Jean Echenoz – 14

14 ist ein kurzer Roman über den ersten Weltkrieg. Konkret geht es um Anthime, der zusammen mit seinen Bruder Charles eingezogen wird. Blanche bleibt zurück; sie erfährt, kaum dass die Männer weg sind, dass sie von Charles schwanger ist. Zwar sind sie und Charles weder verlobt noch verheiratet, aber sie will das Kind dennoch und trägt es aus. Das sollte zu dieser Zeit eigentlich ein Problem sein, aber: „Blanche zeigte sich einfach ein halbes Jahr nicht so oft in der Stadt, dann, nach der Geburt, nannte man den Krieg als Grund für die Verschiebung der Hochzeit, erfand ein Verlöbnis, das nie stattgefunden hatte, und versuchte, die Illegitimität des Neuankömmlings hinter der flugs zum Helden verklärten Gestalt des angegeben Vaters vergessen zu machen […].“ (S. 66-67)

Die jungen Männer ziehen in den Krieg in dem Gefühl, dass es nur wenige Wochen dauern wird; sie haben keine Ahnung von dem Horror, der sie erwartet. Mit ihnen erlebt der Leser, dass der Krieg keinen Unterschied macht; es ist egal, als welche Person man in den Krieg zieht. Charles glaubt, dass er etwas Besseres ist als sein Bruder Anthimes, doch ungeachtet dessen ist er der Erste, der umkommt. Aber auch Anthime bleibt nicht verschon; sein Leben wird für immer unter dem Schatten des Krieges stehen.

In einem Kapitel über das Verhältnis von Mensch und Tier beleuchtet das Buch sehr eindrücklich, was der Krieg aus den Menschen machen kann (Kapitel 12): Die Soldaten töten und essen in ihrem großen Hunger alles, was sie kriegen können. Sie werden dabei selbst zu Tieren: „Es geschah sogar, dass Arcenal und Bossis […] einem Ochsen bei lebendigem Leibe im Stehen ein paar Koteletts  entnahmen und ihn dann sich selbst überließen.“ (S. 90). Aber der Mensch macht sich nicht nur über die Tiere her, die Tiere machen sich über den Menschen her. Flöhe befallen die Soldaten, überall laufen Ratten herum (S. 93-95).

Die Sprache ist nüchtern, aber detailliert, drängend, intensiv und mehr oder weniger frei von direkter Rede. Echenoz schreibt eher längere Sätze, die aber nicht allzu verschachtelt sind, und er hat nach meiner Einschätzung einen Sinn für treffende Adjektive. Die Nüchternheit der Sprache betont den Irrsinn des Krieges umso mehr: Ein Freund Anthimes desertiert, ohne es zu wollen, und verliert dadurch sein Leben; Charles wird versetzt in der Hoffnung, zu überleben, und stirbt als erstes; Männer verletzten sich selbst, freuen sich über einen fehlenden Arm, weil sie dann untauglich sind und nach Hause können.

Der Kontrast zwischen dem Krieg und zu Hause könnte größer nicht sein: Hier bangt Anthime um sein Leben – da leidet Blanche wegen und mit einem zahnenden Kind. Die Daheimgebliebenen machen sich keine Vorstellung davon, was die Männer im Krieg erleben bzw. erlebt haben. „Als Anthime nach Hause kam, betreute man ihn sorgfältig während seiner Rekonvaleszenz, pflegte und verband ihn, wusch ihn und gab ihm zu essen und wachte über seinen Schlaf. Man, das heißt vor allem Blanche, die ihm erst liebevoll vorwarf, dass er während seiner fünfhundert Tage an der Front abgenommen hatte – dabei vergaß sie ganz, die ungefähr dreieinhalb Kilo abzuziehen, die ein verlorener Arm dazu beiträgt.“ (S. 106)

Fazit:

Ein dichtes, plastisches, drängendes, lesenswertes kleines Buch über den ersten Weltkrieg. Eine Art Quintessenz dessen, was der Krieg für die Soldaten bedeutete: Die Naivität, mit der sie hineingingen, die furchtbaren Dinge, die sie erleiden mussten, das Leben danach.

Jean Echenoz – 14 – Berlin Verlag – aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel