Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt

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Eine Frau und ein Mann renovieren zur Zeit der Wende eine Altbau-Wohnung in Berlin. Sie wollen gemeinsam dort einziehen. Sie sind schon etwas älter, haben  erfüllende Berufe, ehemalige Beziehungen und ältere Kinder. Etwas Neues soll beginnen, ihr gemeinsames Leben. Aber schon auf den ersten Seiten wird klar, dass das Schicksal auf perfide Art dazwischenfunkt.

Der Mann fällt beim Renovieren von der Leiter und staucht sich die Wirbelsäule. Und während er sich durch die Reha kämpft, kümmert sie sich um die Wohnung. Als die beiden schließlich eingezogen sind – der Mann geht mittlerweile am Stock – stellt sich heraus, dass die Wohnung ein echter Fehlgriff ist: Nachts können sie vor lauter Lärm nicht schlafen, die Heizung geht dauernd kaputt, ständig ist der Behindertenparkplatz besetzt usw.

Auf die Frage, warum die beiden in der Wohnung bleiben, gibt das Buch keine Antwort. Es ist wie ein Bericht verfasst, d.h. man erfährt wenig über ihre Gefühle oder darüber, wie sie die Situation bewerten. Natürlich versuchen sie, die Probleme zu lösen, ihre Bemühungen bleiben aber erfolglos. Warum gehen sie nicht? Meine Vermutung ist, dass sie bleiben müssen, um dem Sturz nachträglich einen Sinn zu geben. Die Wohnung muss es wert sein, dass er nur noch am Stock laufen kann.

Am Ende des Buches heißt es: „Alles, was auf diesen Seiten zur Sprache kommt, hat sich auf diese oder jene Weise ereignet. […]“ Ulrike Edschmids Partner ist der Mann, der fällt – und der in der zweiten Hälfte des Buches etwas in den Hintergrund rückt. Die Erzählerin schildert hier alle möglichen Dinge, die sie erleben: Der Kioskbesitzer um die Ecke wird angeschossen, sie müssen wegen eines Bombenfundes überstürzt das Haus verlassen und ähnliches.

Der Mann kommt immer dann wieder ins Spiel, wenn er eigentlich schnell reagieren müsste, dies aber nicht mehr kann. Ich verstehe es so, dass die erzwungene Verlangsamung und Hilfsbedürftigkeit des Mannes durch die „Verschnellerung“ und Verrohung der Umwelt betont werden soll. Doch gelingt dies meines Erachtens nicht. Das liegt vor allem daran, dass es kein Vorher gibt. Wie haben sie vorher gelebt? Was hat der Mann gemacht, was die Frau? Was war ihnen wichtig? Wo haben sie gelebt? Wie verroht und schnell war das Viertel vorher? All das wird nur angerissen, ist aber zum Verständnis der Veränderung wichtig und hätte meines Erachtens genauer ausgeleuchtet werden müssen.

Es gelingt auch deshalb nicht, weil einfach ein schlimmes Ereignis an das nächste gereiht wird. Offensichtlich haben die beiden all das erlebt, aber so konzentriert und ohne eine Einordnung wirkt es auf mich übertrieben und unglaubwürdig. Dazu kommt, dass das Paar in einer anderen Gegend Berlins vielleicht auch positivere Erfahrungen hätte machen können.

Doch es wird so dargestellt, als gäbe es eine zwingende Beziehung zwischen dem Unfall und den Ereignissen. Als wäre das Ganze unabänderlich. Es kann natürlich sein, dass Edschmid das so empfunden hat:  Es passieren nur noch schlimme Dinge, wir können nichts dagegen tun und diese schlimmen Dinge fordern die Langsamkeit meines Partners heraus. Aber es gelingt ihr (zumindest in meinem Falle) nicht, diese Empfindung nachvollziehbar darzustellen.

Die Sprache ist flüssig und kommt ohne Schnörkel aus, was natürlich zur Berichtsform passt. Es gibt zudem einige treffende Passagen, die mich nachdenklich gemacht haben, so z.B. auf Seite 67: „Zuweilen erstaune es ihn, schreibt er, dass er bei der erzwungenen Verzögerung seiner Schritte auf eine innere, längst vorhandene Langsamkeit stoße, die er früher hinter einer zum Lebensstil gewordenen Eile habe verschwinden lassen.“

Manchmal bin ich über einen Wechsel der Zeitform innerhalb eines Satzes gestolpert (bspw. Seite 151/152): „Als ich mich nach zehn Tagen von ihr verabschiede, habe ich vor, im nächsten Jahr wiederzukommen. Sie wird dann alt genug für einen Sari sein – zwölf Jahre. Noch trägt sie ein kurzes Kleidchen. Ich habe ihr den Sari für den Geburtstag mitgebracht. Ich frage sie, wo sie sein wird, wenn ich kommen.“  Die Erzählerin streut die Information, dass sie dem Mädchen den Sari tatsächlich mitgebracht hat, offenbar einfach an irgendeiner Stelle ein. Vielleicht, um die Natürlichkeit des Berichts zu betonen?

Fazit: Ein in Berichtsform gehaltenes Buch über einen Mann, der aufgrund eines Unfalls nur noch mit Stock laufen kann und sich anpassen muss, und ein Buch über Berlin zur Zeit des Mauerfalls.

Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt – Suhrkamp

Al Gore – Truth to Power

Al Gore, Ex-Vize-Präsident und zweifacher Präsidentschaftskandidat der USA, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Thema Klimawandel. Im Jahre 2006 veröffentlichte er  einen Film und ein dazugehöriges Buch mit dem Titel An Inconvenient Truth. Ausgehend davon rief er das sogenannte Climate Reality Project ins Leben.

Elf Jahre später gibt es nun erneut einen Film und auch Buch zum Thema. In dieser Folge-Publikation geht es zum einen darum, den Status-quo in Sachen Klimawandel darzustellen. Es wird aber auch gezeigt, welche Fortschritte gemacht wurden und es werden konkrete Hilfestellungen für die eigenen Klimaschutzaktivitäten gegeben.

Wenn man das Buch aufschlägt, merkt man direkt, dass es kein typisches Sachbuch ist. Es gibt viele Fotos und Diagramme  und relativ wenig Text, der noch dazu recht groß gedruckt ist. Eine Ausnahme bilden Porträts von Leuten, die als Mitarbeiter des Climate Reality Projects den Gedanken des Klimawandels weitertragen. Weitere Ausnahmen sind ausführliche Darstellungen ausgewählter Sachverhalte, wie die Luftverschmutzung in China. Das Buch erinnert stellenweise an eine sehr gut gemachte Power-Point-Präsentation zwischen zwei Buchdeckeln.

Doch die nette Aufmachung dient meiner Einschätzung nach nicht dazu, über mangelnde Inhalte hinwegzutäuschen. Zwar geht es inhaltlich nicht sehr in die Tiefe, aber ich hatte schon den Eindruck, dass die genannten Informationen Hand und Fuß haben bzw. aus verlässlichen Quellen stammen. Allerdings kann ich nicht verhehlen, dass ein wenig Selbstbeweihräucherung Al Gores dabei ist. Aber in erträglichem Maße.

Einen weiteren Aspekt finde ich wichtig. Er geht aus dem Untertitel des Buches hervor: Your action handbook to learn the science, find your voice, and help solve the climate crisis. Die zweite Hälfte des Buches enthält konkrete Anleitungen dafür, wie man Klimawandelaktivist wird.  Es wird z.B. erklärt, wie man Kindern das Problem des Klimawandels nahebringen kann, wie man selbst klimaschonender lebt, wie man Veranstaltungen zum Thema organisiert oder eine Präsentation vorbereitet. Es gibt sogar Briefvorlagen für Schreiben an Politiker. Letztlich ist das Buch auch deshalb lehrreich, weil Gore die Tipps zur erfolgreichen Verbreitung seines Anliegens auch selbst beherzigt und in dem Buch umsetzt.

Zwar glaube ich nicht, dass das Buch Klimawandel-Leugner vom Gegenteil überzeugen kann. Der oder die Unentschiedene kann aber durchaus Nutzen daraus ziehen. Gut fand ich auch, dass in einem Kapitel passende Antworten auf typische Einwände gegeben werden. (Bsp.: Es ist doch so kalt draußen, wie kann es da Klimawandel geben?) Das einzige, was ich vermisst habe, war ein Inhaltsverzeichnis.

Fazit: Wer sich auf angenehme Art über den Klimawandel informieren und dabei nicht zu sehr in die Tiefe gehen möchte, der ist mit diesem Buch sehr gut beraten. Gleiches gilt für Leser, die selbst gerne gegen den Klimawandel aktiv werden möchten und dazu Hilfestellung suchen. Die Informationen im Buch sind zwar auf die USA gemünzt, lassen sich aber meines Erachtens auf Deutschland übertragen. Last, but not least: Gore geht an vielen Stellen darauf ein, wie weit wir Menschen beim Thema Klimaschutz schon gekommen sind. Es ist also auch ein Buch, das Hoffnung macht und zeigt, welche positiven Entwicklungen es gibt und wie diese fortgesetzt werden können.

Al Gore – Truth to Power: An Inconventien Sequel – Macmillan USA

D. E. Stevenson – Stich ins Wespennest

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Barbara Buncle lebt in den 1930er Jahren in dem kleinen englischen Dorf Silverstream. Als ihr das Geld ausgeht, sucht sie nach neuen Einnahmequellen und beschließt, ein Buch zu schreiben. Da sie nach eigenen Aussagen überhaupt keine Fantasie hat, schreibt sie kurzerhand einen erschütternd realistischen Roman über die Mitbewohner des Dorfes. Sie bietet das Manuskript einem Verleger an, der einen Bestseller wittert.

Es kommt zur Veröffentlichung von Der Störenfried unter einem Pseudonym. Das Buch von „John Smith“ schlägt ein wie eine Bombe. Sehr schnell erkennen sich die Dorfbewohner in den Figuren der Geschichte wieder und sind zum Teil „not amused“.  Die unsägliche Mrs. Featherstone Hogg startet gar einen Feldzug gegen Unbekannt. Sie will wissen, wer John Smith ist, um ihn nach der Enttarnung auspeitschen zu lassen.  Colonel Weatherhead soll das übernehmen, doch der weiß noch gar nichts von der ihm zugedachten Aufgabe. Nichts liegt ihm ferner als John Smith zu verletzen, aber das interessiert sie nicht.

Auf der Rückseite des Buches wird die Zeitschrift Freundin Donna zitiert mit dem Resümee „Herrlich!“, und genau das ist es. Ein herrlich witziges Buch über mehr oder weniger sympathische Leute und ihr Zusammenleben. Aber auch darüber, wie sich die Dorfbewohner durch die Lektüre des Buches verändern. Da finden Paare zusammen oder begreifen endlich, wie furchtbar der Ehepartner wirklich ist, unfreundliche Ehemänner wandeln sich zu erträglichen Zeitgenossen, und selbst Barbara Buncle bleibt nicht dieselbe. Der Störenfried hält ihnen allen einen Spiegel vor und bringt Entwicklungen in Gang, die es ohne das Buch nicht gegeben hätte. Was dem Ganzen die Krone aufsetzt, und das im positiven Sinne, ist die Tatsache, dass das Buch schon in den 1930er Jahren geschrieben wurde. D. E. Stevenson lebte von 1892 bis 1973 und scheint ein rechter Freigeist, aber auch sehr kinderlieb gewesen zu sein.

Gegen Ende fiel meine Begeisterung für den Roman etwas ab. Die Geschichte wurde stellenweise unwahrscheinlich, konventionell und kitschig. Und das, obwohl Stevenson diesen Aspekt selbst in ihrer Geschichte thematisiert. Alles in allem wird dieses Manko aber durch den Rest der Geschichte mehr als wettgemacht, und sollte niemanden davon abhalten, Stich ins Wespennest zu lesen. Auch das umfangreiche Personal braucht niemanden zu stören. Zum einen gibt es am Ende des Buches ein Personenregister, zum anderen kristallisieren sich die entscheidenden Persönlichkeiten nach ein paar Seiten problemlos heraus.

 Fazit: Wie schon gesagt: Herrlich!

D. E. Stevenson – Stich ins Wespennest – Goldmann – aus dem Englischen neu übersetzt von Thomas Stegers

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

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Lou Ann kommt auf die Welt und ist tiefschwarz. Viel dunkler als ihre Mutter und ihr Vater. Die Eltern sind geschockt, der Vater macht sich direkt aus dem Staub. Die Mutter – froh, fast als Weiße durchzugehen – kann ihre Tochter einfach nicht lieben und hält sie auf Distanz.

Lou Ann entwickelt sich zu einer berauschend schönen Frau. Sie wählt einen Kleidungsstil ganz in Weiß, der ihre Hautfarbe betont und ändert ihren Namen (passenderweise) in „Bride“. Sie macht Karriere in einer Kosmetikfirma und lebt ein recht oberflächliches Leben in großem Luxus. Ihre beste Freundin heißt Brooklyn, hat eine sehr helle Hautfarbe und trägt Rastalocken. Über ihren Freund Booker weiß Bride eigentlich gar nichts, aber das stört sie nicht. Es geht ihr gut und sie ist stolz auf das, was sie geschafft hat.

Dann passiert das Unterwartete: Booker verlässt Bride ohne ersichtlichen Grund und aus dem Nichts heraus. Bride ist am Boden zerstört. Sie will eine Erklärung von ihm, aber Booker ist verschwunden. Während ihrer Suche erleidet sie einen schweren Autounfall. In dessen Folge verbringt sie sechs Wochen bei Steve und Evelyn, ihren Rettern. Die beiden leben irgendwo im Nirgendwo in großer Einfachheit, ja sogar Armut, wofür Bride nur Hohn übrighat.

Umso weniger nachvollziehbar ist für mich, warum sie sich nicht einfach von Brooklyn abholen lässt oder in ein Hotel geht. Bride gibt ihrer Freundin nicht einmal Bescheid, wo sie ist. Ähnlich unverständlich ist für mich ein mystisches Element der Geschichte: Nachdem Booker sie verlassen hat, verändert sich Brides Körper auf unerklärliche Weise zurück in den eines Kindes. Ich nehme an, das soll verdeutlichen, wie sehr der Verlust Bride verunsichert und ihr den Halt nimmt.

Ich hätte es besser gefunden, wenn Morrison die Hintergründe Brides und Bookers ein bisschen besser ausgeleuchtet hätte. Bride hatte eine furchtbare Kindheit aufgrund der Ablehnung durch die Mutter, Booker hat seinen geliebten älteren Bruder durch ein Verbrechen verloren. Beide Traumata werden aber nur angerissen bzw. kursorisch geschildert, so dass ich nicht richtig nachvollziehen kann, wie Bride und Booker zu den Menschen geworden sind, die sie sind.

Es fällt mir auch schwer, die Entwicklung zu verstehen, die Bride und Booker im Verlauf der Geschichte durchmachen. Bride lässt von ihrer Oberflächlichkeit ab, Booker durchschaut seine eigene intellektuelle Arroganz. Wie kommt es zu diesen Veränderungen? Sie gehen für meinen Geschmack viel zu schnell und erklären sich nicht aus der Geschichte heraus.

Insgesamt finde ich, dass sich die vier Teile der Geschichte nicht richtig zu einem Ganzen zusammenfügen; es bleiben zu viele lose Fäden übrig. Im ersten Teil kommen Sweetness (Brides Mutter), Bride und Brooklyn abwechselnd zu Wort: Die Sprache hat geradezu eine Sog-Wirkung, ist aber bei allen drei Frauen in ihrer Abfälligkeit sehr ähnlich. Der zweite Teil wird durch Brides Aufenthalt bei Steve und Evelyn dominiert, im dritten Teil klärt sich die Frage, was eigentlich mit Booker los ist. Im vierten Teil kommt Brooklyn noch einmal zu Wort, Bride findet Booker bei seiner Tante Queen, und auch Sweetness äußert sich abschließend.  Ja, Bride findet Booker wieder und beide sind irgendwie geläutert, aber Brooklyns Rolle bleibt z.B. ungeklärt und das Ende wirkt gezwungen und ist für mich purer Kitsch.

Auch das Schicksal einer weiteren Person, die eine wichtige Rolle in dem Buch spielt, bleibt ungeklärt: Sofia. Sofia war Brides Lehrerin und lange Jahre wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis. Bride möchte sich nach Sofias Entlassung aus dem Gefängnis um sie kümmern, wird aber rüde abgewiesen. Das Thema Kindesmissbrauch zieht sich durch das Buch, ist allgegenwärtig. Vielleicht soll damit illustriert werden,  wie verbreitet dieses Verbrechen ist? Ich empfinde es allerdings eher so, dass die kursorisch geschilderten Einzelfälle durch diese Allgegenwärtigkeit an Bedeutung verlieren.

Dabei ist mir auch nicht klar, wie das Thema Missbrauch und die anderen angesprochenen Themen – Misshandlung aufgrund der Hautfarbe, religiös motivierte Misshandlung, Trauer durch den Verlust eines geliebten Menschen, falsche Schuldzuweisungen – zusammenhängen. Welche Botschaft hat das Buch? Geht es darum, zu zeigen, dass verschiedenste Traumata die Menschen in ähnlicher Weise in ihrer Lebensfähigkeit und „Ganzheitlichkeit“ beeinträchtigen?

Fazit:

Mit Themen und Bedeutungen aufgeladene, durchaus spannend zu lesende Geschichte, die mich nicht richtig überzeugt hat.

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind – Rowohlt Verlag – aus dem Englischen von Thomas Piltz

Penelope Fitzgerald – Die Buchhandlung

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Wir befinden uns im Jahre 1959 in Hardborough, einem abgeschiedenen Örtchen an der Küste Ostenglands, wo Florence Green eine Buchhandlung aufmachen möchte. Man erfährt nicht viel über die Hintergründe, nur so viel: „Gut acht Jahre ihrer zweiten Lebenshälfte hatte sie nun schon in Hardborough verbracht und von dem sehr kleinen Kapital gezehrt, das ihr verstorbener Ehemann ihr hinterlassen hatte, und seit kurzem überlegte sie, ob es nicht ihre Pflicht sei, sich selbst und womöglich auch anderen klarzumachen, daß sie aus eigenem Recht existiere.“ (S. 9).

Nachdem Florence Green ihren Entschluss gefasst hat, gibt sie sich geradewegs an dessen Umsetzung. Und das ist gar nicht so einfach, denn es gibt nicht wenige Leute in Hardborough, die ihre Idee für verrückt halten. Und das sagen sie Florence auch. Überhaupt scheint sich in Hardborough jeder in jedermanns Angelegenheiten einzumischen, manchmal auf unerträglich aufdringliche Weise. Auch Florence hält ihre Meinung nicht unbedingt zurück, ist aber im Gegensatz zu vielen anderen Dorfbewohnern ein gutwilliger Mensch. Mehrfach im Verlauf der Geschichte werden Florence ihr Mitleid und ihre Gutmütigkeit zum Problem. Und auch ihr Vertrauen in andere Menschen soll sich nicht immer auszahlen.

Von mehreren Seiten werden Florence also Steine (eher riesige Felsbrocken) in den Weg gelegt. Ihr wird Unfähigkeit unterstellt, zum Teil wird sie sogar richtiggehend beleidigt. Doch all diese Angriffe pariert Florence in einer Art und Weise, dass es dem Leser eine wahre Freude ist. Sie lässt sich einfach nicht provozieren und von ihrem Weg abbringen.

Und es ist auch nicht so, dass sie keine Unterstützer hätte. Da sind Mr. Raven und der kauzige, aber liebenswerte Mr. Brundish, ein Bewunderer Florences. Und da ist Christine, ein elfjähriges Mädchen, das in der Buchhandlung aushilft. Christine ist nicht eins von diesen schüchternen, zurückhaltenden Mädchen, wie man sie 1959 vielleicht erwarten würde. Christine sagt, was sie denkt (und das ist nicht immer schmeichelhaft), hält ihre schlechte Laune nicht zurück und hat klare Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat. Doch Florence kann gut damit umgehen, dass dieses Kind eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten hat. Florence ist eine progressive, liberale Frau, für die Kinder klug und gleichberechtigt sind. (Das ist umso spannender, als Fitzgerald den Roman bereits 1978 geschrieben hat. Ins Deutsche übersetzt wurde er erstmals im Jahre 2000.)

Sehr lesenswert ist auch das Nachwort von David Nicholls, einem englischen Schriftsteller (*1966). Er weist unter anderem auf folgenden interessanten Zusammenhang hin: Es sind gerade die Leute der Arbeiterklasse des Dorfes, die ihrer eigenen Aussage nach kaum an Büchern interessiert sind, die Florence unterstützen. Florences ärgste Gegenspielerin ist dagegen die gebildete Mrs. Gamart, die sich noch dazu für ein Kulturzentrum einsetzt. Das aber nicht, weil ihr an der Kultur gelegen wäre, sondern weil sie sich selber profilieren und Macht ausüben will.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Fitzgerald die wahre Natur der Leute entlarvt. Ihre genaue Beobachtungsgabe ist auch die Grundlage für etliche humorvolle Passagen. Fitzgerald schreibt manchmal mit Ironie, manchmal mit Galgenhumor, einfach an vielen Stellen witzig, weil sie den Nagel auf den Kopf trifft: „Aus langer Gewohnheit verwarf Mrs. Gamart die Vorstellung, dass ihr Ehemann in irgendeiner Weise notwendig sein könne.“ (S. 140). Und so kommt der Roman auch wunderbar mit nur rund 150 Seiten aus, ohne dass etwas fehlt.

Florence geht bei ihrem Vorhaben von einer einfachen Prämisse aus: „Wenn man alles gibt, was man hat, muß man doch zum Erfolg kommen.“ Milo, ein junger Mitbewohner aus dem Dorf, dessen wichtigstes Ziel im Leben ist, möglichst wenig Energie zu verschwenden, erwidert: „Das sehe ich nicht so. Jeder muß am Schluß alles geben, was er hat. Alle müssen sterben. Sterben kann man nicht als Erfolg rechnen.“ (S. 133). Ich finde, die beiden sind so etwas wie Gegenspieler. Und leider ist Milos Pessimismus auch eine Art Weissagung.

Eine, wie ich finde, sehr treffende, weitergehende Analyse des Textes findet sich im Nachwort Nicholls. Er scheint ein großer Fan Fitzgeralds zu sein, und ich möchte mich dem Club anschließen.

Fazit:

Ein beeindruckend dichter Roman über eine Frau mit Format. Treffend, humorvoll und traurig zugleich.

Penelope Fitzgerald – Die Buchhandlung – Insel Verlag – aus dem Englischen von Christa Krüger – mit einem Nachwort von David Nicholls

Martin Walker – Eskapaden

Eskapaden ist der achte Band der Krimi-Reihe um Bruno, „Chef de police“ im fiktiven Ort Saint-Denis im Périgord. Er beginnt sehr vielversprechend mit dem Satz: „Benoît Courrèges, Chef de police de Kleinstadt Saint-Denis und allen bekannt als Bruno, hatte sich so sehr auf diesen Tag gefreut, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, er könnte tragisch enden.“ (S. 7).

Was dann folgt, ist eine anstrengende Beschreibung der Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Marco Desaix („dem Patriarchen“).  Anstrengend deshalb, weil zahlreiche Personen vorgestellt und verschiedene historische Details ausgebreitet werden (der Jubilar ist ein gefeierter Kriegsheld). Weder konnte ich mir alle Namen merken, noch verstand ich die Art der Beziehung zwischen den Leuten. Vom historischen Hintergrund ganz zu schweigen.

Mein Problem ist unter anderem sprachlicher Natur, da Walkers Sätze mit (zu) vielen Informationen gespickt sind. Ein Beispiel: „Als Gorbatschow im Kreml saß, war Crimson als Mitarbeiter der britischen Botschaft in Moskau sehr daran interessiert gewesen, Gilberts Bekanntschaft zu machen, da dieser beste Kontakte zur sowjetischen Luftwaffe unterhalten hatte. Er hatte Crimson schließlich auch dem Patriarchen vorgestellt, und zwar während einer seiner berühmten Partys in seiner Wohnung am Arbat, einer der ältesten und vornehmsten Straßen im Zentrum Moskaus.“ (S. 83/84).

Natürlich kann es sein, dass andere Leser solche Sätze überhaupt nicht kompliziert finden – umso besser! Ich habe  große Schwierigkeiten damit, die wichtigen Informationen zu extrahieren und zu behalten. Umso mehr, als mir nicht klar ist, inwiefern das Gesagte für die Geschichte wichtig ist. Walker behält diesen Stil bei, nur ist er mir in den ersten zwei Kapiteln in besonderer Weise aufgefallen.

Die Feierlichkeit endet mit dem Tod von erwähntem Gilbert. Bruno glaubt nicht an eine natürliche Todesursache und beginnt zu ermitteln. An dieser Stelle versprach es, unterhaltsamer und einfacher zu werden, aber so richtig sprang der Funke nicht über. Warum?

Da sind zum einen die Beschreibungen der verschiedenen Figuren. Walker schafft es meines Erachtens nicht, die Personen durch ihr Auftreten, ihre Sprache oder ihr Verhalten voneinander abzugrenzen. Die Figuren bleiben blass. Wenig überzeugend finde ich auch die Darstellung ihrer emotionalen Reaktionen. Dazu kommt, dass die Handlung eher vor sich hin „wabert“, als stringent voranzuschreiten. Bruno wird von diversen Essenseinladungen und anderen Pflichten einfach zu sehr in Anspruch genommen. Und der Leser wird, um im Bild zu bleiben, über all diese Nebenkriegsschauplätzen genauestens informiert. Weiterhin gibt es Szenen, die inhaltlich spannend sein sollten (zum Beispiel ein Überfall auf Bruno), aber nicht sonderlich spannend dargestellt werden.  Schließlich ist die Auflösung meines Erachtens hanebüchen.

Alles in allem finde ich die Geschichte also handwerklich nicht sehr gut gemacht. Welchen Anteil die Übersetzung an diesem Umstand hat, kann ich nicht beurteilen. Auch kann ich nichts dazu sagen, wie die ersten sieben Bände sind, da ich sie nicht gelesen habe.

Fazit:

Etwas zähe Lektüre mit blassen Figuren und zu viel Drumherum.

Martin Walker – Eskapaden – Diogenes – aus dem Englischen von Michael Windgassen

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt ist ein Kunstexperte aus gutem Hause. Er hat untadelige Manieren, feste Grundsätze und lebt ein vorhersehbares Leben. Er weiß, dass seine Freunde ihn ausnutzen, aber er tut, was man von ihm erwartet, um niemanden zu enttäuschen. Genau dieser Weynfeldt lernt eine faszinierende, aber leider sprunghafte junge Frau kennen. Lorena ist ein Ex-Model, das sich durchs Leben schnorrt und nach dem ersten Zusammentreffen zunächst wieder aus Weynfeldts Leben verschwindet. Er ist darüber nicht sehr glücklich, aber seine gute Erziehung verbietet ihm, ihr nachzustellen.

Dann passieren mehrere Dinge, die die Geschichte in Fahrt bringen: Ein alter Freund bittet Adrian, ein wertvolles Bild zu verkaufen, Lorena meldet sich überraschend wieder und ein anderer Freund erbittet Geld für einen Neuanfang als Kunstmaler in Polynesien. Damit bahnen sich diverse Probleme an.

Gelungen finde ich die Darstellung des Protagonisten. Suter macht z.B. immer wieder darauf aufmerksam, was Weynfeldt nicht sagt und tut und illustriert damit dessen Charakter umso genauer. Weynfeldt ist gefangen in seinen Routinen und Grundsätzen. Seine Angst vor dem Leben wird durch die Gegenspieler – denen es an Prinzipien mangelt – umso stärker hervorgehoben.

Mir gefällt, wie die drei Handlungsstränge miteinander verwoben werden; daneben ist die Entwicklung Weynfeldts interessant und spannend (wie es in einem guten Roman ja auch sein sollte): Wie geht er mit den neuen Herausforderungen um? Wird er daran wachsen oder scheitern?

Die Auflösung ist überraschend und begeistert mich in besonderer Weise: Weynfeldt bleibt sich selber treu und  wird trotzdem ein anderer. Er ist klüger als erwartet. Eine Genugtuung für den Leser, dem Weynfeldt ans Herz gewachsen ist.

Die Sprache ist klar, flüssig und verständlich; nur manchmal finde ich die Schilderungen der Personen und Orte etwas zu detailliert.

Fazit:

Schnörkellose, unterhaltsame, kluge und überraschende Lektüre.

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt – Diogenes

Donna Leon – Stille Wasser

Commissario Brunetti leidet an einem Erschöpfungssyndrom. Er bemerkt es eher zufällig, nachdem er einen jungen Kollegen durch einen kleinen Schauspieleinsatz vor einer Dummheit bewahrt hat. Der Commissario verabschiedet sich daraufhin für ein paar Wochen aus dem Dienst und zieht sich in die Villa eines Freundes der Faliers, d.h. der Familie seiner Ehefrau Paola, zurück. Dort lernt er den Verwalter Casati kennen und verbringt mit ihm viele Stunden im Ruderboot und bei Casatis Bienenstöcken. Dabei erholt Brunetti sich prächtig und kommt wieder zu Kräften.

So viel zur ersten Hälfte des Buches.

Die zweite Hälfte dreht sich – es ist nun mal ein Krimi – um die Aufklärung eines Todesfalls. Ich schreibe bewusst Todesfall, weil  von vornherein klar erscheint, dass es kein Mord war, sondern ein Unfall; eventuell Selbstmord. Die anschließenden Ermittlungen sind dann auch eher Brunettis persönlichem Interesse an dem Fall zu verdanken. Er führt einige Gespräche mit Verwandten und Freunden des Opfers; dazu kommt ein wenig Recherche in älteren Zeitungsartikeln (Signorina Elettra, der Sekretärin von Vice Questore Patta, sei Dank). Alle Spuren verweisen  auf einen Unfall in der Firma, in der das Opfer einst gearbeitet hat. Schnell wird auch klar, dass der Fall irgendwie mit Umweltverschmutzung zu tun haben muss.

Das hört sich nicht sonderlich spannend an, und tatsächlich ist die Geschichte sehr ruhig erzählt und es passiert nicht viel, was zwar nicht ganz untypisch für Donna Leon ist, hier aber auf die Spitze getrieben wird. Dessen ungeachtet habe ich den Krimi in einem Rutsch durchgelesen.  Denn trotz allem gelingt es Leon, mein Interesse für die Geschichte von vorne bis hinten zu erhalten.

Eine Sache ist mir unangenehm aufgefallen. Die Ermittlungen führen Brunetti in ein Pflegeheim, wo er sich mit zwei Bekannten des Opfers unterhält, die durch den o.g. Unfall versehrt bzw. körperlich behindert sind. In diesem Zusammenhang heißt es u.a.:

  • „Ist es nicht merkwürdig, mit welcher Selbstverständlichkeit wir davon ausgehen, dass Behinderte immer die Wahrheit sagen? Als ob ihr Leid sie ehrlich gemacht habe.“ (S. 274)
  • „Auf einmal musste Brunetti an seine Mutter denken und die Grundsätze, die sie ihm als Kind beigebracht hatte. Nicht lügen, bitte und danke sagen, zu alten Leuten höflich sein und ihnen helfen, wenn man kann, sich nicht mit Behinderten anlegen, immer alles aufessen und nicht gierig sein, niemals Geld leihen, seine Versprechen halten.“ (S. 309)
  • „Einen Versehrten in die Enge zu treiben hieß jedweden Stolz verletzen, der ihm noch geblieben war.“ (S. 319)

Brunetti schreibt Behinderten offenbar bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zu und glaubt, dass man sie anders behandeln sollte als Nicht-Behinderte. Das leuchtet mir nicht ein. Wieso sollte ich glauben, dass Behinderte ehrlicher sind als Nicht-Behinderte? Wieso sollte Leid ehrlich machen? Und wer sagt überhaupt, dass Behinderte generell leiden? Das ist mir alles zu pauschal. Des Weiteren: Jemanden in die Enge zu treiben finde ich doof, egal, ob derjenige behindert ist oder nicht, genauso wie ich auch einem körperlich Behinderten  ggfs. meine anders geartete Meinung sagen, mich also „mit ihm anlegen“ muss. Alles andere hieße doch, meinem Gegenüber nicht sonderlich viel Respekt entgegen zu bringen.

Paola, die Kinder und Patta nehmen keinen sonderlich großen Raum in diesem Band ein; Signorina Elettra kommt aber, wie oben schon angedeutet, zum Einsatz und besorgt mühelos alle notwendigen Informationen.

Fazit:

Verlässliche und vertraute Krimi-Unterhaltung, insgesamt aber etwas zu handlungsarm und mit einem Wermutstropfen.

Donna Leon – Stille Wasser – Diogenes – aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Banana Yoshimoto – Lebensgeister

Banana Yoshimoto heißt eigentlich Mahoko Yoshimoto und liebt die red banana flower, was auch der Grund für ihren Künstlernamen ist.

Yoshimoto hat ein Buch über eine junge Frau geschrieben, die durch einen Unfall ihren Freund verliert und selber schwere Verletzungen – innerlich wie äußerlich – davonträgt. Für einen kurzen Moment schwebt Sayoko, so heißt die junge Frau, in Lebensgefahr und tritt in die Welt der Toten ein. Doch ihr geliebter verstorbener Opa schickt sie zurück ins Leben. In Lebensgeister erfahren wir, wie Sayoko ihre Verletzungen überwindet und zu ihrer Lebensfreude zurückfindet.

Yoshimotos Geschichte hat, wie gerade schon angedeutet, übersinnliche Elemente. Nicht nur, dass Sayoko eine Nahtoderfahrung macht, sie sieht auch die Geister der Verstorben (wenn auch leider nicht den Geist ihres Freundes Yoichi). Man sollte meinen, dass Sayoko diese Erfahrung beunruhigt, aber dem ist nicht so. Später erfährt sie sogar, dass auch andere Menschen Geister sehen können.

Im Verlauf ihres Heilungsprozesses lernt Sayoko neue Menschen kennen, die ihr gut tun, und auch die Beziehungen zu bereits bekannten Menschen, z.B. Yoichis Eltern, vertiefen sich. Sie macht die Erfahrung, dass das Gute in ihr durch die anderen Menschen zur ihr zurückstrahlt und sie ist bei aller Trauer dankbar für das, was sie in ihrem neu geschenkten Leben hat. Und das umso mehr, als ihr durch den Unfall klar geworden ist: Der Tod ist immer in der Nähe.

Die Sprache ist gefällig; es klingt fast so, als wäre Sayoko eine gute Freundin, die einem ihre Geschichte erzählt. Banana Yoshimoto gelingt es, Sayokos Gefühle und Befindlichkeiten, auch den Aufenthalt in der Zwischenwelt, plastisch darzustellen. Schön auch die Beschreibungen der Natur. Eine besondere Handlung gibt es nicht; die Geschichte wird getragen von Sayokos Alltag, der Aufgabe, das künstlerische Erbe ihres Freundes zu verwalten, aber vor allem von Sayokos Gefühlen, Reflexionen und Gesprächen. Dabei werden bestimmte Themen, wie z.B. die Dankbarkeit, immer und immer wieder aufgegriffen, was ich komischerweise nicht als unangenehm empfunden habe. Eher fühlte ich mich auf schöne Art in positive Gedanken eingelullt.

Fazit:

Seelenmassage und Meditation in einem. Schwieriges Thema in Hoffnung umgemünzt. Eine warme Decke an einem kalten Tag. Vermutlich nicht für jede Stimmung geeignet. Und auch nicht für vornehmlich rational veranlagte Leser.

Banana Yoshimoto – Lebensgeister – Diogenes – Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg

Einzlkind – Billy

Nein, das ist kein Rechtschreibfehler. Da steht wirklich Einzlkind auf dem Cover. Warum der Autor sich so nennt und wer er ist? Ich weiß es nicht.

Das Buch handelt von Billy, einem Auftragskiller, der nach einem erfolgreich ausgeführten Job in Amsterdam nach Las Vegas reist, um dort seinen Freund und Mitarbeiter Wharp zu treffen. Man erfährt, was Billy auf seiner Reise so alles erlebt, und in Rückblenden wird dargestellt, aus welcher Familie er stammt und wie er zu seinem Beruf gekommen ist.

Die Reise ist gespickt mit merkwürdigen Begegnungen, die zum Teil sehr ausgiebig geschildert werden. Als Beispiele seien hier Billys Zusammentreffen mit „Herman the German“, einem Autoverkäufer genannt (S.71ff), oder auch das mit zwei Mädchen beim Bingospielen (S. 142). Diese ausführlichen Schilderungen tragen nichts zu einer irgendwie gearteten Handlung bei, selbige gibt es nämlich gar nicht.

Interessant sind die eingeschobenen Rückblenden und Reflexionen Billys über seine Familie, die sich samt und sonders dem „Auftragskillertum“ verschrieben hat. Eine Einschränkung: Die Opfer müssen selber jemanden umgebracht haben, also Mörder sein. Der Onkel, bei dem Billy aufgewachsen ist, hat ein Faible für Philosophie, das sich auf den Neffen übertragen hat. Und so kommen auch philosophische Überlegungen zu der Frage, ob und unter welchen Umständen Morden gerechtfertigt sein könnte, nicht zu kurz. Nachdenkens wert fand ich den Gegensatz zwischen einem Mann, der einerseits sehr empathisch zu sein scheint (und Vegetarier ist), andererseits aber Menschen auf Anfrage töten.

Die Sprache ist salopp; es kommen umgangssprachliche Ausdrücke wie „okayer Haarschnitt“ vor (S. 129). Kurze Sätze bis hin zu Telegrammstil dominieren, längere oder komplizierte Sätze kommen so gut wie gar nicht vor. Oft werden Sätze, Begriffe, Erklärungen hinterhergeschoben, so dass der Sinn einer vorher gemachten Aussage geändert oder eingeschränkt wird:

„Auf seiner Mix-Kassette läuft You Sexy Thing von Hot Chocolate. Ich könnte mir keinen unpassenderen Song vorstellen. Für diese Straße.“ (S. 129)

Überhaupt spielt Musik eine sehr große Rolle in der Geschichte, da Billy ein großer Musikfreund ist und jedes Opfer ein Lied seiner Wahl hören darf, bevor es stirbt.

Das Ende ist offen, was ich einerseits schade finde. Andererseits ist es so ziemlich das einzig vernünftige Ende, das ich mir für die Geschichte vorstellen kann. Darin werden Billys Ausführungen darüber, warum er diesen Job macht, was er dabei empfindet und ob es Unrecht ist (S. 158) noch einmal aus einer anderen Warte kritisch beleuchtet. Und es erklärt letztlich auch, wie es überhaupt dazu kommt, dass Billy uns seine Reise schildert.

Fazit:

Insgesamt eine recht kurzweilige Geschichte ohne besondere Handlung, stellenweise etwas langatmig, dafür mit interessanten philosophischen Reflexionen und Rückblende. Dennoch nicht ganz überzeugend. Die Passagen, in denen die Reise und Billys Leben geschildert werden, berühren mich emotional nicht richtig. Die „theoretischen“ Teile mit den philosophischen Reflexionen finde ich nicht ausführlich genug. So habe ich das Thema weder mit dem Herz noch mit dem Kopf richtig durchdrungen.

Einzlkind – Billy – Suhrkamp