Hartmut Lange – Das Haus in der Dorotheenstraße

Hartmut Langes Das Haus in der Dorotheenstraße umfasst fünf kurze Novellen: Die Ewigkeit des Augenblicks handelt von Michael Denninghoff, einem Taxifahrer, der den Tod seiner Frau nicht verwunden hat und die nicht gelebte Trauer an ihrem Lieblingsbild festmacht, das er nach ihrem Tod weggegeben hat und nun unbedingt zurückhaben möchte. In Der Bürgermeister von Teltow geht es um einen überforderten Politiker namens Andreas Schmittke, dessen Stress sich in der Vorstellung manifestiert, eine Krähe halte sich auf dem Rücksitz seines Autos auf. Das Haus in der Dorotheenstraße handelt von Gottfried Klausen, der für seinen Job nach London zieht, während seine Frau Xenia in Berlin zurückbleibt. Er erkennt lange nicht, dass sie einen Geliebten hat und gar nicht in Erwägung zieht, ihm nach London zu folgen. In Die Cellistin sieht und hört eine Person unbekannten Namens eine Cellistin in der Natur sitzen und spielen. Schnell wird der Person klar, dass es Einbildung ist, aber das mindert nicht den Reiz der Erfahrung. Schließlich handelt Der Schatten von Steffi Trautwein, die darunter leidet, dass ihr Ehemann Philipp dauernd abwesend ist. Sie hat sich in der Rolle der wartenden Ehefrau eingerichtet und rückt auch nicht davon ab, als sich die Hinweise mehren, dass er eine Affäre hat.

Hartmut Lange benutzt des Öfteren lange, verschachtelte Sätze, die durch Einschübe und Wiederholungen an die Ungeordnetheit der gesprochenen (und gedachten) Sprache erinnern. Im Prinzip behält er diesen Stil in allen Novellen bei, er fiel mir aber in der ersten Novelle besonders auf, was zu dem unsicheren Tonfall des Protagonisten passt. In der zweiten Novelle ist der Tonfall eher nervös, in der dritten sachlich-penibel, in der vierten – die in der Ich-Form geschrieben ist – entspannt und in der fünften ironisch-distanziert.

Distanziert klingen aber eigentlich alle Novellen (bis auf die vierte mit der Cellistin). Es wird beschrieben, was die Protagonisten denken und tun, aber man erfährt wenig über ihre Gefühle und Motive. Es gibt kaum wörtliche Rede, dafür sind die Gedanken in Anführungszeichen gesetzt, was ich so interpretierte, dass für die jeweils sehr einsamen Protagonisten die Grenze zwischen dem, was sie denken, und dem, was sie sagen, verwischt. Sie sind zu sehr mit sich allein.

In allen Novellen steht der Alltag im Vordergrund, das Festhalten an alten Gewohnheiten. Michael Denninghoff aus der ersten Novelle leidet darunter, den Alltag mit seiner Frau nicht mehr erleben zu dürfen, Bürgermeister Schmittke erlebt ihn als Druck und wird aus der Bahn geworfen. Die untreue Ehefrau Xenia in der dritten Novelle will den Luxus ihres Lebens in Berlin nicht aufgeben. Ihr Mann erkennt, dass er in der Fremde, ohne den gewohnten Alltag, in unangenehmer Weise auf sich selbst zurückgeworfen ist: „Denn wenn man sich mit einer Gegend nicht anfreunden kann, wird man auf sich selbst verwiesen. Man lernt sich kennen, und man erlebt, das kann ich dir versichern, manch unangenehme Überraschung.“ (S. 91). Ein Mann in der Fremde, mit einer daheimgebliebenen Frau, die Xenia heißt, und ihm fremd ist. Gottfried Klausen muss erst aus dem Alltag ausbrechen, um das zu begreifen. Die wartende Ehefrau Steffi in Der Schatten ignoriert alle Warnsignale, nur um ihren Alltag in gewohnter Form aufrechtzuerhalten. Persönliche Vermutungen/Hoffnungen werden als allgemeine Aussagen umgedeutet und sich schöngeredet (S. 113).

In allen Novellen (außer der der Cellistin) geht es darum, dass die Protagonisten die Augen vor der Realität verschließen, nur sehen, was sie sehen wollen. Sie können schwer ertragen, dass die eigenen Überzeugungen angekratzt oder gar widerlegt werden. Lieber sterben sie (Novelle 1), verharren in einer Situation (Novelle 5), fliehen (Novelle 3), oder bekämpfen eine eingebildete Krähe (Novelle 2).

Die Protagonisten in diesen vier Novellen hängen einer fixen Idee nach, haben keinen richtigen Zugang zu ihren Gefühlen und den Gründen für ihr Verhalten und sind so in ihrem Ich und ihrer Situation gefangen. Die nicht fassbaren Gefühle machen sich an einer eingebildeten Krähe fest (Novelle 2), einem Kunstdruck (Novelle 1), dem Schatten vor dem Hintereingang (Novelle 5), einer Aschewolke nach einem Vulkanausbruch (Novelle 3).

Auch in der Novelle Die Cellistin gibt es ein Symbol – eben die eingebildete Musikerin bzw. die CD mit ihrer Musik. Nur dass der Protagonist diese Einbildung annimmt und versteht: „Ich war ernüchtert, musste mir eingestehen, dass die Begegnung mit der Cellistin eine Täuschung gewesen war. […] ‚Es gibt kein Rendezvous mit einer Toten, die in England begraben ist und also keinerlei Grund hat, tausend Kilometer weiter ostwärts wieder aufzutauchen‘, dachte ich, spürte aber, dass sich die Sache damit keineswegs erledigt hatte. ‚Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern.‘

Schließlich bringt der Erzähler es auf den Punkt: „‚Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern‘, dachte ich […].“ (S. 101-102). Genau das machen die Protagonisten aller fünf Novellen, aber nur der Protagonist in Novelle 4 ist sich dessen bewusst. Er erkennt auch die wichtige Rolle der Kunst und resümiert über die CD mit der Musik der Cellistin: „‚Aber es zaubert‘, dachte ich, ‚sowie man es zum Klingen bringt, eben jene menschenfreundliche Ewigkeit herbei, auf der die Cellistin offenbar nicht zu hoffen gewagt hatte.‘“ (S. 104-105). In der Kunst wird der Augenblick zur Ewigkeit, kann man ihn am Leben erhalten. Es ist „[…] die Kunst, die es uns ermöglicht, die Grenze von Leben zum Tode niederzureißen‘.“ (S. 104). Denninghoffs Ehefrau erkannte das zu ihrer Zeit auch in dem Kunstdruck. Sie sagte zu den beiden Personen auf dem Bild: „Die zwei wirken überaus lebendig, verharren aber in ein und derselben Haltung. Es gibt eine Ewigkeit des Augenblicks.“ (S. 32). Hier kommt nach meinem Empfinden auch wieder das Thema „Festhalten“ an etwas Bekannten zum Ausdruck, so dass der Bogen zum Thema „Alltag“ geschlagen wird.

Fazit: Fünf beeindruckende Novellen, große Symbolik auf kleinstem Raum.

Hartmut Lange – Das Haus in der Dorotheenstraße – Diogenes

Jean Echenoz – 14

14 ist ein kurzer Roman über den ersten Weltkrieg. Konkret geht es um Anthime, der zusammen mit seinen Bruder Charles eingezogen wird. Blanche bleibt zurück; sie erfährt, kaum dass die Männer weg sind, dass sie von Charles schwanger ist. Zwar sind sie und Charles weder verlobt noch verheiratet, aber sie will das Kind dennoch und trägt es aus. Das sollte zu dieser Zeit eigentlich ein Problem sein, aber: „Blanche zeigte sich einfach ein halbes Jahr nicht so oft in der Stadt, dann, nach der Geburt, nannte man den Krieg als Grund für die Verschiebung der Hochzeit, erfand ein Verlöbnis, das nie stattgefunden hatte, und versuchte, die Illegitimität des Neuankömmlings hinter der flugs zum Helden verklärten Gestalt des angegeben Vaters vergessen zu machen […].“ (S. 66-67)

Die jungen Männer ziehen in den Krieg in dem Gefühl, dass es nur wenige Wochen dauern wird; sie haben keine Ahnung von dem Horror, der sie erwartet. Mit ihnen erlebt der Leser, dass der Krieg keinen Unterschied macht; es ist egal, als welche Person man in den Krieg zieht. Charles glaubt, dass er etwas Besseres ist als sein Bruder Anthimes, doch ungeachtet dessen ist er der Erste, der umkommt. Aber auch Anthime bleibt nicht verschon; sein Leben wird für immer unter dem Schatten des Krieges stehen.

In einem Kapitel über das Verhältnis von Mensch und Tier beleuchtet das Buch sehr eindrücklich, was der Krieg aus den Menschen machen kann (Kapitel 12): Die Soldaten töten und essen in ihrem großen Hunger alles, was sie kriegen können. Sie werden dabei selbst zu Tieren: „Es geschah sogar, dass Arcenal und Bossis […] einem Ochsen bei lebendigem Leibe im Stehen ein paar Koteletts  entnahmen und ihn dann sich selbst überließen.“ (S. 90). Aber der Mensch macht sich nicht nur über die Tiere her, die Tiere machen sich über den Menschen her. Flöhe befallen die Soldaten, überall laufen Ratten herum (S. 93-95).

Die Sprache ist nüchtern, aber detailliert, drängend, intensiv und mehr oder weniger frei von direkter Rede. Echenoz schreibt eher längere Sätze, die aber nicht allzu verschachtelt sind, und er hat nach meiner Einschätzung einen Sinn für treffende Adjektive. Die Nüchternheit der Sprache betont den Irrsinn des Krieges umso mehr: Ein Freund Anthimes desertiert, ohne es zu wollen, und verliert dadurch sein Leben; Charles wird versetzt in der Hoffnung, zu überleben, und stirbt als erstes; Männer verletzten sich selbst, freuen sich über einen fehlenden Arm, weil sie dann untauglich sind und nach Hause können.

Der Kontrast zwischen dem Krieg und zu Hause könnte größer nicht sein: Hier bangt Anthime um sein Leben – da leidet Blanche wegen und mit einem zahnenden Kind. Die Daheimgebliebenen machen sich keine Vorstellung davon, was die Männer im Krieg erleben bzw. erlebt haben. „Als Anthime nach Hause kam, betreute man ihn sorgfältig während seiner Rekonvaleszenz, pflegte und verband ihn, wusch ihn und gab ihm zu essen und wachte über seinen Schlaf. Man, das heißt vor allem Blanche, die ihm erst liebevoll vorwarf, dass er während seiner fünfhundert Tage an der Front abgenommen hatte – dabei vergaß sie ganz, die ungefähr dreieinhalb Kilo abzuziehen, die ein verlorener Arm dazu beiträgt.“ (S. 106)

Fazit:

Ein dichtes, plastisches, drängendes, lesenswertes kleines Buch über den ersten Weltkrieg. Eine Art Quintessenz dessen, was der Krieg für die Soldaten bedeutete: Die Naivität, mit der sie hineingingen, die furchtbaren Dinge, die sie erleiden mussten, das Leben danach.

Jean Echenoz – 14 – Berlin Verlag – aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Han Kang – Die Vegetarierin

Die Vegetarierin handelt von Yong-Hye, einer Frau, die sich von einen Tag auf den anderen weigert, Fleisch, Fisch oder andere tierische Produkte zu sich zu nehmen.  Der Ehemann und die restliche Familie versuchen, sie zum Essen zu bewegen, aber es gelingt ihnen bis zum Schluss nicht.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Teil 1 wird aus der Sicht des Ehemanns Chong erzählt. Er hat sich bewusst für eine durchschnittliche Frau entschieden. Abgesehen von der Tatsache, dass Yong-Hye keinen BH trägt, ist sie total unauffällig. Sie kocht, macht den Haushalt, schläft mit ihrem Mann, ansonsten lässt sie ihn in Ruhe. Er ist zufrieden, hat nie „die Herausforderung gesucht, die eine außergewöhnliche Ehefrau mit sich gebracht hätte.“ (S. 8). Es läuft aus seiner Sicht alles gut, er arbeitet die meiste Zeit und kümmert sich nicht um seine Frau.

Als Yong-Hye Hals über Kopf zur Vegetarierin (eigentlich Veganerin) wird, ist Chong zunächst entsetzt – bekommt er jetzt kein Fleisch mehr serviert? Er interessiert sich aber nicht für Yong-Hyes Motive, die sagt, ein Traum stecke dahinter, und gewöhnt sich an sein neues Leben. Es stört ihn nur, dass sie nicht mehr mit ihm schlafen will, und so vergewaltigt er sie. Nach einem Geschäftsessen, bei dem Yong-Hye ihren Mann seiner Meinung nach blamiert, informiert er schließlich ihre Familie. Die Eltern machen sich vor allem Sorgen um Chong, der nun zu Hause ohne Fleisch auskommen muss. Bei einer darauffolgenden Familienfeier will der cholerische Vater Yong-Hye mit Gewalt zwingen, Fleisch zu essen. Er schlägt sie, wie er das bis zu ihrem 18. Lebensjahr getan hat. Der Ehemann fasst es als „Demonstration väterlicher Liebe“ auf (S. 42). Yong-Hye schneidet sich daraufhin die Pulsadern auf und kommt ins Krankenhaus.

In kursiv gedruckten Passagen werden in diesem ersten Teil nach und nach Yong Hyes Träume und Empfindungen dargestellt. Sie kann nicht schlafen, weil sie immer wieder von Träumen heimgesucht wird. Sie spürt einen Druck in Herz und Magen: „Was sich dort angesammelt und festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind dort eingeklemmt, da bin ich sicher“ (S. 53). Dieser Druck ist übrigens auch der Grund, warum sie keinen BH trägt (S. 52/53). Es wird in diesen Passagen aber meines Erachtens auch deutlich, dass Yong-Hye Fleisch eigentlich mag, dass es für sie auch Lebendigkeit bedeutet (S. 15/16). Gleichzeitig hat sie das Gefühl, „mit den eigenen Händen jemanden umgebracht zu haben oder getötet worden zu sein“ (S. 32).

Am Ende des ersten Teils sagt Chong: „Ich betrachtete die Szene wie ein Außenstehender, als sei ich nur ein Schaulustiger“ (S. 56). Und genauso liest es sich. Emotional unbeteiligt, aber detailliert, schildert Chong den furchtbaren Verfall seiner Frau. Dieser Eindruck wird verstärkt dadurch, dass der Teil in Ich-Form verfasst ist. Schließlich träumt Chong, Yong-Hye umzubringen. Ist dieser Traum ein Ausdruck von Schuldgefühl? Oder symbolisiert er einfach den Wunsch, sie loszuwerden?

Teil 2 wird aus Sicht des Schwagers erzählt. Er ist ein nicht sonderlich erfolgreicher Video-Künstler; seine Frau In-Hye – Yong-Hyes Schwester – besitzt einen sehr gut laufenden Kosmetiksalon. Der Schwager ist der einzige, der Yong-Hye als normal ansieht. Er möchte wissen, warum sie kein Fleisch mehr ist, interessiert sich für ihre Motive, empfindet starkes Mitgefühl für sie seit ihrem Selbstmordversuch. Er denkt aber auch, dass ihre Situation hoffnungslos ist und dass sie wohl erneut versuchen wird, sich umzubringen (S. 71).

Seit In-Hye ihm erzählt hat, dass Yong-Hye einen Mongolen-Fleck oberhalb des Gesäßes hat, ist er besessen von der Vorstellung, dass sich zwei nackte Menschen, die über und über mit Blumen bemalt sind, vereinen. Er möchte das Ganze filmen, und er möchte, dass Yong-Hye und er diese beiden Menschen sind.  Er liebt Yong-Hyes „Natürlichkeit eines wildgewachsenen Baumes [], der nie zurechtgestutzt worden war.“ (S. 68). Yong-Hye ist für ihn ein „göttliches Wesen, weder Mensch noch Tier, eher irgendwas zwischen Pflanze und Urwild.“ (S.  92). Ihren Mongolenfleck  empfindet er als „ein Überbleibsel der Photosynthese. Auf alle Fälle etwas Pflanzliches, nichts Sexuelles.“ (S. 87). Er spürt eine große Freude, als sie ihm schließlich erlaubt, sie mit Blumen zu bemalen und zu filmen (S. 91).

