gründen für ihr Verhalten und sind so in ihrem Ich und ihrer Situation gefangen. Die nicht fassbaren Gefühle machen sich an einer eingebildeten Krähe fest (Novelle 2), einem Kunstdruck (Novelle 1), dem Schatten vor dem Hintereingang (Novelle 5), einer Aschewolke nach einem Vulkanausbruch (Novelle 3).

Auch in der Novelle Die Cellistin gibt es ein Symbol – eben die eingebildete Musikerin bzw. die CD mit ihrer Musik. Nur dass der Protagonist diese Einbildung annimmt und versteht: „Ich war ernüchtert, musste mir eingestehen, dass die Begegnung mit der Cellistin eine Täuschung gewesen war. […] ‚Es gibt kein Rendezvous mit einer Toten, die in England begraben ist und also keinerlei Grund hat, tausend Kilometer weiter ostwärts wieder aufzutauchen‘, dachte ich, spürte aber, dass sich die Sache damit keineswegs erledigt hatte. ‚Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern.‘

Schließlich bringt der Erzähler es auf den Punkt: „‚Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern‘, dachte ich […].“ (S. 101-102). Genau das machen die Protagonisten aller fünf Novellen, aber nur der Protagonist in Novelle 4 ist sich dessen bewusst. Er erkennt auch die wichtige Rolle der Kunst und resümiert über die CD mit der Musik der Cellistin: „‚Aber es zaubert‘, dachte ich, ‚sowie man es zum Klingen bringt, eben jene menschenfreundliche Ewigkeit herbei, auf der die Cellistin offenbar nicht zu hoffen gewagt hatte.‘“ (S. 104-105). In der Kunst wird der Augenblick zur Ewigkeit, kann man ihn am Leben erhalten. Es ist „[…] die Kunst, die es uns ermöglicht, die Grenze von Leben zum Tode niederzureißen‘.“ (S. 104). Denninghoffs Ehefrau erkannte das zu ihrer Zeit auch in dem Kunstdruck. Sie sagte zu den beiden Personen auf dem Bild: „Die zwei wirken überaus lebendig, verharren aber in ein und derselben Haltung. Es gibt eine Ewigkeit des Augenblicks.“ (S. 32). Hier kommt nach meinem Empfinden auch wieder das Thema „Festhalten“ an etwas Bekannten zum Ausdruck, so dass der Bogen zum Thema „Alltag“ geschlagen wird.

Fazit: Fünf beeindruckende Novellen, große Symbolik auf kleinstem Raum.

Hartmut Lange – Das Haus in der Dorotheenstraße – Diogenes

Fatma Aydemir – Ellbogen

Der Roman Ellbogen handelt von Hazal, einem in Berlin lebenden Mädchen, dessen Eltern vor Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Der Vater ist Taxifahrer, die Mutter arbeitet in einer Bäckerei. Hazal nimmt an einer BVB, das heißt einer „berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme“ teil.

In Teil I (Kapitel 1-6) schildert Hazal ihr Leben und ihre Probleme: Die Benachteiligungen, die sie erfährt, die Angst vor Abschiebung, Vorurteile gegen Menschen mit Migrationshintergrund, die Rolle der Religion für ihr Leben, die Langeweile, der Vorwurf, die Probleme selbst verschuldet zu haben. Sie beleuchtet die Bedeutung der Kinder für die Eltern, vor allem die Tatsache, dass Hazal im Vergleich zu ihrem Bruder abgewertet und für dumm gehalten wird. Mehmet, Hazals in Istanbul lebender (Facebook-) Freund, verheißt ein besseres Leben. Mit ihm verbindet sie all ihre Träume und Wünsche, er ist ihr Märchenprinz.

Zu Hause herrscht eine räumliche Enge, die einem die Luft zum Atmen nimmt, gepaart mit einem hohen Maß an Desinteresse an Hazal und ihren Probleme. Sie ist frustriert, enttäuscht, machtlos und beschreibt scheinbar unbeteiligt die Doppelmoral der Eltern, die Gewalt des Vaters gegen die Mutter, deren mangelnde Bildung und ihre psychischen Probleme in einer arrangierten Ehe. Es ist die allgegenwärtige Angst, die Hazals Meinung zufolge zu dem Bedürfnis führt, anderen Menschen Gewalt anzutun, um sich endlich mächtig zu fühlen. Was Hazal fehlt, was sie nicht hat, sieht sie bei den Bessergestellten „Mittetussis“ und  „Ärztetöchtern“.

Hazals Vertraute ist ihre selbstbewusste und studierte Tante Semra. Sie ist auch die Einzige, die sich für Hazals 18. Geburtstag interessiert und bei der Mutter dafür sorgt, dass Hazal bei ihrer Freundin Elma übernachten darf. Hazal fiebert auf diesen Tag hin, denn sie will die Gelegenheit nutzen, mit Elma und Gül in einen Club zu gehen (was ihre Eltern natürlich nicht wissen dürfen!). Es läuft alles wie geplant, bis sie vor dem Club stehen. Dann der Schock: die Türsteher lassen sie nicht hinein! Diese Abfuhr, gepaart mit der ohnehin schon aufgestauten Wut führt zu einem Eklat: Als ein Student in der U-Bahn-Station die Mädchen anmacht, fangen die drei an, auf ihn einzutreten…

Teil II (Kapitel 7-14) spielt in Istanbul; Hazal wohnt bei Mehmet, aber die Wohnung gefällt ihr genauso wenig wie Istanbul selber. Noch dazu ist Mehmet nicht der Märchenprinz, für den sie ihn gehalten hat. Trotzdem hat sie regelmäßig Sex mit ihm und schämt sich dafür (wenn ihre Eltern das wüssten!). Nichts ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Hazal hat keine Ahnung von der politischen Situation in der Türkei (der Roman spielt zur Zeit des Putsches im Juli 2016). Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in Halil, Mehmets Mitbewohner, der für die Rechte der Kurden kämpft und von der Polizei gesucht wird. Sie ahnt, dass ihr Leben in der Türkei auch nicht viel besser laufen wird, bemerkt, dass Halils Freundin „genauso scheiße [ist] wie die Mittetussis“, mit ihrer „Babywut“ und den „Mädchensorgen“. Insgesamt überblickt sie ihre persönliche und die politische Situation nach meinem Empfinden aber nicht richtig. Doch spürt sie, dass sie auch in der Türkei nicht vor ihrer Tat weglaufen kann.  Sie weint, fühlt sich heimat- und hoffnungslos. Mehmet ist aber viel zu kaputt, um ihr zu helfen. Sie bricht zusammen.

Tante Semra kommt in Teil III (Kapitel 15-16) in die Türkei, um Hazal nach Deutschland zurückholen, wo sie sich der Polizei stellen soll. Sie macht Hazal Hoffnung, dass sie doch noch etwas aus ihrem Leben machen kann. Aber Semras Worte kommen bei Hazal nicht an. Sie fühlt sich total unverstanden, und Semra kann Hazals Standpunkt scheinbar wirklich nicht verstehen.  Hazal glaubt, nun endlich begriffen zu haben, dass die Welt ungerecht ist, dass sich niemand für sie interessiert, dass ihr das Leben „den Ellbogen reingerammt“ hat. Das Buch endet mit dem Putschversuch.

Während Teil I also mit einem persönlichen „Ausbruch“ abschließt, steht am Schluss von Teil III ein gesellschaftlicher.  Beide resultieren, so verstehe ich das Buch, aus einem Gefühl der Benachteiligung, Missachtung und Machtlosigkeit Einzelner bzw. einer Gruppe von Menschen heraus. Wobei der politische Aspekt meines Erachtens nicht so stark ausgeführt wird.

Fazit:

Ellbogen ist ein leicht zu lesender, fesselnder Roman. Das Thema „Migrationshintergrund“ wird sehr betont, auch wenn die erwähnten Probleme meines Erachtens nicht (nur) mit ihm zu tun haben, sondern auch mit der Tatsache, dass Hazal in einfachen sozialen Verhältnissen aufwächst. Die im Roman verwendete Jugendsprache ist für mich plausibel und stimmig, andererseits ist Hazal an manchen Stellen nach meinem Empfinden reflektierter, als man es erwarten würde. Insgesamt finde ich Hazals Ausbruch am Ende des ersten Teils nicht zwingend. Anders gesagt, ihre Wut, die auf diesen Ausbruch hinausläuft, kommt bei mir nicht richtig an. Das liegt vielleicht daran, dass Hazal viele ihrer Probleme banalisiert und mit einer großen Sachlichkeit bzw. unbeteiligt erzählt.

Der Mangel an Mitgefühl mit sich selber, der durch die unbeteiligte Sprache zum Ausdruck kommt, ist wohl der Grund dafür, dass Hazal dem Studenten gegenüber gewalttätig wird und keine Empathie zeigt.  So gesehen geht es vielleicht inhaltlich gar nicht anders, als dass der Ausbruch nicht so zwingend erscheint.

Schließlich wird in dem Buch meines Erachtens deutlich, aus welchem (familiären) Klima und aus welchen Lebensbedingungen heraus Empathielosigkeit und Gewalt entstehen können. Dabei steht die Figur der Tante Semra einerseits für die Leute, denen es besser geht und die einfach nicht verstehen können, wie ein Mensch in Hazals Situation wirklich denkt und fühlt. Andererseits steht sie vielleicht auch für den Aspekt der persönlichen Verantwortung – im Gegensatz zur gesellschaftlichen bzw. sozialen Perspektive, die durch Hazal dargestellt wird.

Fatma Aydemir – Ellbogen – Hanser Verlag

 

Thomas Hettche – Pfaueninsel

Der Roman Pfaueninsel befasst sich mit der gleichnamigen Insel  in der Havel im Südwesten Berlins und verknüpft die Geschichte der Insel mit dem Schicksal der kleinwüchsigen Marie (Maria Dorothea Strakon), die von  1800 bis 1880 tatsächlich dort lebte. Hettche liefert eine äußerst detaillierte Darstellung der Ereignisse auf der Insel; fast habe ich den Eindruck, er hätte gerne noch mehr Informationen in den Roman hineingepackt. Man erfährt auch einiges über das Thema Kleinwuchs (z.B. über die körperlichen Probleme, die er mit sich bringt). Es gibt eine durchgehende Handlung – Maries Leben – die immer wieder unterbrochen wird durch Beschreibungen der sonstigen Vorgänge auf der Insel.

Unter Friedrich Wilhelm II. wird die Insel noch landwirtschaftlich genutzt; mit Friedrich Wilhelm III. werden exotische Pflanzen, aber auch nicht-heimische Tiere auf die Insel gebracht, von denen viele verenden und regelmäßig ersetzt werden müssen. Marie, ihr ebenfalls kleinwüchsiger Bruder Christian, ein „Mohr“, ein Riese, ein Südseeinsulaner, sie alle sind Teil dieser Exotik. Marie wird von einigen Bewohnern der Insel als „Monster“, „Missgeburt“ und „Krüppel“ bezeichnet. Aber auch die, die es besser mit ihr meinen, sehen in ihr keinen Menschen. Der Gärtner empfindet Marie als schlecht gewachsene Pflanze, der Meier sieht sie als Tier. Aberglaube und irrsinnige Geschichten, die sich um „Zwerge“ ranken, kursieren auf der Insel.

Unter Friedrich Wilhelm III. wird die Landwirtschaft durch eine Künstlichkeit ersetzt, die Modernität ausdrücken soll – so kommt z.B. auch die Dampfmaschine auf die Insel. Moderne bedeutet für ihn, Tiere und Pflanzen in einer Umgebung am zu Leben erhalten, die nicht für sie gemacht ist. Die exotischen Pflanzen brauchen ein Bewässerungssystem und Wärme, die Tiere ein bestimmtes Futter etc. Gäste kommen auf die Insel, um sich die exotischen Wesen anzusehen, die auf der Insel gefangen gehalten werden. In der künstlichen Schönheit, die auf der Insel gebildet wird, empfindet Marie ihre eigene „Missbildung“ umso stärker.

Marie kann sich mit dem Leiden der eingesperrten Tiere identifizieren; sie sieht sich selbst bisweilen  als Tier. So enthaart sie sich z.B. am ganzen Körper, um nicht an einen Affen zu erinnern. Marie mag ihren Körper nicht anschauen, aber sie liebt es, wenn man sie ansieht. Sie fühlt sich lebendig unter den Blicken, auch dem der Tiere. Es macht ihr auch nichts aus, wenn man sie wie ein Ding betrachtet, Hauptsache, man betrachtet sie nicht als Monster, Tier oder Pflanze. Sie ist ein „Einzelexemplar einer Gattung“, wie der Löwe, den sie auf der Insel halten. (Die exotischen Tiere werden nicht in Paaren gehalten, damit sie sich nicht vermehren.)

