Will Gompertz – Denken wie ein Künstler

Quelle: pixabay.com

Was heißt eigentlich kreativ?

Der Titel Denken wie ein Künstler – Wie Sie Ihr Leben kreativer machen klang für mich zuerst nach einem Ratgeber, der vollmundige Versprechen abgibt, die er dann doch nicht einhält. Doch war mein Interesse geweckt und so habe ich mich ein bisschen genauer mit dem Buch befasst. Und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht doch lohnen würde, es zu lesen. Und so war es dann auch.

Warum ist das so? Ich habe gemerkt, dass Denken wie ein Künstler kein Ratgeber ist, sondern eher eine Analyse – eine Analyse des künstlerischen Wesens. Was macht den Künstler zum Künstler? Gompertz überlässt es seinem Leser, zu entscheiden, was er aus seinen Ausführungen mitnehmen möchte.

Will Gompertz ist Kunstkorrespondent der BBC und hat Künstler verschiedener Art kennen gelernt und in ihrem Schaffen beobachtet. In Denken wie ein Künstler gibt er in unterhaltsamer Form einen Überblick darüber, was seiner Meinung nach diesen Künstlern gemein ist.

Das tut er in insgesamt 11 Kapiteln, deren Überschriften schon ganz gut andeuten, worum es geht: 1. Künstler denken unternehmerisch, 2. …scheitern nicht, 3. …sind ernsthaft neugierig, 4. …stehlen, 5.  …sind Skeptiker, 6. …sehen das große Ganze und die kleinen Details, 7. …haben einen Standpunkt, 8. …sind mutig, 9. …machen Denkpausen, 10. Alle Schulen sollten Kunstschulen sein, 11. Ein letzter Gedanke.

Aufgelockert wird das Ganze durch witzige Strichzeichnungen, Schwarz-Weiß-Abbildungen verschiedener Kunstwerke und Fotos sowie Zitaten von Künstlern zu Anfang und Ende jeden Kapitels. Innerhalb des Fließtextes sind wichtige Aussagen fett hervorgehoben.

Dazu kommt ein Farbteil mit Bildern, auf die Gompertz im Text genauer eingeht. Was er zu den Bildern zu sagen hatte, fand ich überaus spannend. Wenn ich in einem Museum bin, läuft das bei mir normalerweise so ab: Ich schaue mir ein Gemälde an, finde es ansprechend oder eher nicht. Ich bewundere den Künstler für sein Können und seine Ideen, kann ihn vielleicht einer Epoche zuordnen. Das war es aber auch schon.

Gompertz erhellt die Hintergründe zu den Bildern. Warum ist zum Beispiel Die Geißelung Christi von Piero della Francesca (1458-1460) ein so bemerkenswertes Bild? Es ist die perspektivische Darstellung, etwas völlig Neues für diese Zeit. Mit diesen und weiteren Hintergrundinformationen kann man die Bilder ganz anders, mit viel mehr Interesse betrachten.

Ich fand Denken wie ein Künstler nicht nur sehr angenehm zu lesen – Gompertz ist einfach begeistert von dem, was er tut und das merkt man dem Text an – es war auch gespickt mit gedanklichen Anregungen. So zum Beispiel im Kapitel Künstler haben einen Standpunkt, als Gompertz von dem US-amerikanischen Künstler Kerry James Marshall berichtet. Gompertz möchte ihn interviewen, und landet statt im Atelier (wo Marshall auf ihn wartet), aus Versehen zu Hause bei dessen Frau, der Schauspielerin Cheryl Lynn Bruce.

Sie bietet ihm Kuchen an, und als er sagt, dass er gerne welchen möchte, fordert sie ihn auf, sich einen Teller aus dem Regal auszusuchen. Sie sammelt Teller, von jeder Sorte gibt es einen. „Wir sind keine Roboter“, sagt sie dazu. „Das Leben ist aufregender, wenn man eine Meinung hat.“ (S. 165)

Ich fand es äußert spannend zu lesen, wie Künstler arbeiten, zu ihrem ganz persönlichen, unverwechselbaren Stil finden. Gompertz beschreibt z.B., wie Picasso von einem talentierten „Imitator“ zu einem Meister wurde. Picasso „bedient“ sich zwar auch als Meister noch bei vielen anderen Künstlern, nimmt deren Ideen auf, macht aber etwas ganz Eigenes draus, wobei die Reduktion eine wichtige Rolle spielt.

Das Denken der Künstler, wie es in den 11 Kapiteln charakterisiert wird, bildet einen wohltuenden Kontrast zu der Denkweise, die wir in der Schule lernen, und die leider so oft das Gegenteil von Kreativität ist.

Was heißt nun Kreativität? Gompertz stellt seinen Ausführungen keine Lehrbuch-Definition voraus. Ich fasse sie so zusammen: Kreativ-Sein heißt, dem eigenen Standpunkt auf originelle, neue Art Ausdruck zu verleihen, und sich dabei nicht vom Althergebrachten einschüchtern zu lassen. Dazu ist der Kreative neugierig und skeptisch und hört nie auf zu fragen. Kreativ-Sein beinhaltet die Verknüpfung von Dingen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen. Es heißt aber auch, Dinge weglassen zu können.

Fazit: Ein sehr unterhaltsames, interessantes Buch für all diejenigen, die das Gefühl haben, dass die Kreativität in ihrem Leben zu kurz kommt.

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler – aus dem Englischen von Sofia Blind – Dumont

 

Erling Kagge – Stille

Quelle: pixabay.com

Assoziationen zur Stille

Stille ist ein sehr schön aufgemachtes, schmales Büchlein über ein besonderes Phänomen, an dem es heutzutage mangelt. So wirft Kagge am Anfang drei Fragen auf: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je? Es folgen „33 Versuche einer Antwort“. Bei diesen Antworten geht es um das Staunen, die Natur, Langeweile, Ablenkung, Smartphones und verschiedene andere Themen.

Das Buch liest sich flüssig und hält hier und da ein paar interessante Gedanken für den Leser bereit. Was mir allerdings fehlt sind Tiefgang und Struktur. Die Kapitel wirken auf mich willkürlich aneinandergereiht, so als habe Kagge einfach seinen Assoziationen freien Lauf gelassen. Dabei werden die drei Fragen sicherlich indirekt auf die ein oder andere Weise beantwortet. Wer es aber, wie ich, etwas konkreter mag, kommt nicht auf seine Kosten.

Auch Leser, die sich schon ein paar Gedanken über Achtsamkeit und verwandte Themen gemacht haben, werden meines Erachtens wenig von dem Buch profitieren, da es einfach zu sehr an der Oberfläche bleibt.

Fazit: Stille hinterlässt bei mir keinen bleibenden Eindruck. Laut Untertitel handelt es sich um einen Wegweiser. Ich finde, es ist einfach ein nettes Büchlein für einen entspannten Lese-Nachmittag.

Erling Kagge – Stille – aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg – Insel

Al Gore – Truth to Power

Al Gore, Ex-Vize-Präsident und zweifacher Präsidentschaftskandidat der USA, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Thema Klimawandel. Im Jahre 2006 veröffentlichte er  einen Film und ein dazugehöriges Buch mit dem Titel An Inconvenient Truth. Ausgehend davon rief er das sogenannte Climate Reality Project ins Leben.

Elf Jahre später gibt es nun erneut einen Film und auch Buch zum Thema. In dieser Folge-Publikation geht es zum einen darum, den Status-quo in Sachen Klimawandel darzustellen. Es wird aber auch gezeigt, welche Fortschritte gemacht wurden und es werden konkrete Hilfestellungen für die eigenen Klimaschutzaktivitäten gegeben.

Wenn man das Buch aufschlägt, merkt man direkt, dass es kein typisches Sachbuch ist. Es gibt viele Fotos und Diagramme  und relativ wenig Text, der noch dazu recht groß gedruckt ist. Eine Ausnahme bilden Porträts von Leuten, die als Mitarbeiter des Climate Reality Projects den Gedanken des Klimawandels weitertragen. Weitere Ausnahmen sind ausführliche Darstellungen ausgewählter Sachverhalte, wie die Luftverschmutzung in China. Das Buch erinnert stellenweise an eine sehr gut gemachte Power-Point-Präsentation zwischen zwei Buchdeckeln.

Doch die nette Aufmachung dient meiner Einschätzung nach nicht dazu, über mangelnde Inhalte hinwegzutäuschen. Zwar geht es inhaltlich nicht sehr in die Tiefe, aber ich hatte schon den Eindruck, dass die genannten Informationen Hand und Fuß haben bzw. aus verlässlichen Quellen stammen. Allerdings kann ich nicht verhehlen, dass ein wenig Selbstbeweihräucherung Al Gores dabei ist. Aber in erträglichem Maße.

Einen weiteren Aspekt finde ich wichtig. Er geht aus dem Untertitel des Buches hervor: Your action handbook to learn the science, find your voice, and help solve the climate crisis. Die zweite Hälfte des Buches enthält konkrete Anleitungen dafür, wie man Klimawandelaktivist wird.  Es wird z.B. erklärt, wie man Kindern das Problem des Klimawandels nahebringen kann, wie man selbst klimaschonender lebt, wie man Veranstaltungen zum Thema organisiert oder eine Präsentation vorbereitet. Es gibt sogar Briefvorlagen für Schreiben an Politiker. Letztlich ist das Buch auch deshalb lehrreich, weil Gore die Tipps zur erfolgreichen Verbreitung seines Anliegens auch selbst beherzigt und in dem Buch umsetzt.

Zwar glaube ich nicht, dass das Buch Klimawandel-Leugner vom Gegenteil überzeugen kann. Der oder die Unentschiedene kann aber durchaus Nutzen daraus ziehen. Gut fand ich auch, dass in einem Kapitel passende Antworten auf typische Einwände gegeben werden. (Bsp.: Es ist doch so kalt draußen, wie kann es da Klimawandel geben?) Das einzige, was ich vermisst habe, war ein Inhaltsverzeichnis.

Fazit: Wer sich auf angenehme Art über den Klimawandel informieren und dabei nicht zu sehr in die Tiefe gehen möchte, der ist mit diesem Buch sehr gut beraten. Gleiches gilt für Leser, die selbst gerne gegen den Klimawandel aktiv werden möchten und dazu Hilfestellung suchen. Die Informationen im Buch sind zwar auf die USA gemünzt, lassen sich aber meines Erachtens auf Deutschland übertragen. Last, but not least: Gore geht an vielen Stellen darauf ein, wie weit wir Menschen beim Thema Klimaschutz schon gekommen sind. Es ist also auch ein Buch, das Hoffnung macht und zeigt, welche positiven Entwicklungen es gibt und wie diese fortgesetzt werden können.

Al Gore – Truth to Power: An Inconventien Sequel – Macmillan USA

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Der Roman Die Geschichte der Bienen besteht aus drei Handlungssträngen, die in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen. William ist ein unglücklicher englischer Wissenschaftler in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der gerade erst das Wunder der Bienen entdeckt. In der Gegenwartsgeschichte geht es um den US-amerikanischen Imker George, der darunter leidet, dass sein Sohn Tom das Geschäft nicht fortführen will. Die dritte Geschichte spielt im China des ausgehenden 21. Jahrhunderts. Protagonistin Tao bestäubt als Arbeiterin Blüten, da es keine Bienen mehr gibt. Es handelt sich um eine Dystopie, die illustriert, wie das Leben aussehen könnte, wenn es keine Bienen mehr gäbe.

William ist Saatgutverkäufer und siebenfacher Vater, dessen Herz für die Wissenschaft schlägt. Eine Leidenschaft, der er durch die Familiengründung und den Zwang, Geld nach Hause zu bringen, leider nicht ausgiebig frönen kann. Er wird depressiv, fängt sich aber wieder und entwickelt neue Arten von Bienenstöcken. Allein, zum Durchbruch kommt es nicht, da er mit seinen Erfindungen zu spät dran ist. Seine Tochter Charlotte „erbt“ sein Interesse für Bienen. Dabei erkennt William lange nicht, was er an Charlotte hat, weil er ständig auf Sohn Edmund schielt, den er mit seinen Forschungen beeindrucken will. Auch sein ehemaliger Professor und Mentor Rahm spielt eine große Rolle, er ist eine Vaterfigur,  die William nicht enttäuschen will. Letztlich ist William gefangen in seinem inneren Konflikt und kreist um sich selbst.

George, der Imker, kann nicht akzeptieren, dass sein Sohn Tom andere Pläne für die Zukunft hat, als den Hof des Vaters zu übernehmen. In dieser Geschichte geht es, ähnlich wie bei William und Edmund, um den typischen Konflikt zwischen Eltern und Kindern – inwieweit lässt man den Kindern Raum, ihre eigenen Wege zu gehen. George ist ein Praktiker, will seinem Sohn alles beibringen, was man fürs Imkerdasein können muss. Tom dagegen will schreiben, ist ein begabter Student, doch das interessiert George nur am Rande. George sieht, genau wie William, nur sich selbst und missbilligt die akademischen Ambitionen seines Sohnes. Als es jedoch zu einem großen Bienensterben kommt, entscheidet sich Tom überraschend für seinen Vater und den Hof. Später erfahren wir, dass Toms Wissen und seine Erfahrungen Tao und ihren Mitmenschen in Form eines Buches wieder Hoffnung gibt.

Taos Leben kann man kaum ein solches nennen, es ist eher ein Kampf ums Überleben. Die Städte sind tot, die verbliebenen Menschen leben auf dem Land und arbeiten unermüdlich.  Sie müssen Blüten von Hand bestäuben, damit es etwas zu essen gibt. Tao glaubt daran, durch Bildung zu einem besseren Leben zu finden, ihr Mann Kuan hat sich mit der aktuellen Situation arrangiert. Sie leben unter einer strengen Regierung, die alles bestimmt, keinen Widerspruch duldet, dies aber immerhin in dem Bemühen, die Menschen am Leben zu erhalten. Die Menschen werden in dieser Phase selber zu Bienen unter einer alles bestimmenden Königin, zu unermüdlichen Arbeitern und Arbeiterinnen. Als Taos Sohn einen Unfall hat, macht sie sich auf die Suche nach dessen Ursache. Sie kehrt mit einer Hoffnung gebenden Erkenntnis zurück.

Jede Geschichte für sich wäre nach meiner Einschätzung zu mager gewesen – die Konflikte zwischen den Protagonisten werden nicht in der Tiefe behandelt. Doch die Zusammenstellung der Handlungsstränge, die jeweils stückweise dargeboten werden, ist reizvoll. Dabei sind die Geschichten natürlich einerseits über das Thema Bienen verbunden, andererseits ist George ein Nachkomme Williams, und Tao findet ein Buch, dass Tom geschrieben hat.

Sehr interessant und wichtig finde ich, was man in sachlicher Hinsicht über die Bienen erfährt und natürlich über die möglichen Folgen ihres Aussterbens. Hier rüttelt das Buch auf und macht deutlich, wie wichtig es ist, die Bienen zu erhalten. Es war für mich allerdings ein bisschen schwierig, das inhaltliche Anliegen – die Bedeutung der Bienen für die Menschen zu illustrieren – und die Familien-Geschichten zusammen zu bringen. Ich wusste nicht so richtig, was ich gerade lese. Drei Familiensagen? Ein Sachbuch? Ein Buch über zwischenmenschliche Erwartungen? Diese Unklarheit, die natürlich im Konzept des Buches angelegt ist, bewahrte bei mir eine gewisse Distanz zum Text.

Es ist schon angeklungen, dass das Thema Bildung in dem Roman von großer Bedeutung ist. Es wird aber auch deutlich, dass Theorie und Praxis nur in der Kombination zum Ziel führen. George kann nicht glauben, dass die Theorie irgendeinen Nutzen für ihn als Imker hat. Doch das von Tom angelesene Wissen in Kombination mit seinen praktischen Erfahrungen helfen schließlich Tao. Ihre unbeirrbare Auffassung, dass Bildung der Schlüssel zur Lösung der Probleme ist, führt dazu, dass die Menschen zum ersten Mal wieder Hoffnung haben.

Sprachlich-stilistisch sticht der Roman, soweit ich das beurteilen kann, nicht besonders heraus.  Mir sind weder besonders raffinierte, noch besonders schlechte Formulierungen aufgefallen, es war einfach eine leicht zu lesende Lektüre, was ich angesichts des facettenreichen Inhaltes passend finde.

Fazit:

Im Gesamtpaket eine gut lesbare, interessante, spannende und wichtige Lektüre mit Appell-Charakter, genremäßig (wenig überraschend) nicht so richtig einzuordnen.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen – btb Verlag – aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein