Donna Leon – Stille Wasser

Commissario Brunetti leidet an einem Erschöpfungssyndrom. Er bemerkt es eher zufällig, nachdem er einen jungen Kollegen durch einen kleinen Schauspieleinsatz vor einer Dummheit bewahrt hat. Der Commissario verabschiedet sich daraufhin für ein paar Wochen aus dem Dienst und zieht sich in die Villa eines Freundes der Faliers, d.h. der Familie seiner Ehefrau Paola, zurück. Dort lernt er den Verwalter Casati kennen und verbringt mit ihm viele Stunden im Ruderboot und bei Casatis Bienenstöcken. Dabei erholt Brunetti sich prächtig und kommt wieder zu Kräften.

So viel zur ersten Hälfte des Buches.

Die zweite Hälfte dreht sich – es ist nun mal ein Krimi – um die Aufklärung eines Todesfalls. Ich schreibe bewusst Todesfall, weil  von vornherein klar erscheint, dass es kein Mord war, sondern ein Unfall; eventuell Selbstmord. Die anschließenden Ermittlungen sind dann auch eher Brunettis persönlichem Interesse an dem Fall zu verdanken. Er führt einige Gespräche mit Verwandten und Freunden des Opfers; dazu kommt ein wenig Recherche in älteren Zeitungsartikeln (Signorina Elettra, der Sekretärin von Vice Questore Patta, sei Dank). Alle Spuren verweisen  auf einen Unfall in der Firma, in der das Opfer einst gearbeitet hat. Schnell wird auch klar, dass der Fall irgendwie mit Umweltverschmutzung zu tun haben muss.

Das hört sich nicht sonderlich spannend an, und tatsächlich ist die Geschichte sehr ruhig erzählt und es passiert nicht viel, was zwar nicht ganz untypisch für Donna Leon ist, hier aber auf die Spitze getrieben wird. Dessen ungeachtet habe ich den Krimi in einem Rutsch durchgelesen.  Denn trotz allem gelingt es Leon, mein Interesse für die Geschichte von vorne bis hinten zu erhalten.

Eine Sache ist mir unangenehm aufgefallen. Die Ermittlungen führen Brunetti in ein Pflegeheim, wo er sich mit zwei Bekannten des Opfers unterhält, die durch den o.g. Unfall versehrt bzw. körperlich behindert sind. In diesem Zusammenhang heißt es u.a.:

  • „Ist es nicht merkwürdig, mit welcher Selbstverständlichkeit wir davon ausgehen, dass Behinderte immer die Wahrheit sagen? Als ob ihr Leid sie ehrlich gemacht habe.“ (S. 274)
  • „Auf einmal musste Brunetti an seine Mutter denken und die Grundsätze, die sie ihm als Kind beigebracht hatte. Nicht lügen, bitte und danke sagen, zu alten Leuten höflich sein und ihnen helfen, wenn man kann, sich nicht mit Behinderten anlegen, immer alles aufessen und nicht gierig sein, niemals Geld leihen, seine Versprechen halten.“ (S. 309)
  • „Einen Versehrten in die Enge zu treiben hieß jedweden Stolz verletzen, der ihm noch geblieben war.“ (S. 319)

Brunetti schreibt Behinderten offenbar bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zu und glaubt, dass man sie anders behandeln sollte als Nicht-Behinderte. Das leuchtet mir nicht ein. Wieso sollte ich glauben, dass Behinderte ehrlicher sind als Nicht-Behinderte? Wieso sollte Leid ehrlich machen? Und wer sagt überhaupt, dass Behinderte generell leiden? Das ist mir alles zu pauschal. Des Weiteren: Jemanden in die Enge zu treiben finde ich doof, egal, ob derjenige behindert ist oder nicht, genauso wie ich auch einem körperlich Behinderten  ggfs. meine anders geartete Meinung sagen, mich also „mit ihm anlegen“ muss. Alles andere hieße doch, meinem Gegenüber nicht sonderlich viel Respekt entgegen zu bringen.

Paola, die Kinder und Patta nehmen keinen sonderlich großen Raum in diesem Band ein; Signorina Elettra kommt aber, wie oben schon angedeutet, zum Einsatz und besorgt mühelos alle notwendigen Informationen.

Fazit:

Verlässliche und vertraute Krimi-Unterhaltung, insgesamt aber etwas zu handlungsarm und mit einem Wermutstropfen.

Donna Leon – Stille Wasser – Diogenes – aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Banana Yoshimoto – Lebensgeister

Banana Yoshimoto heißt eigentlich Mahoko Yoshimoto und liebt die red banana flower, was auch der Grund für ihren Künstlernamen ist.

Yoshimoto hat ein Buch über eine junge Frau geschrieben, die durch einen Unfall ihren Freund verliert und selber schwere Verletzungen – innerlich wie äußerlich – davonträgt. Für einen kurzen Moment schwebt Sayoko, so heißt die junge Frau, in Lebensgefahr und tritt in die Welt der Toten ein. Doch ihr geliebter verstorbener Opa schickt sie zurück ins Leben. In Lebensgeister erfahren wir, wie Sayoko ihre Verletzungen überwindet und zu ihrer Lebensfreude zurückfindet.

Yoshimotos Geschichte hat, wie gerade schon angedeutet, übersinnliche Elemente. Nicht nur, dass Sayoko eine Nahtoderfahrung macht, sie sieht auch die Geister der Verstorben (wenn auch leider nicht den Geist ihres Freundes Yoichi). Man sollte meinen, dass Sayoko diese Erfahrung beunruhigt, aber dem ist nicht so. Später erfährt sie sogar, dass auch andere Menschen Geister sehen können.

Im Verlauf ihres Heilungsprozesses lernt Sayoko neue Menschen kennen, die ihr gut tun, und auch die Beziehungen zu bereits bekannten Menschen, z.B. Yoichis Eltern, vertiefen sich. Sie macht die Erfahrung, dass das Gute in ihr durch die anderen Menschen zur ihr zurückstrahlt und sie ist bei aller Trauer dankbar für das, was sie in ihrem neu geschenkten Leben hat. Und das umso mehr, als ihr durch den Unfall klar geworden ist: Der Tod ist immer in der Nähe.

Die Sprache ist gefällig; es klingt fast so, als wäre Sayoko eine gute Freundin, die einem ihre Geschichte erzählt. Banana Yoshimoto gelingt es, Sayokos Gefühle und Befindlichkeiten, auch den Aufenthalt in der Zwischenwelt, plastisch darzustellen. Schön auch die Beschreibungen der Natur. Eine besondere Handlung gibt es nicht; die Geschichte wird getragen von Sayokos Alltag, der Aufgabe, das künstlerische Erbe ihres Freundes zu verwalten, aber vor allem von Sayokos Gefühlen, Reflexionen und Gesprächen. Dabei werden bestimmte Themen, wie z.B. die Dankbarkeit, immer und immer wieder aufgegriffen, was ich komischerweise nicht als unangenehm empfunden habe. Eher fühlte ich mich auf schöne Art in positive Gedanken eingelullt.

Fazit:

Seelenmassage und Meditation in einem. Schwieriges Thema in Hoffnung umgemünzt. Eine warme Decke an einem kalten Tag. Vermutlich nicht für jede Stimmung geeignet. Und auch nicht für vornehmlich rational veranlagte Leser.

Banana Yoshimoto – Lebensgeister – Diogenes – Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg

Einzlkind – Billy

Nein, das ist kein Rechtschreibfehler. Da steht wirklich Einzlkind auf dem Cover. Warum der Autor sich so nennt und wer er ist? Ich weiß es nicht.

Das Buch handelt von Billy, einem Auftragskiller, der nach einem erfolgreich ausgeführten Job in Amsterdam nach Las Vegas reist, um dort seinen Freund und Mitarbeiter Wharp zu treffen. Man erfährt, was Billy auf seiner Reise so alles erlebt, und in Rückblenden wird dargestellt, aus welcher Familie er stammt und wie er zu seinem Beruf gekommen ist.

Die Reise ist gespickt mit merkwürdigen Begegnungen, die zum Teil sehr ausgiebig geschildert werden. Als Beispiele seien hier Billys Zusammentreffen mit „Herman the German“, einem Autoverkäufer genannt (S.71ff), oder auch das mit zwei Mädchen beim Bingospielen (S. 142). Diese ausführlichen Schilderungen tragen nichts zu einer irgendwie gearteten Handlung bei, selbige gibt es nämlich gar nicht.

Interessant sind die eingeschobenen Rückblenden und Reflexionen Billys über seine Familie, die sich samt und sonders dem „Auftragskillertum“ verschrieben hat. Eine Einschränkung: Die Opfer müssen selber jemanden umgebracht haben, also Mörder sein. Der Onkel, bei dem Billy aufgewachsen ist, hat ein Faible für Philosophie, das sich auf den Neffen übertragen hat. Und so kommen auch philosophische Überlegungen zu der Frage, ob und unter welchen Umständen Morden gerechtfertigt sein könnte, nicht zu kurz. Nachdenkens wert fand ich den Gegensatz zwischen einem Mann, der einerseits sehr empathisch zu sein scheint (und Vegetarier ist), andererseits aber Menschen auf Anfrage töten.

Die Sprache ist salopp; es kommen umgangssprachliche Ausdrücke wie „okayer Haarschnitt“ vor (S. 129). Kurze Sätze bis hin zu Telegrammstil dominieren, längere oder komplizierte Sätze kommen so gut wie gar nicht vor. Oft werden Sätze, Begriffe, Erklärungen hinterhergeschoben, so dass der Sinn einer vorher gemachten Aussage geändert oder eingeschränkt wird:

„Auf seiner Mix-Kassette läuft You Sexy Thing von Hot Chocolate. Ich könnte mir keinen unpassenderen Song vorstellen. Für diese Straße.“ (S. 129)

Überhaupt spielt Musik eine sehr große Rolle in der Geschichte, da Billy ein großer Musikfreund ist und jedes Opfer ein Lied seiner Wahl hören darf, bevor es stirbt.

Das Ende ist offen, was ich einerseits schade finde. Andererseits ist es so ziemlich das einzig vernünftige Ende, das ich mir für die Geschichte vorstellen kann. Darin werden Billys Ausführungen darüber, warum er diesen Job macht, was er dabei empfindet und ob es Unrecht ist (S. 158) noch einmal aus einer anderen Warte kritisch beleuchtet. Und es erklärt letztlich auch, wie es überhaupt dazu kommt, dass Billy uns seine Reise schildert.

Fazit:

Insgesamt eine recht kurzweilige Geschichte ohne besondere Handlung, stellenweise etwas langatmig, dafür mit interessanten philosophischen Reflexionen und Rückblende. Dennoch nicht ganz überzeugend. Die Passagen, in denen die Reise und Billys Leben geschildert werden, berühren mich emotional nicht richtig. Die „theoretischen“ Teile mit den philosophischen Reflexionen finde ich nicht ausführlich genug. So habe ich das Thema weder mit dem Herz noch mit dem Kopf richtig durchdrungen.

Einzlkind – Billy – Suhrkamp

Kent Haruf – Our souls at night

Addie macht Louis einen ungewöhnlichen Vorschlag: Sie möchte seine Gesellschaft, nachts. Sie will mit ihm zusammen im Bett liegen, seine Hand halten und reden. Addie und Louis sind alleinstehend, ihre Partner sind vor einigen Jahren gestorben. Die beiden Nachbarn im Seniorenalter kennen sich so gut, wie man sich als Nachbarn eben kennt.

Mit dem wunderbaren ersten Satz wird der Stein ins Rollen gebracht: „And then there was the day when Addie Moore made a call on Louis Waters. It was an evening in May just before full dark.“

Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die später bereichert wird durch die Anwesenheit von Addies Enkelsohn Jamie. Seine Eltern haben sich vorübergehend getrennt und können sich nicht um das Kind kümmern. Addie und Louis machen es sich zur Aufgabe, dem durch die ungewohnte Situation aufgewühlten Jungen ein schönes zu Hause zu bieten. Und Jamie blüht auf. Alles wäre also wunderbar, wäre da nicht Addies Sohn Gene (Jamies Vater), der gegen die Verbindung seiner Mutter mit Louis ist und Jamie in Gefahr wähnt.

Our souls at night ist ein kurzes Buch mit einer sanften Sprache. Einfache Begebenheiten werden ohne große Aufregung erzählt, aber jede dieser Begebenheiten hat eine Bedeutung, erhellt die Beziehung zwischen Addie und Louis, zeigt ihr Verantwortungsgefühl gegenüber denen, die sie lieben, erklärt die Vergangenheit der beiden, deren Leben in vielerlei Hinsicht ein Kompromiss war. Sie haben Fehler gemacht, die sie nicht wieder gutmachen können, aber sie sind nicht verbittert deswegen. Sie genießen die gemeinsame Zeit, die Gegenwart des anderen, die Wahrhaftigkeit ihrer Freundschaft.

Das Buch lebt von dieser Wahrhaftigkeit. Es braucht keine besonderen stilistischen Kniffe. Haruf erzählt einfach, wie es ist, und das ist gut so.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, was in Ordnung war, da es nicht sonderlich lang und nicht sehr kompliziert geschrieben ist.

Fazit:

Eine wunderschöne Geschichte über zwei Menschen, die es wagen, ehrlich zu sein, sich zu öffnen und ein Risiko einzugehen.  Die damit belohnt werden, einen Seelenverwandten zu finden. Die zwar nicht gefeit sind vor den Unbill des Lebens, die schwere Entscheidungen treffen müssen. Die trotz allem einen Weg finden, ihre Freundschaft zu erhalten.

Kent Haruf – Our Souls at night – Picador

Judith Hermann – Lettipark

In 17 Erzählungen lugt Hermann blitzlichtartig in das Leben verschiedener Menschen hinein und beschreibt alltägliche Begebenheiten und Probleme, Beziehungen, die mehr oder weniger gut funktionieren, vielleicht sogar kurz davor stehen, auseinanderzubrechen. Sie deutet Wendungen im Leben dieser Menschen an und bestimmte Einsichten, die sie haben. Sie tut das treffend und in einem interessanten minimalistischen Stil, alles in allem geht es aber inhaltlich nach meinem Empfinden über Allgemeinplätze nicht hinaus.

Für mich ist Lettipark wie eine Pralinenschachtel, die ich ganz schnell leer esse, immer in der Hoffnung, dass die nächste Praline etwas Besonderes ist. Irgendwie sind alle Pralinen ganz gut, aber keine ist speziell und gibt mir ein Aha-Erlebnis. Am Ende bin ich zwar satt, aber nicht richtig zufrieden und ich könnte auch nicht mehr sagen, wonach die einzelnen Pralinen geschmeckt haben.

Die Wirkung der Geschichten erinnert mich an Jazz bzw. die Art, wie ich diese Musik als Laie erlebe:  Hört sich ganz interessant an, hat kein System (zumindest keins, das ich verstehe), ich kann die Musik nicht wiedergeben und sie berührt mich nicht richtig, ohne dass ich sagen könnte, warum. Jazz wirkt auf mich tiefgründig und intelligent, aber ob er das wirklich ist, weiß ich nicht.

Fazit:

Minimalismus auf die Spitze getrieben. Andeutungen auf etwas tiefer Liegendes? Literatur, zu der man einen ganz bestimmten Zugang braucht, den ich nicht habe, trotz Hermanns außergewöhnlichem Stil.

Judith Hermann – Lettipark – S. Fischer

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen

Auf 90 Seiten wird in Du hättest gehen sollen die Geschichte eines mittelmäßigen Drehbuchautors beschrieben, der mit seiner Frau und der vierjährigen Tochter in ein abgelegenes Ferienhaus fährt, um dort Urlaub zu machen und an einem Drehbuch zu schreiben, das vom Produzenten sehnlichst erwartet wird. Während des Aufenthaltes in dem Haus verliert der Protagonist zunehmend den Boden unter den Füßen, denn es geschehen merkwürdige Dinge, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Dieser Auflösungsprozess wird sehr spannend aus der Sicht des Drehbuchautors selber beschrieben.

Mein grundlegendes Problem mit der Geschichte besteht in der Unsicherheit darüber, ob der Protagonist selber verrückt wird oder ob mit dem Haus etwas nicht stimmt. Auf eine Aufklärung hoffend bin ich lesend durch das Buch gehetzt – und enttäuscht worden. Was ich verstanden habe: Die Ehefrau ist Schauspielerin, und die Ehe, das ganze Familienleben scheint nur gespielt und wie im Drehbuch ziemlich willkürlich zu sein. Jedes der drei Familienmitglieder hat eine Rolle in dem Film, der zunehmend zu einem Horrorfilm wird.

Das Buch hat mich für den Moment des Lesens gepackt, ich habe die Hilflosigkeit des Protagonisten gespürt, seine Einsamkeit, seine Unfähigkeit, zu sprechen, aber mit dem Zuklappen des Buches war der Effekt auch schon verpufft. Mit anderen Worten, Kehlmann gelingt es zwar, mich mitzureißen – die Sprache ist nüchtern und reduziert, eindringlich, dicht, die Grenze zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Drehbuchpassagen verschwimmt, das aktuell Erlebte findet sich im Drehbuch wieder und umgekehrt – aber es geht nicht über diese vorübergehende Berührung hinaus.

Das liegt vermutlich auch daran, dass ich nicht verstehe, wie die Verrücktheit des Protagonisten und/oder des Hauses mit den offensichtlichen Eheproblemen zusammenhängt. Warum kombiniert Kehlmann das? Es kommen an mehreren Stellen verschiedene Varianten der Aufforderung „Du solltest gehen“ vor. Soll der Protagonist seine Frau verlassen? Steht das verrückte Haus für die verrückte Beziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Frau? Projiziert der Protagonist seine Innere Auflösung nach außen, auf das Haus? Oder hätte er einfach das Haus frühzeitig verlassen sollen, weil es darin spukt? Ist es so trivial?

Letztendlich tendiere ich dazu zu glauben, dass sich die Geschichte um die psychische Auflösung des Protagonisten dreht, um seine Entfremdung von sich selbst und seiner Familie. Darum, dass das verrückte Haus eine persönliche Entwicklung in Gang setzt, die die Selbsteinsicht zum Ziel hat. Dass der Protagonist die Schauspielerin aufgeben und der Wahrheit ins Gesicht sehen muss. Dass es kein Zurück in das alte Leben mehr gibt. Aber sicher bin ich mir nicht. Das soll vielleicht so sein, vielleicht soll ich als Leser diese Unsicherheit spüren. Aber es führt bei mir leider nur dazu, dass ich das Buch schulterzuckend zur Seite lege.

Fazit:

Sehr kurz, sehr spannend, aber bei mir ohne Nachwirkungen. Eine Wunderkerze.

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen – Rowohlt

Ian McEwan – Nussschale

Nussschale ist ein ganz besonderer Roman, weil er aus der Sicht einer ganz besonderen Person geschrieben ist, der eines (männlichen) Fötus. Dieser bekommt ganz gut mit, was draußen so vor sich geht und weiß von daher, dass seine Mutter Trudy und ihr Geliebter Claude planen, seinen leiblichen Vater umzubringen. Diese Ausgangssituation legt McEwan auf den ersten anderthalb Seiten des Romans genial dar.

Zwar muss sich der Fötus aufgrund seiner Abgeschiedenheit mit einigen Mutmaßungen zufrieden geben (z.B. S. 40/41), alles in allem hat er aber ein sehr fundiertes Wissen über die Welt und eine dezidierte Meinung zu aktuellen Themen, was er in einigen längeren Abhandlungen demonstriert (z.B. S. 42).

Der erzählende Fötus, an sich schon absurd, denkt und spricht wie ein äußerst gebildeter Erwachsener. Diese Bildung hat er durchs genaue Zuhören und dank der Vorliebe seiner Mutter für auditive Informationsquellen wie Radio und Podcasts: „In so mancher langen, ruhigen Nacht habe ich meiner Mutter einen heftigen Tritt verpasst. Sie wurde wach, konnte nicht wieder einschlafen und tastete nach dem Radio. Grausam, ich weiß, aber am Morgen waren wir beide besser informiert.“ (S. 14).

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für McEwans (trockenen) Humor, so die Beschreibung Claudes durch den Fötus auf Seite 83/84: „Seine [Claudes] Geistlosigkeit hat etwas Poetisches, eine Form von Nihilismus, die das Gewöhnliche aufwertet. Oder, umgekehrt, etwas Gewöhnliches, das selbst den abscheulichsten Gedanken entschärft.“. Später, als Claude über den Mordplan spricht, kommentiert der Fötus: „Trotzdem ist sein Plan eher der eines Winzers als eines Metzgers. Unausgegoren.“ (S. 89). Die Grenze zwischen Humor und Zynismus ist fließend, manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken: „Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter.  Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt […]“ (S. 17).

Schon mit dem Zitat, das dem Roman vorangestellt ist, wird der Bezug zu Shakespeares Drama „Hamlet“ klar. Schnell sind die Rollen verteilt: Die Mutter des Fötus, Trudy, entspricht Gertrude; ihr Geliebter Claude ist Claudius. Claudes Bruder, John, ist König Hamlet, der Fötus selber Prinz Hamlet. Letzterer kann nichts tun, um den Mord zu verhindern, aber er könnte später Rache nehmen (S. 80/81), genauso wie Prinz Hamlet.

Doch der Fötus ruft sich ins Gedächtnis, dass Rache „out“ ist (S. 80/81) und bezieht sich dabei auf den englischen Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes und sein Hauptwerk Leviathan. Hobbes stellt dem Naturzustand des Menschen, der durch Gewalt, Anarchie, Gesetzlosigkeit, Wettbewerb und Ehrgeiz gekennzeichnet ist, den Staat gegenüber, d.h. eine übergeordnete Instanz, die die Einhaltung der Gesetze überwacht. (Auf Claude und Trudy trifft die Charakterisierung des Naturzustandes mehr als zu: Sie versinken im Chaos, sind selbstsüchtig und rücksichtslos.)

Dass der Roman an ein Theaterstück angelehnt ist, wird an vielen weiteren Stellen deutlich. Zum einen spielt er, an ein Bühnenbild erinnernd, ausschließlich im Hause Johns, wo Trudy mit Claude lebt. Und genauso wie Hamlet, stirbt John durch Gift.

Weitere Beispiele: Der Fötus sieht sich selbst wie einen Theater-Besucher (S. 37ff); auf S. 130 sagt er: „Seit einer Weile, aber, fragt nicht, warum, bin ich der Komödie überdrüssig.“; die Sprache ist dramatisch: „Aber ich war’s, ich war’s! O Gott!“ (Seite 75); dramatische Zuspitzung der Ereignisse, nachdem die Polizei die Nachricht vom Tode Johns überbracht hat; usw.

Schließlich klärt McEwan mit seinem Roman einige Fragen, die Shakespeares Drama offen gelassen hat: Hatten Gertrude und Claudius zu Lebzeiten des Königs ein Verhältnis? Ja! Woher stammt Hamlets Ekel gegenüber Sexualität? Er musste als Fötus das überaktive Sexualleben seiner Mutter mit ihrem Geliebten miterleben! Dann: War Gertrude vielleicht doch am Mord beteiligt? Jawohl! Hat Gertrude den Mord aus sexuellem Interesse an Claudius befördert? Ja!

Fazit:

Ein witziger, unterhaltsamer, aber aufgrund der Erzählhaltung des Fötus nicht übermäßig spannender Roman mit (etwas zu ausgiebigen) politischen Statements und unklarer Message. Dennoch lesenswert.

Ian McEwan – Nussschale – Diogenes – aus dem Englischen von Bernhard Robben

 

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben ist ein kurzer Roman über einen Mann namens Andreas Egger, der ein einfaches, von schwerer Arbeit gekennzeichnetes Leben in den Alpen führt. Irgendwann Ende des 19. Jahrhundert geboren, erlebt er die Modernisierung seines Dorfes, den Einzug der Elektrizität in die Häuser usw., bis er schließlich mit knapp achtzig Jahren in Zurückgezogenheit stirbt. Die Geschichte endet nicht nur mit dem Tod, sie beginnt auch damit. Genauer gesagt mit dem Tod des alten Hörnerhannes; Egger hat den sterbenden Ziegenhirten gerade in seiner Hütte gefunden.

Egger ist kein Mann der großen Worte. Er ist einer, der tut, was getan werden muss. Stark, aber langsam, unermüdlich arbeitend, erweist er sich immer wieder als überraschend flexibel. Er hat ein großes Herz, auch wenn er seine eigenen Gefühle oftmals gar nicht richtig einordnen kann. Er ist umsichtig, mit Intuition ausgestattet und einer großen Liebe fähig.

Robert Seethaler hat ein Buch über einen Mann geschrieben, der in seinem Leben viele Tiefschläge erleidet, und dennoch Zufriedenheit empfindet, nicht zuletzt durch seine Verbundenheit mit der Natur. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben streift Egger nur kurz, aber dieses Erlebnis ist nichts, was ihn in seinen Grundfesten erschüttert.

Der Reiz des Buches liegt meines Erachtens im Gegensatz zwischen dem einfachen, ungebildeten, wortkargen Mann auf der einen Seite und seiner Herzensbildung, seinem gesunden Menschenverstand, seiner Loyalität auf der anderen. Ein Mann, der überaus klug und mit Gespür für die eigenen Stärken und Schwächen das Beste aus sich und seinem Leben macht.

Dazu kommt eine in meinen Augen flüssige, treffende, nicht zu blumige, nicht zu schlichte Sprache, die Egger, sein Leben und die Natur zum Leben erweckt.

Fazit:

Ein kleines, mit einer wunderschönen Sprache ausgestattetes Buch über einen einfachen und doch besonderen Mann, den ich gerne auf seinem Lebensweg begleitet habe.

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben – Goldmann

 

Dimitri Verhulst – Die Unerwünschten

Die Unerwünschten umfasst zwei Geschichten, die sich um das Schicksal von Heimkindern drehen und von wahren Begebenheiten handeln. Die erste Geschichte, Requiem für eine Fotze, erzählt von einem jungen Mann, der die Beerdigung eines Mädchens namens Gianna besucht. Sie hat mit ihm zusammen im Heim gelebt und sich selbst das Leben genommen. Die zweite Geschichte, Die Ankunft am bleichen Morgen, handelt von Sarah und Stefaan, einem Ehepaar, das seine beiden Kinder umgebracht hat und deshalb vor Gericht steht.

In Requiem für eine Fotze spricht ein unbekannter Erzähler ein „Du“ an. Ich habe es so verstanden, dass Verhulst, der selber im Heim gelebt hat, hier mit und über sich selbst und seine Erfahrungen spricht. Er tut das in einem überwiegend zynischen Tonfall, der mich sehr beklommen gemacht hat.

Der Junge ist erfüllt von Schuldgefühlen und zermürbender Selbstkritik. Ein Gefühl der Minderwertigkeit kommt in dem Bericht zum Ausdruck, aber auch Scham über die eigene Situation, das Gefühl, etwas beweisen zu müssen und die eigene Unsicherheit zu verbergen.

Der Erzähler beschreibt die Sonntage im Heim, an denen nur wenige Kinder Besuch bekommen. Und wenn doch, wird der „Appetit auf Mutterliebe“ schnell „von ihrem Achselgeruch erstickt“ (S. 26). Es geht um Sexualität, die im Heim zum Ersatz für Zuneigung wird, um gutmeinende Menschen, die ihren Müll im Heim abgeben und Dankbarkeit erwarten. Schließlich sitzt der Junge in der Kirche und muss sich anhören, alles sei gut, wie es ist (S. 33): „Der Anfang von Psalm 23 – ‚Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln‘ – ist eine wahre Zumutung für jeden Menschen.“

Und die Folgen? Eine davon ist die Bindungsunfähigkeit: „Einerseits fühltest du dich unheimlich leicht abgelehnt, andererseits hättest du Hornhaut auf sämtlichen Gefühlsorgangen entwickelt. Zwischen Bindungsfurcht und der Angst, verlassen zu werden, jagtest du hin und her.“ (S. 61).

Die Ankunft am bleichen Morgen  umfasst einen Dialog zwischen Stefaan und Sarah, den unter Anklage stehenden Eltern. Man erfährt, was die beiden für Menschen sind, wie sie zu Soziopathen – so das Urteil der Gutachter – wurden, die ihre Kinder umgebracht haben.

Andererseits wird in einer Ausführung des Richters klar, dass die beiden sich nicht hinter ihrer Herkunftsgeschichte verstecken dürfen, dass es Menschen gibt, die unter ähnlichen Bedingungen aufwachsen und anders handeln (S. 134 ff). Die Ankunft am bleichen Morgen schockierte mich durch den kompletten Mangel an Empathie der Eltern für ihre Kinder.

Zwei Aussagen Stefaans bringen seine Sichtweise auf den Punkt: „Kinder darf man in die Welt setzen, aus welchem Grund auch immer. Aber wenn einer seine Kinder kaputtmacht, um endlich aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen, landet er vor Gericht. Alle hacken auf uns herum.“ (S. 99). Die Kinder werden aufgefasst als ein Ding, das man sich anschafft und wieder loswird. Es wird aber auch klar, was aus seiner Warte dahintersteckt: „Ich wusste nicht viel, aber eins wusste ich: Meine Kinder würden sie nicht in ein Heim stecken, nur über meine Leiche. Also, was sollten wir tun? Wir haben unsere Kinder kaputtgemacht. Zu ihrem eigenen Besten.“ (S. 141/142).

Fazit:

Inwieweit die geschilderten Umstände repräsentativ für Kinderheime sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Was den Gesamteindruck des Buches angeht, schließe ich mich dem an, was auf dem Umschlag steht: „schmerzhaft und ergreifend“.

Dimitri Verhulst – Die Unerwünschten – Luchterhand – Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

 

Pierre Martin – Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild

Die „Madame le Commissaire“- Krimireihe von Pierre Martin (Pseudonym) spielt in der Provence und umfasst bislang vier Bände: Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer, …und die späte Rache, …und der Tod des Polizeichefs sowie Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild. Pierre Martin ist, soviel erfährt man, „ein Autor, der sich mit Romanen, die in Frankreich und Italien spielen, einen Namen gemacht hat“.

Die Titelfigur Isabell Bonnet war einst Leiterin einer geheimen Spezialeinheit der Police nationale in Paris. Seit einem Attentat, bei dem sie fast gestorben wäre, lebt sie wieder in ihrem Geburtsort Fragolin, einem (fiktiven) Dorf im Department Var. Dort leitet sie ein Kommissariat für besondere Aufgaben, d.h. sie kümmert sich um die Aufklärung alter, ungelöster Fälle. Ihr einziger Mitarbeiter ist der kauzige Sous-Brigadier Jacobert Apollinaire Eustache.

Aus ihrer Zeit in Paris hat sie noch gute Kontakte zu ihrem väterlichen Freund und obersten Dienstherren Maurice Balancourt, der sie mit Fällen versorgt und bei Bedarf  mit weitreichen Befugnissen ausstattet. Privat steht Isabell zwischen zwei Männern, Thierry  Blès, dem Bürgermeister von Fragolin, und Rouven Mardrigal, einem Kunst sammelnden Privatier, der in Band 1 von Isabell im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms beschützt wird.

Man könnte Isabell Bonnet auch „Wonderwoman“ nennen. Sie kann alles, einen Helikopter fliegen, einen Gangster mit ein paar Handgriffen unschädlich machen, über Dächer klettern, sich mühelos in der High Society bewegen etc. Sie hängt ihren Misserfolgen nicht lange nach und steckt auch ihre posttraumatische Belastungsstörung ohne zu jammern weg.

In den Romanen werden immer zwei Fälle gleichzeitig untersucht, die aber nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben. In Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild geht es einerseits um einen toten Staatssekretär, andererseits um ein gefälschtes Kunstwerk:

Isabell und Apollinaire wollen ihr ungewöhnliches Kommissariat gerade für eine längere Sommerpause schließen, da meldet sich Balancourt. Er bittet Isabell, die Umstände des Todes von Staatssekretär Roux aufzuklären, der Mitglied eines Untersuchungsausschusses zu illegalen Waffengeschäften war. Isabell ermittelt undercover in dem Hotel, in dem sich Roux zuletzt aufgehalten hat und kann Balancourt schon bald den Namen eines Bösewichts nennen, der dem Politiker aller Wahrscheinlichkeit nach den tödlichen Medikamenten-Cocktail verabreicht hat.

Derweil wird in Fragolin ein kleines Matisse-Museum eröffnet, für das sich Thierry  Blès stark gemacht hat und in dem kleinere, unbekannte Arbeiten des Künstlers ausgestellt werden. Thierry kommt zu Ohren, dass ein neues Bild von Matisse aufgetaucht ist, das gut in die Sammlung passen würde. Er bittet Rouven Mardrinac, es zu kaufen und dem Museum als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Als Isabell mit Rouven das Bild begutachtet, stellt sich heraus, dass es sich um eine Fälschung handelt. Eine genauere Untersuchung des Bildes bringt einen mysteriösen Hilferuf zutage.

Alles in allem finde ich, Klischees werden in der Reihe ein bisschen überstrapaziert. Es wird zudem auffällig viel gelächelt, geschmunzelt, gelacht. Einige Wiederholungen führten bei mir schließlich zu leichtem Überdruss: Balancourt ist immer Isabells Trumpfkarte, die Telefonate mit ihm laufen immer ähnlich ab, ebenso wie die Treffen Isabells mit ihrer Freundin Clodine [sic]. Apollinaire ist im Allgemein verschroben, zeigt aber im entscheidenden Moment überraschende Fähigkeiten etc.

Ungeachtet dessen machen die Bücher Lust, in die Provence zu reisen, die Sonne auf der Haut zu spüren, den Lavendel zu riechen, marinierte Lammkottelets zu essen und dabei ein Glas frischen Roséwein zu schlürfen. Madame le Commissaire hat mich auf unbeschwerte Weise unterhalten. Das Personal ist übersichtlich und der Handlung ist leicht zu folgen.

Fazit: Leichte, aber nicht zu seichte Unterhaltung mit Gute-Laune-Effekt und kleinen Macken.

Pierre Martin – Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild – Knaur