Kent Haruf – Our souls at night

Addie macht Louis einen ungewöhnlichen Vorschlag: Sie möchte seine Gesellschaft, nachts. Sie will mit ihm zusammen im Bett liegen, seine Hand halten und reden. Addie und Louis sind alleinstehend, ihre Partner sind vor einigen Jahren gestorben. Die beiden Nachbarn im Seniorenalter kennen sich so gut, wie man sich als Nachbarn eben kennt.

Mit dem wunderbaren ersten Satz wird der Stein ins Rollen gebracht: „And then there was the day when Addie Moore made a call on Louis Waters. It was an evening in May just before full dark.“

Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die später bereichert wird durch die Anwesenheit von Addies Enkelsohn Jamie. Seine Eltern haben sich vorübergehend getrennt und können sich nicht um das Kind kümmern. Addie und Louis machen es sich zur Aufgabe, dem durch die ungewohnte Situation aufgewühlten Jungen ein schönes zu Hause zu bieten. Und Jamie blüht auf. Alles wäre also wunderbar, wäre da nicht Addies Sohn Gene (Jamies Vater), der gegen die Verbindung seiner Mutter mit Louis ist und Jamie in Gefahr wähnt.

Our souls at night ist ein kurzes Buch mit einer sanften Sprache. Einfache Begebenheiten werden ohne große Aufregung erzählt, aber jede dieser Begebenheiten hat eine Bedeutung, erhellt die Beziehung zwischen Addie und Louis, zeigt ihr Verantwortungsgefühl gegenüber denen, die sie lieben, erklärt die Vergangenheit der beiden, deren Leben in vielerlei Hinsicht ein Kompromiss war. Sie haben Fehler gemacht, die sie nicht wieder gutmachen können, aber sie sind nicht verbittert deswegen. Sie genießen die gemeinsame Zeit, die Gegenwart des anderen, die Wahrhaftigkeit ihrer Freundschaft.

Das Buch lebt von dieser Wahrhaftigkeit. Es braucht keine besonderen stilistischen Kniffe. Haruf erzählt einfach, wie es ist, und das ist gut so.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, was in Ordnung war, da es nicht sonderlich lang und nicht sehr kompliziert geschrieben ist.

Fazit:

Eine wunderschöne Geschichte über zwei Menschen, die es wagen, ehrlich zu sein, sich zu öffnen und ein Risiko einzugehen.  Die damit belohnt werden, einen Seelenverwandten zu finden. Die zwar nicht gefeit sind vor den Unbill des Lebens, die schwere Entscheidungen treffen müssen. Die trotz allem einen Weg finden, ihre Freundschaft zu erhalten.

Kent Haruf – Our Souls at night – Picador

Judith Hermann – Lettipark

In 17 Erzählungen lugt Hermann blitzlichtartig in das Leben verschiedener Menschen hinein und beschreibt alltägliche Begebenheiten und Probleme, Beziehungen, die mehr oder weniger gut funktionieren, vielleicht sogar kurz davor stehen, auseinanderzubrechen. Sie deutet Wendungen im Leben dieser Menschen an und bestimmte Einsichten, die sie haben. Sie tut das treffend und in einem interessanten minimalistischen Stil, alles in allem geht es aber inhaltlich nach meinem Empfinden über Allgemeinplätze nicht hinaus.

Für mich ist Lettipark wie eine Pralinenschachtel, die ich ganz schnell leer esse, immer in der Hoffnung, dass die nächste Praline etwas Besonderes ist. Irgendwie sind alle Pralinen ganz gut, aber keine ist speziell und gibt mir ein Aha-Erlebnis. Am Ende bin ich zwar satt, aber nicht richtig zufrieden und ich könnte auch nicht mehr sagen, wonach die einzelnen Pralinen geschmeckt haben.

Die Wirkung der Geschichten erinnert mich an Jazz bzw. die Art, wie ich diese Musik als Laie erlebe:  Hört sich ganz interessant an, hat kein System (zumindest keins, das ich verstehe), ich kann die Musik nicht wiedergeben und sie berührt mich nicht richtig, ohne dass ich sagen könnte, warum. Jazz wirkt auf mich tiefgründig und intelligent, aber ob er das wirklich ist, weiß ich nicht.

Fazit:

Minimalismus auf die Spitze getrieben. Andeutungen auf etwas tiefer Liegendes? Literatur, zu der man einen ganz bestimmten Zugang braucht, den ich nicht habe, trotz Hermanns außergewöhnlichem Stil.

Judith Hermann – Lettipark – S. Fischer

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen

Auf 90 Seiten wird in Du hättest gehen sollen die Geschichte eines mittelmäßigen Drehbuchautors beschrieben, der mit seiner Frau und der vierjährigen Tochter in ein abgelegenes Ferienhaus fährt, um dort Urlaub zu machen und an einem Drehbuch zu schreiben, das vom Produzenten sehnlichst erwartet wird. Während des Aufenthaltes in dem Haus verliert der Protagonist zunehmend den Boden unter den Füßen, denn es geschehen merkwürdige Dinge, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Dieser Auflösungsprozess wird sehr spannend aus der Sicht des Drehbuchautors selber beschrieben.

Mein grundlegendes Problem mit der Geschichte besteht in der Unsicherheit darüber, ob der Protagonist selber verrückt wird oder ob mit dem Haus etwas nicht stimmt. Auf eine Aufklärung hoffend bin ich lesend durch das Buch gehetzt – und enttäuscht worden. Was ich verstanden habe: Die Ehefrau ist Schauspielerin, und die Ehe, das ganze Familienleben scheint nur gespielt und wie im Drehbuch ziemlich willkürlich zu sein. Jedes der drei Familienmitglieder hat eine Rolle in dem Film, der zunehmend zu einem Horrorfilm wird.

Das Buch hat mich für den Moment des Lesens gepackt, ich habe die Hilflosigkeit des Protagonisten gespürt, seine Einsamkeit, seine Unfähigkeit, zu sprechen, aber mit dem Zuklappen des Buches war der Effekt auch schon verpufft. Mit anderen Worten, Kehlmann gelingt es zwar, mich mitzureißen – die Sprache ist nüchtern und reduziert, eindringlich, dicht, die Grenze zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Drehbuchpassagen verschwimmt, das aktuell Erlebte findet sich im Drehbuch wieder und umgekehrt – aber es geht nicht über diese vorübergehende Berührung hinaus.

Das liegt vermutlich auch daran, dass ich nicht verstehe, wie die Verrücktheit des Protagonisten und/oder des Hauses mit den offensichtlichen Eheproblemen zusammenhängt. Warum kombiniert Kehlmann das? Es kommen an mehreren Stellen verschiedene Varianten der Aufforderung „Du solltest gehen“ vor. Soll der Protagonist seine Frau verlassen? Steht das verrückte Haus für die verrückte Beziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Frau? Projiziert der Protagonist seine Innere Auflösung nach außen, auf das Haus? Oder hätte er einfach das Haus frühzeitig verlassen sollen, weil es darin spukt? Ist es so trivial?

Letztendlich tendiere ich dazu zu glauben, dass sich die Geschichte um die psychische Auflösung des Protagonisten dreht, um seine Entfremdung von sich selbst und seiner Familie. Darum, dass das verrückte Haus eine persönliche Entwicklung in Gang setzt, die die Selbsteinsicht zum Ziel hat. Dass der Protagonist die Schauspielerin aufgeben und der Wahrheit ins Gesicht sehen muss. Dass es kein Zurück in das alte Leben mehr gibt. Aber sicher bin ich mir nicht. Das soll vielleicht so sein, vielleicht soll ich als Leser diese Unsicherheit spüren. Aber es führt bei mir leider nur dazu, dass ich das Buch schulterzuckend zur Seite lege.

Fazit:

Sehr kurz, sehr spannend, aber bei mir ohne Nachwirkungen. Eine Wunderkerze.

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen – Rowohlt

Ian McEwan – Nussschale

Nussschale ist ein ganz besonderer Roman, weil er aus der Sicht einer ganz besonderen Person geschrieben ist, der eines (männlichen) Fötus. Dieser bekommt ganz gut mit, was draußen so vor sich geht und weiß von daher, dass seine Mutter Trudy und ihr Geliebter Claude planen, seinen leiblichen Vater umzubringen. Diese Ausgangssituation legt McEwan auf den ersten anderthalb Seiten des Romans genial dar.

Zwar muss sich der Fötus aufgrund seiner Abgeschiedenheit mit einigen Mutmaßungen zufrieden geben (z.B. S. 40/41), alles in allem hat er aber ein sehr fundiertes Wissen über die Welt und eine dezidierte Meinung zu aktuellen Themen, was er in einigen längeren Abhandlungen demonstriert (z.B. S. 42).

Der erzählende Fötus, an sich schon absurd, denkt und spricht wie ein äußerst gebildeter Erwachsener. Diese Bildung hat er durchs genaue Zuhören und dank der Vorliebe seiner Mutter für auditive Informationsquellen wie Radio und Podcasts: „In so mancher langen, ruhigen Nacht habe ich meiner Mutter einen heftigen Tritt verpasst. Sie wurde wach, konnte nicht wieder einschlafen und tastete nach dem Radio. Grausam, ich weiß, aber am Morgen waren wir beide besser informiert.“ (S. 14).

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für McEwans (trockenen) Humor, so die Beschreibung Claudes durch den Fötus auf Seite 83/84: „Seine [Claudes] Geistlosigkeit hat etwas Poetisches, eine Form von Nihilismus, die das Gewöhnliche aufwertet. Oder, umgekehrt, etwas Gewöhnliches, das selbst den abscheulichsten Gedanken entschärft.“. Später, als Claude über den Mordplan spricht, kommentiert der Fötus: „Trotzdem ist sein Plan eher der eines Winzers als eines Metzgers. Unausgegoren.“ (S. 89). Die Grenze zwischen Humor und Zynismus ist fließend, manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken: „Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter.  Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt […]“ (S. 17).

Schon mit dem Zitat, das dem Roman vorangestellt ist, wird der Bezug zu Shakespeares Drama „Hamlet“ klar. Schnell sind die Rollen verteilt: Die Mutter des Fötus, Trudy, entspricht Gertrude; ihr Geliebter Claude ist Claudius. Claudes Bruder, John, ist König Hamlet, der Fötus selber Prinz Hamlet. Letzterer kann nichts tun, um den Mord zu verhindern, aber er könnte später Rache nehmen (S. 80/81), genauso wie Prinz Hamlet.

Doch der Fötus ruft sich ins Gedächtnis, dass Rache „out“ ist (S. 80/81) und bezieht sich dabei auf den englischen Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes und sein Hauptwerk Leviathan. Hobbes stellt dem Naturzustand des Menschen, der durch Gewalt, Anarchie, Gesetzlosigkeit, Wettbewerb und Ehrgeiz gekennzeichnet ist, den Staat gegenüber, d.h. eine übergeordnete Instanz, die die Einhaltung der Gesetze überwacht. (Auf Claude und Trudy trifft die Charakterisierung des Naturzustandes mehr als zu: Sie versinken im Chaos, sind selbstsüchtig und rücksichtslos.)

Dass der Roman an ein Theaterstück angelehnt ist, wird an vielen weiteren Stellen deutlich. Zum einen spielt er, an ein Bühnenbild erinnernd, ausschließlich im Hause Johns, wo Trudy mit Claude lebt. Und genauso wie Hamlet, stirbt John durch Gift.

Weitere Beispiele: Der Fötus sieht sich selbst wie einen Theater-Besucher (S. 37ff); auf S. 130 sagt er: „Seit einer Weile, aber, fragt nicht, warum, bin ich der Komödie überdrüssig.“; die Sprache ist dramatisch: „Aber ich war’s, ich war’s! O Gott!“ (Seite 75); dramatische Zuspitzung der Ereignisse, nachdem die Polizei die Nachricht vom Tode Johns überbracht hat; usw.

Schließlich klärt McEwan mit seinem Roman einige Fragen, die Shakespeares Drama offen gelassen hat: Hatten Gertrude und Claudius zu Lebzeiten des Königs ein Verhältnis? Ja! Woher stammt Hamlets Ekel gegenüber Sexualität? Er musste als Fötus das überaktive Sexualleben seiner Mutter mit ihrem Geliebten miterleben! Dann: War Gertrude vielleicht doch am Mord beteiligt? Jawohl! Hat Gertrude den Mord aus sexuellem Interesse an Claudius befördert? Ja!

Fazit:

Ein witziger, unterhaltsamer, aber aufgrund der Erzählhaltung des Fötus nicht übermäßig spannender Roman mit (etwas zu ausgiebigen) politischen Statements und unklarer Message. Dennoch lesenswert.

Ian McEwan – Nussschale – Diogenes – aus dem Englischen von Bernhard Robben

 

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben ist ein kurzer Roman über einen Mann namens Andreas Egger, der ein einfaches, von schwerer Arbeit gekennzeichnetes Leben in den Alpen führt. Irgendwann Ende des 19. Jahrhundert geboren, erlebt er die Modernisierung seines Dorfes, den Einzug der Elektrizität in die Häuser usw., bis er schließlich mit knapp achtzig Jahren in Zurückgezogenheit stirbt. Die Geschichte endet nicht nur mit dem Tod, sie beginnt auch damit. Genauer gesagt mit dem Tod des alten Hörnerhannes; Egger hat den sterbenden Ziegenhirten gerade in seiner Hütte gefunden.

Egger ist kein Mann der großen Worte. Er ist einer, der tut, was getan werden muss. Stark, aber langsam, unermüdlich arbeitend, erweist er sich immer wieder als überraschend flexibel. Er hat ein großes Herz, auch wenn er seine eigenen Gefühle oftmals gar nicht richtig einordnen kann. Er ist umsichtig, mit Intuition ausgestattet und einer großen Liebe fähig.

Robert Seethaler hat ein Buch über einen Mann geschrieben, der in seinem Leben viele Tiefschläge erleidet, und dennoch Zufriedenheit empfindet, nicht zuletzt durch seine Verbundenheit mit der Natur. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben streift Egger nur kurz, aber dieses Erlebnis ist nichts, was ihn in seinen Grundfesten erschüttert.

Der Reiz des Buches liegt meines Erachtens im Gegensatz zwischen dem einfachen, ungebildeten, wortkargen Mann auf der einen Seite und seiner Herzensbildung, seinem gesunden Menschenverstand, seiner Loyalität auf der anderen. Ein Mann, der überaus klug und mit Gespür für die eigenen Stärken und Schwächen das Beste aus sich und seinem Leben macht.

Dazu kommt eine in meinen Augen flüssige, treffende, nicht zu blumige, nicht zu schlichte Sprache, die Egger, sein Leben und die Natur zum Leben erweckt.

Fazit:

Ein kleines, mit einer wunderschönen Sprache ausgestattetes Buch über einen einfachen und doch besonderen Mann, den ich gerne auf seinem Lebensweg begleitet habe.

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben – Goldmann

 

Dimitri Verhulst – Die Unerwünschten

Die Unerwünschten umfasst zwei Geschichten, die sich um das Schicksal von Heimkindern drehen und von wahren Begebenheiten handeln. Die erste Geschichte, Requiem für eine Fotze, erzählt von einem jungen Mann, der die Beerdigung eines Mädchens namens Gianna besucht. Sie hat mit ihm zusammen im Heim gelebt und sich selbst das Leben genommen. Die zweite Geschichte, Die Ankunft am bleichen Morgen, handelt von Sarah und Stefaan, einem Ehepaar, das seine beiden Kinder umgebracht hat und deshalb vor Gericht steht.

In Requiem für eine Fotze spricht ein unbekannter Erzähler ein „Du“ an. Ich habe es so verstanden, dass Verhulst, der selber im Heim gelebt hat, hier mit und über sich selbst und seine Erfahrungen spricht. Er tut das in einem überwiegend zynischen Tonfall, der mich sehr beklommen gemacht hat.

Der Junge ist erfüllt von Schuldgefühlen und zermürbender Selbstkritik. Ein Gefühl der Minderwertigkeit kommt in dem Bericht zum Ausdruck, aber auch Scham über die eigene Situation, das Gefühl, etwas beweisen zu müssen und die eigene Unsicherheit zu verbergen.

Der Erzähler beschreibt die Sonntage im Heim, an denen nur wenige Kinder Besuch bekommen. Und wenn doch, wird der „Appetit auf Mutterliebe“ schnell „von ihrem Achselgeruch erstickt“ (S. 26). Es geht um Sexualität, die im Heim zum Ersatz für Zuneigung wird, um gutmeinende Menschen, die ihren Müll im Heim abgeben und Dankbarkeit erwarten. Schließlich sitzt der Junge in der Kirche und muss sich anhören, alles sei gut, wie es ist (S. 33): „Der Anfang von Psalm 23 – ‚Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln‘ – ist eine wahre Zumutung für jeden Menschen.“

Und die Folgen? Eine davon ist die Bindungsunfähigkeit: „Einerseits fühltest du dich unheimlich leicht abgelehnt, andererseits hättest du Hornhaut auf sämtlichen Gefühlsorgangen entwickelt. Zwischen Bindungsfurcht und der Angst, verlassen zu werden, jagtest du hin und her.“ (S. 61).

Die Ankunft am bleichen Morgen  umfasst einen Dialog zwischen Stefaan und Sarah, den unter Anklage stehenden Eltern. Man erfährt, was die beiden für Menschen sind, wie sie zu Soziopathen – so das Urteil der Gutachter – wurden, die ihre Kinder umgebracht haben.

Andererseits wird in einer Ausführung des Richters klar, dass die beiden sich nicht hinter ihrer Herkunftsgeschichte verstecken dürfen, dass es Menschen gibt, die unter ähnlichen Bedingungen aufwachsen und anders handeln (S. 134 ff). Die Ankunft am bleichen Morgen schockierte mich durch den kompletten Mangel an Empathie der Eltern für ihre Kinder.

Zwei Aussagen Stefaans bringen seine Sichtweise auf den Punkt: „Kinder darf man in die Welt setzen, aus welchem Grund auch immer. Aber wenn einer seine Kinder kaputtmacht, um endlich aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen, landet er vor Gericht. Alle hacken auf uns herum.“ (S. 99). Die Kinder werden aufgefasst als ein Ding, das man sich anschafft und wieder loswird. Es wird aber auch klar, was aus seiner Warte dahintersteckt: „Ich wusste nicht viel, aber eins wusste ich: Meine Kinder würden sie nicht in ein Heim stecken, nur über meine Leiche. Also, was sollten wir tun? Wir haben unsere Kinder kaputtgemacht. Zu ihrem eigenen Besten.“ (S. 141/142).

Fazit:

Inwieweit die geschilderten Umstände repräsentativ für Kinderheime sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Was den Gesamteindruck des Buches angeht, schließe ich mich dem an, was auf dem Umschlag steht: „schmerzhaft und ergreifend“.

Dimitri Verhulst – Die Unerwünschten – Luchterhand – Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

 

Pierre Martin – Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild

Die „Madame le Commissaire“- Krimireihe von Pierre Martin (Pseudonym) spielt in der Provence und umfasst bislang vier Bände: Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer, …und die späte Rache, …und der Tod des Polizeichefs sowie Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild. Pierre Martin ist, soviel erfährt man, „ein Autor, der sich mit Romanen, die in Frankreich und Italien spielen, einen Namen gemacht hat“.

Die Titelfigur Isabell Bonnet war einst Leiterin einer geheimen Spezialeinheit der Police nationale in Paris. Seit einem Attentat, bei dem sie fast gestorben wäre, lebt sie wieder in ihrem Geburtsort Fragolin, einem (fiktiven) Dorf im Department Var. Dort leitet sie ein Kommissariat für besondere Aufgaben, d.h. sie kümmert sich um die Aufklärung alter, ungelöster Fälle. Ihr einziger Mitarbeiter ist der kauzige Sous-Brigadier Jacobert Apollinaire Eustache.

Aus ihrer Zeit in Paris hat sie noch gute Kontakte zu ihrem väterlichen Freund und obersten Dienstherren Maurice Balancourt, der sie mit Fällen versorgt und bei Bedarf  mit weitreichen Befugnissen ausstattet. Privat steht Isabell zwischen zwei Männern, Thierry  Blès, dem Bürgermeister von Fragolin, und Rouven Mardrigal, einem Kunst sammelnden Privatier, der in Band 1 von Isabell im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms beschützt wird.

Man könnte Isabell Bonnet auch „Wonderwoman“ nennen. Sie kann alles, einen Helikopter fliegen, einen Gangster mit ein paar Handgriffen unschädlich machen, über Dächer klettern, sich mühelos in der High Society bewegen etc. Sie hängt ihren Misserfolgen nicht lange nach und steckt auch ihre posttraumatische Belastungsstörung ohne zu jammern weg.

In den Romanen werden immer zwei Fälle gleichzeitig untersucht, die aber nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben. In Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild geht es einerseits um einen toten Staatssekretär, andererseits um ein gefälschtes Kunstwerk:

Isabell und Apollinaire wollen ihr ungewöhnliches Kommissariat gerade für eine längere Sommerpause schließen, da meldet sich Balancourt. Er bittet Isabell, die Umstände des Todes von Staatssekretär Roux aufzuklären, der Mitglied eines Untersuchungsausschusses zu illegalen Waffengeschäften war. Isabell ermittelt undercover in dem Hotel, in dem sich Roux zuletzt aufgehalten hat und kann Balancourt schon bald den Namen eines Bösewichts nennen, der dem Politiker aller Wahrscheinlichkeit nach den tödlichen Medikamenten-Cocktail verabreicht hat.