Marie ist aber auch eine Frau, wird begehrt, doch die Männer, die sie begehren, können mit diesem Gefühl schlecht umgehen. Gustav, der Sohn des Gärtners, ist in Marie verliebt, fühlt sich aber nicht stark genug für „das Fremde“. Marie zeigt ihm ihre Liebe, indem sie sich ihm darbietet. Sie will, dass er sie ansieht und sie schön findet, dass er kein Tier in ihr sieht. Doch er begehrt sie nur, wenn er sie nicht ansieht. Für ihn ist sie ein Fehlgriff der Natur und Gustav hat Angst, dass er selbst zum Monster wird, wenn er sich mit ihr einlässt.

Gustav macht die Insel nach Friedrich Wilhelm III. wieder zu einer grünen Insel, zu einer „Wiege der Blattpflanzenmode des 19. Jahrhunderts“. Alles, was nicht Pflanze ist, was nicht „Platz in der Systematik“ hat, muss weg. Gustav verehrt Hegel, der behauptet, die Natur stehe unter dem „Geistigen“: „Pflanzen? Nichts bedeuten sie ihm. Der Pflanze, meint Hegel, gehe Selbstgefühl und die Seelenhaftigkeit völlig ab, indem sie nur immer neue Individuen an sich selbst produziere. Die Pflanze nimmt nichts auf und empfindet nichts“ (S. 187). Das Grün macht Gustav keine Angst: „Pflanzen begehren nicht. Und sie fügen keinem ein Leid zu.“ (S. 188)

Vielleicht könnte man es so interpretieren, dass Gustav Angst vor seiner eigenen Sexualität und „Tierhaftigkeit“ hat, die ihm – seiner Auffassung nach – durch die Liebe zu Marie vor Augen geführt wird. So will er alles, was nicht grüne Pflanze ist, von der Insel verbannen. Marie ihrerseits hat das Gefühl, dass wenn die Natürlichkeit auf die Insel zurückkehrt, dort kein Platz mehr für sie ist.

Hettche zeigt, dass es auch zu Maries Zeiten Menschen gibt, für die Vorbehalte gegen Kleinwüchsige ein Relikt aus vergangener Zeit sind. Aber diese Menschen sind leider die Ausnahme. Dazu kommt, dass Marie aufgrund der vielen negativen Erfahrungen irgendwann nicht mehr in der Lage ist, die Zuwendung dieser Menschen anzunehmen und zu erwidern. Sie verlässt die Insel nur ein einziges Mal und entdeckt, dass ihr Leben auch anders hätte verlaufen können, aber da ist es schon zu spät. Sie hat die Rolle, die man ihr gegeben hat, verinnerlicht.

Hettche benutzt z.T. „altertümliche“ Begriffe (z.B. „adorieren“), jedoch nicht um Übermaß, sondern so, dass es zur Geschichte passt. Beschreibungen werden oft in Form von Ellipsen präsentiert, und es finden sich mitunter philosophisch anmutende Reflexionen, die für mich nicht recht nachvollziehbar sind (z.B. S. 68/69, Darwin, die Pfauen und die Schönheit). Insgesamt ist der Roman trotz mitunter sehr langer Sätze flüssig zu lesen. Stellenweise empfand ich ihn als etwas langatmig, was vor allem an den detaillierten Beschreibungen der Vorgänge auf der Insel lag.

Fazit:

Die Idee, das persönliche Schicksal Maries mit dem der Insel zu verbinden, finde ich sehr gelungen. Dass und wie Marie auf der Insel lebt, ergibt sich aus der Historie, aus dem Weltbild der Menschen und aus der Art und Weise, wie die Insel gesehen und genutzt wird. Insgesamt bleibt mir das Schicksal Maries aber auch fremd, ohne genau sagen zu können, warum. Vielleicht, weil sich das Buch bei der Beschreibung der Insel sehr in Details verliert, so dass der rote Faden verloren geht. Vielleicht, weil Maries Schicksal eben vor allem durch das Schicksal der Insel illustriert wird und sie ihre Gefühle gar nicht so recht in Worte fassen kann. Aber vielleicht ist gerade das der Clou des Buches.

Thomas Hettche – Pfaueninsel – Btb-Verlag