Astrid Rosenfeld – Zwölf Mal Juli

Protagonistin Juli bekommt eine E-Mail von Jakob, der in einem knappen Dreizeiler sein Kommen für den 24. Mai ankündigt. Was man am Anfang noch nicht weiß: Jakob hat Juli vor Jahren völlig überraschend verlassen, ohne zu sagen, warum. Seitdem hat sie ihn nicht mehr gesehen.

Es sind noch zwölf Tage bis zum 24. Mai, die in dem kurzen Roman von Astrid Rosenfeld beschrieben werden. An jedem dieser Tage trifft die Protagonistin auf eine besondere Person, und Julis Denken und Handeln in diesen sehr unterschiedlichen Zusammentreffen illustrieren nach und nach ihre Persönlichkeit und Geschichte. Als Leser lernt man Jakob kennen, Julis Eltern, ihren Bruder, aber auch eine Reihe anderer Personen, die Julis Leben mehr oder weniger stark beeinflussen.

Es entfaltet sich das Bild einer sehr sympathischen, etwas verlorenen jungen Frau, die einem Freund nachhängt, der sie nie richtig verstanden hat. Einerseits empfinde ich die Geschichte als melancholisch, weil ich Julis Einsamkeit nachfühlen kann, andererseits ist es aber auch eine hoffnungsvolle Geschichte, weil Juli auf Menschen trifft, die sie verstehen und ihr nah sind.

Juli ist voller verrückter Sehnsüchte und Ideen, voller Mitgefühl, Spontaneität, Zweifel – Nichts davon konnte Jakob von jeher so richtig nachvollziehen. Noch dazu hatte Juli während ihrer Zeit mit Jakob ständig das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, während Jakob immer eine interessante Geschichte auf Lager hatte.

Nachdem er weg ist, versucht sie, in dieser Hinsicht aufzuholen, saugt begierig Fakten auf, damit sie genauso viel zu erzählen hat wie Jakob. Doch das macht ihr Leben nicht besser. Ihre Karriere als Schriftstellerin stagniert, sie bringt nichts zu Papier. Sie ist passiv, lässt die Dinge geschehen, hängt Jakob nach, hat mit Jakob sich selber verloren. In ihrem Kopf spukt noch das Bild, dass er ihr von ihrer eigenen Persönlichkeit eingepflanzt hat: Eine Frau, die feige ist, nichts zu sagen hat und nichts kann.

Juli findet ganz zu Anfang der Geschichte eine tote Taube, um die ihre Gedanken während der zwölf Tage kreisen. Sie ist überzeugt, dass die Taube eine Botschaft für sie hat, und hört nicht auf, nach dieser Botschaft zu suchen. Am zwölften Tag – dem Tag des Wiedersehens – begreift Juli endlich: Sie muss Jakob hinter sich lassen.

Die Sprache ist sehr reduziert und auf den Punkt, federleicht.

Fazit:

Eine sehr schöne kleine Geschichte, die mich berührt hat.

Astrid Rosenfeld – Zwölf Mal Juli – Diogenes

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Der Roman Die Geschichte der Bienen besteht aus drei Handlungssträngen, die in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen. William ist ein unglücklicher englischer Wissenschaftler in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der gerade erst das Wunder der Bienen entdeckt. In der Gegenwartsgeschichte geht es um den US-amerikanischen Imker George, der darunter leidet, dass sein Sohn Tom das Geschäft nicht fortführen will. Die dritte Geschichte spielt im China des ausgehenden 21. Jahrhunderts. Protagonistin Tao bestäubt als Arbeiterin Blüten, da es keine Bienen mehr gibt. Es handelt sich um eine Dystopie, die illustriert, wie das Leben aussehen könnte, wenn es keine Bienen mehr gäbe.

William ist Saatgutverkäufer und siebenfacher Vater, dessen Herz für die Wissenschaft schlägt. Eine Leidenschaft, der er durch die Familiengründung und den Zwang, Geld nach Hause zu bringen, leider nicht ausgiebig frönen kann. Er wird depressiv, fängt sich aber wieder und entwickelt neue Arten von Bienenstöcken. Allein, zum Durchbruch kommt es nicht, da er mit seinen Erfindungen zu spät dran ist. Seine Tochter Charlotte „erbt“ sein Interesse für Bienen. Dabei erkennt William lange nicht, was er an Charlotte hat, weil er ständig auf Sohn Edmund schielt, den er mit seinen Forschungen beeindrucken will. Auch sein ehemaliger Professor und Mentor Rahm spielt eine große Rolle, er ist eine Vaterfigur,  die William nicht enttäuschen will. Letztlich ist William gefangen in seinem inneren Konflikt und kreist um sich selbst.

George, der Imker, kann nicht akzeptieren, dass sein Sohn Tom andere Pläne für die Zukunft hat, als den Hof des Vaters zu übernehmen. In dieser Geschichte geht es, ähnlich wie bei William und Edmund, um den typischen Konflikt zwischen Eltern und Kindern – inwieweit lässt man den Kindern Raum, ihre eigenen Wege zu gehen. George ist ein Praktiker, will seinem Sohn alles beibringen, was man fürs Imkerdasein können muss. Tom dagegen will schreiben, ist ein begabter Student, doch das interessiert George nur am Rande. George sieht, genau wie William, nur sich selbst und missbilligt die akademischen Ambitionen seines Sohnes. Als es jedoch zu einem großen Bienensterben kommt, entscheidet sich Tom überraschend für seinen Vater und den Hof. Später erfahren wir, dass Toms Wissen und seine Erfahrungen Tao und ihren Mitmenschen in Form eines Buches wieder Hoffnung gibt.

Taos Leben kann man kaum ein solches nennen, es ist eher ein Kampf ums Überleben. Die Städte sind tot, die verbliebenen Menschen leben auf dem Land und arbeiten unermüdlich.  Sie müssen Blüten von Hand bestäuben, damit es etwas zu essen gibt. Tao glaubt daran, durch Bildung zu einem besseren Leben zu finden, ihr Mann Kuan hat sich mit der aktuellen Situation arrangiert. Sie leben unter einer strengen Regierung, die alles bestimmt, keinen Widerspruch duldet, dies aber immerhin in dem Bemühen, die Menschen am Leben zu erhalten. Die Menschen werden in dieser Phase selber zu Bienen unter einer alles bestimmenden Königin, zu unermüdlichen Arbeitern und Arbeiterinnen. Als Taos Sohn einen Unfall hat, macht sie sich auf die Suche nach dessen Ursache. Sie kehrt mit einer Hoffnung gebenden Erkenntnis zurück.

Jede Geschichte für sich wäre nach meiner Einschätzung zu mager gewesen – die Konflikte zwischen den Protagonisten werden nicht in der Tiefe behandelt. Doch die Zusammenstellung der Handlungsstränge, die jeweils stückweise dargeboten werden, ist reizvoll. Dabei sind die Geschichten natürlich einerseits über das Thema Bienen verbunden, andererseits ist George ein Nachkomme Williams, und Tao findet ein Buch, dass Tom geschrieben hat.

Sehr interessant und wichtig finde ich, was man in sachlicher Hinsicht über die Bienen erfährt und natürlich über die möglichen Folgen ihres Aussterbens. Hier rüttelt das Buch auf und macht deutlich, wie wichtig es ist, die Bienen zu erhalten. Es war für mich allerdings ein bisschen schwierig, das inhaltliche Anliegen – die Bedeutung der Bienen für die Menschen zu illustrieren – und die Familien-Geschichten zusammen zu bringen. Ich wusste nicht so richtig, was ich gerade lese. Drei Familiensagen? Ein Sachbuch? Ein Buch über zwischenmenschliche Erwartungen? Diese Unklarheit, die natürlich im Konzept des Buches angelegt ist, bewahrte bei mir eine gewisse Distanz zum Text.

Es ist schon angeklungen, dass das Thema Bildung in dem Roman von großer Bedeutung ist. Es wird aber auch deutlich, dass Theorie und Praxis nur in der Kombination zum Ziel führen. George kann nicht glauben, dass die Theorie irgendeinen Nutzen für ihn als Imker hat. Doch das von Tom angelesene Wissen in Kombination mit seinen praktischen Erfahrungen helfen schließlich Tao. Ihre unbeirrbare Auffassung, dass Bildung der Schlüssel zur Lösung der Probleme ist, führt dazu, dass die Menschen zum ersten Mal wieder Hoffnung haben.

Sprachlich-stilistisch sticht der Roman, soweit ich das beurteilen kann, nicht besonders heraus.  Mir sind weder besonders raffinierte, noch besonders schlechte Formulierungen aufgefallen, es war einfach eine leicht zu lesende Lektüre, was ich angesichts des facettenreichen Inhaltes passend finde.

Fazit:

Im Gesamtpaket eine gut lesbare, interessante, spannende und wichtige Lektüre mit Appell-Charakter, genremäßig (wenig überraschend) nicht so richtig einzuordnen.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen – btb Verlag – aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Protagonist in Tierchen unlimited ist ein nicht namentlich genannter junger Mann, der seine Kindheit in Sarajevo verbracht hat und als Jugendlicher während der Jugoslawienkriege mit seinen Eltern nach Deutschland flieht. Das Buch handelt von Freund- und Feindschaften unter Kindern, von den Umständen der Flucht, von den Problemen, die der Protagonist anfänglich in Deutschland hat, von seinen Freundinnen und deren „Nazi-Brüdern“, von der Kriminalität, in die er hineinrutscht. Es gibt keine durchgehende Handlung, eher eine durch Assoziationen verknüpfte Aneinanderreihung von Episoden, die jedoch eine gewisse Chronologie aufweisen. Letzteres hat mich nicht gestört, was aber den Lesegenuss nach meiner Einschätzung gemindert hat, waren einige Ungereimtheiten:

Am Anfang des Buches flieht der Erzähler zum Beispiel auf dem Fahrrad vor einem dieser „Nazi-Brüder“, der ihn übel zugerichtet und ihm vor der Flucht keine Chance gegeben hat, sich untenrum anzuziehen. So landet der Erzähler „unten ohne“ im Krankenhaus. Findet sich dort wirklich niemand, der mal schnell im Fundus nach einer (Unter-)Hose schaut? Überlässt man einen Patienten nach der Behandlung sich selbst, ohne ihm eine Hose zu geben? Schickt man ihn so nach Hause? Ist das witzig gemeint?

Nicht nachvollziehbar finde ich auch einige Aussagen darüber, was typisch deutsch (S. 22/23) oder typisch Akademiker sei (S. 106). Diese Aussagen (es geht um die Definition von Freundschaft) werden einfach in den Raum gestellt, nicht hergeleitet, nicht in einen Kontext gesetzt, nicht als eigene Einschätzung oder überraschende Erfahrung gekennzeichnet. Meine eigenen Erfahrungen sind anders als die des Erzählers, und da die Aussagen so unkommentiert da stehen, entwickelte sich bei mir beim Lesen kein Verständnis oder Mitgefühl, sondern eher Abwehr. Das ist schade, denn wahrscheinlich hat der Erzähler (bzw. Sila) das ja wirklich so empfunden, als er nach Deutschland kam. Und vielleicht sind seine Beobachtungen ja auch richtig. Aber so, wie es dargestellt wird, überzeugt es mich nicht.

Aufgefallen ist mir auch ein Widerspruch zwischen der flapsigen Jugendsprache auf der einen Seite („Es war voll die schlechte Idee“, S. 10; „Vor zwei Stunden war ich noch am Bumsen gewesen“, S. 11;  „Sie hat nie angerufen, Isch schwör!“, S. 68 usw.) und der Verwendung von Fremdwörtern auf der anderen („Appolinisches Gesicht“, S. 26; „effeminiert“, S. 31; „semantischer Wandel“, S. 38; „Xenophobie“, S. 39 usw.) . Erst auf Seite 122 erklärt der Erzähler seine Vorliebe für Fremdwörter und dass seine Eltern diese Vorliebe leider nie teilten. Es scheint also einen Konflikt gegeben zu haben zwischen dem Erzähler und den Akademiker-Eltern, die möglichst unprätentiös auftreten wollten. Ich finde es schade, dass der Konflikt erst so spät ins Feld geführt wird, da ich so die Widersprüchlichkeit in der Sprache gar nicht richtig einordnen konnte und sie einfach nur albern fand. Ich nehme an, es war als Schachzug zur Erzeugung von Spannung gedacht, aber ich finde, die Rechnung geht nicht auf. Gleiches gilt für andere Stellen, an denen Aussagen erst im Nachhinein erklärt werden (Ist der Erzähler untenrum wirklich nackt? Warum? Wieso taucht plötzlich Melanie bei der Polizei auf?). Gegen Ende des Buches treffen zwei Freundinnen des Erzählers, Sarah und Melanie, aufeinander. Sarah darf aber eigentlich nicht wissen, dass Melanie den Erzähler kennt. Hier wird versucht, Spannung zu erzeugen, und dieses höhepunktartige Zusammentreffen wird auch im Text vorbereitet. Insgesamt ist das Manöver aber sehr durchschaubar und wirkt konstruiert, so dass es bei mir keine Spannung erzeugt hat. Noch dazu ist das Buch, so denke ich, in seiner Episodenhaftigkeit gar nicht auf einen derartigen Spannungsbogen angewiesen.

Der Erzähler gerät schließlich mehrmals an Freundinnen, die Neonazis als Brüder haben, die wiederum in den Jugoslawienkriegen sterben, und er selber hat auch einen verrückten Neonazi-Freund. Was will uns Sila damit sagen? Dass er, als er nach Deutschland kam, das Gefühl hatte, nur von Neonazis umgeben zu sein? Welche Rolle spielen diese in  den Jugoslawienkriegen? Warum ist das für die Geschichte wichtig? Meine Vermutung ist, dass Sila auf das Thema Gewalt anspielt. Der Erzähler bemerkt, dass die Kinder in Bosnien zur Gewalt erzogen werden und stellt dann fest, dass Deutschland auch nicht viel ärmer an Gewalt ist (S. 83/84). Aber selbst, wenn ich das richtig interpretiere, habe ich auch hier das schon genannte Problem – Bestimmt hat der Autor das so erlebt, ich will ihm das nicht absprechen, und natürlich gibt es Probleme mit (rechter) Gewalt in Deutschland. Aber der Erzähler setzt sich nicht richtig damit auseinander, weder auf persönlicher noch auf gesellschaftlicher Ebene. Und er erklärt auch nicht, warum er das nicht tut. Liegt es vielleicht an seiner Jugend? Ich weiß es nicht.

Insgesamt finde ich, dass Sila es dem Leser schwermacht, wirklich mitzufühlen, einfach weil zu viel berichtet und zu wenig geschildert wird. Gerne hätte ich mehr darüber erfahren, wie sich der Erzähler in Deutschland in der Schule fühlte, was er gedacht hat, als er Probleme mit den Mitschülern und Lehrern hatte. Es reicht nicht, zu konstatieren, dass man in der Schule disziplinarische Probleme hatte und sich scheiße gefühlt hat. Ich will als Leser teilhaben! Vielleicht hätten sich dann auch die von mir genannten Ungereimtheiten aufgelöst.

Die Sprache finde ich etwas bemüht, habe schon von dem Widerspruch zwischen Jugendsprache und der Nutzung von Fremdwörtern gesprochen. Dazu kommt ein für meinen Geschmack inflationärer Gebrauch des Doppelpunktes. Ein Stilmittel, dass Sila oft heranzieht, geht so: Er schreibt einen einleitenden Satz, in dem er ankündigt, was er im Folgenden sagen will, dann macht er einen Doppelpunkt, und dann kommt das, was er zu erzählen hat (Bsp. S. 113, 119, 157, 162, 164, 178, 191, 208, 215, 218). Einige Vergleiche und Metaphern finde ich zudem etwas holprig bzw. unverständlich:

„Wenn ich laut zu sprechen versuchte, machte ich nur … traurige Ellipsen mit dem Kopf“ (S. 10) – Was bedeutet es, traurige Ellipsen mit dem Kopf zu machen?

„Ich saß stumm im Adrenalinloch und war voll träger Gefühle, die aneinanderscheuerten. Ihre Brösel wurden zu Gedanken“ (S. 14) – ???

„Und es war jetzt auch nicht so, als kannte ich keine Menschen, die hart wie Koffergriffe waren (S. 14)“ – Wieso Koffergriffe? Sind diese dafür bekannt, besonders hart zu sein?

„Krieg und Frieden waren nur die Epidermis eines Lebens, das von Regungen bestimmt wurde, für die ich nichts konnte“ (S. 113) – ???

Fazit:

Was Sila vor allem in der zweiten Hälfte des Buches über den Krieg und seine Flucht zu berichten hat, finde ich sehr wichtig, interessant und auch berührend. Leider hat er diese Erfahrungen nicht in eine „normale“ Biographie gepackt, sondern in einem Roman, der für mich insgesamt wenige Einsichten bereithält. Das Buch gibt sich einen Anstrich von Gedankentiefe, die aber nach meinem Empfinden nicht besteht, und das gibt den sehr lesenswerten Erfahrungen des Autors keinen angemessenen Rahmen.

Den Klappentext finde ich irreführend. „Wild, bedrückend genau und dabei hoffnungsvoll komisch erzählt Tijan Sila von einem jungen Mann, für den Grenzen nur existieren, um sie zu übertreten.“ Das Gesagte ist für meinen Geschmack nicht wild, nicht hoffnungsvoll, sondern es berührt mich an vielen Stellen (vor allem in der ersten Hälfte) nicht. Und ich habe kein einziges Mal gelacht (aber vielleicht bin ich auch einfach zu analytisch an den Text herangegangen). Den jungen Mann, „für den Grenzen nur existieren, um sie zu übertreten“, sehe ich nicht. Ich sehe einen ganz normalen, eigentlich harmlosen jungen Mann, der in seinem Leben schlimme Erfahrungen gemacht hat, kriminell geworden und an merkwürdige Frauen geraten ist. Wie das alles zusammenhängt, warum Sila mir das so erzählt und nicht anders, verstehe ich nicht.

Tijan Sila – Tierchen unlimited – Kiepenheuer & Witsch

Daniel Glattauer – Die Wunderübung

Die Wunderübung ist kein Roman, sondern ein Theaterstück bzw. eine Komödie. Sie handelt vom Ehepaar Dorek, das einen Berater aufsucht, um eine Paartherapie zu machen. So besteht das Buch im Wesentlichen aus wörtlicher Rede plus einigen kurzen „Regieanweisungen“:  „Berater (hocherfreut): Jaja, aber sicher, natürlich! Sehr gerne! Der Berater mustert die Klienten erwartungsvoll. Schweigepause. Joana: Sie meinem vielleicht, dass einer von uns beiden…“ (S. 8).

Das Ehepaar macht es dem Berater nicht gerade leicht; Herr und Frau Dorek sind ein bisschen sperrig – um es vorsichtig auszudrücken – und die Komödie handelt davon, wie der Berater mit dieser Situation umgeht und das Paar doch noch „knackt“ und ihnen hilft. Angeblich schafft er das mit Hilfe der titelgebenden „Wunderübung“, letztlich ist es aber die sogenannte „Paradoxe Intervention“, die hilft und in der Komödie beschrieben wird.

Es wird deutlich, warum die Situation der Doreks so verfahren ist: Keiner der beiden will seine Dominanz aufgeben, sich in den anderen hineinversetzen, es hagelt gegenseitige Vorwürfe, eine böse Unterstellung jagt die nächste. Am Ende ist es um die Beziehung von Joana und Valentin dank der Intervention des Beraters zwar wieder besser gestellt, aber eigentlich haben sie nichts dazugelernt.  Dafür der Leser umso mehr.

Man lernt in Die Wunderübung also etwas darüber, wie manche Paare miteinander umgehen und welche Methoden Psychotherapeuten anwenden, um Beziehungskonflikte zu bearbeiten. Man erfährt aber letztlich auch – und das ist neben der plötzlichen Wendung hin zur Lösung des Beziehungskonfliktes der zweite Clou des Buches – dass es zwei verschiedene Paar Schuhe sind, andere Menschen zu behandeln und selber eine Beziehung zu führen (S. 109-111).

Fazit:

Ein kleines, lehrreiches Büchlein für zwischendurch für alle, die sich für Psychologie interessieren; amüsant und mit zwei mehr oder weniger unerwarteten Wendungen.

Daniel Glattauer – Die Wunderübung – Goldmann

 

Anke Stelling – Fürsorge

Der Roman Fürsorge handelt von der Ex-Ballerina Nadja und ihrem Sohn Mario, der bei seiner Großmutter Hanne aufgewachsen ist. Nadja trifft ihn 16 Jahre nach der Geburt zum ersten Mal wieder und sie beginnen eine sexuelle Beziehung, die sie Marios Kinderzimmer ausleben.

Die Geschichte wird aus Sicht Gesches beschrieben, die Nadja allerdings nur flüchtig kennt und in dem Buch zusammenträgt, was ihr über sie zu Ohren kommt. Im Prolog heißt es, Gesche versuche, die „Dinge zu sortieren“ und „einzuordnen“. Mit „Dinge“ meint sie wohl die inzestuöse Beziehung, und es soll vermutlich heißen, dass sie die Situation nicht bewerten, sondern in Bezug zu Nadjas und Marios Persönlichkeiten und Erfahrungen setzen will.

Anfangs beschreibt Gesche Nadjas Disziplin und Ehrgeiz, was Training und Essen angeht; die Faktoren, die sie zu einer erfolgreichen Ballerina gemacht haben. Gesche hat nicht nur wegen ihrer Schwangerschaft ein paar Pfunde zu viel; sie ist, was Disziplin und Ehrgeiz angeht, einfach das genaue Gegenteil von Nadja und auch ein bisschen neidisch.

Stelling liefert eine sehr plastische Schilderung von Nadjas schwebender körperlicher Erscheinung, ihrem eleganten Auftreten, aber auch ihrer inneren Unruhe, der überbordenden (körperlichen) Wahrnehmung, ihrer Wortlosigkeit. Im Weiteren erfahren wir, dass Mario in dieser Hinsicht ganz genauso ist. Mario ist Nadja in jung, und damit ist er das, was sie nicht mehr ist und gerne noch wäre. Mario ist aber nicht nur eine Projektionsfläche für seine Mutter, sondern auch für angeblich wohlmeinende Mentoren wie seinen Chef im Fitnessstudio (S. 69) oder den Leiter des Betriebs, in dem er Praktikum macht (S. 118 ff). Beide Männer interessieren sich eigentlich nicht für Marios Situation.

Nadja sucht Mario nach 16 Jahren auf, weil ihre Tanzkarriere aus gesundheitlichen Gründen am Ende ist. Damit bricht auch ihr Lebensinhalt weg, denn Nadja ist nicht das, was sie denkt oder fühlt, sondern sie ist Bewegung, sie ist ihr Körper. Wenn jemand ihren Körper berührt, berührt er Nadjas Inneres (S. 137). Sie sucht einen neuen Lebensinhalt bzw. Halt, den ihr zuvor das Tanzen gegeben hat.

Mario bringt wieder Bewegung in Nadjas Leben. Er betrachtet sie als „Trainingsmaschine“, sie betrachtet ihn als „Gesamtkunstwerk“, sie nutzt ihn aus „Langeweile“ und „Mangel an Ideen“ (S. 56) – so stellt Gesche es dar. Mir scheint eher (aber vielleicht ist das auch kein Gegensatz), dass die einzige Beziehung, zu der Nadja fähig ist, die Beziehung zu einem Körper ist. Und da die Beziehung zu ihrem eigenen Körper nicht mehr funktioniert (weil er nicht mehr tanzen kann), braucht sie einen anderen Körper. Ich interpretiere es so, dass der Wunsch, seelisch berührt zu werden umgemünzt wird in ein Bedürfnis nach körperlicher Berührung, einfach weil das Seelische zu lange vernachlässigt wurde (S. 136-137).

Nadjas Mutter Hanne ist keine Frau der großen Worte, sie versorgt Mario physisch, aber nicht psychisch, genauso, wie sie es mit Nadja gemacht hat. Nadja agiert als Partnerin ihrem Freund Daniel gegenüber genauso. Sie kauft für ihn ein, gibt ihm Geld etc.,  aber sie spricht nicht mit ihm, öffnet ihr Herz nicht, nimmt ihn nicht zur Kenntnis. Eine echte Beziehung, die über das Seelische vermittelt ist, über den Austausch von Gedanken und Gefühlen, gibt es im Leben der drei Hauptpersonen Hanne, Nadja und Mario nicht.

Nadja handelt in Gesches Augen selbstsüchtig und verantwortungslos, indem sie mit ihrem Sohn schläft. Gesche empört sich aber nicht, bleibt eher distanziert, was zwar angesichts des ernsten Themas unangemessen scheint, andererseits aber zum Wesen der Figuren passt. Nadja nimmt die Dinge, wie sie sind. Sie wundert sich über nichts, fragt nicht nach, sie bewertet nicht, erlaubt sich kein Urteil, sie fragt nicht, was andere denken könnten oder was ihr eigenes Verhalten über sie selbst aussagt. Gleiches gilt für Hanne und Mario. Nadja und Mario geben sich auch keine Mühe, die Verbindung zu verheimlichen. Mario hat – im Gegensatz zu Ödipus – kein schlechtes Gewissen (S. 146). Gesche wirft die Frage auf, ob das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, verloren geht, wenn es niemanden gibt, der sich in einen hineinversetzt (S. 145) – wenn man also genau wie Nadja und Mario nie Empathie erlebt hat. Letztlich machen Distanziertheit und Mangel an Empathie (auf Seiten der Umwelt, aber auch bei Nadja und Mario selber) die Beziehung der beiden ja erst möglich:

Denn was bedeutet es eigentlich, eine gute Mutter zu sein und sich um sein Kind zu kümmern? Was heißt Fürsorge? Wo fängt Desinteresse an? Ziemlich am Ende resümiert Gesche: „Ob diskret oder gleichgültig, freigeistig oder feige, lässt sich bei keinem von uns abschließend festlegen, fest steht nur eines: Nadja kommt mit allem durch“ (S. 147). Hier geht es darum, dass sich niemand einmischt, niemand etwas dazu sagt, dass Mutter und Sohn ein Verhältnis haben, der eine nennt als Grund seine Toleranz, der andere ist nicht mutig genug, der Dritte bezeichnet sich als diskret, und wieder anderen ist es schlicht egal. Nadja kommt damit durch, weil sie eine so erhabene Erscheinung ist: „Wer Geld und Geschmack hat, kann sich alles erlauben“ (S. 169).

Als Nadja mit Mario zusammen ist, rasiert sie sich am ganzen Körper, der so noch mehr zum Körper eines Kindes wird. Und sie benimmt sich auch wie ein Kind (S. 73), sie kommt in die Küche, um etwas zu essen, lässt den Müll stehen, überlasst der Mutter alle Arbeit und geht wieder in ihr Kinderzimmer (das jetzt Marios Zimmer ist und wo sie miteinander schlafen). Auch Mario gegenüber verhält sich Nadja wie ein Kind, das sich in den Vordergrund drängelt (S. 108, 73). Nadja lässt sich zum ersten Mal gehen, liegt die ganze Zeit im Bett und wartet darauf, dass Mario nach Hause kommt und wieder mit ihr schläft (S.84-85).

Der einzige Moment, in dem man sich laut Gesche richtig gehen lassen kann, ist bei der Geburt eines Kindes (S. 77-78). Ich verstehe es so, dass das Verhältnis von Mutter und Sohn eine Art zweiter Geburt ist. Da ist die Symbiose zwischen Mutter und Sohn (S. 66), die auch Nadjas Haut und sonstigen körperlichen Schwierigkeiten besser werden lässt. Sie verhält sich wie eine frischgebackene Mutter, „Nadja holt nur das nach, was andere Mütter längst hinter sich haben“ (S. 137; sie beobachtet ihn beim Schlafen, will jeden Moment mit Mario zusammen sein, will ihn berühren usw.). Und das in einer Zeit, in der sich Mario als Jugendlicher eigentlich von seiner Mutter (zum zweiten Mal) „abnabeln“ würde. Mario erinnert gleichzeitig auch an ein Baby mit seiner Eiweißnahrung, von der er als Bodybuilder fast ausschließlich lebt. Insgesamt sind die Rollen verwischt: Nadja ist wieder Kind, aber auch eine junge Mutter, Mario ist Mann und gleichzeitig Kind.

Zur Sprache: Das Buch ist sehr angenehm und flüssig zu lesen; Stelling formuliert dicht und treffend. Sie kann mit wenigen Worten plastische Bilder im Kopf erzeugen und viel Information übermitteln, ohne dass es aufzählend wirkt. Ein Beispiel: „Seit Nadja der Bühne krankheitsbedingt den Rücken  kehren musste, unterrichtet sie dreimal die Woche den Nachwuchs, hat also weiterhin ihr Auskommen, hat mehr als das – diese schöne Fünfzimmeraltbauwohnung, die sie morgens nach dem Aufstehen durchschreiten kann, hierhin, dorthin. Genug Raum für spontane Übungseinheiten, das Schlafzimmer geht nach hinten raus, in der Küche steht ein Tisch, an dem problemlos zwölf Leute Platz finden.“ (S. 12). In diesem kurzen Abschnitt lernt der Leser sehr viel über Nadja: Sie ist krank, sie kann nicht mehr tanzen, sie unterrichtet den Nachwuchs, sie verdient gut, sie lebt in einer noblen Gegend, sie strahlt Eleganz aus („schreitet“), sie braucht Bewegung, sie führt zu Hause Übungseinheiten durch, sie wohnt an einer Straße, kann aber trotzdem ruhig schlafen, sie hat eine große Küche und empfängt öfters Gäste.

Fazit:

Mehrere Fragen kamen mir beim Lesen in den Sinn:

Ist Nadja wirklich so gefühllos, wie sie dargestellt wird? Wäre sie eine erfolgreiche Ballerina gewesen, wenn sie nicht auch Gefühle ins Tanzen hätte legen könnte? Wenn sie keine Gefühle hätte? Es wäre umso verständlicher, dass sie ohne das Tanzen leidet, weil ihr die Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken, genommen ist. Dieser Aspekt kommt für meinen Geschmack zu kurz.

Steht Nadja mit ihrer wortkargen, distanzierten Art für den Berufszweig des Tänzers an sich? Oder gibt es Tänzer, die ihre Gefühle auch verbal gut ausdrücken können, d.h. „nicht-körperlichen“ Zugang zu ihnen haben?

Wird man als Kind einer sprachlosen, wenig einfühlsamen Mutter nicht eher besonders einfühlsam? Oder zumindest distanzlos (was dann zwar auch wieder einen Mangel an Empathie darstellt, aber eben auf eine aufdringliche Art)? Jeder Mensch will und braucht ja eine Bindung, und wenn die Mutter nicht erreichbar ist, wird ein Kind meiner Einschätzung nach alles versuchen, um an die Mutter heranzukommen. Entweder, indem es sich besonders in die Mutter einfühlt, oder, indem es sich an sie dranhängt, sich aufdrängt. Mit anderen Worten, ist es psychologisch schlüssig, dass alle drei, Hanne, Nadja und Mario, gleich „gestrickt“ sind?

Ungeachtet dieser Fragen – eigentlich sogar wegen der vielen Fragen, die aufgeworfen werden – finde ich das Buch sehr lesenswert.

Anke Stelling – Fürsorge – Verbrecher Verlag

Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Der Tod so kalt ist ein Thriller über ein nie aufgeklärtes Verbrechen, besser gesagt ein Massaker, das sich 1985 in einer sagenumwobenen Schlucht in den Dolomiten ereignet hat. Eine Hypothese ist, dass die drei Toten einem prähistorischen Monster zum Opfer gefallen sind, einem Tier, das im Perm gelebt hat und in den Höhlen der Gegend bis in die heutige Zeit überlebt hat.

Hauptperson ist der US-Amerikaner Jeremiah Salinger, ein Drehbuchautor, der mit Frau und Kind aus den USA in das Heimatdorf seiner Frau in Norditalien zieht. Er verbeißt sich in die Idee, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Bei seinen Recherchen zu dem Massaker trifft Salinger auf viel Widerstand seitens der Dorfbewohner.

Die Idee finde ich gut, aber ich denke, es ist kein Thriller, sondern ein Krimi. Diese Einschätzung leite ich zum einen aus der Tatsache ab, dass die Hauptperson Salinger eigentlich nie ernsthaft in Gefahr gerät (beziehungsweise erst ganz am Ende, und auch da hatte ich nicht wirklich Angst um ihn). Zum anderen ist das Tempo der Erzählung vor allem in der ersten Hälfte langsam, teilweise sogar etwas zäh. D‘Andrea versucht, mit kurzen Vorschauen Spannung zu erzeugen (z.B. S. 118), aber so richtig hat es mich nicht gepackt. Warum ist das so?

D’Andrea berichtet bisweilen eher kursorisch über Dinge, die er erlebt hat, statt sie wirklich plastisch darzustellen (z.B. S. 45ff, S. 115ff). Dazu kommt, dass er Anekdoten aus seinem Familienleben einstreut, die nicht direkt mit der Handlung zu tun haben (z.B. S. 47ff, S. 110ff). Ich vermute, D’Andrea will uns damit die Hauptpersonen näher bringen, die Identifikation mit den Figuren erleichtern. Aber dazu hätte er lieber weniger berichtet und stattdessen aussagekräftigere Situationen geschildert.

Es hat mich aber auch deshalb nicht so richtig mitgerissen, weil die Aufklärung im Wesentlichen darin besteht, dass Salinger nacheinander verschiedene Dorfbewohner befragt, und D’Andrea dies in etwas anstrengende Dialoge packt: Salinger stellt eine Frage, die Person liefert Info 1. Salinger hakt bei irgendeinem Detail nach, die Person liefert Info 2. Salinger hakt nach, Info 3 usw. (z.B. S. 87ff). Auf diese Weise durchstrukturiert wirken die Dialoge sehr künstlich, da ja im wahren Leben Information auch aus freien Stücken und beiläufig gegeben und normalerweise auch nicht so gezielt kommuniziert wird.

Schließlich gelingt es D’Andrea nach meinem Empfinden nicht so gut, die Gefühle seiner Hauptpersonen zu vermitteln: Salingers Reaktion nach einem Unfall der Tochter, seine Besessenheit, das Massaker aufzuklären, das Gefühl, seine Frau zu hintergehen, die nicht möchte, dass er ermittelt… Ich habe lange überlegt, wie dieser Eindruck entsteht und ich glaube, es liegt unter anderem daran, dass D‘Andrea es übertreibt mit den Gefühlen. Es wird so dick aufgetragen, dass es für mich nicht mehr nachvollziehbar ist. Das schafft dann eher Distanz, als dass ich mitfühle.

Fazit:

Zu langer, anfangs etwas zäher Krimi mit interessantem Plot, der gegen Mitte Fahrt aufnimmt und sprachlich etwas ansprechender hätte sein können.

Der Tod so kalt – Luca D’Andrea – Deutsche Verlags-Anstalt

Trevor Noah – Born a crime

Trevor Noah ist Moderator der „Daily Show“, einer politischen Satiresendung auf Comedy Central. Er wurde 1984 in Johannesburg geboren und ist Sohn einer südafrikanischen Mutter vom Stamme der „Xhosa“ und eines Schweizers. Eigentlich waren Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen zu dieser Zeit in Südafrika verboten, eine Haftstrafe von bis zu 5 Jahren drohte. So erklärt sich der Titel: „Born a crime“.

Trevor Noah schildert in dem Buch seine Kindheit und Jugend in Südafrika. Seine Mutter nimmt hier eine besondere Stellung ein, da die engere Familie eine ganze Weile lang nur aus ihnen beiden bestand. Sie scheint eine bemerkenswerte Frau zu sein; sehr religiös, eigenwillig, stur, einfallsreich, klar, furchtlos – auch da, wo sie es eigentlich nicht sein sollte (S. 13). Noahs leiblicher Vater nimmt keine so große Rolle in dem Buch ein, auch wenn ihm ein Kapitel gewidmet ist. Letzteres zeigt aber, dass trotz dessen physischer Abwesenheit eine positive Beziehung zu Noah vorhanden ist.

Trevor Noah erzählt im Plauderton und mit viel Humor (aber niemals platt) sehr reflektiert über eine harte Kindheit, die durch Verzicht, Strenge, Ausgrenzung und Gewalt gekennzeichnet war. Er sieht sich selbst und sein Leben dabei sehr klar, er ist nicht anklagend oder bedauernd, er versucht nicht, sich in einem besonderen Licht dastehen zu lassen. Auch  der Begriff „Moral“ kam mir beim Lesen nie in den Sinn, auch wenn das beim Thema Apartheit vielleicht naheliegt. Noah zeigt eher auf, wie absurd, widersprüchlich, unlogisch, verrückt das ganze Konzept ist. Der Ton des Buches – Humor gemischt mit Herz und analytischem Verstand –  illustriert vielleicht, wie er es schaffen konnte, unter den gegebenen Voraussetzungen der zu werden, der er ist.

Man erfährt, was es heißt, als Schwarzer (oder allgemeiner: Nicht-Weißer) während der Zeit der Apartheid in Südafrika gelebt zu haben, aber auch, was die Aufhebung der Apartheid für neue Probleme brachte. Noah weist an mehreren Stellen auf typische Eigenheiten der Weißen und Schwarzen hin, auf das gegenseitige Nicht-Verstehen dieser Eigenschaften und zu welchen skurrilen und schlimmen Missverständnissen es führen kann.  Er zeigt aber auch auf, wie es ist, als „mixed person“ zwischen mehreren Welten aufzuwachsen. Noah selbst ist ja weder schwarz noch weiß, sondern „colored“, aber selbst in dieser Gruppe fühlt er sich nicht recht akzeptiert. Er kommt (nicht zuletzt, weil er viele Sprachen spricht) zwar in vielen Welten klar, gehört aber nirgendwo richtig dazu. Spannend fand ich, wie er seinen Weg findet, damit umzugehen.  Er findet eine „Nische“, wird zu einem „Chamäleon“, das zwischen den Gruppen hin und her „schwebt“. Er mischt sich unter die Leute, kann mit allen gut – den Sportlern, den Computernerds, den Kindern aus den Townships. Er erzählt Geschichten, macht Witze (S. 140). Er versucht nicht, für die ganze Person, die er ist, akzeptiert zu werden, sondern nur für das, was er mit den anderen teilen will, und das ist der Humor: “You don’t ask to be accepted for everything you are, just one part of yourself that you’re willing to share. For me it was humor. I learned that even though I didn’t belong to one group, I could be a part of any group that was laughing.” (S. 141). Kein Wunder vielleicht, dass er Comedian und Alleinunterhalter geworden ist.

Was mich am meisten beeindruckt hat, ist Noahs Resilienz, also seine Widerstandsfähigkeit gegen die Widrigkeiten seines Lebens. Die Fähigkeit, nicht zu verzweifeln, nicht verbittert zu werden, Mut zu haben. Hier spielt die Mutter wahrscheinlich eine große Rolle, die Noah Bildung mitgegeben hat und wohl das Gefühl, wertvoll zu sein. Zum Nachdenken gebracht hat mich in diesem Zusammenhang speziell die Tatsache, dass Noah diese Resilienz trotz der vielen Prügel, die er (auch von seiner Mutter) einstecken musste, erworben hat. Ich glaube, die Lösung liegt darin, dass die Mutter nicht im Zustand äußerster Wut gehandelt hat, sondern das Schlagen eine disziplinarische Maßnahme war (S. 84-85). Wenn ein Kind von einem wütenden Erwachsenen geschlagen wird, einem Erwachsenen, der „außer sich“ ist, hat es Todesangst. Über die Prügel seines späteren Stiefvaters schreibt Noah dementsprechend: „In all the times I received beatings from my mom, I was never scared of her. … The first time Abel hit me I felt something I had never felt before. I felt terror.“ (S. 262). Und dann: „I felt like there was something inside him that wanted to destroy me.“ (S. 264). Noah berichtet, dass viele schwarze Eltern ihre Kinder schlagen. Ich verstehe es so, dass die Prügelstrafe eingesetzt wird in der Hoffnung, das Kind adäquat auf eine für es ungerechte Welt vorzubereiten: „You get that with a lot of black parents. They’re trying to discipline you before the system does. “ (S. 227). Ob diese Strategie der Vorbereitung wirklich funktioniert, sei mal dahin gestellt, aber es hilft vielleicht, die Haltung der Eltern zu verstehen. Wobei – und auch das finde ich bemerkenswert – die Mutter später von der Prügelstrafe als Disziplinierungsmaßnahme abkommt (S. 262).

Kennzeichnend für die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist meines Erachtens die folgende Situation: Noah ist nach einer Prügelstrafe in seinem Zimmer und weint. Die Mutter kommt herein und fragt, ob er zum Essen kommt. Sie müssen sich beeilen, wenn sie später zusammen Rescue 911 im Fernsehen schauen wollen. Noah antwortet:  “What? What kind of psychopath are you? You just beat me!” (S. 85). Natürlich weiß ich nicht, ob das wirklich seine Antwort war, aber der Tonfall zeigt, dass Noah keine Angst vor seiner Mutter hatte und sich mit ihr auseinandergesetzt hat (andere Episoden legen das auch nahe).

Noah ist ein Junge, der Regeln auf ihre Stichhaltigkeit hin prüft. Wenn er eine Regel ungerecht findet, setzt er alles daran, zu seinem Recht zu kommen. Und hier ist die Mutter oft an seiner Seite und nimmt ihn in Schutz gegenüber Autoritäten. Auch das ist vielleicht ein Grund für Noahs Resilienz: Seine Mutter versteht seine Logik und unterstützt ihn. Sie lebt ihm vor, was es heißt, keine Angst vor Autoritäten zu haben und geistig unabhängig zu sein. Das hält sie aber leider nicht davon ab, einen alkoholabhängigen und gewalttätigen Mann zu heiraten, für den sie sich sehr einsetzt, und der sie später fast umbringt. Völlig unfassbar für mich auch: Die Polizei hilft Noahs Mutter nicht. Sie will ihren Mann anzeigen, aber die Polizisten auf der Wache raten ihr, sich mit ihm zu arrangieren. Sicher hat sie ihn wütend gemacht und ist selber schuld. Noah resümiert: „They were men first, and police second.“ (S. 257). In einem System, in dem die Männer zusammenhalten, hat eine Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird, keine Chance. Noah versteht lange nicht, warum seine Mutter den Vater nicht einfach verlässt. Er denkt, sie hat eine Wahl. Aber später versteht er, dass das nicht stimmt (S.272).

Einen letzten Punkt würde ich gerne erwähnen, und zwar Noahs (humorvolle) Art, seine Lebensweisheiten herzuleiten: Was bedeutet es zum Beispiel, jemanden zu lieben? Hier kommt sein Hund Fufi ins Spiel. Auch scheint die Sache mit den Mädchen anfangs wohl etwas schwierig gewesen zu sein, was Noah in drei gesonderten Kapiteln darstellt. Ein anderes Kapitel handelt von seiner Zeit in Alexandra. Noah beschreibt sehr plastisch, was es heißt, in diesem Township zu leben. Beeindruckt haben mich seine Ausführungen zum Thema „Kriminalität“, die dort zum Leben dazugehört. Was heißt es eigentlich, kriminell zu sein? Und wie hängt die Definition mit der Lebenssituation zusammen?

Fazit:

Ich kann es wohl kaum verhehlen, dass mir das Buch sehr gut gefallen hat. Trotz Englisch gut zu lesen, voller Humor, ergreifend, berührend,  sachlich informativ, persönlich lehrreich.

Trevor Noah – Born a crime – Spiegel & Grau

 

 

T. C. Boyle – Hart auf hart

Der Roman Hart auf hart handelt vom Ehepaar Sten und Carolee Stenson und ihrem drogensüchtigen, paranoiden Sohn Adam, der die meiste Zeit im Wald verbringt und gegen eingebildete Feinde kämpft. Es beginnt damit, dass Sten und Carolee im Rahmen einer Kreuzfahrt an einem Landgang in den Urwald Costa Ricas teilnehmen. Dort werden sie  von jungen Männern überfallen. Sten überwältigt einen der Männer in dem Versuch, die Gruppe zu beschützen. Schließlich tötet er ihn, obwohl die Lage schon unter Kontrolle ist. All das passiert quasi automatisch, der Vietnamkriegsveteran Sten agiert ohne nachzudenken. Es geht als Notwehr durch und Sten fährt zurück in die USA, wo er fortan als Held gilt, seiner eigenen Tat und seinem Heldentum aber durchaus mit gemischten Gefühlen gegenübersteht.

Im Weiteren lernen wir Sara kennen, die in einen Streit mit der Polizei gerät, weil sie beim Autofahren nicht angeschnallt ist. Sara erkennt die Polizei und ihre Befugnisse nicht an, bezieht sich dabei auf den „Universal Commercial Code“ (UCC) und den 14. Zusatzartikel zur Verfassung der USA (s.u.). Es kommt durch Saras Überzeugungen in dieser Situation und auch im Folgenden immer wieder zu Schwierigkeiten mit den Ordnungshütern, doch auch ihre gute Freundin Christabel kann sie nicht von ihrer Haltung abbringen. Sara trifft Adam, den sie noch aus der Schule kennt, und versteckt sich bei ihm vor der Polizei. Er lebt im Haus seiner Großmutter, die vor einiger Zeit verstorben ist.

Der UCC umfasst eine Reihe von Gesetzen, die den Handel zwischen US-Staaten und Territorien regeln. Die einzelnen Staaten können den UCC  so übernehmen, wie er ist, oder nach den eigenen Bedürfnissen anpassen und zum Landesgesetz machen (Quelle: Englische Wikipedia). In der englischen Wikipedia heißt es weiter: „The overriding philosophy of the Uniform Commercial Code is to allow people to make the contracts they want, but to fill in any missing provisions where the agreements they make are silent.” Ich verstehe es so, dass die Leute die Verträge machen können, die sie wollen, dass aber zu Aspekten, zu denen die Verträge nichts sagen („where the agreements they make are silent“) die Bestimmungen des UCC ergänzt werden können („fill in missing provisions“). Und so sagt Sara des Öfteren gegenüber der Polizei: „Ich habe keinen Vertrag mit Ihnen“ (S. 72, 73, 266).

Auf Seite 269ff bezieht Sara sich auf den 14. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten und referiert gegenüber Christabel: „Keiner der Einzelstaaten darf Gesetze erlassen oder durchführen, die die Vorrechte oder Freiheiten von Bürgern der Vereinigten Staaten beschränken, und kein Staat darf irgendjemandem ohne ordentliches Gerichtsverfahren nach Recht und Gesetz Leben, Freiheit oder Eigentum nehmen oder irgendjemandem innerhalb seines Hoheitsbereiches den gleichen Schutz durch das Gesetz versagen.“  Sara sieht sich als „souveräne Bürgerin“ (S. 71); die Gurtpflicht, gegen die sie verstößt und weswegen sie angehalten wird, ist „bloß eine weitere Schikane der Illegitimen Regierung des Amerikas der Konzerne“ (S. 71). Sie ist wütend: „alles, was man tat [war] reguliert bis zum bis zum Gehtnichtmehr“ (S. 267) und spricht vom „Polizeistaat“ (S. 344).

Adam ist ein glühender Bewunderer von „Colter“, einem amerikanischer Trapper (1774-1813). Bisweilen verschwimmt bei ihm die Grenze zwischen der eigenen Person und der Colters. Adam sieht sich immer im Kampf, Leben ist Kampf („Friss oder werde gefressen“, S. 378). Er kämpft gegen die Aliens, so wie Colter gegen die Blackfeet oder sein Vater in Vietnam gekämpft hat. Als Adam nach zwei Morden von einem Großaufgebot der Polizei gesucht wird, hält er sich lange versteckt. Es herrscht Krieg zwischen ihm und der Polizei („Überraschungsangriff“, „Verteidigungsstellung“, „Feuergefecht“; S. 320-321). Letztlich pflanzt sich Stens Erfahrung als Vietnam-Veteran wohl in Adam fort. Beide, Vater und Sohn, kämpfen im Wald. Adam ist „knallhart“; der Begriff „hart“ wird oft von Sara im Zusammenhang mit Adam gebraucht, sie bewundert Adams „Härte“, letztlich das Soldatische. Sie liebt ihn trotz seiner Gewalttätigkeit, sie denkt nur, dass „er vielleicht zu weit gegangen ist.“ (S. 268)

Doch nicht nur Adam ist voller Aggressionen, sondern auch Sten. Das wird nicht nur am Anfang deutlich, als er den jungen Räuber tötet, obwohl die Gefahr schon gebannt ist. Auch später gibt es mehrere Situationen, in denen Sten kurz davor ist, „auszurasten“, sich am Ende aber doch noch zusammenreißt.  Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Szene, in der sich die Bewohner der Stadt im Kampf gegen das mexikanische Drogenkartell zusammentun, um Selbstjustiz zu üben. Hier ist es Sten, der zur Vernunft rät und vorschlägt, die Ermittlungen abzuwarten: Zwei Seelen leben scheinbar in seiner Brust.

Jeder hat letztlich seine Feindbilder: Adam kämpft einen individuellen Kampf gegen Aliens, die Mitbewohner kämpfen gemeinsam gegen die Mexikaner. Und auch Sara hat einen Feind: den Staat und die Polizei.

Boyle lässt die Eltern und Sara schließlich fragen, welche (Mit-)Schuld sie an Adams Gewalttätigkeit haben. Beide kommen zu dem Schluss, dass sie nicht ganz unschuldig sind. Boyle wirft aber auch die Frage auf, inwiefern das Gesundheitssystem eine „Karriere“ wie die Adams befördert, da die Eltern, als Adam volljährig ist, aus Datenschutzgründen nichts mehr für ihn tun können (S. 314).

Boyles Sprache ist klar und anschaulich; die Persönlichkeit der Leute, ihre Gefühle, Motive sind greifbar. Es ist anhand der Sprache immer klar, wer gerade spricht (Sten, Adam oder Sara). Die Sprache steht nie im Vordergrund, dient immer der Geschichte. Allenfalls die Vergleiche sind für meinen Geschmack manchmal ein bisschen schief bzw. übertrieben, aber wenn man sich dem Lesefluss hingibt, fallen sie wahrscheinlich gar nicht so auf: „Die Scheinwerfer bohrten sich in die Luft wie wärmegesteuerte Raketen in der Nacht“ (S. 207); „Es stach auf sie ein, es schob sich unter ihre Haut wie eine mit Essig gereinigte Injektionsnadel“ (S. 208, es geht um die Polizeisirene); „Sie war scharf auf ihn, schärfer als je zuvor, die Erregung brannte in ihr wie Feuer“ (S. 210).

Fazit:

Hart auf hart ist ein Buch, in das man eintauchen kann, ein echter „Pageturner“, wie ganz passend auf der Rückseite des Buches gesagt wird. In Teil I – VI gibt es mehrere „schwelende“ Konflikte, aber eigentlich keinen konkreten Höhepunkt, auf den es hinauslaufen könnte. Trotzdem spürt man unterschwellig: das geht nicht gut aus… Ab Teil VII (es gibt insgesamt 13 Teile) wird es dann konkreter: Ein Mann wurde umgebracht, und Sten fragt sich, ob Adam damit zu tun hat. Was die „Message“ des Buches angeht: Ich lese es als Kritik am US-amerikanischen Umgang mit Krieg, Waffen und Gewalt. Es geht um die Rolle von Staat und Polizei, wobei die Kritik nach meinem Verständnis in beide Richtungen geht: Kritik am Staat – wie setzt er Gewalt/Macht ein und um? Kriege werden geführt, die den Menschen Gewalt „einpflanzen“. Kritik an den Bürgern – wie gehen sie mit der Autorität um, wie bewerten sie Gewalt?  Die eigene Ausübung von Macht und Gewalt wird von den Bürgern legitimiert, die Gewalt des Staates und seine Gesetze werden ignoriert. Vielleicht steht Adams persönliche, krankhafte Paranoia hier auch stellvertretend für die Paranoia einer ganzen Gesellschaft?

T. C. Boyle – Hart auf hart – dtv

Zadie Smith – London NW

Der Roman London NW handelt von zwei Freundinnen, die im Nordwesten Londons leben und dort auch gemeinsam zur Schule gegangen sind. Leah ist weiß und kommt aus einer besser gestellten Familie, Natalie ist schwarz und ihrer Familie geht es weniger gut. London NW ist nicht gerade eine gute Gegend, viele Menschen sind arm, Kriminalität und Drogenhandel  sind an der Tagesordnung.

Das Buch besteht aus fünf Teilen. Im ersten Teil lernen wir Leah und ihren Mann Michel kennen. Leah hat einen Verwaltungsjob, Michel ist Friseur, sie kommen einigermaßen über die Runden.  Michel will weiterkommen, etwas erreichen, eine Familie gründen, Leah will den Status quo bewahren und bloß nicht schwanger werden. Sie blickt halb neidisch, halb verächtlich auf Natalie, die erfolgreiche Anwältin, Mutter von zwei Kindern und Frau des Bankers Frank ist.

Zentrales Ereignis dieses Teils ist der überraschende Besuch der ehemaligen Mitschülerin Shar bei Leah, die um Hilfe für ihre angeblich kranke Mutter bittet. Nicht nur Michel wird Leah später für verrückt erklären, dass sie Shar mit Geld aushilft, obwohl klar ist, dass sie das Geld nur für Drogen braucht. Die Begegnung bringt Leah in Kontakt mit Menschen, denen sie einerseits entfliehen, andererseits aber auch helfen will. Genauso hin- und hergerissen ist sie auch beim Thema Erwachsenwerden. Sie sträubt sich dagegen, fühlt sich aber auch minderwertig gegenüber Natalie, die scheinbar erwachsen ist. Es gibt noch einen dritten inneren Konflikt: Leah ist weiß und hat deswegen ein schlechtes Gewissen, fühlt sich aber bei ihren vornehmlich schwarzen Kolleginnen auch nicht zugehörig.

Stilistisch ist dieser erste (aber auch der dritte) Teil eine wahre „Fundgrube“:

  • Bei der wörtlichen Rede, die nicht durch Anführungszeichen, sondern Spiegelstriche eingeleitet wird, wird selten konkret gesagt, wer spricht (was bei mir teilweise für Verwirrung gesorgt hat). Vielleicht soll damit gezeigt werden, dass gar nicht so eindeutig ist, wer eigentlich welche Position vertritt?
  • Die wörtliche Rede Dritter wird zudem manchmal durch Leahs Gedanken unterbrochen, ohne dass im Nachhinein geschildert wird, was Leah verpasst hat. So ist man auch als Leser im Unklaren. Letztlich spiegelt das die Realität wieder, denn im wahren Leben bekommt man auch nicht mit, was andere sagen, wenn man den eigenen Gedanken nachhängt.
  • Ein weiteres Stilmittel sind fehlende Satzzeichen plus Wiederholung: „Er [Frank] sieht gut aus sein Hemd ist perfekt seine Hose ist perfekt seine Kinder sind perfekt seine Frau ist perfekt und dieses Glas Prosecco ist perfekt temperiert“ (S. 82). Vielleicht will Smith damit zeigen, dass Leah von Franks Perfektion überwältigt ist? (Wie von einer Lawine „überrollt“?)
  • Smith „malt“ mit der Sprache, indem die Form des Gedruckten den Inhalt illustriert. Ein Beispiel hierfür: Auf Seite 40 werden Gedanken über einen Apfelbaum in Form eines Baumes gedruckt. Funktion??
  • Michels französische Herkunft wird an einer Stelle durch seine Sprache deutlich: „Ich will einfach nicht, dass so ein Schild steht vor die Haus, wo ich wohne“ (S.42).
  • Auf Seite 112ff stellt Smith eine Dinnerparty bei Natalie und Frank dar, hier sind Reflexionen, wörtliche Rede (keine Anführungszeichen) und Kommentare gemischt, es geht alles durcheinander, wie es bei einer Party ja auch oft der Fall ist. Der Vorgang des Essens wird mit Hilfe von Wiederholungen dargestellt: „Thunfisch durchreichen“, „Salat aus wilden Tomaten durchreichen“ usw. Am Ende wird das übertragen auf: „Lösungsansätze werden über den Tisch gereicht“.  Vielleicht geht es hier darum, aufzuzeigen, dass bei so einem Essen bestimmte Themen einfach nach und nach abgehakt werden. („Das Staffelholz der Konversation wird an andere weitergereicht“, S. 113).
  • Smith neigt dazu, etwas anzudeuten und erst später aufzuklären, worum es dabei eigentlich geht, was natürlich zum Weiterlesen anregt, hier für meinen Geschmack aber etwas überstrapaziert wird.
  • Ich habe den Eindruck, Smith beschreibt Dinge und Ereignisse gerne möglichst ungewöhnlich: „periodische Anfälle von häuslichem Nudismus“ (S. 243) – Natalies Bruder läuft oft nackt in der Wohnung herum; als Natalie von Turnschuhen einer bestimmten Marke träumt, heißt es: „Die rot-weiße Luftpolstertechnologie der griechischen Siegesgöttin.“ (S. 233)

Der zweite Teil ist eher in „normaler“ Romanform gehalten, d.h. die wörtliche Rede steht in Anführungszeichen, es ist immer klar, wer redet, es gibt eine stringentere Handlung und es wird in der Vergangenheitsform erzählt. Es gibt einen neuen Protagonisten namens Felix, der mit Grace zusammenlebt. Beide sind schwarz, und Grace hat Felix offenbar aus einem Sumpf aus Drogen geholt, den er hinter sich lassen will. Dazu gehört auch, sich von seiner drogenabhängigen Geliebten Annie zu trennen. Hier sehe ich Parallelen zu Leah und Shar. Beide, Felix und Leah, haben Mitleid und wollen Shar bzw. Annie helfen, aber die wollen sich nicht helfen lassen. Eine weitere Parallele sehe ich zwischen Felix und Michel, die beide  „eine Stufe höher“ wollen. Felix trifft einen jungen Mann namens  Tom, um ihm ein Auto für Grace abzukaufen. Tom kommt aus guten Verhältnissen, kriegt aber in seinem Leben nichts auf die Reihe. Hier zeigt sich, dass auch ein guter sozialer Hintergrund kein Garant dafür ist, dass das Leben gut verläuft.

Im dritten Teil werden Natalies Leben und die Freundschaft zu Leah aus Natalies Sicht in kurzen, aufeinanderfolgend nummerierten Abschnitten dargestellt. Man bekommt einen Einblick in die „Gegenseite“, also Natalies Meinung über Leah. Das ist insofern interessant, weil man merkt, dass auch Natalie ihre Freundin beneidet. Man erfährt, wie sich die Freundschaft zwischen Leah und Natalie entwickelt hat. Während Leah eine wilde Jugend mit Drogen und schlechten Noten durchlebte, lernte Natalie eifrig. Natalie war auch früher schon sehr ehrgeizig: „Das Leben hielt sie für ein Problem, das sich mit der richtigen akademischen Ausbildung lösen ließ“ (S. 260). Auch finanzielle Unterschiede trennten die beiden, die aber später wieder zusammenfanden. Innerhalb der Familie treffen in der Jetztzeit verschiedene Lebensumstände aufeinander (vgl. Teil I und II): Natalie will ihre Familie retten; kann nicht mit ansehen, wie ärmlich ihre Mutter Marcia und die Schwester Cheryl in ihren Augen leben. Doch Cheryl will Natalies Hilfe nicht. Sie ist zufrieden, so wie es ist.

Im vierten Teil irrt Natalie nach einem schlimmen Streit mit Frank durch die Stadt.  Sie trifft Nathan, in den Leah früher verknallt war und der jetzt eine verkrachte Existenz ist. Er nimmt Drogen und ist Zuhälter; Shar gehört u.a. zu seiner „Familie“. Die beiden laufen high durch die Stadt. Die Polizei ist ganz offenbar auf der Suche nach einem Straftäter, Natalie bringt das aber in ihrem berauschten Zustand nicht mit Nathan in Zusammenhang.

Im letzten Teil liegen auch Leah und Michel im Streit. Es zeigt sich meines Erachtens, dass weder Leah noch Natalie aus ihrer Haut können; was fehlt, ist die Ehrlichkeit, das Zugebenkönnen von Schwäche, vor allem bei Natalie. Leah glaubt, dass Natalie das perfekte Leben führt. Natalie, die ganz und gar nicht glücklich ist, tut aber nichts dafür, dieses Missverständnis aufzuklären und Leah so näherzukommen. Umgekehrt ist es genauso.

Leah versteht auch nicht, warum es den einen Menschen gutgeht und den anderen nicht. Natalie glaubt (entsprechend ihrer eigenen Erfahrung), dass das daran liegt, dass sie härter arbeiten. Während Natalie, die aus schlechteren sozialen Verhältnissen kommt, die persönliche Verantwortung betont, sieht Leah, die aus besseren Verhältnissen kommt, stärker die Bedeutung der Herkunft.

Die zentralen Fragen des Buches sind nach meiner Einschätzung: Inwiefern kann man sein Leben / seinen Erfolg kontrollieren, sich von bestimmten Startbedingungen „befreien“? Ist man auf einer sozial höheren „Stufe“ wirklich glücklicher? Wer hat darüber zu entscheiden oder zu urteilen, wie man lebt und was man im Leben erreichen möchte?

Fazit:

Es handelt sich, soweit ich das beurteilen kann, um eine gute Milieustudie. Stilistisch wirkt es für meinen Geschmack etwas bemüht, es sind einfach zu viele Stilmittel, die den Lesefluss behindern und das Verständnis erschweren. Nichtsdestotrotz finde ich interessant, wie die Sichtweisen von Leah und Natalie gegenüberstellt werden. Sie beneiden sich gegenseitig, sehen nur, was sie sehen wollen – dass es der anderen besser geht. Eine echte Entwicklung machen die beiden nicht durch; sie sind am Ende nicht schlauer als am Anfang. Es ist auch ein Buch über das Erwachsenwerden. Hier Natalie, die scheinbar erwachsen geworden ist, da Leah, die es scheinbar nicht ist. Für mich sind sie es beide nicht, was sich auch am Ende zeigt, als sie Nathan bei der Polizei anzeigen. Die einzigen Personen, die eine Entwicklung durchmachen, sind Michel, Felix und Frank. Sie stehen etwas im Hintergrund und sie wissen auch nicht wirklich, wie es ihren Frauen geht. Aber sie sind meines Erachtens diejenigen, die für „Erwachsensein“, Realitätssinn und Ehrlichkeit stehen.

Zadie Smith – London NW – Goldmann Verlag

Fatma Aydemir – Ellbogen

Der Roman Ellbogen handelt von Hazal, einem in Berlin lebenden Mädchen, dessen Eltern vor Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Der Vater ist Taxifahrer, die Mutter arbeitet in einer Bäckerei. Hazal nimmt an einer BVB, das heißt einer „berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme“ teil.

In Teil I (Kapitel 1-6) schildert Hazal ihr Leben und ihre Probleme: Die Benachteiligungen, die sie erfährt, die Angst vor Abschiebung, Vorurteile gegen Menschen mit Migrationshintergrund, die Rolle der Religion für ihr Leben, die Langeweile, der Vorwurf, die Probleme selbst verschuldet zu haben. Sie beleuchtet die Bedeutung der Kinder für die Eltern, vor allem die Tatsache, dass Hazal im Vergleich zu ihrem Bruder abgewertet und für dumm gehalten wird. Mehmet, Hazals in Istanbul lebender (Facebook-) Freund, verheißt ein besseres Leben. Mit ihm verbindet sie all ihre Träume und Wünsche, er ist ihr Märchenprinz.

Zu Hause herrscht eine räumliche Enge, die einem die Luft zum Atmen nimmt, gepaart mit einem hohen Maß an Desinteresse an Hazal und ihren Probleme. Sie ist frustriert, enttäuscht, machtlos und beschreibt scheinbar unbeteiligt die Doppelmoral der Eltern, die Gewalt des Vaters gegen die Mutter, deren mangelnde Bildung und ihre psychischen Probleme in einer arrangierten Ehe. Es ist die allgegenwärtige Angst, die Hazals Meinung zufolge zu dem Bedürfnis führt, anderen Menschen Gewalt anzutun, um sich endlich mächtig zu fühlen. Was Hazal fehlt, was sie nicht hat, sieht sie bei den Bessergestellten „Mittetussis“ und  „Ärztetöchtern“.

Hazals Vertraute ist ihre selbstbewusste und studierte Tante Semra. Sie ist auch die Einzige, die sich für Hazals 18. Geburtstag interessiert und bei der Mutter dafür sorgt, dass Hazal bei ihrer Freundin Elma übernachten darf. Hazal fiebert auf diesen Tag hin, denn sie will die Gelegenheit nutzen, mit Elma und Gül in einen Club zu gehen (was ihre Eltern natürlich nicht wissen dürfen!). Es läuft alles wie geplant, bis sie vor dem Club stehen. Dann der Schock: die Türsteher lassen sie nicht hinein! Diese Abfuhr, gepaart mit der ohnehin schon aufgestauten Wut führt zu einem Eklat: Als ein Student in der U-Bahn-Station die Mädchen anmacht, fangen die drei an, auf ihn einzutreten…

Teil II (Kapitel 7-14) spielt in Istanbul; Hazal wohnt bei Mehmet, aber die Wohnung gefällt ihr genauso wenig wie Istanbul selber. Noch dazu ist Mehmet nicht der Märchenprinz, für den sie ihn gehalten hat. Trotzdem hat sie regelmäßig Sex mit ihm und schämt sich dafür (wenn ihre Eltern das wüssten!). Nichts ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Hazal hat keine Ahnung von der politischen Situation in der Türkei (der Roman spielt zur Zeit des Putsches im Juli 2016). Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in Halil, Mehmets Mitbewohner, der für die Rechte der Kurden kämpft und von der Polizei gesucht wird. Sie ahnt, dass ihr Leben in der Türkei auch nicht viel besser laufen wird, bemerkt, dass Halils Freundin „genauso scheiße [ist] wie die Mittetussis“, mit ihrer „Babywut“ und den „Mädchensorgen“. Insgesamt überblickt sie ihre persönliche und die politische Situation nach meinem Empfinden aber nicht richtig. Doch spürt sie, dass sie auch in der Türkei nicht vor ihrer Tat weglaufen kann.  Sie weint, fühlt sich heimat- und hoffnungslos. Mehmet ist aber viel zu kaputt, um ihr zu helfen. Sie bricht zusammen.

Tante Semra kommt in Teil III (Kapitel 15-16) in die Türkei, um Hazal nach Deutschland zurückholen, wo sie sich der Polizei stellen soll. Sie macht Hazal Hoffnung, dass sie doch noch etwas aus ihrem Leben machen kann. Aber Semras Worte kommen bei Hazal nicht an. Sie fühlt sich total unverstanden, und Semra kann Hazals Standpunkt scheinbar wirklich nicht verstehen.  Hazal glaubt, nun endlich begriffen zu haben, dass die Welt ungerecht ist, dass sich niemand für sie interessiert, dass ihr das Leben „den Ellbogen reingerammt“ hat. Das Buch endet mit dem Putschversuch.

Während Teil I also mit einem persönlichen „Ausbruch“ abschließt, steht am Schluss von Teil III ein gesellschaftlicher.  Beide resultieren, so verstehe ich das Buch, aus einem Gefühl der Benachteiligung, Missachtung und Machtlosigkeit Einzelner bzw. einer Gruppe von Menschen heraus. Wobei der politische Aspekt meines Erachtens nicht so stark ausgeführt wird.

Fazit:

Ellbogen ist ein leicht zu lesender, fesselnder Roman. Das Thema „Migrationshintergrund“ wird sehr betont, auch wenn die erwähnten Probleme meines Erachtens nicht (nur) mit ihm zu tun haben, sondern auch mit der Tatsache, dass Hazal in einfachen sozialen Verhältnissen aufwächst. Die im Roman verwendete Jugendsprache ist für mich plausibel und stimmig, andererseits ist Hazal an manchen Stellen nach meinem Empfinden reflektierter, als man es erwarten würde. Insgesamt finde ich Hazals Ausbruch am Ende des ersten Teils nicht zwingend. Anders gesagt, ihre Wut, die auf diesen Ausbruch hinausläuft, kommt bei mir nicht richtig an. Das liegt vielleicht daran, dass Hazal viele ihrer Probleme banalisiert und mit einer großen Sachlichkeit bzw. unbeteiligt erzählt.

Der Mangel an Mitgefühl mit sich selber, der durch die unbeteiligte Sprache zum Ausdruck kommt, ist wohl der Grund dafür, dass Hazal dem Studenten gegenüber gewalttätig wird und keine Empathie zeigt.  So gesehen geht es vielleicht inhaltlich gar nicht anders, als dass der Ausbruch nicht so zwingend erscheint.

Schließlich wird in dem Buch meines Erachtens deutlich, aus welchem (familiären) Klima und aus welchen Lebensbedingungen heraus Empathielosigkeit und Gewalt entstehen können. Dabei steht die Figur der Tante Semra einerseits für die Leute, denen es besser geht und die einfach nicht verstehen können, wie ein Mensch in Hazals Situation wirklich denkt und fühlt. Andererseits steht sie vielleicht auch für den Aspekt der persönlichen Verantwortung – im Gegensatz zur gesellschaftlichen bzw. sozialen Perspektive, die durch Hazal dargestellt wird.

Fatma Aydemir – Ellbogen – Hanser Verlag