Anke Stelling – Fürsorge

Der Roman Fürsorge handelt von der Ex-Ballerina Nadja und ihrem Sohn Mario, der bei seiner Großmutter Hanne aufgewachsen ist. Nadja trifft ihn 16 Jahre nach der Geburt zum ersten Mal wieder und sie beginnen eine sexuelle Beziehung, die sie Marios Kinderzimmer ausleben.

Die Geschichte wird aus Sicht Gesches beschrieben, die Nadja allerdings nur flüchtig kennt und in dem Buch zusammenträgt, was ihr über sie zu Ohren kommt. Im Prolog heißt es, Gesche versuche, die „Dinge zu sortieren“ und „einzuordnen“. Mit „Dinge“ meint sie wohl die inzestuöse Beziehung, und es soll vermutlich heißen, dass sie die Situation nicht bewerten, sondern in Bezug zu Nadjas und Marios Persönlichkeiten und Erfahrungen setzen will.

Anfangs beschreibt Gesche Nadjas Disziplin und Ehrgeiz, was Training und Essen angeht; die Faktoren, die sie zu einer erfolgreichen Ballerina gemacht haben. Gesche hat nicht nur wegen ihrer Schwangerschaft ein paar Pfunde zu viel; sie ist, was Disziplin und Ehrgeiz angeht, einfach das genaue Gegenteil von Nadja und auch ein bisschen neidisch.

Stelling liefert eine sehr plastische Schilderung von Nadjas schwebender körperlicher Erscheinung, ihrem eleganten Auftreten, aber auch ihrer inneren Unruhe, der überbordenden (körperlichen) Wahrnehmung, ihrer Wortlosigkeit. Im Weiteren erfahren wir, dass Mario in dieser Hinsicht ganz genauso ist. Mario ist Nadja in jung, und damit ist er das, was sie nicht mehr ist und gerne noch wäre. Mario ist aber nicht nur eine Projektionsfläche für seine Mutter, sondern auch für angeblich wohlmeinende Mentoren wie seinen Chef im Fitnessstudio (S. 69) oder den Leiter des Betriebs, in dem er Praktikum macht (S. 118 ff). Beide Männer interessieren sich eigentlich nicht für Marios Situation.

Nadja sucht Mario nach 16 Jahren auf, weil ihre Tanzkarriere aus gesundheitlichen Gründen am Ende ist. Damit bricht auch ihr Lebensinhalt weg, denn Nadja ist nicht das, was sie denkt oder fühlt, sondern sie ist Bewegung, sie ist ihr Körper. Wenn jemand ihren Körper berührt, berührt er Nadjas Inneres (S. 137). Sie sucht einen neuen Lebensinhalt bzw. Halt, den ihr zuvor das Tanzen gegeben hat.

Mario bringt wieder Bewegung in Nadjas Leben. Er betrachtet sie als „Trainingsmaschine“, sie betrachtet ihn als „Gesamtkunstwerk“, sie nutzt ihn aus „Langeweile“ und „Mangel an Ideen“ (S. 56) – so stellt Gesche es dar. Mir scheint eher (aber vielleicht ist das auch kein Gegensatz), dass die einzige Beziehung, zu der Nadja fähig ist, die Beziehung zu einem Körper ist. Und da die Beziehung zu ihrem eigenen Körper nicht mehr funktioniert (weil er nicht mehr tanzen kann), braucht sie einen anderen Körper. Ich interpretiere es so, dass der Wunsch, seelisch berührt zu werden umgemünzt wird in ein Bedürfnis nach körperlicher Berührung, einfach weil das Seelische zu lange vernachlässigt wurde (S. 136-137).

Nadjas Mutter Hanne ist keine Frau der großen Worte, sie versorgt Mario physisch, aber nicht psychisch, genauso, wie sie es mit Nadja gemacht hat. Nadja agiert als Partnerin ihrem Freund Daniel gegenüber genauso. Sie kauft für ihn ein, gibt ihm Geld etc.,  aber sie spricht nicht mit ihm, öffnet ihr Herz nicht, nimmt ihn nicht zur Kenntnis. Eine echte Beziehung, die über das Seelische vermittelt ist, über den Austausch von Gedanken und Gefühlen, gibt es im Leben der drei Hauptpersonen Hanne, Nadja und Mario nicht.

Nadja handelt in Gesches Augen selbstsüchtig und verantwortungslos, indem sie mit ihrem Sohn schläft. Gesche empört sich aber nicht, bleibt eher distanziert, was zwar angesichts des ernsten Themas unangemessen scheint, andererseits aber zum Wesen der Figuren passt. Nadja nimmt die Dinge, wie sie sind. Sie wundert sich über nichts, fragt nicht nach, sie bewertet nicht, erlaubt sich kein Urteil, sie fragt nicht, was andere denken könnten oder was ihr eigenes Verhalten über sie selbst aussagt. Gleiches gilt für Hanne und Mario. Nadja und Mario geben sich auch keine Mühe, die Verbindung zu verheimlichen. Mario hat – im Gegensatz zu Ödipus – kein schlechtes Gewissen (S. 146). Gesche wirft die Frage auf, ob das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, verloren geht, wenn es niemanden gibt, der sich in einen hineinversetzt (S. 145) – wenn man also genau wie Nadja und Mario nie Empathie erlebt hat. Letztlich machen Distanziertheit und Mangel an Empathie (auf Seiten der Umwelt, aber auch bei Nadja und Mario selber) die Beziehung der beiden ja erst möglich:

Denn was bedeutet es eigentlich, eine gute Mutter zu sein und sich um sein Kind zu kümmern? Was heißt Fürsorge? Wo fängt Desinteresse an? Ziemlich am Ende resümiert Gesche: „Ob diskret oder gleichgültig, freigeistig oder feige, lässt sich bei keinem von uns abschließend festlegen, fest steht nur eines: Nadja kommt mit allem durch“ (S. 147). Hier geht es darum, dass sich niemand einmischt, niemand etwas dazu sagt, dass Mutter und Sohn ein Verhältnis haben, der eine nennt als Grund seine Toleranz, der andere ist nicht mutig genug, der Dritte bezeichnet sich als diskret, und wieder anderen ist es schlicht egal. Nadja kommt damit durch, weil sie eine so erhabene Erscheinung ist: „Wer Geld und Geschmack hat, kann sich alles erlauben“ (S. 169).

Als Nadja mit Mario zusammen ist, rasiert sie sich am ganzen Körper, der so noch mehr zum Körper eines Kindes wird. Und sie benimmt sich auch wie ein Kind (S. 73), sie kommt in die Küche, um etwas zu essen, lässt den Müll stehen, überlasst der Mutter alle Arbeit und geht wieder in ihr Kinderzimmer (das jetzt Marios Zimmer ist und wo sie miteinander schlafen). Auch Mario gegenüber verhält sich Nadja wie ein Kind, das sich in den Vordergrund drängelt (S. 108, 73). Nadja lässt sich zum ersten Mal gehen, liegt die ganze Zeit im Bett und wartet darauf, dass Mario nach Hause kommt und wieder mit ihr schläft (S.84-85).

Der einzige Moment, in dem man sich laut Gesche richtig gehen lassen kann, ist bei der Geburt eines Kindes (S. 77-78). Ich verstehe es so, dass das Verhältnis von Mutter und Sohn eine Art zweiter Geburt ist. Da ist die Symbiose zwischen Mutter und Sohn (S. 66), die auch Nadjas Haut und sonstigen körperlichen Schwierigkeiten besser werden lässt. Sie verhält sich wie eine frischgebackene Mutter, „Nadja holt nur das nach, was andere Mütter längst hinter sich haben“ (S. 137; sie beobachtet ihn beim Schlafen, will jeden Moment mit Mario zusammen sein, will ihn berühren usw.). Und das in einer Zeit, in der sich Mario als Jugendlicher eigentlich von seiner Mutter (zum zweiten Mal) „abnabeln“ würde. Mario erinnert gleichzeitig auch an ein Baby mit seiner Eiweißnahrung, von der er als Bodybuilder fast ausschließlich lebt. Insgesamt sind die Rollen verwischt: Nadja ist wieder Kind, aber auch eine junge Mutter, Mario ist Mann und gleichzeitig Kind.

Zur Sprache: Das Buch ist sehr angenehm und flüssig zu lesen; Stelling formuliert dicht und treffend. Sie kann mit wenigen Worten plastische Bilder im Kopf erzeugen und viel Information übermitteln, ohne dass es aufzählend wirkt. Ein Beispiel: „Seit Nadja der Bühne krankheitsbedingt den Rücken  kehren musste, unterrichtet sie dreimal die Woche den Nachwuchs, hat also weiterhin ihr Auskommen, hat mehr als das – diese schöne Fünfzimmeraltbauwohnung, die sie morgens nach dem Aufstehen durchschreiten kann, hierhin, dorthin. Genug Raum für spontane Übungseinheiten, das Schlafzimmer geht nach hinten raus, in der Küche steht ein Tisch, an dem problemlos zwölf Leute Platz finden.“ (S. 12). In diesem kurzen Abschnitt lernt der Leser sehr viel über Nadja: Sie ist krank, sie kann nicht mehr tanzen, sie unterrichtet den Nachwuchs, sie verdient gut, sie lebt in einer noblen Gegend, sie strahlt Eleganz aus („schreitet“), sie braucht Bewegung, sie führt zu Hause Übungseinheiten durch, sie wohnt an einer Straße, kann aber trotzdem ruhig schlafen, sie hat eine große Küche und empfängt öfters Gäste.

Fazit:

Mehrere Fragen kamen mir beim Lesen in den Sinn:

Ist Nadja wirklich so gefühllos, wie sie dargestellt wird? Wäre sie eine erfolgreiche Ballerina gewesen, wenn sie nicht auch Gefühle ins Tanzen hätte legen könnte? Wenn sie keine Gefühle hätte? Es wäre umso verständlicher, dass sie ohne das Tanzen leidet, weil ihr die Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken, genommen ist. Dieser Aspekt kommt für meinen Geschmack zu kurz.

Steht Nadja mit ihrer wortkargen, distanzierten Art für den Berufszweig des Tänzers an sich? Oder gibt es Tänzer, die ihre Gefühle auch verbal gut ausdrücken können, d.h. „nicht-körperlichen“ Zugang zu ihnen haben?

Wird man als Kind einer sprachlosen, wenig einfühlsamen Mutter nicht eher besonders einfühlsam? Oder zumindest distanzlos (was dann zwar auch wieder einen Mangel an Empathie darstellt, aber eben auf eine aufdringliche Art)? Jeder Mensch will und braucht ja eine Bindung, und wenn die Mutter nicht erreichbar ist, wird ein Kind meiner Einschätzung nach alles versuchen, um an die Mutter heranzukommen. Entweder, indem es sich besonders in die Mutter einfühlt, oder, indem es sich an sie dranhängt, sich aufdrängt. Mit anderen Worten, ist es psychologisch schlüssig, dass alle drei, Hanne, Nadja und Mario, gleich „gestrickt“ sind?

Ungeachtet dieser Fragen – eigentlich sogar wegen der vielen Fragen, die aufgeworfen werden – finde ich das Buch sehr lesenswert.

Anke Stelling – Fürsorge – Verbrecher Verlag

Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Der Tod so kalt ist ein Thriller über ein nie aufgeklärtes Verbrechen, besser gesagt ein Massaker, das sich 1985 in einer sagenumwobenen Schlucht in den Dolomiten ereignet hat. Eine Hypothese ist, dass die drei Toten einem prähistorischen Monster zum Opfer gefallen sind, einem Tier, das im Perm gelebt hat und in den Höhlen der Gegend bis in die heutige Zeit überlebt hat.

Hauptperson ist der US-Amerikaner Jeremiah Salinger, ein Drehbuchautor, der mit Frau und Kind aus den USA in das Heimatdorf seiner Frau in Norditalien zieht. Er verbeißt sich in die Idee, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Bei seinen Recherchen zu dem Massaker trifft Salinger auf viel Widerstand seitens der Dorfbewohner.

Die Idee finde ich gut, aber ich denke, es ist kein Thriller, sondern ein Krimi. Diese Einschätzung leite ich zum einen aus der Tatsache ab, dass die Hauptperson Salinger eigentlich nie ernsthaft in Gefahr gerät (beziehungsweise erst ganz am Ende, und auch da hatte ich nicht wirklich Angst um ihn). Zum anderen ist das Tempo der Erzählung vor allem in der ersten Hälfte langsam, teilweise sogar etwas zäh. D‘Andrea versucht, mit kurzen Vorschauen Spannung zu erzeugen (z.B. S. 118), aber so richtig hat es mich nicht gepackt. Warum ist das so?

D’Andrea berichtet bisweilen eher kursorisch über Dinge, die er erlebt hat, statt sie wirklich plastisch darzustellen (z.B. S. 45ff, S. 115ff). Dazu kommt, dass er Anekdoten aus seinem Familienleben einstreut, die nicht direkt mit der Handlung zu tun haben (z.B. S. 47ff, S. 110ff). Ich vermute, D’Andrea will uns damit die Hauptpersonen näher bringen, die Identifikation mit den Figuren erleichtern. Aber dazu hätte er lieber weniger berichtet und stattdessen aussagekräftigere Situationen geschildert.

Es hat mich aber auch deshalb nicht so richtig mitgerissen, weil die Aufklärung im Wesentlichen darin besteht, dass Salinger nacheinander verschiedene Dorfbewohner befragt, und D’Andrea dies in etwas anstrengende Dialoge packt: Salinger stellt eine Frage, die Person liefert Info 1. Salinger hakt bei irgendeinem Detail nach, die Person liefert Info 2. Salinger hakt nach, Info 3 usw. (z.B. S. 87ff). Auf diese Weise durchstrukturiert wirken die Dialoge sehr künstlich, da ja im wahren Leben Information auch aus freien Stücken und beiläufig gegeben und normalerweise auch nicht so gezielt kommuniziert wird.

Schließlich gelingt es D’Andrea nach meinem Empfinden nicht so gut, die Gefühle seiner Hauptpersonen zu vermitteln: Salingers Reaktion nach einem Unfall der Tochter, seine Besessenheit, das Massaker aufzuklären, das Gefühl, seine Frau zu hintergehen, die nicht möchte, dass er ermittelt… Ich habe lange überlegt, wie dieser Eindruck entsteht und ich glaube, es liegt unter anderem daran, dass D‘Andrea es übertreibt mit den Gefühlen. Es wird so dick aufgetragen, dass es für mich nicht mehr nachvollziehbar ist. Das schafft dann eher Distanz, als dass ich mitfühle.

Fazit:

Zu langer, anfangs etwas zäher Krimi mit interessantem Plot, der gegen Mitte Fahrt aufnimmt und sprachlich etwas ansprechender hätte sein können.

Der Tod so kalt – Luca D’Andrea – Deutsche Verlags-Anstalt

Trevor Noah – Born a crime

Trevor Noah ist Moderator der „Daily Show“, einer politischen Satiresendung auf Comedy Central. Er wurde 1984 in Johannesburg geboren und ist Sohn einer südafrikanischen Mutter vom Stamme der „Xhosa“ und eines Schweizers. Eigentlich waren Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen zu dieser Zeit in Südafrika verboten, eine Haftstrafe von bis zu 5 Jahren drohte. So erklärt sich der Titel: „Born a crime“.

Trevor Noah schildert in dem Buch seine Kindheit und Jugend in Südafrika. Seine Mutter nimmt hier eine besondere Stellung ein, da die engere Familie eine ganze Weile lang nur aus ihnen beiden bestand. Sie scheint eine bemerkenswerte Frau zu sein; sehr religiös, eigenwillig, stur, einfallsreich, klar, furchtlos – auch da, wo sie es eigentlich nicht sein sollte (S. 13). Noahs leiblicher Vater nimmt keine so große Rolle in dem Buch ein, auch wenn ihm ein Kapitel gewidmet ist. Letzteres zeigt aber, dass trotz dessen physischer Abwesenheit eine positive Beziehung zu Noah vorhanden ist.

Trevor Noah erzählt im Plauderton und mit viel Humor (aber niemals platt) sehr reflektiert über eine harte Kindheit, die durch Verzicht, Strenge, Ausgrenzung und Gewalt gekennzeichnet war. Er sieht sich selbst und sein Leben dabei sehr klar, er ist nicht anklagend oder bedauernd, er versucht nicht, sich in einem besonderen Licht dastehen zu lassen. Auch  der Begriff „Moral“ kam mir beim Lesen nie in den Sinn, auch wenn das beim Thema Apartheit vielleicht naheliegt. Noah zeigt eher auf, wie absurd, widersprüchlich, unlogisch, verrückt das ganze Konzept ist. Der Ton des Buches – Humor gemischt mit Herz und analytischem Verstand –  illustriert vielleicht, wie er es schaffen konnte, unter den gegebenen Voraussetzungen der zu werden, der er ist.

Man erfährt, was es heißt, als Schwarzer (oder allgemeiner: Nicht-Weißer) während der Zeit der Apartheid in Südafrika gelebt zu haben, aber auch, was die Aufhebung der Apartheid für neue Probleme brachte. Noah weist an mehreren Stellen auf typische Eigenheiten der Weißen und Schwarzen hin, auf das gegenseitige Nicht-Verstehen dieser Eigenschaften und zu welchen skurrilen und schlimmen Missverständnissen es führen kann.  Er zeigt aber auch auf, wie es ist, als „mixed person“ zwischen mehreren Welten aufzuwachsen. Noah selbst ist ja weder schwarz noch weiß, sondern „colored“, aber selbst in dieser Gruppe fühlt er sich nicht recht akzeptiert. Er kommt (nicht zuletzt, weil er viele Sprachen spricht) zwar in vielen Welten klar, gehört aber nirgendwo richtig dazu. Spannend fand ich, wie er seinen Weg findet, damit umzugehen.  Er findet eine „Nische“, wird zu einem „Chamäleon“, das zwischen den Gruppen hin und her „schwebt“. Er mischt sich unter die Leute, kann mit allen gut – den Sportlern, den Computernerds, den Kindern aus den Townships. Er erzählt Geschichten, macht Witze (S. 140). Er versucht nicht, für die ganze Person, die er ist, akzeptiert zu werden, sondern nur für das, was er mit den anderen teilen will, und das ist der Humor: “You don’t ask to be accepted for everything you are, just one part of yourself that you’re willing to share. For me it was humor. I learned that even though I didn’t belong to one group, I could be a part of any group that was laughing.” (S. 141). Kein Wunder vielleicht, dass er Comedian und Alleinunterhalter geworden ist.

Was mich am meisten beeindruckt hat, ist Noahs Resilienz, also seine Widerstandsfähigkeit gegen die Widrigkeiten seines Lebens. Die Fähigkeit, nicht zu verzweifeln, nicht verbittert zu werden, Mut zu haben. Hier spielt die Mutter wahrscheinlich eine große Rolle, die Noah Bildung mitgegeben hat und wohl das Gefühl, wertvoll zu sein. Zum Nachdenken gebracht hat mich in diesem Zusammenhang speziell die Tatsache, dass Noah diese Resilienz trotz der vielen Prügel, die er (auch von seiner Mutter) einstecken musste, erworben hat. Ich glaube, die Lösung liegt darin, dass die Mutter nicht im Zustand äußerster Wut gehandelt hat, sondern das Schlagen eine disziplinarische Maßnahme war (S. 84-85). Wenn ein Kind von einem wütenden Erwachsenen geschlagen wird, einem Erwachsenen, der „außer sich“ ist, hat es Todesangst. Über die Prügel seines späteren Stiefvaters schreibt Noah dementsprechend: „In all the times I received beatings from my mom, I was never scared of her. … The first time Abel hit me I felt something I had never felt before. I felt terror.“ (S. 262). Und dann: „I felt like there was something inside him that wanted to destroy me.“ (S. 264). Noah berichtet, dass viele schwarze Eltern ihre Kinder schlagen. Ich verstehe es so, dass die Prügelstrafe eingesetzt wird in der Hoffnung, das Kind adäquat auf eine für es ungerechte Welt vorzubereiten: „You get that with a lot of black parents. They’re trying to discipline you before the system does. “ (S. 227). Ob diese Strategie der Vorbereitung wirklich funktioniert, sei mal dahin gestellt, aber es hilft vielleicht, die Haltung der Eltern zu verstehen. Wobei – und auch das finde ich bemerkenswert – die Mutter später von der Prügelstrafe als Disziplinierungsmaßnahme abkommt (S. 262).

Kennzeichnend für die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist meines Erachtens die folgende Situation: Noah ist nach einer Prügelstrafe in seinem Zimmer und weint. Die Mutter kommt herein und fragt, ob er zum Essen kommt. Sie müssen sich beeilen, wenn sie später zusammen Rescue 911 im Fernsehen schauen wollen. Noah antwortet:  “What? What kind of psychopath are you? You just beat me!” (S. 85). Natürlich weiß ich nicht, ob das wirklich seine Antwort war, aber der Tonfall zeigt, dass Noah keine Angst vor seiner Mutter hatte und sich mit ihr auseinandergesetzt hat (andere Episoden legen das auch nahe).

Noah ist ein Junge, der Regeln auf ihre Stichhaltigkeit hin prüft. Wenn er eine Regel ungerecht findet, setzt er alles daran, zu seinem Recht zu kommen. Und hier ist die Mutter oft an seiner Seite und nimmt ihn in Schutz gegenüber Autoritäten. Auch das ist vielleicht ein Grund für Noahs Resilienz: Seine Mutter versteht seine Logik und unterstützt ihn. Sie lebt ihm vor, was es heißt, keine Angst vor Autoritäten zu haben und geistig unabhängig zu sein. Das hält sie aber leider nicht davon ab, einen alkoholabhängigen und gewalttätigen Mann zu heiraten, für den sie sich sehr einsetzt, und der sie später fast umbringt. Völlig unfassbar für mich auch: Die Polizei hilft Noahs Mutter nicht. Sie will ihren Mann anzeigen, aber die Polizisten auf der Wache raten ihr, sich mit ihm zu arrangieren. Sicher hat sie ihn wütend gemacht und ist selber schuld. Noah resümiert: „They were men first, and police second.“ (S. 257). In einem System, in dem die Männer zusammenhalten, hat eine Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird, keine Chance. Noah versteht lange nicht, warum seine Mutter den Vater nicht einfach verlässt. Er denkt, sie hat eine Wahl. Aber später versteht er, dass das nicht stimmt (S.272).

Einen letzten Punkt würde ich gerne erwähnen, und zwar Noahs (humorvolle) Art, seine Lebensweisheiten herzuleiten: Was bedeutet es zum Beispiel, jemanden zu lieben? Hier kommt sein Hund Fufi ins Spiel. Auch scheint die Sache mit den Mädchen anfangs wohl etwas schwierig gewesen zu sein, was Noah in drei gesonderten Kapiteln darstellt. Ein anderes Kapitel handelt von seiner Zeit in Alexandra. Noah beschreibt sehr plastisch, was es heißt, in diesem Township zu leben. Beeindruckt haben mich seine Ausführungen zum Thema „Kriminalität“, die dort zum Leben dazugehört. Was heißt es eigentlich, kriminell zu sein? Und wie hängt die Definition mit der Lebenssituation zusammen?

Fazit:

Ich kann es wohl kaum verhehlen, dass mir das Buch sehr gut gefallen hat. Trotz Englisch gut zu lesen, voller Humor, ergreifend, berührend,  sachlich informativ, persönlich lehrreich.

Trevor Noah – Born a crime – Spiegel & Grau

 

 

T. C. Boyle – Hart auf hart

Der Roman Hart auf hart handelt vom Ehepaar Sten und Carolee Stenson und ihrem drogensüchtigen, paranoiden Sohn Adam, der die meiste Zeit im Wald verbringt und gegen eingebildete Feinde kämpft. Es beginnt damit, dass Sten und Carolee im Rahmen einer Kreuzfahrt an einem Landgang in den Urwald Costa Ricas teilnehmen. Dort werden sie  von jungen Männern überfallen. Sten überwältigt einen der Männer in dem Versuch, die Gruppe zu beschützen. Schließlich tötet er ihn, obwohl die Lage schon unter Kontrolle ist. All das passiert quasi automatisch, der Vietnamkriegsveteran Sten agiert ohne nachzudenken. Es geht als Notwehr durch und Sten fährt zurück in die USA, wo er fortan als Held gilt, seiner eigenen Tat und seinem Heldentum aber durchaus mit gemischten Gefühlen gegenübersteht.

Im Weiteren lernen wir Sara kennen, die in einen Streit mit der Polizei gerät, weil sie beim Autofahren nicht angeschnallt ist. Sara erkennt die Polizei und ihre Befugnisse nicht an, bezieht sich dabei auf den „Universal Commercial Code“ (UCC) und den 14. Zusatzartikel zur Verfassung der USA (s.u.). Es kommt durch Saras Überzeugungen in dieser Situation und auch im Folgenden immer wieder zu Schwierigkeiten mit den Ordnungshütern, doch auch ihre gute Freundin Christabel kann sie nicht von ihrer Haltung abbringen. Sara trifft Adam, den sie noch aus der Schule kennt, und versteckt sich bei ihm vor der Polizei. Er lebt im Haus seiner Großmutter, die vor einiger Zeit verstorben ist.

Der UCC umfasst eine Reihe von Gesetzen, die den Handel zwischen US-Staaten und Territorien regeln. Die einzelnen Staaten können den UCC  so übernehmen, wie er ist, oder nach den eigenen Bedürfnissen anpassen und zum Landesgesetz machen (Quelle: Englische Wikipedia). In der englischen Wikipedia heißt es weiter: „The overriding philosophy of the Uniform Commercial Code is to allow people to make the contracts they want, but to fill in any missing provisions where the agreements they make are silent.” Ich verstehe es so, dass die Leute die Verträge machen können, die sie wollen, dass aber zu Aspekten, zu denen die Verträge nichts sagen („where the agreements they make are silent“) die Bestimmungen des UCC ergänzt werden können („fill in missing provisions“). Und so sagt Sara des Öfteren gegenüber der Polizei: „Ich habe keinen Vertrag mit Ihnen“ (S. 72, 73, 266).

Auf Seite 269ff bezieht Sara sich auf den 14. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten und referiert gegenüber Christabel: „Keiner der Einzelstaaten darf Gesetze erlassen oder durchführen, die die Vorrechte oder Freiheiten von Bürgern der Vereinigten Staaten beschränken, und kein Staat darf irgendjemandem ohne ordentliches Gerichtsverfahren nach Recht und Gesetz Leben, Freiheit oder Eigentum nehmen oder irgendjemandem innerhalb seines Hoheitsbereiches den gleichen Schutz durch das Gesetz versagen.“  Sara sieht sich als „souveräne Bürgerin“ (S. 71); die Gurtpflicht, gegen die sie verstößt und weswegen sie angehalten wird, ist „bloß eine weitere Schikane der Illegitimen Regierung des Amerikas der Konzerne“ (S. 71). Sie ist wütend: „alles, was man tat [war] reguliert bis zum bis zum Gehtnichtmehr“ (S. 267) und spricht vom „Polizeistaat“ (S. 344).

Adam ist ein glühender Bewunderer von „Colter“, einem amerikanischer Trapper (1774-1813). Bisweilen verschwimmt bei ihm die Grenze zwischen der eigenen Person und der Colters. Adam sieht sich immer im Kampf, Leben ist Kampf („Friss oder werde gefressen“, S. 378). Er kämpft gegen die Aliens, so wie Colter gegen die Blackfeet oder sein Vater in Vietnam gekämpft hat. Als Adam nach zwei Morden von einem Großaufgebot der Polizei gesucht wird, hält er sich lange versteckt. Es herrscht Krieg zwischen ihm und der Polizei („Überraschungsangriff“, „Verteidigungsstellung“, „Feuergefecht“; S. 320-321). Letztlich pflanzt sich Stens Erfahrung als Vietnam-Veteran wohl in Adam fort. Beide, Vater und Sohn, kämpfen im Wald. Adam ist „knallhart“; der Begriff „hart“ wird oft von Sara im Zusammenhang mit Adam gebraucht, sie bewundert Adams „Härte“, letztlich das Soldatische. Sie liebt ihn trotz seiner Gewalttätigkeit, sie denkt nur, dass „er vielleicht zu weit gegangen ist.“ (S. 268)

Doch nicht nur Adam ist voller Aggressionen, sondern auch Sten. Das wird nicht nur am Anfang deutlich, als er den jungen Räuber tötet, obwohl die Gefahr schon gebannt ist. Auch später gibt es mehrere Situationen, in denen Sten kurz davor ist, „auszurasten“, sich am Ende aber doch noch zusammenreißt.  Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Szene, in der sich die Bewohner der Stadt im Kampf gegen das mexikanische Drogenkartell zusammentun, um Selbstjustiz zu üben. Hier ist es Sten, der zur Vernunft rät und vorschlägt, die Ermittlungen abzuwarten: Zwei Seelen leben scheinbar in seiner Brust.

Jeder hat letztlich seine Feindbilder: Adam kämpft einen individuellen Kampf gegen Aliens, die Mitbewohner kämpfen gemeinsam gegen die Mexikaner. Und auch Sara hat einen Feind: den Staat und die Polizei.

Boyle lässt die Eltern und Sara schließlich fragen, welche (Mit-)Schuld sie an Adams Gewalttätigkeit haben. Beide kommen zu dem Schluss, dass sie nicht ganz unschuldig sind. Boyle wirft aber auch die Frage auf, inwiefern das Gesundheitssystem eine „Karriere“ wie die Adams befördert, da die Eltern, als Adam volljährig ist, aus Datenschutzgründen nichts mehr für ihn tun können (S. 314).

Boyles Sprache ist klar und anschaulich; die Persönlichkeit der Leute, ihre Gefühle, Motive sind greifbar. Es ist anhand der Sprache immer klar, wer gerade spricht (Sten, Adam oder Sara). Die Sprache steht nie im Vordergrund, dient immer der Geschichte. Allenfalls die Vergleiche sind für meinen Geschmack manchmal ein bisschen schief bzw. übertrieben, aber wenn man sich dem Lesefluss hingibt, fallen sie wahrscheinlich gar nicht so auf: „Die Scheinwerfer bohrten sich in die Luft wie wärmegesteuerte Raketen in der Nacht“ (S. 207); „Es stach auf sie ein, es schob sich unter ihre Haut wie eine mit Essig gereinigte Injektionsnadel“ (S. 208, es geht um die Polizeisirene); „Sie war scharf auf ihn, schärfer als je zuvor, die Erregung brannte in ihr wie Feuer“ (S. 210).

Fazit:

Hart auf hart ist ein Buch, in das man eintauchen kann, ein echter „Pageturner“, wie ganz passend auf der Rückseite des Buches gesagt wird. In Teil I – VI gibt es mehrere „schwelende“ Konflikte, aber eigentlich keinen konkreten Höhepunkt, auf den es hinauslaufen könnte. Trotzdem spürt man unterschwellig: das geht nicht gut aus… Ab Teil VII (es gibt insgesamt 13 Teile) wird es dann konkreter: Ein Mann wurde umgebracht, und Sten fragt sich, ob Adam damit zu tun hat. Was die „Message“ des Buches angeht: Ich lese es als Kritik am US-amerikanischen Umgang mit Krieg, Waffen und Gewalt. Es geht um die Rolle von Staat und Polizei, wobei die Kritik nach meinem Verständnis in beide Richtungen geht: Kritik am Staat – wie setzt er Gewalt/Macht ein und um? Kriege werden geführt, die den Menschen Gewalt „einpflanzen“. Kritik an den Bürgern – wie gehen sie mit der Autorität um, wie bewerten sie Gewalt?  Die eigene Ausübung von Macht und Gewalt wird von den Bürgern legitimiert, die Gewalt des Staates und seine Gesetze werden ignoriert. Vielleicht steht Adams persönliche, krankhafte Paranoia hier auch stellvertretend für die Paranoia einer ganzen Gesellschaft?

T. C. Boyle – Hart auf hart – dtv

Zadie Smith – London NW

Der Roman London NW handelt von zwei Freundinnen, die im Nordwesten Londons leben und dort auch gemeinsam zur Schule gegangen sind. Leah ist weiß und kommt aus einer besser gestellten Familie, Natalie ist schwarz und ihrer Familie geht es weniger gut. London NW ist nicht gerade eine gute Gegend, viele Menschen sind arm, Kriminalität und Drogenhandel  sind an der Tagesordnung.

Das Buch besteht aus fünf Teilen. Im ersten Teil lernen wir Leah und ihren Mann Michel kennen. Leah hat einen Verwaltungsjob, Michel ist Friseur, sie kommen einigermaßen über die Runden.  Michel will weiterkommen, etwas erreichen, eine Familie gründen, Leah will den Status quo bewahren und bloß nicht schwanger werden. Sie blickt halb neidisch, halb verächtlich auf Natalie, die erfolgreiche Anwältin, Mutter von zwei Kindern und Frau des Bankers Frank ist.

Zentrales Ereignis dieses Teils ist der überraschende Besuch der ehemaligen Mitschülerin Shar bei Leah, die um Hilfe für ihre angeblich kranke Mutter bittet. Nicht nur Michel wird Leah später für verrückt erklären, dass sie Shar mit Geld aushilft, obwohl klar ist, dass sie das Geld nur für Drogen braucht. Die Begegnung bringt Leah in Kontakt mit Menschen, denen sie einerseits entfliehen, andererseits aber auch helfen will. Genauso hin- und hergerissen ist sie auch beim Thema Erwachsenwerden. Sie sträubt sich dagegen, fühlt sich aber auch minderwertig gegenüber Natalie, die scheinbar erwachsen ist. Es gibt noch einen dritten inneren Konflikt: Leah ist weiß und hat deswegen ein schlechtes Gewissen, fühlt sich aber bei ihren vornehmlich schwarzen Kolleginnen auch nicht zugehörig.

Stilistisch ist dieser erste (aber auch der dritte) Teil eine wahre „Fundgrube“:

  • Bei der wörtlichen Rede, die nicht durch Anführungszeichen, sondern Spiegelstriche eingeleitet wird, wird selten konkret gesagt, wer spricht (was bei mir teilweise für Verwirrung gesorgt hat). Vielleicht soll damit gezeigt werden, dass gar nicht so eindeutig ist, wer eigentlich welche Position vertritt?
  • Die wörtliche Rede Dritter wird zudem manchmal durch Leahs Gedanken unterbrochen, ohne dass im Nachhinein geschildert wird, was Leah verpasst hat. So ist man auch als Leser im Unklaren. Letztlich spiegelt das die Realität wieder, denn im wahren Leben bekommt man auch nicht mit, was andere sagen, wenn man den eigenen Gedanken nachhängt.
  • Ein weiteres Stilmittel sind fehlende Satzzeichen plus Wiederholung: „Er [Frank] sieht gut aus sein Hemd ist perfekt seine Hose ist perfekt seine Kinder sind perfekt seine Frau ist perfekt und dieses Glas Prosecco ist perfekt temperiert“ (S. 82). Vielleicht will Smith damit zeigen, dass Leah von Franks Perfektion überwältigt ist? (Wie von einer Lawine „überrollt“?)
  • Smith „malt“ mit der Sprache, indem die Form des Gedruckten den Inhalt illustriert. Ein Beispiel hierfür: Auf Seite 40 werden Gedanken über einen Apfelbaum in Form eines Baumes gedruckt. Funktion??
  • Michels französische Herkunft wird an einer Stelle durch seine Sprache deutlich: „Ich will einfach nicht, dass so ein Schild steht vor die Haus, wo ich wohne“ (S.42).
  • Auf Seite 112ff stellt Smith eine Dinnerparty bei Natalie und Frank dar, hier sind Reflexionen, wörtliche Rede (keine Anführungszeichen) und Kommentare gemischt, es geht alles durcheinander, wie es bei einer Party ja auch oft der Fall ist. Der Vorgang des Essens wird mit Hilfe von Wiederholungen dargestellt: „Thunfisch durchreichen“, „Salat aus wilden Tomaten durchreichen“ usw. Am Ende wird das übertragen auf: „Lösungsansätze werden über den Tisch gereicht“.  Vielleicht geht es hier darum, aufzuzeigen, dass bei so einem Essen bestimmte Themen einfach nach und nach abgehakt werden. („Das Staffelholz der Konversation wird an andere weitergereicht“, S. 113).
  • Smith neigt dazu, etwas anzudeuten und erst später aufzuklären, worum es dabei eigentlich geht, was natürlich zum Weiterlesen anregt, hier für meinen Geschmack aber etwas überstrapaziert wird.
  • Ich habe den Eindruck, Smith beschreibt Dinge und Ereignisse gerne möglichst ungewöhnlich: „periodische Anfälle von häuslichem Nudismus“ (S. 243) – Natalies Bruder läuft oft nackt in der Wohnung herum; als Natalie von Turnschuhen einer bestimmten Marke träumt, heißt es: „Die rot-weiße Luftpolstertechnologie der griechischen Siegesgöttin.“ (S. 233)

Der zweite Teil ist eher in „normaler“ Romanform gehalten, d.h. die wörtliche Rede steht in Anführungszeichen, es ist immer klar, wer redet, es gibt eine stringentere Handlung und es wird in der Vergangenheitsform erzählt. Es gibt einen neuen Protagonisten namens Felix, der mit Grace zusammenlebt. Beide sind schwarz, und Grace hat Felix offenbar aus einem Sumpf aus Drogen geholt, den er hinter sich lassen will. Dazu gehört auch, sich von seiner drogenabhängigen Geliebten Annie zu trennen. Hier sehe ich Parallelen zu Leah und Shar. Beide, Felix und Leah, haben Mitleid und wollen Shar bzw. Annie helfen, aber die wollen sich nicht helfen lassen. Eine weitere Parallele sehe ich zwischen Felix und Michel, die beide  „eine Stufe höher“ wollen. Felix trifft einen jungen Mann namens  Tom, um ihm ein Auto für Grace abzukaufen. Tom kommt aus guten Verhältnissen, kriegt aber in seinem Leben nichts auf die Reihe. Hier zeigt sich, dass auch ein guter sozialer Hintergrund kein Garant dafür ist, dass das Leben gut verläuft.

Im dritten Teil werden Natalies Leben und die Freundschaft zu Leah aus Natalies Sicht in kurzen, aufeinanderfolgend nummerierten Abschnitten dargestellt. Man bekommt einen Einblick in die „Gegenseite“, also Natalies Meinung über Leah. Das ist insofern interessant, weil man merkt, dass auch Natalie ihre Freundin beneidet. Man erfährt, wie sich die Freundschaft zwischen Leah und Natalie entwickelt hat. Während Leah eine wilde Jugend mit Drogen und schlechten Noten durchlebte, lernte Natalie eifrig. Natalie war auch früher schon sehr ehrgeizig: „Das Leben hielt sie für ein Problem, das sich mit der richtigen akademischen Ausbildung lösen ließ“ (S. 260). Auch finanzielle Unterschiede trennten die beiden, die aber später wieder zusammenfanden. Innerhalb der Familie treffen in der Jetztzeit verschiedene Lebensumstände aufeinander (vgl. Teil I und II): Natalie will ihre Familie retten; kann nicht mit ansehen, wie ärmlich ihre Mutter Marcia und die Schwester Cheryl in ihren Augen leben. Doch Cheryl will Natalies Hilfe nicht. Sie ist zufrieden, so wie es ist.

Im vierten Teil irrt Natalie nach einem schlimmen Streit mit Frank durch die Stadt.  Sie trifft Nathan, in den Leah früher verknallt war und der jetzt eine verkrachte Existenz ist. Er nimmt Drogen und ist Zuhälter; Shar gehört u.a. zu seiner „Familie“. Die beiden laufen high durch die Stadt. Die Polizei ist ganz offenbar auf der Suche nach einem Straftäter, Natalie bringt das aber in ihrem berauschten Zustand nicht mit Nathan in Zusammenhang.

Im letzten Teil liegen auch Leah und Michel im Streit. Es zeigt sich meines Erachtens, dass weder Leah noch Natalie aus ihrer Haut können; was fehlt, ist die Ehrlichkeit, das Zugebenkönnen von Schwäche, vor allem bei Natalie. Leah glaubt, dass Natalie das perfekte Leben führt. Natalie, die ganz und gar nicht glücklich ist, tut aber nichts dafür, dieses Missverständnis aufzuklären und Leah so näherzukommen. Umgekehrt ist es genauso.

Leah versteht auch nicht, warum es den einen Menschen gutgeht und den anderen nicht. Natalie glaubt (entsprechend ihrer eigenen Erfahrung), dass das daran liegt, dass sie härter arbeiten. Während Natalie, die aus schlechteren sozialen Verhältnissen kommt, die persönliche Verantwortung betont, sieht Leah, die aus besseren Verhältnissen kommt, stärker die Bedeutung der Herkunft.

Die zentralen Fragen des Buches sind nach meiner Einschätzung: Inwiefern kann man sein Leben / seinen Erfolg kontrollieren, sich von bestimmten Startbedingungen „befreien“? Ist man auf einer sozial höheren „Stufe“ wirklich glücklicher? Wer hat darüber zu entscheiden oder zu urteilen, wie man lebt und was man im Leben erreichen möchte?

Fazit:

Es handelt sich, soweit ich das beurteilen kann, um eine gute Milieustudie. Stilistisch wirkt es für meinen Geschmack etwas bemüht, es sind einfach zu viele Stilmittel, die den Lesefluss behindern und das Verständnis erschweren. Nichtsdestotrotz finde ich interessant, wie die Sichtweisen von Leah und Natalie gegenüberstellt werden. Sie beneiden sich gegenseitig, sehen nur, was sie sehen wollen – dass es der anderen besser geht. Eine echte Entwicklung machen die beiden nicht durch; sie sind am Ende nicht schlauer als am Anfang. Es ist auch ein Buch über das Erwachsenwerden. Hier Natalie, die scheinbar erwachsen geworden ist, da Leah, die es scheinbar nicht ist. Für mich sind sie es beide nicht, was sich auch am Ende zeigt, als sie Nathan bei der Polizei anzeigen. Die einzigen Personen, die eine Entwicklung durchmachen, sind Michel, Felix und Frank. Sie stehen etwas im Hintergrund und sie wissen auch nicht wirklich, wie es ihren Frauen geht. Aber sie sind meines Erachtens diejenigen, die für „Erwachsensein“, Realitätssinn und Ehrlichkeit stehen.

Zadie Smith – London NW – Goldmann Verlag

Fatma Aydemir – Ellbogen

Der Roman Ellbogen handelt von Hazal, einem in Berlin lebenden Mädchen, dessen Eltern vor Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Der Vater ist Taxifahrer, die Mutter arbeitet in einer Bäckerei. Hazal nimmt an einer BVB, das heißt einer „berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme“ teil.

In Teil I (Kapitel 1-6) schildert Hazal ihr Leben und ihre Probleme: Die Benachteiligungen, die sie erfährt, die Angst vor Abschiebung, Vorurteile gegen Menschen mit Migrationshintergrund, die Rolle der Religion für ihr Leben, die Langeweile, der Vorwurf, die Probleme selbst verschuldet zu haben. Sie beleuchtet die Bedeutung der Kinder für die Eltern, vor allem die Tatsache, dass Hazal im Vergleich zu ihrem Bruder abgewertet und für dumm gehalten wird. Mehmet, Hazals in Istanbul lebender (Facebook-) Freund, verheißt ein besseres Leben. Mit ihm verbindet sie all ihre Träume und Wünsche, er ist ihr Märchenprinz.

Zu Hause herrscht eine räumliche Enge, die einem die Luft zum Atmen nimmt, gepaart mit einem hohen Maß an Desinteresse an Hazal und ihren Probleme. Sie ist frustriert, enttäuscht, machtlos und beschreibt scheinbar unbeteiligt die Doppelmoral der Eltern, die Gewalt des Vaters gegen die Mutter, deren mangelnde Bildung und ihre psychischen Probleme in einer arrangierten Ehe. Es ist die allgegenwärtige Angst, die Hazals Meinung zufolge zu dem Bedürfnis führt, anderen Menschen Gewalt anzutun, um sich endlich mächtig zu fühlen. Was Hazal fehlt, was sie nicht hat, sieht sie bei den Bessergestellten „Mittetussis“ und  „Ärztetöchtern“.

Hazals Vertraute ist ihre selbstbewusste und studierte Tante Semra. Sie ist auch die Einzige, die sich für Hazals 18. Geburtstag interessiert und bei der Mutter dafür sorgt, dass Hazal bei ihrer Freundin Elma übernachten darf. Hazal fiebert auf diesen Tag hin, denn sie will die Gelegenheit nutzen, mit Elma und Gül in einen Club zu gehen (was ihre Eltern natürlich nicht wissen dürfen!). Es läuft alles wie geplant, bis sie vor dem Club stehen. Dann der Schock: die Türsteher lassen sie nicht hinein! Diese Abfuhr, gepaart mit der ohnehin schon aufgestauten Wut führt zu einem Eklat: Als ein Student in der U-Bahn-Station die Mädchen anmacht, fangen die drei an, auf ihn einzutreten…

Teil II (Kapitel 7-14) spielt in Istanbul; Hazal wohnt bei Mehmet, aber die Wohnung gefällt ihr genauso wenig wie Istanbul selber. Noch dazu ist Mehmet nicht der Märchenprinz, für den sie ihn gehalten hat. Trotzdem hat sie regelmäßig Sex mit ihm und schämt sich dafür (wenn ihre Eltern das wüssten!). Nichts ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Hazal hat keine Ahnung von der politischen Situation in der Türkei (der Roman spielt zur Zeit des Putsches im Juli 2016). Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in Halil, Mehmets Mitbewohner, der für die Rechte der Kurden kämpft und von der Polizei gesucht wird. Sie ahnt, dass ihr Leben in der Türkei auch nicht viel besser laufen wird, bemerkt, dass Halils Freundin „genauso scheiße [ist] wie die Mittetussis“, mit ihrer „Babywut“ und den „Mädchensorgen“. Insgesamt überblickt sie ihre persönliche und die politische Situation nach meinem Empfinden aber nicht richtig. Doch spürt sie, dass sie auch in der Türkei nicht vor ihrer Tat weglaufen kann.  Sie weint, fühlt sich heimat- und hoffnungslos. Mehmet ist aber viel zu kaputt, um ihr zu helfen. Sie bricht zusammen.

Tante Semra kommt in Teil III (Kapitel 15-16) in die Türkei, um Hazal nach Deutschland zurückholen, wo sie sich der Polizei stellen soll. Sie macht Hazal Hoffnung, dass sie doch noch etwas aus ihrem Leben machen kann. Aber Semras Worte kommen bei Hazal nicht an. Sie fühlt sich total unverstanden, und Semra kann Hazals Standpunkt scheinbar wirklich nicht verstehen.  Hazal glaubt, nun endlich begriffen zu haben, dass die Welt ungerecht ist, dass sich niemand für sie interessiert, dass ihr das Leben „den Ellbogen reingerammt“ hat. Das Buch endet mit dem Putschversuch.

Während Teil I also mit einem persönlichen „Ausbruch“ abschließt, steht am Schluss von Teil III ein gesellschaftlicher.  Beide resultieren, so verstehe ich das Buch, aus einem Gefühl der Benachteiligung, Missachtung und Machtlosigkeit Einzelner bzw. einer Gruppe von Menschen heraus. Wobei der politische Aspekt meines Erachtens nicht so stark ausgeführt wird.

Fazit:

Ellbogen ist ein leicht zu lesender, fesselnder Roman. Das Thema „Migrationshintergrund“ wird sehr betont, auch wenn die erwähnten Probleme meines Erachtens nicht (nur) mit ihm zu tun haben, sondern auch mit der Tatsache, dass Hazal in einfachen sozialen Verhältnissen aufwächst. Die im Roman verwendete Jugendsprache ist für mich plausibel und stimmig, andererseits ist Hazal an manchen Stellen nach meinem Empfinden reflektierter, als man es erwarten würde. Insgesamt finde ich Hazals Ausbruch am Ende des ersten Teils nicht zwingend. Anders gesagt, ihre Wut, die auf diesen Ausbruch hinausläuft, kommt bei mir nicht richtig an. Das liegt vielleicht daran, dass Hazal viele ihrer Probleme banalisiert und mit einer großen Sachlichkeit bzw. unbeteiligt erzählt.

Der Mangel an Mitgefühl mit sich selber, der durch die unbeteiligte Sprache zum Ausdruck kommt, ist wohl der Grund dafür, dass Hazal dem Studenten gegenüber gewalttätig wird und keine Empathie zeigt.  So gesehen geht es vielleicht inhaltlich gar nicht anders, als dass der Ausbruch nicht so zwingend erscheint.

Schließlich wird in dem Buch meines Erachtens deutlich, aus welchem (familiären) Klima und aus welchen Lebensbedingungen heraus Empathielosigkeit und Gewalt entstehen können. Dabei steht die Figur der Tante Semra einerseits für die Leute, denen es besser geht und die einfach nicht verstehen können, wie ein Mensch in Hazals Situation wirklich denkt und fühlt. Andererseits steht sie vielleicht auch für den Aspekt der persönlichen Verantwortung – im Gegensatz zur gesellschaftlichen bzw. sozialen Perspektive, die durch Hazal dargestellt wird.

Fatma Aydemir – Ellbogen – Hanser Verlag

 

Haruki Murakami – Von Männern, die keine Frauen haben

Das Buch Von Männern, die keine Frauen haben umfasst sieben Erzählungen, in denen es, wie der Name schon sagt, um Männer geht, die aus unterschiedlichen Gründen alleine leben.

In Drive my Car freundet sich die Hauptperson mit dem damaligen Geliebten seiner verstorbenen Frau an. Er kann einfach nicht verstehen, warum sie ihn betrogen hat, und er hat sich zu ihren Lebzeiten einfach nicht getraut, sie zu fragen. Er ist Schauspieler und spielt auch bei seiner Freundschaft mit dem Geliebten eine Rolle, um an die gewünschte Information zu kommen. Er gibt zu, auch bei seiner Frau manchmal eine Rolle gespielt zu haben. In der Geschichte geht es meines Erachtens darum, dass jeder auf gewisse Art und Weise im Umgang mit anderen Menschen eine Rolle spielt und dass die Grenze zwischen dieser Rolle und der eigenen Persönlichkeit fließend ist. Letztlich kann man sich nie sicher sein, was die wahren Beweggründe des Verhaltens sind.

In Yesterday geht es um die Freundschaft zwischen zwei sehr unterschiedlichen Studenten. Der eine, eher konventionell, lernt brav für die Uni, der andere vertieft sich in seine ungewöhnlichen Interessen und kommt mit dem Studium nicht voran. In dieser Geschichte geht es um die Frage, wo das Leben einen hinführt und wie es gelingt, das Leben so zu leben, wie man gerne möchte. Es geht um die Einsamkeit in diesem jungen Lebensabschnitt, um die „Verwirrung“, „Unentschlossenheit“ und „Umwege“, die man geht. Wagt man etwas, nimmt man eine „neue Perspektive“ ein, oder wählt man die Sicherheit des Vertrauten? Gibt es einen Mittelweg zwischen diesen Alternativen? Es geht auch um die Angst, nicht die richtige Entscheidung zu treffen und die Tatsache, dass man um eine Entscheidung nicht herumkommt. Manchmal kann das schmerzhaft sein, macht einen aber zu der Person, die man ist.

In Das eigenständige Organ geht es um einen Mann, dem es nichts ausmacht, keine Frau zu haben. Zumindest glaubt er das. Er hat immer nur Geliebte; Affären, aus denen nichts Ernstes werden kann. Manchmal hat er sogar mehrere Frauen gleichzeitig und sein Sekretär „regelt den Verkehr“ wie ein „Fluglotse“. Als er sich einmal richtig verliebt, und diese Liebe nicht erwidert wird, geht er daran zugrunde. In der Geschichte geht es meinem Empfinden nach darum, dass man sich gegen die Liebe nicht wehren kann, dass sie einen ergreift, auch körperlich. Man kann sich nicht wappnen, und man hat es selber nicht im Griff. Die Menschen, die das glauben, machen sich etwas vor.

In Scheherazade bringt eine Frau einem Mann, der aus uns unbekannten Gründen das Haus nicht verlassen kann, regelmäßig die Einkäufe nach Hause und schläft bei der Gelegenheit auch mit ihm. Nach dem Akt erzählt sie ihm „wundersame“ Geschichten. Es bleibt unklar, ob sie diese Geschichten wirklich erlebt oder bloß erfunden hat. In der Geschichte geht es darum, dass die Liebe den Menschen merkwürdige Dinge tun lässt, den Verstand außer Kraft setzt. Das gilt für beide Geschlechter, aber am Ende lässt Murakami seine Hauptperson sagen: „Frauen schenken uns besondere Momente, in denen sie für uns mitten in der Wirklichkeit die Wirklichkeit außer Kraft setzen.“

Kinos Bar handelt von einem Mann, der seine Frau auf frischer Tat beim Fremdgehen ertappt. Daraufhin trennen sie sich und er ändert sein Leben radikal und macht eine Bar auf. In dieser Bar geschehen merkwürdige Dinge, die dazu führen, dass Kino über sein Leben nachdenkt und zu einer besonderen Einsicht gelangt. Für mich die spannendste der sieben Geschichten, wenn auch mit einem starken mystischen Element.  Es geht, nach meiner Auffassung, darum, dass es nicht einfach ist, Verletzungen zuzulassen, dass man aber nicht darum herumkommt. Liebe bedeutet manchmal auch Verletztwerden.

In Samsa in Love erwacht ein Mann nackt in einem kargen Zimmer. Er weiß nicht, wer oder was er ist und wie er an diesen Ort gekommen ist, und der Leser erfährt es auch nicht. Der Mann muss lernen, was es heißt zu leben, denn er weiß es genauso wenig wie ein Säugling. Nach dem Erwachen bekommt der Mann Besuch von einer Frau, die ein Tür-Schloss in dem Haus reparieren soll, und er verliebt sich augenblicklich in sie. Vielleicht kommt sie wieder, er weiß es nicht. Er nimmt sich vor, bis dahin alles über das Leben zu lernen. Ich finde es schwer zu sagen, was die Geschichte zu bedeuten hat. Vielleicht geht es darum, dass Frauen die Männer dazu bringen, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen bzw. das Leben zu lernen?

Die letzte Geschichte mit dem Titel Von Männern, die keine Frauen haben ist meines Erachtens eine Zusammenführung der vorherigen Geschichten. Ein Mann wird nachts angerufen und die Stimme am Telefon sagt ihm, dass eine Frau gestorben ist. Der Angerufene war vor Jahren einmal mit der Frau zusammen, und der Anrufer ist der Ehemann. Dieses kurze Telefonat ist der Beginn einer Reihe von Reflexionen über die Bedeutung der verstorbenen Frau für den Mann, aber auch über die Bedeutung von Frauen für Männer im Allgemeinen. Es geht auch darum, wie es ist, eine Frau zu verlieren, es geht um Einsamkeit. Die Geschichte steckt voller Metaphorik.

Fazit:

Ich finde Murakamis Schreibstil sehr angenehm. Er hat einen feinen Humor, bringt passende Vergleiche und Metaphern; ein einfühlsamer Schriftsteller. Murakami stellt alltägliche Gefühlslagen dar, überzeichnet die Charaktere nach meinem Empfinden dabei etwas. Vielleicht, um die Gefühle plastischer werden zu lassen. Murakamis Geschichten haben  z.T. etwas Mystisches oder Magisches, das mir etwas Schwierigkeiten macht. Es bleibt das diffuse Gefühl zurück, nicht richtig durchzublicken. Insgesamt glaube ich, dass Murakami uns sagen will, dass die Liebe uns trifft, um den Verstand bringt, körperlich erfasst, manchmal auch verletzt, dass wir uns nicht wehren können, und dass wir das Gefühl der Liebe letztlich nie ganz verstehen können. So gesehen passt es auch, dass die Geschichten etwas diffus bleiben.

Haruki Murakami – Von Männern, die keine Frauen haben – btb-Verlag

Thomas Hettche – Pfaueninsel

Der Roman Pfaueninsel befasst sich mit der gleichnamigen Insel  in der Havel im Südwesten Berlins und verknüpft die Geschichte der Insel mit dem Schicksal der kleinwüchsigen Marie (Maria Dorothea Strakon), die von  1800 bis 1880 tatsächlich dort lebte. Hettche liefert eine äußerst detaillierte Darstellung der Ereignisse auf der Insel; fast habe ich den Eindruck, er hätte gerne noch mehr Informationen in den Roman hineingepackt. Man erfährt auch einiges über das Thema Kleinwuchs (z.B. über die körperlichen Probleme, die er mit sich bringt). Es gibt eine durchgehende Handlung – Maries Leben – die immer wieder unterbrochen wird durch Beschreibungen der sonstigen Vorgänge auf der Insel.

Unter Friedrich Wilhelm II. wird die Insel noch landwirtschaftlich genutzt; mit Friedrich Wilhelm III. werden exotische Pflanzen, aber auch nicht-heimische Tiere auf die Insel gebracht, von denen viele verenden und regelmäßig ersetzt werden müssen. Marie, ihr ebenfalls kleinwüchsiger Bruder Christian, ein „Mohr“, ein Riese, ein Südseeinsulaner, sie alle sind Teil dieser Exotik. Marie wird von einigen Bewohnern der Insel als „Monster“, „Missgeburt“ und „Krüppel“ bezeichnet. Aber auch die, die es besser mit ihr meinen, sehen in ihr keinen Menschen. Der Gärtner empfindet Marie als schlecht gewachsene Pflanze, der Meier sieht sie als Tier. Aberglaube und irrsinnige Geschichten, die sich um „Zwerge“ ranken, kursieren auf der Insel.

Unter Friedrich Wilhelm III. wird die Landwirtschaft durch eine Künstlichkeit ersetzt, die Modernität ausdrücken soll – so kommt z.B. auch die Dampfmaschine auf die Insel. Moderne bedeutet für ihn, Tiere und Pflanzen in einer Umgebung am zu Leben erhalten, die nicht für sie gemacht ist. Die exotischen Pflanzen brauchen ein Bewässerungssystem und Wärme, die Tiere ein bestimmtes Futter etc. Gäste kommen auf die Insel, um sich die exotischen Wesen anzusehen, die auf der Insel gefangen gehalten werden. In der künstlichen Schönheit, die auf der Insel gebildet wird, empfindet Marie ihre eigene „Missbildung“ umso stärker.

Marie kann sich mit dem Leiden der eingesperrten Tiere identifizieren; sie sieht sich selbst bisweilen  als Tier. So enthaart sie sich z.B. am ganzen Körper, um nicht an einen Affen zu erinnern. Marie mag ihren Körper nicht anschauen, aber sie liebt es, wenn man sie ansieht. Sie fühlt sich lebendig unter den Blicken, auch dem der Tiere. Es macht ihr auch nichts aus, wenn man sie wie ein Ding betrachtet, Hauptsache, man betrachtet sie nicht als Monster, Tier oder Pflanze. Sie ist ein „Einzelexemplar einer Gattung“, wie der Löwe, den sie auf der Insel halten. (Die exotischen Tiere werden nicht in Paaren gehalten, damit sie sich nicht vermehren.)

Marie ist aber auch eine Frau, wird begehrt, doch die Männer, die sie begehren, können mit diesem Gefühl schlecht umgehen. Gustav, der Sohn des Gärtners, ist in Marie verliebt, fühlt sich aber nicht stark genug für „das Fremde“. Marie zeigt ihm ihre Liebe, indem sie sich ihm darbietet. Sie will, dass er sie ansieht und sie schön findet, dass er kein Tier in ihr sieht. Doch er begehrt sie nur, wenn er sie nicht ansieht. Für ihn ist sie ein Fehlgriff der Natur und Gustav hat Angst, dass er selbst zum Monster wird, wenn er sich mit ihr einlässt.

Gustav macht die Insel nach Friedrich Wilhelm III. wieder zu einer grünen Insel, zu einer „Wiege der Blattpflanzenmode des 19. Jahrhunderts“. Alles, was nicht Pflanze ist, was nicht „Platz in der Systematik“ hat, muss weg. Gustav verehrt Hegel, der behauptet, die Natur stehe unter dem „Geistigen“: „Pflanzen? Nichts bedeuten sie ihm. Der Pflanze, meint Hegel, gehe Selbstgefühl und die Seelenhaftigkeit völlig ab, indem sie nur immer neue Individuen an sich selbst produziere. Die Pflanze nimmt nichts auf und empfindet nichts“ (S. 187). Das Grün macht Gustav keine Angst: „Pflanzen begehren nicht. Und sie fügen keinem ein Leid zu.“ (S. 188)

Vielleicht könnte man es so interpretieren, dass Gustav Angst vor seiner eigenen Sexualität und „Tierhaftigkeit“ hat, die ihm – seiner Auffassung nach – durch die Liebe zu Marie vor Augen geführt wird. So will er alles, was nicht grüne Pflanze ist, von der Insel verbannen. Marie ihrerseits hat das Gefühl, dass wenn die Natürlichkeit auf die Insel zurückkehrt, dort kein Platz mehr für sie ist.

Hettche zeigt, dass es auch zu Maries Zeiten Menschen gibt, für die Vorbehalte gegen Kleinwüchsige ein Relikt aus vergangener Zeit sind. Aber diese Menschen sind leider die Ausnahme. Dazu kommt, dass Marie aufgrund der vielen negativen Erfahrungen irgendwann nicht mehr in der Lage ist, die Zuwendung dieser Menschen anzunehmen und zu erwidern. Sie verlässt die Insel nur ein einziges Mal und entdeckt, dass ihr Leben auch anders hätte verlaufen können, aber da ist es schon zu spät. Sie hat die Rolle, die man ihr gegeben hat, verinnerlicht.

Hettche benutzt z.T. „altertümliche“ Begriffe (z.B. „adorieren“), jedoch nicht um Übermaß, sondern so, dass es zur Geschichte passt. Beschreibungen werden oft in Form von Ellipsen präsentiert, und es finden sich mitunter philosophisch anmutende Reflexionen, die für mich nicht recht nachvollziehbar sind (z.B. S. 68/69, Darwin, die Pfauen und die Schönheit). Insgesamt ist der Roman trotz mitunter sehr langer Sätze flüssig zu lesen. Stellenweise empfand ich ihn als etwas langatmig, was vor allem an den detaillierten Beschreibungen der Vorgänge auf der Insel lag.

Fazit:

Die Idee, das persönliche Schicksal Maries mit dem der Insel zu verbinden, finde ich sehr gelungen. Dass und wie Marie auf der Insel lebt, ergibt sich aus der Historie, aus dem Weltbild der Menschen und aus der Art und Weise, wie die Insel gesehen und genutzt wird. Insgesamt bleibt mir das Schicksal Maries aber auch fremd, ohne genau sagen zu können, warum. Vielleicht, weil sich das Buch bei der Beschreibung der Insel sehr in Details verliert, so dass der rote Faden verloren geht. Vielleicht, weil Maries Schicksal eben vor allem durch das Schicksal der Insel illustriert wird und sie ihre Gefühle gar nicht so recht in Worte fassen kann. Aber vielleicht ist gerade das der Clou des Buches.

Thomas Hettche – Pfaueninsel – Btb-Verlag

Navid Kermani – Sozusagen Paris

Sozusagen Paris ist ein Eheroman und ein Buch über die Liebe, genauer gesagt über den Unterschied zwischen dem Ideal der romantischen Liebe und dem Ehe-Alltag, der der Phase der Verliebtheit unter Umständen folgt.

Der Ich-Erzähler ist ein Romanautor, der nach einer Lesung beim Signieren seine Jugendliebe trifft, um die es in dem präsentierten Buch ging. Im Buch heißt die Jugendliebe „Jutta“, wie sie im wahren Leben heißt, erfahren wir nicht. Nach der Lesung gehen die beiden zu Jutta nach Hause, wo sie mit ihrem Ehemann und den drei Kindern lebt. Die ganze Nacht über sitzen die beiden zusammen und reden über Juttas Ehe, um die es nicht sonderlich gut bestellt ist, und über das Wesen der Liebe. Dabei nimmt der Ich-Erzähler Bezug zu den französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts; Kermani lässt seine Protagonisten dazu im Wohnzimmer vor einem Regal mit eben diesen Romanen sitzen. Das Ideal der romantischen Liebe wurde,  so der Ich-Erzähler,  durch die Literatur in die Köpfe der Menschen gepflanzt.

Es ist ein Buch über die sich sehnende Liebe, die zu Ende ist, wenn das Subjekt der Begierde erobert ist. In der romantischen Liebe verliebt man sich in ein Wunschbild des anderen, in ein Idealbild, das keine Individualität hat. Schließlich wird man aber mit der Realität konfrontiert und enttäuscht. Die Wirklichkeit ist einfach nicht komplex genug, um den einen Partner lange genug an den anderen zu binden oder für ihn interessant zu machen.

Der Roman wird auf mehreren Ebenen erzählt. Der Ich-Erzähler beschreibt seine Unterhaltung mit Jutta, gleichzeitig reflektiert er über das Thema Liebe, zitiert die französischen Romanciers und berichtet auch über seinen Plan, ein neues Buch zu schreiben (eben das Buch, das man als Leser in Händen hält). Daneben sind Gespräche mit dem strengen  Lektor eingebaut, die der Ich-Erzähler gedanklich vorwegnimmt. Er spricht den Leser auch direkt an und reflektiert darüber, wie sein Roman beim Leser ankommen wird.

Der Ich-Erzähler schreibt am Anfang, dass der Inhalt des Buches nicht spektakulär sein wird, dafür aber sehr bedeutungsvoll. Leider überlässt er es nicht dem Leser, über die Bedeutung des Gesagten zu entscheiden. Die vielen Zitate wirken auf mich so, als würde der Ich-Erzähler seiner eigene Einschätzung darüber, was Liebe ist, nicht so recht trauen und sich lieber auf „Experten“ zurückziehen: Seht her, es ist wirklich bedeutungsvoll, denn Proust, Flaubert etc. haben es auch gesagt, und die müssen es wissen.

Übergeordnetes Thema ist nach meiner Auffassung die Frage, welche Bedeutung ein Mensch für einen anderen hat. Welche Bedeutung hat Jutta für ihren Mann, und welche er für sie? Diese Frage nach der Bedeutung überträgt der Ich-Erzähler aber auch auf andere Beziehungen, z.B. die zwischen Autor und Leser.  Letztlich geht es auch darum, wer zuerst nachgibt in der Beziehung, d.h. um Macht. Wer gibt seine Vorwürfe zuerst auf und versucht, den anderen zu verstehen. Damit geht es auch um die Frage der Nähe. Man muss dem anderen nahekommen, um eine Bedeutung für ihn zu haben und ihn zu verstehen. Wie kann man Nähe herstellen? Welche Rolle spielt z.B. die Sexualität dabei? Jutta versucht, ihren Mann über die Sexualität zu erreichen. Aber ist das wirklich Liebe? Letztlich will man einfach Gehör finden mit dem, was einem wichtig ist.

Und so will auch der Ich-Erzähler nicht, dass der Lektor an ihm herumkritisiert und ihn nötigt, Passagen zu löschen, die nicht zum Thema gehören, die dem Ich-Erzähler aber wichtig sind: Die Herkunft des Autors/Rassismus, Integration, Terror, Neil Young und das Buch, auf dem dieser Roman aufbaut („Große Liebe“).

Der Ich-Erzähler behauptet, mit einem „liebenden Auge auf Jutta“ zu blicken, aber so ganz überzeugend finde ich diese Aussage nicht. Er reflektiert ausgiebig darüber, was Jutta in bestimmten Situationen denken, fühlen und sagen würde. Der Leser erlebt Jutta selber gar nicht richtig, alles wird gefiltert durch den Ich-Erzähler, genau wie wir den Ehemann nicht selber erleben, sondern nur gefiltert durch Jutta. Der Ich-Erzähler scheint mehr an seinen Gedanken über Jutta und ihre Ehe interessiert zu sein als an Jutta selber. Es geht um ein Leben im Konjunktiv: was würde jemand sagen, wie würde jemand reagieren, es geht darum, Möglichkeiten gedanklich durchzuspielen, die vielleicht interessanter sind als die Wirklichkeit.

Kermani hat, passend zu den vielen Reflexionen, ein Faible für lange Sätze, die sich manchmal über mehr als zwanzig Zeilen erstrecken und zahlreiche Einschübe mit Erläuterungen, Einschränkungen und  Assoziationen aufweisen. Der Ich-Erzähler scheint sich dieser Eigenart bewusst zu sein, spricht er doch an einer Stelle von einem „Satzungetüm“, das der Lektor ihm herausstreichen wird.  Ein weiteres Stilmittel sind Wiederholungen, d.h. Aufzählungen, die immer mit dem gleichen Begriff anfangen.  Vielleicht hat es etwas mit Musik bzw. Rhythmus und Kermanis Begeisterung für Neil Young zu tun? Das Stilmittel erinnert auch an Gebete; etwas wird „gebetsmühlenartig“ wiederholt. Der Ich-Erzähler schreibt sehr detailliert, es bleibt nicht viel Raum für eigene Interpretation, bisweilen scheint mir, dass alles etwas übererklärt wird. Humor konnte ich keinen finden, oder ich habe ihn nicht bemerkt/verstanden, auch wenn der Ich-Erzähler sagt, dass die Unterhaltung zwischen Jutta und ihm nicht immer ernst war.

Wenn man zurückgeht zu der Idee, dass es in der Liebe darum geht, für jemanden eine Bedeutung zu haben und Nähe herzustellen, dann widerspricht der Aufbau des Romans mit der oft verwendeten indirekten Rede und den Reflexionen genau diesem Ziel. Vielleicht liegt gerade hier das Problem in der Liebe, dass zu viel reflektiert wird, statt direkt miteinander zu sprechen und den anderen wahrzunehmen. Andererseits macht der Ich-Erzähler gerade durch diesen Gegensatz auf das Problem aufmerksam. Am Ende spricht der Ich-Erzähler den Leser des Romans direkt an und erklärt, dass Liebe heißt, Aufmerksamkeit zu schenken, aber es bleibt ein ungutes Gefühl zurück, weil mir als Leser nicht klar ist, ob der Ich-Erzähler (oder der Autor?) sich darüber im Klaren ist, dass er – trotz eines fundierten theoretischen Wissens, das er sich bei Experten holt – bei seiner Beziehung zu Jutta genau die gleichen Fehler macht wie Jutta und ihr Mann. Alle kreisen nur um sich selbst.

Fazit:

Insgesamt habe ich nicht so viel Neues über die Liebe gelernt. Der Ich-Erzähler ist mir nicht sonderlich sympathisch, weil er sich für meinen Geschmack zu sehr auf Experten zurückzieht und vor allem um sich selber kreist. So kann Beziehung nicht funktionieren. Es kann sein, dass das Buch genau diesen Eindruck erwecken und damit aufklären wollte; insofern wäre es dann ein gelungenes Buch.

Navid Kermani – Sozusagen Paris – Hanser Literaturverlag