Yong-Hye mag die Bemalung und möchte, dass sie bleibt (S. 93). Sie fühlt sich beschützt, träumt nicht mehr schlecht (S. 100). Als sich der Schwager schließlich auch mit Blumen bemalen lässt, schläft Yong-Hye mit ihm. Danach sagt sie: „Ich habe geglaubt, das Fleisch sei daran schuld. [] Ich dachte, ich bräuchte nur auf Fleisch zu verzichten und hätte diese Träume nicht mehr. [] Erst jetzt … habe ich verstanden. Diese Gesichter leben in meinem Bauch. Sie kommen von dort. [] Nun habe ich keine Angst mehr … Das macht mir keine Angst mehr.“ (S. 121). Kann sie an dieser Stelle vielleicht gesund werden? Wir werden es nicht erfahren, denn die Schwester erwischt die beiden, hält das Ganze für krank und lässt beide in die Psychiatrie einweisen. Im Gegensatz zu ihrem Mann wird Yong-Hye die Psychiatrie nie mehr verlassen.

Der dritte Teil wird aus Sicht In-Hyes im Präsens mit Rückblenden in die jüngere und ältere Vergangenheit erzählt. Diese Form der Darstellung lässt das Erzählte unmittelbarer erscheinen und Zusammenhänge zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit deutlich werden. Nachdem In-Hye ihren Mann mit Yong-Hye erwischt hat, verlässt sie ihn. Sie erkennt, dass ihr Ehemann ihr in den Jahren des Zusammenlebens fremd geblieben ist, dass sie ihn nie verstanden hat. Sie hat sich einfach angepasst, nicht widersprochen, alles hingenommen. Sie liebt ihn nicht, hat ihn nie geliebt, er sie auch nicht. Sie denkt über ihre Kindheit nach, darüber, dass sie sich immer um Yong-Hye gekümmert hat, und dass Yong-Hye es war, die die meisten Prügel vom Vater einstecken musste. In-Hye wird zunehmend der Schlaf geraubt, genauso wie zuvor Yong-Hye, die inzwischen wegen Magersucht und Schizophrenie in der geschlossenen Psychiatrie liegt.

Yong-Hye fühlt sich wie eine Pflanze und glaubt, sie brauche nur noch Wasser und Sonne. Die Ärzte wollen sie mit Gewalt zwingen, zu essen – genau wie ihre Eltern. Yong-Hye ist wütend auf In-Hye, weil sie die Ärzte in diesen Versuchen unterstützt, statt ihr die Hoheit über den eigenen Körper – letztlich den Tod – zuzugestehen. In-Hye begreift, dass wenn ihre Schwester und ihr Mann nicht verrückt geworden wären, sie vielleicht den ersten Schritt in diese Richtung getan hätte.

Fazit:

Die Vegetarierin ist für mich die bedrückende Geschichte einer Magersucht. Erst macht sich Yong-Hye mit ihrer Durchschnittlichkeit unsichtbar, dann löst sie sich vollends auf, indem sie kein Fleisch mehr isst und abnimmt. Sie lehnt Fleisch ab, das nach meiner Interpretation hier für das Leben steht. Der Druck, den Yong-Hye spürt, die Schreie und das Gebrüll, stehen nach meinem Empfinden für ihren Wunsch nach Leben, den sie sich nicht zugesteht, und die Wut darüber, dass man ihr ein eigenständiges Leben verwehrt hat. In-Hye und ihrem Mann geht es ähnlich, doch während der Ehemann sich diesen Gefühlen früh angenähert hat, lässt In-Hye sie erst ganz am Ende zu, als ihre Schwester schon fast tot ist.

Han Kang – Die Vegetarierin – Aufbau-Verlag – aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee

 

Astrid Rosenfeld – Zwölf Mal Juli

Protagonistin Juli bekommt eine E-Mail von Jakob, der in einem knappen Dreizeiler sein Kommen für den 24. Mai ankündigt. Was man am Anfang noch nicht weiß: Jakob hat Juli vor Jahren völlig überraschend verlassen, ohne zu sagen, warum. Seitdem hat sie ihn nicht mehr gesehen.

Es sind noch zwölf Tage bis zum 24. Mai, die in dem kurzen Roman von Astrid Rosenfeld beschrieben werden. An jedem dieser Tage trifft die Protagonistin auf eine besondere Person, und Julis Denken und Handeln in diesen sehr unterschiedlichen Zusammentreffen illustrieren nach und nach ihre Persönlichkeit und Geschichte. Als Leser lernt man Jakob kennen, Julis Eltern, ihren Bruder, aber auch eine Reihe anderer Personen, die Julis Leben mehr oder weniger stark beeinflussen.

Es entfaltet sich das Bild einer sehr sympathischen, etwas verlorenen jungen Frau, die einem Freund nachhängt, der sie nie richtig verstanden hat. Einerseits empfinde ich die Geschichte als melancholisch, weil ich Julis Einsamkeit nachfühlen kann, andererseits ist es aber auch eine hoffnungsvolle Geschichte, weil Juli auf Menschen trifft, die sie verstehen und ihr nah sind.

Juli ist voller verrückter Sehnsüchte und Ideen, voller Mitgefühl, Spontaneität, Zweifel – Nichts davon konnte Jakob von jeher so richtig nachvollziehen. Noch dazu hatte Juli während ihrer Zeit mit Jakob ständig das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, während Jakob immer eine interessante Geschichte auf Lager hatte.

Nachdem er weg ist, versucht sie, in dieser Hinsicht aufzuholen, saugt begierig Fakten auf, damit sie genauso viel zu erzählen hat wie Jakob. Doch das macht ihr Leben nicht besser. Ihre Karriere als Schriftstellerin stagniert, sie bringt nichts zu Papier. Sie ist passiv, lässt die Dinge geschehen, hängt Jakob nach, hat mit Jakob sich selber verloren. In ihrem Kopf spukt noch das Bild, dass er ihr von ihrer eigenen Persönlichkeit eingepflanzt hat: Eine Frau, die feige ist, nichts zu sagen hat und nichts kann.

Juli findet ganz zu Anfang der Geschichte eine tote Taube, um die ihre Gedanken während der zwölf Tage kreisen. Sie ist überzeugt, dass die Taube eine Botschaft für sie hat, und hört nicht auf, nach dieser Botschaft zu suchen. Am zwölften Tag – dem Tag des Wiedersehens – begreift Juli endlich: Sie muss Jakob hinter sich lassen.

Die Sprache ist sehr reduziert und auf den Punkt, federleicht.

Fazit:

Eine sehr schöne kleine Geschichte, die mich berührt hat.

Astrid Rosenfeld – Zwölf Mal Juli – Diogenes

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Der Roman Die Geschichte der Bienen besteht aus drei Handlungssträngen, die in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen. William ist ein unglücklicher englischer Wissenschaftler in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der gerade erst das Wunder der Bienen entdeckt. In der Gegenwartsgeschichte geht es um den US-amerikanischen Imker George, der darunter leidet, dass sein Sohn Tom das Geschäft nicht fortführen will. Die dritte Geschichte spielt im China des ausgehenden 21. Jahrhunderts. Protagonistin Tao bestäubt als Arbeiterin Blüten, da es keine Bienen mehr gibt. Es handelt sich um eine Dystopie, die illustriert, wie das Leben aussehen könnte, wenn es keine Bienen mehr gäbe.

William ist Saatgutverkäufer und siebenfacher Vater, dessen Herz für die Wissenschaft schlägt. Eine Leidenschaft, der er durch die Familiengründung und den Zwang, Geld nach Hause zu bringen, leider nicht ausgiebig frönen kann. Er wird depressiv, fängt sich aber wieder und entwickelt neue Arten von Bienenstöcken. Allein, zum Durchbruch kommt es nicht, da er mit seinen Erfindungen zu spät dran ist. Seine Tochter Charlotte „erbt“ sein Interesse für Bienen. Dabei erkennt William lange nicht, was er an Charlotte hat, weil er ständig auf Sohn Edmund schielt, den er mit seinen Forschungen beeindrucken will. Auch sein ehemaliger Professor und Mentor Rahm spielt eine große Rolle, er ist eine Vaterfigur,  die William nicht enttäuschen will. Letztlich ist William gefangen in seinem inneren Konflikt und kreist um sich selbst.

George, der Imker, kann nicht akzeptieren, dass sein Sohn Tom andere Pläne für die Zukunft hat, als den Hof des Vaters zu übernehmen. In dieser Geschichte geht es, ähnlich wie bei William und Edmund, um den typischen Konflikt zwischen Eltern und Kindern – inwieweit lässt man den Kindern Raum, ihre eigenen Wege zu gehen. George ist ein Praktiker, will seinem Sohn alles beibringen, was man fürs Imkerdasein können muss. Tom dagegen will schreiben, ist ein begabter Student, doch das interessiert George nur am Rande. George sieht, genau wie William, nur sich selbst und missbilligt die akademischen Ambitionen seines Sohnes. Als es jedoch zu einem großen Bienensterben kommt, entscheidet sich Tom überraschend für seinen Vater und den Hof. Später erfahren wir, dass Toms Wissen und seine Erfahrungen Tao und ihren Mitmenschen in Form eines Buches wieder Hoffnung gibt.

Taos Leben kann man kaum ein solches nennen, es ist eher ein Kampf ums Überleben. Die Städte sind tot, die verbliebenen Menschen leben auf dem Land und arbeiten unermüdlich.  Sie müssen Blüten von Hand bestäuben, damit es etwas zu essen gibt. Tao glaubt daran, durch Bildung zu einem besseren Leben zu finden, ihr Mann Kuan hat sich mit der aktuellen Situation arrangiert. Sie leben unter einer strengen Regierung, die alles bestimmt, keinen Widerspruch duldet, dies aber immerhin in dem Bemühen, die Menschen am Leben zu erhalten. Die Menschen werden in dieser Phase selber zu Bienen unter einer alles bestimmenden Königin, zu unermüdlichen Arbeitern und Arbeiterinnen. Als Taos Sohn einen Unfall hat, macht sie sich auf die Suche nach dessen Ursache. Sie kehrt mit einer Hoffnung gebenden Erkenntnis zurück.

Jede Geschichte für sich wäre nach meiner Einschätzung zu mager gewesen – die Konflikte zwischen den Protagonisten werden nicht in der Tiefe behandelt. Doch die Zusammenstellung der Handlungsstränge, die jeweils stückweise dargeboten werden, ist reizvoll. Dabei sind die Geschichten natürlich einerseits über das Thema Bienen verbunden, andererseits ist George ein Nachkomme Williams, und Tao findet ein Buch, dass Tom geschrieben hat.

Sehr interessant und wichtig finde ich, was man in sachlicher Hinsicht über die Bienen erfährt und natürlich über die möglichen Folgen ihres Aussterbens. Hier rüttelt das Buch auf und macht deutlich, wie wichtig es ist, die Bienen zu erhalten. Es war für mich allerdings ein bisschen schwierig, das inhaltliche Anliegen – die Bedeutung der Bienen für die Menschen zu illustrieren – und die Familien-Geschichten zusammen zu bringen. Ich wusste nicht so richtig, was ich gerade lese. Drei Familiensagen? Ein Sachbuch? Ein Buch über zwischenmenschliche Erwartungen? Diese Unklarheit, die natürlich im Konzept des Buches angelegt ist, bewahrte bei mir eine gewisse Distanz zum Text.

Es ist schon angeklungen, dass das Thema Bildung in dem Roman von großer Bedeutung ist. Es wird aber auch deutlich, dass Theorie und Praxis nur in der Kombination zum Ziel führen. George kann nicht glauben, dass die Theorie irgendeinen Nutzen für ihn als Imker hat. Doch das von Tom angelesene Wissen in Kombination mit seinen praktischen Erfahrungen helfen schließlich Tao. Ihre unbeirrbare Auffassung, dass Bildung der Schlüssel zur Lösung der Probleme ist, führt dazu, dass die Menschen zum ersten Mal wieder Hoffnung haben.

Sprachlich-stilistisch sticht der Roman, soweit ich das beurteilen kann, nicht besonders heraus.  Mir sind weder besonders raffinierte, noch besonders schlechte Formulierungen aufgefallen, es war einfach eine leicht zu lesende Lektüre, was ich angesichts des facettenreichen Inhaltes passend finde.

Fazit:

Im Gesamtpaket eine gut lesbare, interessante, spannende und wichtige Lektüre mit Appell-Charakter, genremäßig (wenig überraschend) nicht so richtig einzuordnen.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen – btb Verlag – aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Protagonist in Tierchen unlimited ist ein nicht namentlich genannter junger Mann, der seine Kindheit in Sarajevo verbracht hat und als Jugendlicher während der Jugoslawienkriege mit seinen Eltern nach Deutschland flieht. Das Buch handelt von Freund- und Feindschaften unter Kindern, von den Umständen der Flucht, von den Problemen, die der Protagonist anfänglich in Deutschland hat, von seinen Freundinnen und deren „Nazi-Brüdern“, von der Kriminalität, in die er hineinrutscht. Es gibt keine durchgehende Handlung, eher eine durch Assoziationen verknüpfte Aneinanderreihung von Episoden, die jedoch eine gewisse Chronologie aufweisen. Letzteres hat mich nicht gestört, was aber den Lesegenuss nach meiner Einschätzung gemindert hat, waren einige Ungereimtheiten:

Am Anfang des Buches flieht der Erzähler zum Beispiel auf dem Fahrrad vor einem dieser „Nazi-Brüder“, der ihn übel zugerichtet und ihm vor der Flucht keine Chance gegeben hat, sich untenrum anzuziehen. So landet der Erzähler „unten ohne“ im Krankenhaus. Findet sich dort wirklich niemand, der mal schnell im Fundus nach einer (Unter-)Hose schaut? Überlässt man einen Patienten nach der Behandlung sich selbst, ohne ihm eine Hose zu geben? Schickt man ihn so nach Hause? Ist das witzig gemeint?

Nicht nachvollziehbar finde ich auch einige Aussagen darüber, was typisch deutsch (S. 22/23) oder typisch Akademiker sei (S. 106). Diese Aussagen (es geht um die Definition von Freundschaft) werden einfach in den Raum gestellt, nicht hergeleitet, nicht in einen Kontext gesetzt, nicht als eigene Einschätzung oder überraschende Erfahrung gekennzeichnet. Meine eigenen Erfahrungen sind anders als die des Erzählers, und da die Aussagen so unkommentiert da stehen, entwickelte sich bei mir beim Lesen kein Verständnis oder Mitgefühl, sondern eher Abwehr. Das ist schade, denn wahrscheinlich hat der Erzähler (bzw. Sila) das ja wirklich so empfunden, als er nach Deutschland kam. Und vielleicht sind seine Beobachtungen ja auch richtig. Aber so, wie es dargestellt wird, überzeugt es mich nicht.

Aufgefallen ist mir auch ein Widerspruch zwischen der flapsigen Jugendsprache auf der einen Seite („Es war voll die schlechte Idee“, S. 10; „Vor zwei Stunden war ich noch am Bumsen gewesen“, S. 11;  „Sie hat nie angerufen, Isch schwör!“, S. 68 usw.) und der Verwendung von Fremdwörtern auf der anderen („Appolinisches Gesicht“, S. 26; „effeminiert“, S. 31; „semantischer Wandel“, S. 38; „Xenophobie“, S. 39 usw.) . Erst auf Seite 122 erklärt der Erzähler seine Vorliebe für Fremdwörter und dass seine Eltern diese Vorliebe leider nie teilten. Es scheint also einen Konflikt gegeben zu haben zwischen dem Erzähler und den Akademiker-Eltern, die möglichst unprätentiös auftreten wollten. Ich finde es schade, dass der Konflikt erst so spät ins Feld geführt wird, da ich so die Widersprüchlichkeit in der Sprache gar nicht richtig einordnen konnte und sie einfach nur albern fand. Ich nehme an, es war als Schachzug zur Erzeugung von Spannung gedacht, aber ich finde, die Rechnung geht nicht auf. Gleiches gilt für andere Stellen, an denen Aussagen erst im Nachhinein erklärt werden (Ist der Erzähler untenrum wirklich nackt? Warum? Wieso taucht plötzlich Melanie bei der Polizei auf?). Gegen Ende des Buches treffen zwei Freundinnen des Erzählers, Sarah und Melanie, aufeinander. Sarah darf aber eigentlich nicht wissen, dass Melanie den Erzähler kennt. Hier wird versucht, Spannung zu erzeugen, und dieses höhepunktartige Zusammentreffen wird auch im Text vorbereitet. Insgesamt ist das Manöver aber sehr durchschaubar und wirkt konstruiert, so dass es bei mir keine Spannung erzeugt hat. Noch dazu ist das Buch, so denke ich, in seiner Episodenhaftigkeit gar nicht auf einen derartigen Spannungsbogen angewiesen.

Der Erzähler gerät schließlich mehrmals an Freundinnen, die Neonazis als Brüder haben, die wiederum in den Jugoslawienkriegen sterben, und er selber hat auch einen verrückten Neonazi-Freund. Was will uns Sila damit sagen? Dass er, als er nach Deutschland kam, das Gefühl hatte, nur von Neonazis umgeben zu sein? Welche Rolle spielen diese in  den Jugoslawienkriegen? Warum ist das für die Geschichte wichtig? Meine Vermutung ist, dass Sila auf das Thema Gewalt anspielt. Der Erzähler bemerkt, dass die Kinder in Bosnien zur Gewalt erzogen werden und stellt dann fest, dass Deutschland auch nicht viel ärmer an Gewalt ist (S. 83/84). Aber selbst, wenn ich das richtig interpretiere, habe ich auch hier das schon genannte Problem – Bestimmt hat der Autor das so erlebt, ich will ihm das nicht absprechen, und natürlich gibt es Probleme mit (rechter) Gewalt in Deutschland. Aber der Erzähler setzt sich nicht richtig damit auseinander, weder auf persönlicher noch auf gesellschaftlicher Ebene. Und er erklärt auch nicht, warum er das nicht tut. Liegt es vielleicht an seiner Jugend? Ich weiß es nicht.

Insgesamt finde ich, dass Sila es dem Leser schwermacht, wirklich mitzufühlen, einfach weil zu viel berichtet und zu wenig geschildert wird. Gerne hätte ich mehr darüber erfahren, wie sich der Erzähler in Deutschland in der Schule fühlte, was er gedacht hat, als er Probleme mit den Mitschülern und Lehrern hatte. Es reicht nicht, zu konstatieren, dass man in der Schule disziplinarische Probleme hatte und sich scheiße gefühlt hat. Ich will als Leser teilhaben! Vielleicht hätten sich dann auch die von mir genannten Ungereimtheiten aufgelöst.

Die Sprache finde ich etwas bemüht, habe schon von dem Widerspruch zwischen Jugendsprache und der Nutzung von Fremdwörtern gesprochen. Dazu kommt ein für meinen Geschmack inflationärer Gebrauch des Doppelpunktes. Ein Stilmittel, dass Sila oft heranzieht, geht so: Er schreibt einen einleitenden Satz, in dem er ankündigt, was er im Folgenden sagen will, dann macht er einen Doppelpunkt, und dann kommt das, was er zu erzählen hat (Bsp. S. 113, 119, 157, 162, 164, 178, 191, 208, 215, 218). Einige Vergleiche und Metaphern finde ich zudem etwas holprig bzw. unverständlich:

„Wenn ich laut zu sprechen versuchte, machte ich nur … traurige Ellipsen mit dem Kopf“ (S. 10) – Was bedeutet es, traurige Ellipsen mit dem Kopf zu machen?

„Ich saß stumm im Adrenalinloch und war voll träger Gefühle, die aneinanderscheuerten. Ihre Brösel wurden zu Gedanken“ (S. 14) – ???

„Und es war jetzt auch nicht so, als kannte ich keine Menschen, die hart wie Koffergriffe waren (S. 14)“ – Wieso Koffergriffe? Sind diese dafür bekannt, besonders hart zu sein?

„Krieg und Frieden waren nur die Epidermis eines Lebens, das von Regungen bestimmt wurde, für die ich nichts konnte“ (S. 113) – ???

Fazit:

Was Sila vor allem in der zweiten Hälfte des Buches über den Krieg und seine Flucht zu berichten hat, finde ich sehr wichtig, interessant und auch berührend. Leider hat er diese Erfahrungen nicht in eine „normale“ Biographie gepackt, sondern in einem Roman, der für mich insgesamt wenige Einsichten bereithält. Das Buch gibt sich einen Anstrich von Gedankentiefe, die aber nach meinem Empfinden nicht besteht, und das gibt den sehr lesenswerten Erfahrungen des Autors keinen angemessenen Rahmen.

Den Klappentext finde ich irreführend. „Wild, bedrückend genau und dabei hoffnungsvoll komisch erzählt Tijan Sila von einem jungen Mann, für den Grenzen nur existieren, um sie zu übertreten.“ Das Gesagte ist für meinen Geschmack nicht wild, nicht hoffnungsvoll, sondern es berührt mich an vielen Stellen (vor allem in der ersten Hälfte) nicht. Und ich habe kein einziges Mal gelacht (aber vielleicht bin ich auch einfach zu analytisch an den Text herangegangen). Den jungen Mann, „für den Grenzen nur existieren, um sie zu übertreten“, sehe ich nicht. Ich sehe einen ganz normalen, eigentlich harmlosen jungen Mann, der in seinem Leben schlimme Erfahrungen gemacht hat, kriminell geworden und an merkwürdige Frauen geraten ist. Wie das alles zusammenhängt, warum Sila mir das so erzählt und nicht anders, verstehe ich nicht.

Tijan Sila – Tierchen unlimited – Kiepenheuer & Witsch

Daniel Glattauer – Die Wunderübung

Die Wunderübung ist kein Roman, sondern ein Theaterstück bzw. eine Komödie. Sie handelt vom Ehepaar Dorek, das einen Berater aufsucht, um eine Paartherapie zu machen. So besteht das Buch im Wesentlichen aus wörtlicher Rede plus einigen kurzen „Regieanweisungen“:  „Berater (hocherfreut): Jaja, aber sicher, natürlich! Sehr gerne! Der Berater mustert die Klienten erwartungsvoll. Schweigepause. Joana: Sie meinem vielleicht, dass einer von uns beiden…“ (S. 8).

Das Ehepaar macht es dem Berater nicht gerade leicht; Herr und Frau Dorek sind ein bisschen sperrig – um es vorsichtig auszudrücken – und die Komödie handelt davon, wie der Berater mit dieser Situation umgeht und das Paar doch noch „knackt“ und ihnen hilft. Angeblich schafft er das mit Hilfe der titelgebenden „Wunderübung“, letztlich ist es aber die sogenannte „Paradoxe Intervention“, die hilft und in der Komödie beschrieben wird.

Es wird deutlich, warum die Situation der Doreks so verfahren ist: Keiner der beiden will seine Dominanz aufgeben, sich in den anderen hineinversetzen, es hagelt gegenseitige Vorwürfe, eine böse Unterstellung jagt die nächste. Am Ende ist es um die Beziehung von Joana und Valentin dank der Intervention des Beraters zwar wieder besser gestellt, aber eigentlich haben sie nichts dazugelernt.  Dafür der Leser umso mehr.

Man lernt in Die Wunderübung also etwas darüber, wie manche Paare miteinander umgehen und welche Methoden Psychotherapeuten anwenden, um Beziehungskonflikte zu bearbeiten. Man erfährt aber letztlich auch – und das ist neben der plötzlichen Wendung hin zur Lösung des Beziehungskonfliktes der zweite Clou des Buches – dass es zwei verschiedene Paar Schuhe sind, andere Menschen zu behandeln und selber eine Beziehung zu führen (S. 109-111).

Fazit:

Ein kleines, lehrreiches Büchlein für zwischendurch für alle, die sich für Psychologie interessieren; amüsant und mit zwei mehr oder weniger unerwarteten Wendungen.

Daniel Glattauer – Die Wunderübung – Goldmann

 

Anke Stelling – Fürsorge

Der Roman Fürsorge handelt von der Ex-Ballerina Nadja und ihrem Sohn Mario, der bei seiner Großmutter Hanne aufgewachsen ist. Nadja trifft ihn 16 Jahre nach der Geburt zum ersten Mal wieder und sie beginnen eine sexuelle Beziehung, die sie Marios Kinderzimmer ausleben.

Die Geschichte wird aus Sicht Gesches beschrieben, die Nadja allerdings nur flüchtig kennt und in dem Buch zusammenträgt, was ihr über sie zu Ohren kommt. Im Prolog heißt es, Gesche versuche, die „Dinge zu sortieren“ und „einzuordnen“. Mit „Dinge“ meint sie wohl die inzestuöse Beziehung, und es soll vermutlich heißen, dass sie die Situation nicht bewerten, sondern in Bezug zu Nadjas und Marios Persönlichkeiten und Erfahrungen setzen will.

Anfangs beschreibt Gesche Nadjas Disziplin und Ehrgeiz, was Training und Essen angeht; die Faktoren, die sie zu einer erfolgreichen Ballerina gemacht haben. Gesche hat nicht nur wegen ihrer Schwangerschaft ein paar Pfunde zu viel; sie ist, was Disziplin und Ehrgeiz angeht, einfach das genaue Gegenteil von Nadja und auch ein bisschen neidisch.

Stelling liefert eine sehr plastische Schilderung von Nadjas schwebender körperlicher Erscheinung, ihrem eleganten Auftreten, aber auch ihrer inneren Unruhe, der überbordenden (körperlichen) Wahrnehmung, ihrer Wortlosigkeit. Im Weiteren erfahren wir, dass Mario in dieser Hinsicht ganz genauso ist. Mario ist Nadja in jung, und damit ist er das, was sie nicht mehr ist und gerne noch wäre. Mario ist aber nicht nur eine Projektionsfläche für seine Mutter, sondern auch für angeblich wohlmeinende Mentoren wie seinen Chef im Fitnessstudio (S. 69) oder den Leiter des Betriebs, in dem er Praktikum macht (S. 118 ff). Beide Männer interessieren sich eigentlich nicht für Marios Situation.

Nadja sucht Mario nach 16 Jahren auf, weil ihre Tanzkarriere aus gesundheitlichen Gründen am Ende ist. Damit bricht auch ihr Lebensinhalt weg, denn Nadja ist nicht das, was sie denkt oder fühlt, sondern sie ist Bewegung, sie ist ihr Körper. Wenn jemand ihren Körper berührt, berührt er Nadjas Inneres (S. 137). Sie sucht einen neuen Lebensinhalt bzw. Halt, den ihr zuvor das Tanzen gegeben hat.

Mario bringt wieder Bewegung in Nadjas Leben. Er betrachtet sie als „Trainingsmaschine“, sie betrachtet ihn als „Gesamtkunstwerk“, sie nutzt ihn aus „Langeweile“ und „Mangel an Ideen“ (S. 56) – so stellt Gesche es dar. Mir scheint eher (aber vielleicht ist das auch kein Gegensatz), dass die einzige Beziehung, zu der Nadja fähig ist, die Beziehung zu einem Körper ist. Und da die Beziehung zu ihrem eigenen Körper nicht mehr funktioniert (weil er nicht mehr tanzen kann), braucht sie einen anderen Körper. Ich interpretiere es so, dass der Wunsch, seelisch berührt zu werden umgemünzt wird in ein Bedürfnis nach körperlicher Berührung, einfach weil das Seelische zu lange vernachlässigt wurde (S. 136-137).

Nadjas Mutter Hanne ist keine Frau der großen Worte, sie versorgt Mario physisch, aber nicht psychisch, genauso, wie sie es mit Nadja gemacht hat. Nadja agiert als Partnerin ihrem Freund Daniel gegenüber genauso. Sie kauft für ihn ein, gibt ihm Geld etc.,  aber sie spricht nicht mit ihm, öffnet ihr Herz nicht, nimmt ihn nicht zur Kenntnis. Eine echte Beziehung, die über das Seelische vermittelt ist, über den Austausch von Gedanken und Gefühlen, gibt es im Leben der drei Hauptpersonen Hanne, Nadja und Mario nicht.

Nadja handelt in Gesches Augen selbstsüchtig und verantwortungslos, indem sie mit ihrem Sohn schläft. Gesche empört sich aber nicht, bleibt eher distanziert, was zwar angesichts des ernsten Themas unangemessen scheint, andererseits aber zum Wesen der Figuren passt. Nadja nimmt die Dinge, wie sie sind. Sie wundert sich über nichts, fragt nicht nach, sie bewertet nicht, erlaubt sich kein Urteil, sie fragt nicht, was andere denken könnten oder was ihr eigenes Verhalten über sie selbst aussagt. Gleiches gilt für Hanne und Mario. Nadja und Mario geben sich auch keine Mühe, die Verbindung zu verheimlichen. Mario hat – im Gegensatz zu Ödipus – kein schlechtes Gewissen (S. 146). Gesche wirft die Frage auf, ob das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, verloren geht, wenn es niemanden gibt, der sich in einen hineinversetzt (S. 145) – wenn man also genau wie Nadja und Mario nie Empathie erlebt hat. Letztlich machen Distanziertheit und Mangel an Empathie (auf Seiten der Umwelt, aber auch bei Nadja und Mario selber) die Beziehung der beiden ja erst möglich:

Denn was bedeutet es eigentlich, eine gute Mutter zu sein und sich um sein Kind zu kümmern? Was heißt Fürsorge? Wo fängt Desinteresse an? Ziemlich am Ende resümiert Gesche: „Ob diskret oder gleichgültig, freigeistig oder feige, lässt sich bei keinem von uns abschließend festlegen, fest steht nur eines: Nadja kommt mit allem durch“ (S. 147). Hier geht es darum, dass sich niemand einmischt, niemand etwas dazu sagt, dass Mutter und Sohn ein Verhältnis haben, der eine nennt als Grund seine Toleranz, der andere ist nicht mutig genug, der Dritte bezeichnet sich als diskret, und wieder anderen ist es schlicht egal. Nadja kommt damit durch, weil sie eine so erhabene Erscheinung ist: „Wer Geld und Geschmack hat, kann sich alles erlauben“ (S. 169).

Als Nadja mit Mario zusammen ist, rasiert sie sich am ganzen Körper, der so noch mehr zum Körper eines Kindes wird. Und sie benimmt sich auch wie ein Kind (S. 73), sie kommt in die Küche, um etwas zu essen, lässt den Müll stehen, überlasst der Mutter alle Arbeit und geht wieder in ihr Kinderzimmer (das jetzt Marios Zimmer ist und wo sie miteinander schlafen). Auch Mario gegenüber verhält sich Nadja wie ein Kind, das sich in den Vordergrund drängelt (S. 108, 73). Nadja lässt sich zum ersten Mal gehen, liegt die ganze Zeit im Bett und wartet darauf, dass Mario nach Hause kommt und wieder mit ihr schläft (S.84-85).

Der einzige Moment, in dem man sich laut Gesche richtig gehen lassen kann, ist bei der Geburt eines Kindes (S. 77-78). Ich verstehe es so, dass das Verhältnis von Mutter und Sohn eine Art zweiter Geburt ist. Da ist die Symbiose zwischen Mutter und Sohn (S. 66), die auch Nadjas Haut und sonstigen körperlichen Schwierigkeiten besser werden lässt. Sie verhält sich wie eine frischgebackene Mutter, „Nadja holt nur das nach, was andere Mütter längst hinter sich haben“ (S. 137; sie beobachtet ihn beim Schlafen, will jeden Moment mit Mario zusammen sein, will ihn berühren usw.). Und das in einer Zeit, in der sich Mario als Jugendlicher eigentlich von seiner Mutter (zum zweiten Mal) „abnabeln“ würde. Mario erinnert gleichzeitig auch an ein Baby mit seiner Eiweißnahrung, von der er als Bodybuilder fast ausschließlich lebt. Insgesamt sind die Rollen verwischt: Nadja ist wieder Kind, aber auch eine junge Mutter, Mario ist Mann und gleichzeitig Kind.

Zur Sprache: Das Buch ist sehr angenehm und flüssig zu lesen; Stelling formuliert dicht und treffend. Sie kann mit wenigen Worten plastische Bilder im Kopf erzeugen und viel Information übermitteln, ohne dass es aufzählend wirkt. Ein Beispiel: „Seit Nadja der Bühne krankheitsbedingt den Rücken  kehren musste, unterrichtet sie dreimal die Woche den Nachwuchs, hat also weiterhin ihr Auskommen, hat mehr als das – diese schöne Fünfzimmeraltbauwohnung, die sie morgens nach dem Aufstehen durchschreiten kann, hierhin, dorthin. Genug Raum für spontane Übungseinheiten, das Schlafzimmer geht nach hinten raus, in der Küche steht ein Tisch, an dem problemlos zwölf Leute Platz finden.“ (S. 12). In diesem kurzen Abschnitt lernt der Leser sehr viel über Nadja: Sie ist krank, sie kann nicht mehr tanzen, sie unterrichtet den Nachwuchs, sie verdient gut, sie lebt in einer noblen Gegend, sie strahlt Eleganz aus („schreitet“), sie braucht Bewegung, sie führt zu Hause Übungseinheiten durch, sie wohnt an einer Straße, kann aber trotzdem ruhig schlafen, sie hat eine große Küche und empfängt öfters Gäste.

Fazit:

Mehrere Fragen kamen mir beim Lesen in den Sinn:

Ist Nadja wirklich so gefühllos, wie sie dargestellt wird? Wäre sie eine erfolgreiche Ballerina gewesen, wenn sie nicht auch Gefühle ins Tanzen hätte legen könnte? Wenn sie keine Gefühle hätte? Es wäre umso verständlicher, dass sie ohne das Tanzen leidet, weil ihr die Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken, genommen ist. Dieser Aspekt kommt für meinen Geschmack zu kurz.

Steht Nadja mit ihrer wortkargen, distanzierten Art für den Berufszweig des Tänzers an sich? Oder gibt es Tänzer, die ihre Gefühle auch verbal gut ausdrücken können, d.h. „nicht-körperlichen“ Zugang zu ihnen haben?

Wird man als Kind einer sprachlosen, wenig einfühlsamen Mutter nicht eher besonders einfühlsam? Oder zumindest distanzlos (was dann zwar auch wieder einen Mangel an Empathie darstellt, aber eben auf eine aufdringliche Art)? Jeder Mensch will und braucht ja eine Bindung, und wenn die Mutter nicht erreichbar ist, wird ein Kind meiner Einschätzung nach alles versuchen, um an die Mutter heranzukommen. Entweder, indem es sich besonders in die Mutter einfühlt, oder, indem es sich an sie dranhängt, sich aufdrängt. Mit anderen Worten, ist es psychologisch schlüssig, dass alle drei, Hanne, Nadja und Mario, gleich „gestrickt“ sind?

Ungeachtet dieser Fragen – eigentlich sogar wegen der vielen Fragen, die aufgeworfen werden – finde ich das Buch sehr lesenswert.

Anke Stelling – Fürsorge – Verbrecher Verlag

Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Der Tod so kalt ist ein Thriller über ein nie aufgeklärtes Verbrechen, besser gesagt ein Massaker, das sich 1985 in einer sagenumwobenen Schlucht in den Dolomiten ereignet hat. Eine Hypothese ist, dass die drei Toten einem prähistorischen Monster zum Opfer gefallen sind, einem Tier, das im Perm gelebt hat und in den Höhlen der Gegend bis in die heutige Zeit überlebt hat.

Hauptperson ist der US-Amerikaner Jeremiah Salinger, ein Drehbuchautor, der mit Frau und Kind aus den USA in das Heimatdorf seiner Frau in Norditalien zieht. Er verbeißt sich in die Idee, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Bei seinen Recherchen zu dem Massaker trifft Salinger auf viel Widerstand seitens der Dorfbewohner.

Die Idee finde ich gut, aber ich denke, es ist kein Thriller, sondern ein Krimi. Diese Einschätzung leite ich zum einen aus der Tatsache ab, dass die Hauptperson Salinger eigentlich nie ernsthaft in Gefahr gerät (beziehungsweise erst ganz am Ende, und auch da hatte ich nicht wirklich Angst um ihn). Zum anderen ist das Tempo der Erzählung vor allem in der ersten Hälfte langsam, teilweise sogar etwas zäh. D‘Andrea versucht, mit kurzen Vorschauen Spannung zu erzeugen (z.B. S. 118), aber so richtig hat es mich nicht gepackt. Warum ist das so?

D’Andrea berichtet bisweilen eher kursorisch über Dinge, die er erlebt hat, statt sie wirklich plastisch darzustellen (z.B. S. 45ff, S. 115ff). Dazu kommt, dass er Anekdoten aus seinem Familienleben einstreut, die nicht direkt mit der Handlung zu tun haben (z.B. S. 47ff, S. 110ff). Ich vermute, D’Andrea will uns damit die Hauptpersonen näher bringen, die Identifikation mit den Figuren erleichtern. Aber dazu hätte er lieber weniger berichtet und stattdessen aussagekräftigere Situationen geschildert.

Es hat mich aber auch deshalb nicht so richtig mitgerissen, weil die Aufklärung im Wesentlichen darin besteht, dass Salinger nacheinander verschiedene Dorfbewohner befragt, und D’Andrea dies in etwas anstrengende Dialoge packt: Salinger stellt eine Frage, die Person liefert Info 1. Salinger hakt bei irgendeinem Detail nach, die Person liefert Info 2. Salinger hakt nach, Info 3 usw. (z.B. S. 87ff). Auf diese Weise durchstrukturiert wirken die Dialoge sehr künstlich, da ja im wahren Leben Information auch aus freien Stücken und beiläufig gegeben und normalerweise auch nicht so gezielt kommuniziert wird.

Schließlich gelingt es D’Andrea nach meinem Empfinden nicht so gut, die Gefühle seiner Hauptpersonen zu vermitteln: Salingers Reaktion nach einem Unfall der Tochter, seine Besessenheit, das Massaker aufzuklären, das Gefühl, seine Frau zu hintergehen, die nicht möchte, dass er ermittelt… Ich habe lange überlegt, wie dieser Eindruck entsteht und ich glaube, es liegt unter anderem daran, dass D‘Andrea es übertreibt mit den Gefühlen. Es wird so dick aufgetragen, dass es für mich nicht mehr nachvollziehbar ist. Das schafft dann eher Distanz, als dass ich mitfühle.

Fazit:

Zu langer, anfangs etwas zäher Krimi mit interessantem Plot, der gegen Mitte Fahrt aufnimmt und sprachlich etwas ansprechender hätte sein können.

Der Tod so kalt – Luca D’Andrea – Deutsche Verlags-Anstalt

Trevor Noah – Born a crime

Trevor Noah ist Moderator der „Daily Show“, einer politischen Satiresendung auf Comedy Central. Er wurde 1984 in Johannesburg geboren und ist Sohn einer südafrikanischen Mutter vom Stamme der „Xhosa“ und eines Schweizers. Eigentlich waren Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen zu dieser Zeit in Südafrika verboten, eine Haftstrafe von bis zu 5 Jahren drohte. So erklärt sich der Titel: „Born a crime“.

Trevor Noah schildert in dem Buch seine Kindheit und Jugend in Südafrika. Seine Mutter nimmt hier eine besondere Stellung ein, da die engere Familie eine ganze Weile lang nur aus ihnen beiden bestand. Sie scheint eine bemerkenswerte Frau zu sein; sehr religiös, eigenwillig, stur, einfallsreich, klar, furchtlos – auch da, wo sie es eigentlich nicht sein sollte (S. 13). Noahs leiblicher Vater nimmt keine so große Rolle in dem Buch ein, auch wenn ihm ein Kapitel gewidmet ist. Letzteres zeigt aber, dass trotz dessen physischer Abwesenheit eine positive Beziehung zu Noah vorhanden ist.

Trevor Noah erzählt im Plauderton und mit viel Humor (aber niemals platt) sehr reflektiert über eine harte Kindheit, die durch Verzicht, Strenge, Ausgrenzung und Gewalt gekennzeichnet war. Er sieht sich selbst und sein Leben dabei sehr klar, er ist nicht anklagend oder bedauernd, er versucht nicht, sich in einem besonderen Licht dastehen zu lassen. Auch  der Begriff „Moral“ kam mir beim Lesen nie in den Sinn, auch wenn das beim Thema Apartheit vielleicht naheliegt. Noah zeigt eher auf, wie absurd, widersprüchlich, unlogisch, verrückt das ganze Konzept ist. Der Ton des Buches – Humor gemischt mit Herz und analytischem Verstand –  illustriert vielleicht, wie er es schaffen konnte, unter den gegebenen Voraussetzungen der zu werden, der er ist.

Man erfährt, was es heißt, als Schwarzer (oder allgemeiner: Nicht-Weißer) während der Zeit der Apartheid in Südafrika gelebt zu haben, aber auch, was die Aufhebung der Apartheid für neue Probleme brachte. Noah weist an mehreren Stellen auf typische Eigenheiten der Weißen und Schwarzen hin, auf das gegenseitige Nicht-Verstehen dieser Eigenschaften und zu welchen skurrilen und schlimmen Missverständnissen es führen kann.  Er zeigt aber auch auf, wie es ist, als „mixed person“ zwischen mehreren Welten aufzuwachsen. Noah selbst ist ja weder schwarz noch weiß, sondern „colored“, aber selbst in dieser Gruppe fühlt er sich nicht recht akzeptiert. Er kommt (nicht zuletzt, weil er viele Sprachen spricht) zwar in vielen Welten klar, gehört aber nirgendwo richtig dazu. Spannend fand ich, wie er seinen Weg findet, damit umzugehen.  Er findet eine „Nische“, wird zu einem „Chamäleon“, das zwischen den Gruppen hin und her „schwebt“. Er mischt sich unter die Leute, kann mit allen gut – den Sportlern, den Computernerds, den Kindern aus den Townships. Er erzählt Geschichten, macht Witze (S. 140). Er versucht nicht, für die ganze Person, die er ist, akzeptiert zu werden, sondern nur für das, was er mit den anderen teilen will, und das ist der Humor: “You don’t ask to be accepted for everything you are, just one part of yourself that you’re willing to share. For me it was humor. I learned that even though I didn’t belong to one group, I could be a part of any group that was laughing.” (S. 141). Kein Wunder vielleicht, dass er Comedian und Alleinunterhalter geworden ist.

Was mich am meisten beeindruckt hat, ist Noahs Resilienz, also seine Widerstandsfähigkeit gegen die Widrigkeiten seines Lebens. Die Fähigkeit, nicht zu verzweifeln, nicht verbittert zu werden, Mut zu haben. Hier spielt die Mutter wahrscheinlich eine große Rolle, die Noah Bildung mitgegeben hat und wohl das Gefühl, wertvoll zu sein. Zum Nachdenken gebracht hat mich in diesem Zusammenhang speziell die Tatsache, dass Noah diese Resilienz trotz der vielen Prügel, die er (auch von seiner Mutter) einstecken musste, erworben hat. Ich glaube, die Lösung liegt darin, dass die Mutter nicht im Zustand äußerster Wut gehandelt hat, sondern das Schlagen eine disziplinarische Maßnahme war (S. 84-85). Wenn ein Kind von einem wütenden Erwachsenen geschlagen wird, einem Erwachsenen, der „außer sich“ ist, hat es Todesangst. Über die Prügel seines späteren Stiefvaters schreibt Noah dementsprechend: „In all the times I received beatings from my mom, I was never scared of her. … The first time Abel hit me I felt something I had never felt before. I felt terror.“ (S. 262). Und dann: „I felt like there was something inside him that wanted to destroy me.“ (S. 264). Noah berichtet, dass viele schwarze Eltern ihre Kinder schlagen. Ich verstehe es so, dass die Prügelstrafe eingesetzt wird in der Hoffnung, das Kind adäquat auf eine für es ungerechte Welt vorzubereiten: „You get that with a lot of black parents. They’re trying to discipline you before the system does. “ (S. 227). Ob diese Strategie der Vorbereitung wirklich funktioniert, sei mal dahin gestellt, aber es hilft vielleicht, die Haltung der Eltern zu verstehen. Wobei – und auch das finde ich bemerkenswert – die Mutter später von der Prügelstrafe als Disziplinierungsmaßnahme abkommt (S. 262).

Kennzeichnend für die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist meines Erachtens die folgende Situation: Noah ist nach einer Prügelstrafe in seinem Zimmer und weint. Die Mutter kommt herein und fragt, ob er zum Essen kommt. Sie müssen sich beeilen, wenn sie später zusammen Rescue 911 im Fernsehen schauen wollen. Noah antwortet:  “What? What kind of psychopath are you? You just beat me!” (S. 85). Natürlich weiß ich nicht, ob das wirklich seine Antwort war, aber der Tonfall zeigt, dass Noah keine Angst vor seiner Mutter hatte und sich mit ihr auseinandergesetzt hat (andere Episoden legen das auch nahe).

Noah ist ein Junge, der Regeln auf ihre Stichhaltigkeit hin prüft. Wenn er eine Regel ungerecht findet, setzt er alles daran, zu seinem Recht zu kommen. Und hier ist die Mutter oft an seiner Seite und nimmt ihn in Schutz gegenüber Autoritäten. Auch das ist vielleicht ein Grund für Noahs Resilienz: Seine Mutter versteht seine Logik und unterstützt ihn. Sie lebt ihm vor, was es heißt, keine Angst vor Autoritäten zu haben und geistig unabhängig zu sein. Das hält sie aber leider nicht davon ab, einen alkoholabhängigen und gewalttätigen Mann zu heiraten, für den sie sich sehr einsetzt, und der sie später fast umbringt. Völlig unfassbar für mich auch: Die Polizei hilft Noahs Mutter nicht. Sie will ihren Mann anzeigen, aber die Polizisten auf der Wache raten ihr, sich mit ihm zu arrangieren. Sicher hat sie ihn wütend gemacht und ist selber schuld. Noah resümiert: „They were men first, and police second.“ (S. 257). In einem System, in dem die Männer zusammenhalten, hat eine Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird, keine Chance. Noah versteht lange nicht, warum seine Mutter den Vater nicht einfach verlässt. Er denkt, sie hat eine Wahl. Aber später versteht er, dass das nicht stimmt (S.272).

Einen letzten Punkt würde ich gerne erwähnen, und zwar Noahs (humorvolle) Art, seine Lebensweisheiten herzuleiten: Was bedeutet es zum Beispiel, jemanden zu lieben? Hier kommt sein Hund Fufi ins Spiel. Auch scheint die Sache mit den Mädchen anfangs wohl etwas schwierig gewesen zu sein, was Noah in drei gesonderten Kapiteln darstellt. Ein anderes Kapitel handelt von seiner Zeit in Alexandra. Noah beschreibt sehr plastisch, was es heißt, in diesem Township zu leben. Beeindruckt haben mich seine Ausführungen zum Thema „Kriminalität“, die dort zum Leben dazugehört. Was heißt es eigentlich, kriminell zu sein? Und wie hängt die Definition mit der Lebenssituation zusammen?

Fazit:

Ich kann es wohl kaum verhehlen, dass mir das Buch sehr gut gefallen hat. Trotz Englisch gut zu lesen, voller Humor, ergreifend, berührend,  sachlich informativ, persönlich lehrreich.

Trevor Noah – Born a crime – Spiegel & Grau