Derweil wird in Fragolin ein kleines Matisse-Museum eröffnet, für das sich Thierry  Blès stark gemacht hat und in dem kleinere, unbekannte Arbeiten des Künstlers ausgestellt werden. Thierry kommt zu Ohren, dass ein neues Bild von Matisse aufgetaucht ist, das gut in die Sammlung passen würde. Er bittet Rouven Mardrinac, es zu kaufen und dem Museum als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Als Isabell mit Rouven das Bild begutachtet, stellt sich heraus, dass es sich um eine Fälschung handelt. Eine genauere Untersuchung des Bildes bringt einen mysteriösen Hilferuf zutage.

Alles in allem finde ich, Klischees werden in der Reihe ein bisschen überstrapaziert. Es wird zudem auffällig viel gelächelt, geschmunzelt, gelacht. Einige Wiederholungen führten bei mir schließlich zu leichtem Überdruss: Balancourt ist immer Isabells Trumpfkarte, die Telefonate mit ihm laufen immer ähnlich ab, ebenso wie die Treffen Isabells mit ihrer Freundin Clodine [sic]. Apollinaire ist im Allgemein verschroben, zeigt aber im entscheidenden Moment überraschende Fähigkeiten etc.

Ungeachtet dessen machen die Bücher Lust, in die Provence zu reisen, die Sonne auf der Haut zu spüren, den Lavendel zu riechen, marinierte Lammkottelets zu essen und dabei ein Glas frischen Roséwein zu schlürfen. Madame le Commissaire hat mich auf unbeschwerte Weise unterhalten. Das Personal ist übersichtlich und der Handlung ist leicht zu folgen.

Fazit: Leichte, aber nicht zu seichte Unterhaltung mit Gute-Laune-Effekt und kleinen Macken.

Pierre Martin – Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild – Knaur

Hartmut Lange – Das Haus in der Dorotheenstraße

Hartmut Langes Das Haus in der Dorotheenstraße umfasst fünf kurze Novellen: Die Ewigkeit des Augenblicks handelt von Michael Denninghoff, einem Taxifahrer, der den Tod seiner Frau nicht verwunden hat und die nicht gelebte Trauer an ihrem Lieblingsbild festmacht, das er nach ihrem Tod weggegeben hat und nun unbedingt zurückhaben möchte. In Der Bürgermeister von Teltow geht es um einen überforderten Politiker namens Andreas Schmittke, dessen Stress sich in der Vorstellung manifestiert, eine Krähe halte sich auf dem Rücksitz seines Autos auf. Das Haus in der Dorotheenstraße handelt von Gottfried Klausen, der für seinen Job nach London zieht, während seine Frau Xenia in Berlin zurückbleibt. Er erkennt lange nicht, dass sie einen Geliebten hat und gar nicht in Erwägung zieht, ihm nach London zu folgen. In Die Cellistin sieht und hört eine Person unbekannten Namens eine Cellistin in der Natur sitzen und spielen. Schnell wird der Person klar, dass es Einbildung ist, aber das mindert nicht den Reiz der Erfahrung. Schließlich handelt Der Schatten von Steffi Trautwein, die darunter leidet, dass ihr Ehemann Philipp dauernd abwesend ist. Sie hat sich in der Rolle der wartenden Ehefrau eingerichtet und rückt auch nicht davon ab, als sich die Hinweise mehren, dass er eine Affäre hat.

Hartmut Lange benutzt des Öfteren lange, verschachtelte Sätze, die durch Einschübe und Wiederholungen an die Ungeordnetheit der gesprochenen (und gedachten) Sprache erinnern. Im Prinzip behält er diesen Stil in allen Novellen bei, er fiel mir aber in der ersten Novelle besonders auf, was zu dem unsicheren Tonfall des Protagonisten passt. In der zweiten Novelle ist der Tonfall eher nervös, in der dritten sachlich-penibel, in der vierten – die in der Ich-Form geschrieben ist – entspannt und in der fünften ironisch-distanziert.

Distanziert klingen aber eigentlich alle Novellen (bis auf die vierte mit der Cellistin). Es wird beschrieben, was die Protagonisten denken und tun, aber man erfährt wenig über ihre Gefühle und Motive. Es gibt kaum wörtliche Rede, dafür sind die Gedanken in Anführungszeichen gesetzt, was ich so interpretierte, dass für die jeweils sehr einsamen Protagonisten die Grenze zwischen dem, was sie denken, und dem, was sie sagen, verwischt. Sie sind zu sehr mit sich allein.

In allen Novellen steht der Alltag im Vordergrund, das Festhalten an alten Gewohnheiten. Michael Denninghoff aus der ersten Novelle leidet darunter, den Alltag mit seiner Frau nicht mehr erleben zu dürfen, Bürgermeister Schmittke erlebt ihn als Druck und wird aus der Bahn geworfen. Die untreue Ehefrau Xenia in der dritten Novelle will den Luxus ihres Lebens in Berlin nicht aufgeben. Ihr Mann erkennt, dass er in der Fremde, ohne den gewohnten Alltag, in unangenehmer Weise auf sich selbst zurückgeworfen ist: „Denn wenn man sich mit einer Gegend nicht anfreunden kann, wird man auf sich selbst verwiesen. Man lernt sich kennen, und man erlebt, das kann ich dir versichern, manch unangenehme Überraschung.“ (S. 91). Ein Mann in der Fremde, mit einer daheimgebliebenen Frau, die Xenia heißt, und ihm fremd ist. Gottfried Klausen muss erst aus dem Alltag ausbrechen, um das zu begreifen. Die wartende Ehefrau Steffi in Der Schatten ignoriert alle Warnsignale, nur um ihren Alltag in gewohnter Form aufrechtzuerhalten. Persönliche Vermutungen/Hoffnungen werden als allgemeine Aussagen umgedeutet und sich schöngeredet (S. 113).

In allen Novellen (außer der der Cellistin) geht es darum, dass die Protagonisten die Augen vor der Realität verschließen, nur sehen, was sie sehen wollen. Sie können schwer ertragen, dass die eigenen Überzeugungen angekratzt oder gar widerlegt werden. Lieber sterben sie (Novelle 1), verharren in einer Situation (Novelle 5), fliehen (Novelle 3), oder bekämpfen eine eingebildete Krähe (Novelle 2).

Die Protagonisten in diesen vier Novellen hängen einer fixen Idee nach, haben keinen richtigen Zugang zu ihren Gefühlen und den Gründen für ihr Verhalten und sind so in ihrem Ich und ihrer Situation gefangen. Die nicht fassbaren Gefühle machen sich an einer eingebildeten Krähe fest (Novelle 2), einem Kunstdruck (Novelle 1), dem Schatten vor dem Hintereingang (Novelle 5), einer Aschewolke nach einem Vulkanausbruch (Novelle 3).

Auch in der Novelle Die Cellistin gibt es ein Symbol – eben die eingebildete Musikerin bzw. die CD mit ihrer Musik. Nur dass der Protagonist diese Einbildung annimmt und versteht: „Ich war ernüchtert, musste mir eingestehen, dass die Begegnung mit der Cellistin eine Täuschung gewesen war. […] ‚Es gibt kein Rendezvous mit einer Toten, die in England begraben ist und also keinerlei Grund hat, tausend Kilometer weiter ostwärts wieder aufzutauchen‘, dachte ich, spürte aber, dass sich die Sache damit keineswegs erledigt hatte. ‚Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern.‘

Schließlich bringt der Erzähler es auf den Punkt: „‚Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern‘, dachte ich […].“ (S. 101-102). Genau das machen die Protagonisten aller fünf Novellen, aber nur der Protagonist in Novelle 4 ist sich dessen bewusst. Er erkennt auch die wichtige Rolle der Kunst und resümiert über die CD mit der Musik der Cellistin: „‚Aber es zaubert‘, dachte ich, ‚sowie man es zum Klingen bringt, eben jene menschenfreundliche Ewigkeit herbei, auf der die Cellistin offenbar nicht zu hoffen gewagt hatte.‘“ (S. 104-105). In der Kunst wird der Augenblick zur Ewigkeit, kann man ihn am Leben erhalten. Es ist „[…] die Kunst, die es uns ermöglicht, die Grenze von Leben zum Tode niederzureißen‘.“ (S. 104). Denninghoffs Ehefrau erkannte das zu ihrer Zeit auch in dem Kunstdruck. Sie sagte zu den beiden Personen auf dem Bild: „Die zwei wirken überaus lebendig, verharren aber in ein und derselben Haltung. Es gibt eine Ewigkeit des Augenblicks.“ (S. 32). Hier kommt nach meinem Empfinden auch wieder das Thema „Festhalten“ an etwas Bekannten zum Ausdruck, so dass der Bogen zum Thema „Alltag“ geschlagen wird.

Fazit: Fünf beeindruckende Novellen, große Symbolik auf kleinstem Raum.

Hartmut Lange – Das Haus in der Dorotheenstraße – Diogenes

Jean Echenoz – 14

14 ist ein kurzer Roman über den ersten Weltkrieg. Konkret geht es um Anthime, der zusammen mit seinen Bruder Charles eingezogen wird. Blanche bleibt zurück; sie erfährt, kaum dass die Männer weg sind, dass sie von Charles schwanger ist. Zwar sind sie und Charles weder verlobt noch verheiratet, aber sie will das Kind dennoch und trägt es aus. Das sollte zu dieser Zeit eigentlich ein Problem sein, aber: „Blanche zeigte sich einfach ein halbes Jahr nicht so oft in der Stadt, dann, nach der Geburt, nannte man den Krieg als Grund für die Verschiebung der Hochzeit, erfand ein Verlöbnis, das nie stattgefunden hatte, und versuchte, die Illegitimität des Neuankömmlings hinter der flugs zum Helden verklärten Gestalt des angegeben Vaters vergessen zu machen […].“ (S. 66-67)

Die jungen Männer ziehen in den Krieg in dem Gefühl, dass es nur wenige Wochen dauern wird; sie haben keine Ahnung von dem Horror, der sie erwartet. Mit ihnen erlebt der Leser, dass der Krieg keinen Unterschied macht; es ist egal, als welche Person man in den Krieg zieht. Charles glaubt, dass er etwas Besseres ist als sein Bruder Anthimes, doch ungeachtet dessen ist er der Erste, der umkommt. Aber auch Anthime bleibt nicht verschon; sein Leben wird für immer unter dem Schatten des Krieges stehen.

In einem Kapitel über das Verhältnis von Mensch und Tier beleuchtet das Buch sehr eindrücklich, was der Krieg aus den Menschen machen kann (Kapitel 12): Die Soldaten töten und essen in ihrem großen Hunger alles, was sie kriegen können. Sie werden dabei selbst zu Tieren: „Es geschah sogar, dass Arcenal und Bossis […] einem Ochsen bei lebendigem Leibe im Stehen ein paar Koteletts  entnahmen und ihn dann sich selbst überließen.“ (S. 90). Aber der Mensch macht sich nicht nur über die Tiere her, die Tiere machen sich über den Menschen her. Flöhe befallen die Soldaten, überall laufen Ratten herum (S. 93-95).

Die Sprache ist nüchtern, aber detailliert, drängend, intensiv und mehr oder weniger frei von direkter Rede. Echenoz schreibt eher längere Sätze, die aber nicht allzu verschachtelt sind, und er hat nach meiner Einschätzung einen Sinn für treffende Adjektive. Die Nüchternheit der Sprache betont den Irrsinn des Krieges umso mehr: Ein Freund Anthimes desertiert, ohne es zu wollen, und verliert dadurch sein Leben; Charles wird versetzt in der Hoffnung, zu überleben, und stirbt als erstes; Männer verletzten sich selbst, freuen sich über einen fehlenden Arm, weil sie dann untauglich sind und nach Hause können.

Der Kontrast zwischen dem Krieg und zu Hause könnte größer nicht sein: Hier bangt Anthime um sein Leben – da leidet Blanche wegen und mit einem zahnenden Kind. Die Daheimgebliebenen machen sich keine Vorstellung davon, was die Männer im Krieg erleben bzw. erlebt haben. „Als Anthime nach Hause kam, betreute man ihn sorgfältig während seiner Rekonvaleszenz, pflegte und verband ihn, wusch ihn und gab ihm zu essen und wachte über seinen Schlaf. Man, das heißt vor allem Blanche, die ihm erst liebevoll vorwarf, dass er während seiner fünfhundert Tage an der Front abgenommen hatte – dabei vergaß sie ganz, die ungefähr dreieinhalb Kilo abzuziehen, die ein verlorener Arm dazu beiträgt.“ (S. 106)

Fazit:

Ein dichtes, plastisches, drängendes, lesenswertes kleines Buch über den ersten Weltkrieg. Eine Art Quintessenz dessen, was der Krieg für die Soldaten bedeutete: Die Naivität, mit der sie hineingingen, die furchtbaren Dinge, die sie erleiden mussten, das Leben danach.

Jean Echenoz – 14 – Berlin Verlag – aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Han Kang – Die Vegetarierin

Die Vegetarierin handelt von Yong-Hye, einer Frau, die sich von einen Tag auf den anderen weigert, Fleisch, Fisch oder andere tierische Produkte zu sich zu nehmen.  Der Ehemann und die restliche Familie versuchen, sie zum Essen zu bewegen, aber es gelingt ihnen bis zum Schluss nicht.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Teil 1 wird aus der Sicht des Ehemanns Chong erzählt. Er hat sich bewusst für eine durchschnittliche Frau entschieden. Abgesehen von der Tatsache, dass Yong-Hye keinen BH trägt, ist sie total unauffällig. Sie kocht, macht den Haushalt, schläft mit ihrem Mann, ansonsten lässt sie ihn in Ruhe. Er ist zufrieden, hat nie „die Herausforderung gesucht, die eine außergewöhnliche Ehefrau mit sich gebracht hätte.“ (S. 8). Es läuft aus seiner Sicht alles gut, er arbeitet die meiste Zeit und kümmert sich nicht um seine Frau.

Als Yong-Hye Hals über Kopf zur Vegetarierin (eigentlich Veganerin) wird, ist Chong zunächst entsetzt – bekommt er jetzt kein Fleisch mehr serviert? Er interessiert sich aber nicht für Yong-Hyes Motive, die sagt, ein Traum stecke dahinter, und gewöhnt sich an sein neues Leben. Es stört ihn nur, dass sie nicht mehr mit ihm schlafen will, und so vergewaltigt er sie. Nach einem Geschäftsessen, bei dem Yong-Hye ihren Mann seiner Meinung nach blamiert, informiert er schließlich ihre Familie. Die Eltern machen sich vor allem Sorgen um Chong, der nun zu Hause ohne Fleisch auskommen muss. Bei einer darauffolgenden Familienfeier will der cholerische Vater Yong-Hye mit Gewalt zwingen, Fleisch zu essen. Er schlägt sie, wie er das bis zu ihrem 18. Lebensjahr getan hat. Der Ehemann fasst es als „Demonstration väterlicher Liebe“ auf (S. 42). Yong-Hye schneidet sich daraufhin die Pulsadern auf und kommt ins Krankenhaus.

In kursiv gedruckten Passagen werden in diesem ersten Teil nach und nach Yong Hyes Träume und Empfindungen dargestellt. Sie kann nicht schlafen, weil sie immer wieder von Träumen heimgesucht wird. Sie spürt einen Druck in Herz und Magen: „Was sich dort angesammelt und festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind dort eingeklemmt, da bin ich sicher“ (S. 53). Dieser Druck ist übrigens auch der Grund, warum sie keinen BH trägt (S. 52/53). Es wird in diesen Passagen aber meines Erachtens auch deutlich, dass Yong-Hye Fleisch eigentlich mag, dass es für sie auch Lebendigkeit bedeutet (S. 15/16). Gleichzeitig hat sie das Gefühl, „mit den eigenen Händen jemanden umgebracht zu haben oder getötet worden zu sein“ (S. 32).

Am Ende des ersten Teils sagt Chong: „Ich betrachtete die Szene wie ein Außenstehender, als sei ich nur ein Schaulustiger“ (S. 56). Und genauso liest es sich. Emotional unbeteiligt, aber detailliert, schildert Chong den furchtbaren Verfall seiner Frau. Dieser Eindruck wird verstärkt dadurch, dass der Teil in Ich-Form verfasst ist. Schließlich träumt Chong, Yong-Hye umzubringen. Ist dieser Traum ein Ausdruck von Schuldgefühl? Oder symbolisiert er einfach den Wunsch, sie loszuwerden?

Teil 2 wird aus Sicht des Schwagers erzählt. Er ist ein nicht sonderlich erfolgreicher Video-Künstler; seine Frau In-Hye – Yong-Hyes Schwester – besitzt einen sehr gut laufenden Kosmetiksalon. Der Schwager ist der einzige, der Yong-Hye als normal ansieht. Er möchte wissen, warum sie kein Fleisch mehr ist, interessiert sich für ihre Motive, empfindet starkes Mitgefühl für sie seit ihrem Selbstmordversuch. Er denkt aber auch, dass ihre Situation hoffnungslos ist und dass sie wohl erneut versuchen wird, sich umzubringen (S. 71).

Seit In-Hye ihm erzählt hat, dass Yong-Hye einen Mongolen-Fleck oberhalb des Gesäßes hat, ist er besessen von der Vorstellung, dass sich zwei nackte Menschen, die über und über mit Blumen bemalt sind, vereinen. Er möchte das Ganze filmen, und er möchte, dass Yong-Hye und er diese beiden Menschen sind.  Er liebt Yong-Hyes „Natürlichkeit eines wildgewachsenen Baumes [], der nie zurechtgestutzt worden war.“ (S. 68). Yong-Hye ist für ihn ein „göttliches Wesen, weder Mensch noch Tier, eher irgendwas zwischen Pflanze und Urwild.“ (S.  92). Ihren Mongolenfleck  empfindet er als „ein Überbleibsel der Photosynthese. Auf alle Fälle etwas Pflanzliches, nichts Sexuelles.“ (S. 87). Er spürt eine große Freude, als sie ihm schließlich erlaubt, sie mit Blumen zu bemalen und zu filmen (S. 91).

Yong-Hye mag die Bemalung und möchte, dass sie bleibt (S. 93). Sie fühlt sich beschützt, träumt nicht mehr schlecht (S. 100). Als sich der Schwager schließlich auch mit Blumen bemalen lässt, schläft Yong-Hye mit ihm. Danach sagt sie: „Ich habe geglaubt, das Fleisch sei daran schuld. [] Ich dachte, ich bräuchte nur auf Fleisch zu verzichten und hätte diese Träume nicht mehr. [] Erst jetzt … habe ich verstanden. Diese Gesichter leben in meinem Bauch. Sie kommen von dort. [] Nun habe ich keine Angst mehr … Das macht mir keine Angst mehr.“ (S. 121). Kann sie an dieser Stelle vielleicht gesund werden? Wir werden es nicht erfahren, denn die Schwester erwischt die beiden, hält das Ganze für krank und lässt beide in die Psychiatrie einweisen. Im Gegensatz zu ihrem Mann wird Yong-Hye die Psychiatrie nie mehr verlassen.

Der dritte Teil wird aus Sicht In-Hyes im Präsens mit Rückblenden in die jüngere und ältere Vergangenheit erzählt. Diese Form der Darstellung lässt das Erzählte unmittelbarer erscheinen und Zusammenhänge zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit deutlich werden. Nachdem In-Hye ihren Mann mit Yong-Hye erwischt hat, verlässt sie ihn. Sie erkennt, dass ihr Ehemann ihr in den Jahren des Zusammenlebens fremd geblieben ist, dass sie ihn nie verstanden hat. Sie hat sich einfach angepasst, nicht widersprochen, alles hingenommen. Sie liebt ihn nicht, hat ihn nie geliebt, er sie auch nicht. Sie denkt über ihre Kindheit nach, darüber, dass sie sich immer um Yong-Hye gekümmert hat, und dass Yong-Hye es war, die die meisten Prügel vom Vater einstecken musste. In-Hye wird zunehmend der Schlaf geraubt, genauso wie zuvor Yong-Hye, die inzwischen wegen Magersucht und Schizophrenie in der geschlossenen Psychiatrie liegt.

Yong-Hye fühlt sich wie eine Pflanze und glaubt, sie brauche nur noch Wasser und Sonne. Die Ärzte wollen sie mit Gewalt zwingen, zu essen – genau wie ihre Eltern. Yong-Hye ist wütend auf In-Hye, weil sie die Ärzte in diesen Versuchen unterstützt, statt ihr die Hoheit über den eigenen Körper – letztlich den Tod – zuzugestehen. In-Hye begreift, dass wenn ihre Schwester und ihr Mann nicht verrückt geworden wären, sie vielleicht den ersten Schritt in diese Richtung getan hätte.

Fazit:

Die Vegetarierin ist für mich die bedrückende Geschichte einer Magersucht. Erst macht sich Yong-Hye mit ihrer Durchschnittlichkeit unsichtbar, dann löst sie sich vollends auf, indem sie kein Fleisch mehr isst und abnimmt. Sie lehnt Fleisch ab, das nach meiner Interpretation hier für das Leben steht. Der Druck, den Yong-Hye spürt, die Schreie und das Gebrüll, stehen nach meinem Empfinden für ihren Wunsch nach Leben, den sie sich nicht zugesteht, und die Wut darüber, dass man ihr ein eigenständiges Leben verwehrt hat. In-Hye und ihrem Mann geht es ähnlich, doch während der Ehemann sich diesen Gefühlen früh angenähert hat, lässt In-Hye sie erst ganz am Ende zu, als ihre Schwester schon fast tot ist.

Han Kang – Die Vegetarierin – Aufbau-Verlag – aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee