Anke Stelling – Fürsorge

Der Roman Fürsorge handelt von der Ex-Ballerina Nadja und ihrem Sohn Mario, der bei seiner Großmutter Hanne aufgewachsen ist. Nadja trifft ihn 16 Jahre nach der Geburt zum ersten Mal wieder und sie beginnen eine sexuelle Beziehung, die sie Marios Kinderzimmer ausleben.

Die Geschichte wird aus Sicht Gesches beschrieben, die Nadja allerdings nur flüchtig kennt und in dem Buch zusammenträgt, was ihr über sie zu Ohren kommt. Im Prolog heißt es, Gesche versuche, die „Dinge zu sortieren“ und „einzuordnen“. Mit „Dinge“ meint sie wohl die inzestuöse Beziehung, und es soll vermutlich heißen, dass sie die Situation nicht bewerten, sondern in Bezug zu Nadjas und Marios Persönlichkeiten und Erfahrungen setzen will.

Anfangs beschreibt Gesche Nadjas Disziplin und Ehrgeiz, was Training und Essen angeht; die Faktoren, die sie zu einer erfolgreichen Ballerina gemacht haben. Gesche hat nicht nur wegen ihrer Schwangerschaft ein paar Pfunde zu viel; sie ist, was Disziplin und Ehrgeiz angeht, einfach das genaue Gegenteil von Nadja und auch ein bisschen neidisch.

Stelling liefert eine sehr plastische Schilderung von Nadjas schwebender körperlicher Erscheinung, ihrem eleganten Auftreten, aber auch ihrer inneren Unruhe, der überbordenden (körperlichen) Wahrnehmung, ihrer Wortlosigkeit. Im Weiteren erfahren wir, dass Mario in dieser Hinsicht ganz genauso ist. Mario ist Nadja in jung, und damit ist er das, was sie nicht mehr ist und gerne noch wäre. Mario ist aber nicht nur eine Projektionsfläche für seine Mutter, sondern auch für angeblich wohlmeinende Mentoren wie seinen Chef im Fitnessstudio (S. 69) oder den Leiter des Betriebs, in dem er Praktikum macht (S. 118 ff). Beide Männer interessieren sich eigentlich nicht für Marios Situation.

Nadja sucht Mario nach 16 Jahren auf, weil ihre Tanzkarriere aus gesundheitlichen Gründen am Ende ist. Damit bricht auch ihr Lebensinhalt weg, denn Nadja ist nicht das, was sie denkt oder fühlt, sondern sie ist Bewegung, sie ist ihr Körper. Wenn jemand ihren Körper berührt, berührt er Nadjas Inneres (S. 137). Sie sucht einen neuen Lebensinhalt bzw. Halt, den ihr zuvor das Tanzen gegeben hat.

Mario bringt wieder Bewegung in Nadjas Leben. Er betrachtet sie als „Trainingsmaschine“, sie betrachtet ihn als „Gesamtkunstwerk“, sie nutzt ihn aus „Langeweile“ und „Mangel an Ideen“ (S. 56) – so stellt Gesche es dar. Mir scheint eher (aber vielleicht ist das auch kein Gegensatz), dass die einzige Beziehung, zu der Nadja fähig ist, die Beziehung zu einem Körper ist. Und da die Beziehung zu ihrem eigenen Körper nicht mehr funktioniert (weil er nicht mehr tanzen kann), braucht sie einen anderen Körper. Ich interpretiere es so, dass der Wunsch, seelisch berührt zu werden umgemünzt wird in ein Bedürfnis nach körperlicher Berührung, einfach weil das Seelische zu lange vernachlässigt wurde (S. 136-137).

Nadjas Mutter Hanne ist keine Frau der großen Worte, sie versorgt Mario physisch, aber nicht psychisch, genauso, wie sie es mit Nadja gemacht hat. Nadja agiert als Partnerin ihrem Freund Daniel gegenüber genauso. Sie kauft für ihn ein, gibt ihm Geld etc.,  aber sie spricht nicht mit ihm, öffnet ihr Herz nicht, nimmt ihn nicht zur Kenntnis. Eine echte Beziehung, die über das Seelische vermittelt ist, über den Austausch von Gedanken und Gefühlen, gibt es im Leben der drei Hauptpersonen Hanne, Nadja und Mario nicht.

Nadja handelt in Gesches Augen selbstsüchtig und verantwortungslos, indem sie mit ihrem Sohn schläft. Gesche empört sich aber nicht, bleibt eher distanziert, was zwar angesichts des ernsten Themas unangemessen scheint, andererseits aber zum Wesen der Figuren passt. Nadja nimmt die Dinge, wie sie sind. Sie wundert sich über nichts, fragt nicht nach, sie bewertet nicht, erlaubt sich kein Urteil, sie fragt nicht, was andere denken könnten oder was ihr eigenes Verhalten über sie selbst aussagt. Gleiches gilt für Hanne und Mario. Nadja und Mario geben sich auch keine Mühe, die Verbindung zu verheimlichen. Mario hat – im Gegensatz zu Ödipus – kein schlechtes Gewissen (S. 146). Gesche wirft die Frage auf, ob das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, verloren geht, wenn es niemanden gibt, der sich in einen hineinversetzt (S. 145) – wenn man also genau wie Nadja und Mario nie Empathie erlebt hat. Letztlich machen Distanziertheit und Mangel an Empathie (auf Seiten der Umwelt, aber auch bei Nadja und Mario selber) die Beziehung der beiden ja erst möglich:

Denn was bedeutet es eigentlich, eine gute Mutter zu sein und sich um sein Kind zu kümmern? Was heißt Fürsorge? Wo fängt Desinteresse an? Ziemlich am Ende resümiert Gesche: „Ob diskret oder gleichgültig, freigeistig oder feige, lässt sich bei keinem von uns abschließend festlegen, fest steht nur eines: Nadja kommt mit allem durch“ (S. 147). Hier geht es darum, dass sich niemand einmischt, niemand etwas dazu sagt, dass Mutter und Sohn ein Verhältnis haben, der eine nennt als Grund seine Toleranz, der andere ist nicht mutig genug, der Dritte bezeichnet sich als diskret, und wieder anderen ist es schlicht egal. Nadja kommt damit durch, weil sie eine so erhabene Erscheinung ist: „Wer Geld und Geschmack hat, kann sich alles erlauben“ (S. 169).

Als Nadja mit Mario zusammen ist, rasiert sie sich am ganzen Körper, der so noch mehr zum Körper eines Kindes wird. Und sie benimmt sich auch wie ein Kind (S. 73), sie kommt in die Küche, um etwas zu essen, lässt den Müll stehen, überlasst der Mutter alle Arbeit und geht wieder in ihr Kinderzimmer (das jetzt Marios Zimmer ist und wo sie miteinander schlafen). Auch Mario gegenüber verhält sich Nadja wie ein Kind, das sich in den Vordergrund drängelt (S. 108, 73). Nadja lässt sich zum ersten Mal gehen, liegt die ganze Zeit im Bett und wartet darauf, dass Mario nach Hause kommt und wieder mit ihr schläft (S.84-85).

Der einzige Moment, in dem man sich laut Gesche richtig gehen lassen kann, ist bei der Geburt eines Kindes (S. 77-78). Ich verstehe es so, dass das Verhältnis von Mutter und Sohn eine Art zweiter Geburt ist. Da ist die Symbiose zwischen Mutter und Sohn (S. 66), die auch Nadjas Haut und sonstigen körperlichen Schwierigkeiten besser werden lässt. Sie verhält sich wie eine frischgebackene Mutter, „Nadja holt nur das nach, was andere Mütter längst hinter sich haben“ (S. 137; sie beobachtet ihn beim Schlafen, will jeden Moment mit Mario zusammen sein, will ihn berühren usw.). Und das in einer Zeit, in der sich Mario als Jugendlicher eigentlich von seiner Mutter (zum zweiten Mal) „abnabeln“ würde. Mario erinnert gleichzeitig auch an ein Baby mit seiner Eiweißnahrung, von der er als Bodybuilder fast ausschließlich lebt. Insgesamt sind die Rollen verwischt: Nadja ist wieder Kind, aber auch eine junge Mutter, Mario ist Mann und gleichzeitig Kind.

Zur Sprache: Das Buch ist sehr angenehm und flüssig zu lesen; Stelling formuliert dicht und treffend. Sie kann mit wenigen Worten plastische Bilder im Kopf erzeugen und viel Information übermitteln, ohne dass es aufzählend wirkt. Ein Beispiel: „Seit Nadja der Bühne krankheitsbedingt den Rücken  kehren musste, unterrichtet sie dreimal die Woche den Nachwuchs, hat also weiterhin ihr Auskommen, hat mehr als das – diese schöne Fünfzimmeraltbauwohnung, die sie morgens nach dem Aufstehen durchschreiten kann, hierhin, dorthin. Genug Raum für spontane Übungseinheiten, das Schlafzimmer geht nach hinten raus, in der Küche steht ein Tisch, an dem problemlos zwölf Leute Platz finden.“ (S. 12). In diesem kurzen Abschnitt lernt der Leser sehr viel über Nadja: Sie ist krank, sie kann nicht mehr tanzen, sie unterrichtet den Nachwuchs, sie verdient gut, sie lebt in einer noblen Gegend, sie strahlt Eleganz aus („schreitet“), sie braucht Bewegung, sie führt zu Hause Übungseinheiten durch, sie wohnt an einer Straße, kann aber trotzdem ruhig schlafen, sie hat eine große Küche und empfängt öfters Gäste.

Fazit:

Mehrere Fragen kamen mir beim Lesen in den Sinn:

Ist Nadja wirklich so gefühllos, wie sie dargestellt wird? Wäre sie eine erfolgreiche Ballerina gewesen, wenn sie nicht auch Gefühle ins Tanzen hätte legen könnte? Wenn sie keine Gefühle hätte? Es wäre umso verständlicher, dass sie ohne das Tanzen leidet, weil ihr die Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken, genommen ist. Dieser Aspekt kommt für meinen Geschmack zu kurz.

Steht Nadja mit ihrer wortkargen, distanzierten Art für den Berufszweig des Tänzers an sich? Oder gibt es Tänzer, die ihre Gefühle auch verbal gut ausdrücken können, d.h. „nicht-körperlichen“ Zugang zu ihnen haben?

Wird man als Kind einer sprachlosen, wenig einfühlsamen Mutter nicht eher besonders einfühlsam? Oder zumindest distanzlos (was dann zwar auch wieder einen Mangel an Empathie darstellt, aber eben auf eine aufdringliche Art)? Jeder Mensch will und braucht ja eine Bindung, und wenn die Mutter nicht erreichbar ist, wird ein Kind meiner Einschätzung nach alles versuchen, um an die Mutter heranzukommen. Entweder, indem es sich besonders in die Mutter einfühlt, oder, indem es sich an sie dranhängt, sich aufdrängt. Mit anderen Worten, ist es psychologisch schlüssig, dass alle drei, Hanne, Nadja und Mario, gleich „gestrickt“ sind?

Ungeachtet dieser Fragen – eigentlich sogar wegen der vielen Fragen, die aufgeworfen werden – finde ich das Buch sehr lesenswert.

Anke Stelling – Fürsorge – Verbrecher Verlag