Hari Kunzru – White Tears

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„Hari Kunzru ist ein begnadeter Geschichtenerzähler“ – so wird die New York Times auf dem hinteren Buchdeckel zitiert. Und damit ist das Entscheidende  auch schon gesagt: Hari Kunzru  hat mit White Tears eine richtig gute Geschichte geschrieben.

Darin geht es um zwei junge Musiker namens Seth und Carter. Seth kommt aus schwierigen Verhältnissen; seine Mutter ist gestorben und der Vater mit der Erziehung vollkommen überfordert. Carter entstammt dem wohlhabenden Wallace-Clan:

„Carter sprach so gut wie nie über seine Familie. […] Er hatte einen Bruder und eine Schwester, beide älter als er, und sein Vater entpuppte sich als großzügiger Sponsor der Republikaner. […] Vielleicht war es kein Zufall, dass der Wallace-Konzern, ein Ungeheuer, dessen Tentakel sich bis in Bauwesen, Logistik und Energie ausbreiteten, seit Nine-Eleven expandiert hatte, indem er Amerika im Krieg gegen den Terror unterstützte.“ (S. 16).

Seth und Carter können mit der digitalen Musik nichts anfangen. Stattdessen nehmen sie auf alt hergebrachte Art Töne auf und entwerfen daraus in ihrem Studio einen ganz besonderen Sound. Vor allem der Blues hat es ihnen angetan.

Eines Tages erfasst Seth bei einem seiner Streifzüge durch New York zufällig den Gesang eines unbekannten Mannes. Unter mysteriösen Umständen gelingt es Carter, aus den aufgenommenen Fetzen ein ganzes Lied zu kreieren. Carter ist hin und weg von dem Song, Seth ist gleichzeitig fasziniert und irritiert, ja fast abgestoßen.

Dann verkauft Carter den Song ohne das Wissen seines Freundes im Netz. Er behauptet dabei, es handle sich um eine Aufnahme von „Charlie Shaw“ aus dem Jahre 1928. Der Hit geht viral. Die Sache ist Seth ganz und gar nicht geheuer, und dann meldet sich auch noch jemand und behauptet, den fiktiven Charlie Shaw zu kennen. JumpJim, der sich in einer Online-Tauschbörse herumtreibt, will unbedingt wissen, was auf der B-Seite der Platte ist….

Und Seths Unbehagen trügt nicht: Kurze Zeit später wird Carter auf brutale Weise überfallen und fällt ins Koma.  Alles deutet darauf hin, dass der Überfall mit der Aufnahme zusammenhängt. Seth macht sich mit Carters Schwester Leonie auf die Suche nach Charlie Shaw: Nur er kann Licht ins Dunkel bringen.

Die Suche führt die beiden Richtung Süden, durch Mississippi. Sie folgen den Hinweisen von JumpJim, der auch einst nach Charlie Shaw suchte. Wie es JumpJim damals erging, und was Seth und Leonie heute erleben, wird genial mit der Geschichte der Familie Wallace zusammengebracht und zu einem überzeugenden Ende geführt.

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Buch viele surreale Momente enthält, vor allem in der zweiten Hälfte. Es geschehen merkwürdige Dinge, die Seth sich nicht erklären kann. Später geht es sogar so weit, dass er nicht mehr weiß, welche Personen real sind, und welche nur Geister. Kunzru gelingt es meines Erachtens sehr gut, Seths Verwirrung für den Leser greifbar zu machen.

Fazit: Sehr lesenswerte, spannende Geschichte über den Blues, die Unterdrückung der Schwarzen und deren Ausbeutung.

Hari Kunzru – White Tears – Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner – Liebeskind

Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt

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Eine Frau und ein Mann renovieren zur Zeit der Wende eine Altbau-Wohnung in Berlin. Sie wollen gemeinsam dort einziehen. Sie sind schon etwas älter, haben  erfüllende Berufe, ehemalige Beziehungen und ältere Kinder. Etwas Neues soll beginnen, ihr gemeinsames Leben. Aber schon auf den ersten Seiten wird klar, dass das Schicksal auf perfide Art dazwischenfunkt.

Der Mann fällt beim Renovieren von der Leiter und staucht sich die Wirbelsäule. Und während er sich durch die Reha kämpft, kümmert sie sich um die Wohnung. Als die beiden schließlich eingezogen sind – der Mann geht mittlerweile am Stock – stellt sich heraus, dass die Wohnung ein echter Fehlgriff ist: Nachts können sie vor lauter Lärm nicht schlafen, die Heizung geht dauernd kaputt, ständig ist der Behindertenparkplatz besetzt usw.

Auf die Frage, warum die beiden in der Wohnung bleiben, gibt das Buch keine Antwort. Es ist wie ein Bericht verfasst, d.h. man erfährt wenig über ihre Gefühle oder darüber, wie sie die Situation bewerten. Natürlich versuchen sie, die Probleme zu lösen, ihre Bemühungen bleiben aber erfolglos. Warum gehen sie nicht? Meine Vermutung ist, dass sie bleiben müssen, um dem Sturz nachträglich einen Sinn zu geben. Die Wohnung muss es wert sein, dass er nur noch am Stock laufen kann.

Am Ende des Buches heißt es: „Alles, was auf diesen Seiten zur Sprache kommt, hat sich auf diese oder jene Weise ereignet. […]“ Ulrike Edschmids Partner ist der Mann, der fällt – und der in der zweiten Hälfte des Buches etwas in den Hintergrund rückt. Die Erzählerin schildert hier alle möglichen Dinge, die sie erleben: Der Kioskbesitzer um die Ecke wird angeschossen, sie müssen wegen eines Bombenfundes überstürzt das Haus verlassen und ähnliches.

Der Mann kommt immer dann wieder ins Spiel, wenn er eigentlich schnell reagieren müsste, dies aber nicht mehr kann. Ich verstehe es so, dass die erzwungene Verlangsamung und Hilfsbedürftigkeit des Mannes durch die „Verschnellerung“ und Verrohung der Umwelt betont werden soll. Doch gelingt dies meines Erachtens nicht. Das liegt vor allem daran, dass es kein Vorher gibt. Wie haben sie vorher gelebt? Was hat der Mann gemacht, was die Frau? Was war ihnen wichtig? Wo haben sie gelebt? Wie verroht und schnell war das Viertel vorher? All das wird nur angerissen, ist aber zum Verständnis der Veränderung wichtig und hätte meines Erachtens genauer ausgeleuchtet werden müssen.

Es gelingt auch deshalb nicht, weil einfach ein schlimmes Ereignis an das nächste gereiht wird. Offensichtlich haben die beiden all das erlebt, aber so konzentriert und ohne eine Einordnung wirkt es auf mich übertrieben und unglaubwürdig. Dazu kommt, dass das Paar in einer anderen Gegend Berlins vielleicht auch positivere Erfahrungen hätte machen können.

Doch es wird so dargestellt, als gäbe es eine zwingende Beziehung zwischen dem Unfall und den Ereignissen. Als wäre das Ganze unabänderlich. Es kann natürlich sein, dass Edschmid das so empfunden hat:  Es passieren nur noch schlimme Dinge, wir können nichts dagegen tun und diese schlimmen Dinge fordern die Langsamkeit meines Partners heraus. Aber es gelingt ihr (zumindest in meinem Falle) nicht, diese Empfindung nachvollziehbar darzustellen.

Die Sprache ist flüssig und kommt ohne Schnörkel aus, was natürlich zur Berichtsform passt. Es gibt zudem einige treffende Passagen, die mich nachdenklich gemacht haben, so z.B. auf Seite 67: „Zuweilen erstaune es ihn, schreibt er, dass er bei der erzwungenen Verzögerung seiner Schritte auf eine innere, längst vorhandene Langsamkeit stoße, die er früher hinter einer zum Lebensstil gewordenen Eile habe verschwinden lassen.“

Manchmal bin ich über einen Wechsel der Zeitform innerhalb eines Satzes gestolpert (bspw. Seite 151/152): „Als ich mich nach zehn Tagen von ihr verabschiede, habe ich vor, im nächsten Jahr wiederzukommen. Sie wird dann alt genug für einen Sari sein – zwölf Jahre. Noch trägt sie ein kurzes Kleidchen. Ich habe ihr den Sari für den Geburtstag mitgebracht. Ich frage sie, wo sie sein wird, wenn ich kommen.“  Die Erzählerin streut die Information, dass sie dem Mädchen den Sari tatsächlich mitgebracht hat, offenbar einfach an irgendeiner Stelle ein. Vielleicht, um die Natürlichkeit des Berichts zu betonen?

Fazit: Ein in Berichtsform gehaltenes Buch über einen Mann, der aufgrund eines Unfalls nur noch mit Stock laufen kann und sich anpassen muss, und ein Buch über Berlin zur Zeit des Mauerfalls.

Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt – Suhrkamp

D. E. Stevenson – Stich ins Wespennest

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Barbara Buncle lebt in den 1930er Jahren in dem kleinen englischen Dorf Silverstream. Als ihr das Geld ausgeht, sucht sie nach neuen Einnahmequellen und beschließt, ein Buch zu schreiben. Da sie nach eigenen Aussagen überhaupt keine Fantasie hat, schreibt sie kurzerhand einen erschütternd realistischen Roman über die Mitbewohner des Dorfes. Sie bietet das Manuskript einem Verleger an, der einen Bestseller wittert.

Es kommt zur Veröffentlichung von Der Störenfried unter einem Pseudonym. Das Buch von „John Smith“ schlägt ein wie eine Bombe. Sehr schnell erkennen sich die Dorfbewohner in den Figuren der Geschichte wieder und sind zum Teil „not amused“.  Die unsägliche Mrs. Featherstone Hogg startet gar einen Feldzug gegen Unbekannt. Sie will wissen, wer John Smith ist, um ihn nach der Enttarnung auspeitschen zu lassen.  Colonel Weatherhead soll das übernehmen, doch der weiß noch gar nichts von der ihm zugedachten Aufgabe. Nichts liegt ihm ferner als John Smith zu verletzen, aber das interessiert sie nicht.

Auf der Rückseite des Buches wird die Zeitschrift Freundin Donna zitiert mit dem Resümee „Herrlich!“, und genau das ist es. Ein herrlich witziges Buch über mehr oder weniger sympathische Leute und ihr Zusammenleben. Aber auch darüber, wie sich die Dorfbewohner durch die Lektüre des Buches verändern. Da finden Paare zusammen oder begreifen endlich, wie furchtbar der Ehepartner wirklich ist, unfreundliche Ehemänner wandeln sich zu erträglichen Zeitgenossen, und selbst Barbara Buncle bleibt nicht dieselbe. Der Störenfried hält ihnen allen einen Spiegel vor und bringt Entwicklungen in Gang, die es ohne das Buch nicht gegeben hätte. Was dem Ganzen die Krone aufsetzt, und das im positiven Sinne, ist die Tatsache, dass das Buch schon in den 1930er Jahren geschrieben wurde. D. E. Stevenson lebte von 1892 bis 1973 und scheint ein rechter Freigeist, aber auch sehr kinderlieb gewesen zu sein.

Gegen Ende fiel meine Begeisterung für den Roman etwas ab. Die Geschichte wurde stellenweise unwahrscheinlich, konventionell und kitschig. Und das, obwohl Stevenson diesen Aspekt selbst in ihrer Geschichte thematisiert. Alles in allem wird dieses Manko aber durch den Rest der Geschichte mehr als wettgemacht, und sollte niemanden davon abhalten, Stich ins Wespennest zu lesen. Auch das umfangreiche Personal braucht niemanden zu stören. Zum einen gibt es am Ende des Buches ein Personenregister, zum anderen kristallisieren sich die entscheidenden Persönlichkeiten nach ein paar Seiten problemlos heraus.

 Fazit: Wie schon gesagt: Herrlich!

D. E. Stevenson – Stich ins Wespennest – Goldmann – aus dem Englischen neu übersetzt von Thomas Stegers

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

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Lou Ann kommt auf die Welt und ist tiefschwarz. Viel dunkler als ihre Mutter und ihr Vater. Die Eltern sind geschockt, der Vater macht sich direkt aus dem Staub. Die Mutter – froh, fast als Weiße durchzugehen – kann ihre Tochter einfach nicht lieben und hält sie auf Distanz.

Lou Ann entwickelt sich zu einer berauschend schönen Frau. Sie wählt einen Kleidungsstil ganz in Weiß, der ihre Hautfarbe betont und ändert ihren Namen (passenderweise) in „Bride“. Sie macht Karriere in einer Kosmetikfirma und lebt ein recht oberflächliches Leben in großem Luxus. Ihre beste Freundin heißt Brooklyn, hat eine sehr helle Hautfarbe und trägt Rastalocken. Über ihren Freund Booker weiß Bride eigentlich gar nichts, aber das stört sie nicht. Es geht ihr gut und sie ist stolz auf das, was sie geschafft hat.

Dann passiert das Unterwartete: Booker verlässt Bride ohne ersichtlichen Grund und aus dem Nichts heraus. Bride ist am Boden zerstört. Sie will eine Erklärung von ihm, aber Booker ist verschwunden. Während ihrer Suche erleidet sie einen schweren Autounfall. In dessen Folge verbringt sie sechs Wochen bei Steve und Evelyn, ihren Rettern. Die beiden leben irgendwo im Nirgendwo in großer Einfachheit, ja sogar Armut, wofür Bride nur Hohn übrighat.

Umso weniger nachvollziehbar ist für mich, warum sie sich nicht einfach von Brooklyn abholen lässt oder in ein Hotel geht. Bride gibt ihrer Freundin nicht einmal Bescheid, wo sie ist. Ähnlich unverständlich ist für mich ein mystisches Element der Geschichte: Nachdem Booker sie verlassen hat, verändert sich Brides Körper auf unerklärliche Weise zurück in den eines Kindes. Ich nehme an, das soll verdeutlichen, wie sehr der Verlust Bride verunsichert und ihr den Halt nimmt.

Ich hätte es besser gefunden, wenn Morrison die Hintergründe Brides und Bookers ein bisschen besser ausgeleuchtet hätte. Bride hatte eine furchtbare Kindheit aufgrund der Ablehnung durch die Mutter, Booker hat seinen geliebten älteren Bruder durch ein Verbrechen verloren. Beide Traumata werden aber nur angerissen bzw. kursorisch geschildert, so dass ich nicht richtig nachvollziehen kann, wie Bride und Booker zu den Menschen geworden sind, die sie sind.

Es fällt mir auch schwer, die Entwicklung zu verstehen, die Bride und Booker im Verlauf der Geschichte durchmachen. Bride lässt von ihrer Oberflächlichkeit ab, Booker durchschaut seine eigene intellektuelle Arroganz. Wie kommt es zu diesen Veränderungen? Sie gehen für meinen Geschmack viel zu schnell und erklären sich nicht aus der Geschichte heraus.

Insgesamt finde ich, dass sich die vier Teile der Geschichte nicht richtig zu einem Ganzen zusammenfügen; es bleiben zu viele lose Fäden übrig. Im ersten Teil kommen Sweetness (Brides Mutter), Bride und Brooklyn abwechselnd zu Wort: Die Sprache hat geradezu eine Sog-Wirkung, ist aber bei allen drei Frauen in ihrer Abfälligkeit sehr ähnlich. Der zweite Teil wird durch Brides Aufenthalt bei Steve und Evelyn dominiert, im dritten Teil klärt sich die Frage, was eigentlich mit Booker los ist. Im vierten Teil kommt Brooklyn noch einmal zu Wort, Bride findet Booker bei seiner Tante Queen, und auch Sweetness äußert sich abschließend.  Ja, Bride findet Booker wieder und beide sind irgendwie geläutert, aber Brooklyns Rolle bleibt z.B. ungeklärt und das Ende wirkt gezwungen und ist für mich purer Kitsch.

Auch das Schicksal einer weiteren Person, die eine wichtige Rolle in dem Buch spielt, bleibt ungeklärt: Sofia. Sofia war Brides Lehrerin und lange Jahre wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis. Bride möchte sich nach Sofias Entlassung aus dem Gefängnis um sie kümmern, wird aber rüde abgewiesen. Das Thema Kindesmissbrauch zieht sich durch das Buch, ist allgegenwärtig. Vielleicht soll damit illustriert werden,  wie verbreitet dieses Verbrechen ist? Ich empfinde es allerdings eher so, dass die kursorisch geschilderten Einzelfälle durch diese Allgegenwärtigkeit an Bedeutung verlieren.

Dabei ist mir auch nicht klar, wie das Thema Missbrauch und die anderen angesprochenen Themen – Misshandlung aufgrund der Hautfarbe, religiös motivierte Misshandlung, Trauer durch den Verlust eines geliebten Menschen, falsche Schuldzuweisungen – zusammenhängen. Welche Botschaft hat das Buch? Geht es darum, zu zeigen, dass verschiedenste Traumata die Menschen in ähnlicher Weise in ihrer Lebensfähigkeit und „Ganzheitlichkeit“ beeinträchtigen?

Fazit:

Mit Themen und Bedeutungen aufgeladene, durchaus spannend zu lesende Geschichte, die mich nicht richtig überzeugt hat.

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind – Rowohlt Verlag – aus dem Englischen von Thomas Piltz

Penelope Fitzgerald – Die Buchhandlung

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Wir befinden uns im Jahre 1959 in Hardborough, einem abgeschiedenen Örtchen an der Küste Ostenglands, wo Florence Green eine Buchhandlung aufmachen möchte. Man erfährt nicht viel über die Hintergründe, nur so viel: „Gut acht Jahre ihrer zweiten Lebenshälfte hatte sie nun schon in Hardborough verbracht und von dem sehr kleinen Kapital gezehrt, das ihr verstorbener Ehemann ihr hinterlassen hatte, und seit kurzem überlegte sie, ob es nicht ihre Pflicht sei, sich selbst und womöglich auch anderen klarzumachen, daß sie aus eigenem Recht existiere.“ (S. 9).

Nachdem Florence Green ihren Entschluss gefasst hat, gibt sie sich geradewegs an dessen Umsetzung. Und das ist gar nicht so einfach, denn es gibt nicht wenige Leute in Hardborough, die ihre Idee für verrückt halten. Und das sagen sie Florence auch. Überhaupt scheint sich in Hardborough jeder in jedermanns Angelegenheiten einzumischen, manchmal auf unerträglich aufdringliche Weise. Auch Florence hält ihre Meinung nicht unbedingt zurück, ist aber im Gegensatz zu vielen anderen Dorfbewohnern ein gutwilliger Mensch. Mehrfach im Verlauf der Geschichte werden Florence ihr Mitleid und ihre Gutmütigkeit zum Problem. Und auch ihr Vertrauen in andere Menschen soll sich nicht immer auszahlen.

Von mehreren Seiten werden Florence also Steine (eher riesige Felsbrocken) in den Weg gelegt. Ihr wird Unfähigkeit unterstellt, zum Teil wird sie sogar richtiggehend beleidigt. Doch all diese Angriffe pariert Florence in einer Art und Weise, dass es dem Leser eine wahre Freude ist. Sie lässt sich einfach nicht provozieren und von ihrem Weg abbringen.

Und es ist auch nicht so, dass sie keine Unterstützer hätte. Da sind Mr. Raven und der kauzige, aber liebenswerte Mr. Brundish, ein Bewunderer Florences. Und da ist Christine, ein elfjähriges Mädchen, das in der Buchhandlung aushilft. Christine ist nicht eins von diesen schüchternen, zurückhaltenden Mädchen, wie man sie 1959 vielleicht erwarten würde. Christine sagt, was sie denkt (und das ist nicht immer schmeichelhaft), hält ihre schlechte Laune nicht zurück und hat klare Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat. Doch Florence kann gut damit umgehen, dass dieses Kind eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten hat. Florence ist eine progressive, liberale Frau, für die Kinder klug und gleichberechtigt sind. (Das ist umso spannender, als Fitzgerald den Roman bereits 1978 geschrieben hat. Ins Deutsche übersetzt wurde er erstmals im Jahre 2000.)

Sehr lesenswert ist auch das Nachwort von David Nicholls, einem englischen Schriftsteller (*1966). Er weist unter anderem auf folgenden interessanten Zusammenhang hin: Es sind gerade die Leute der Arbeiterklasse des Dorfes, die ihrer eigenen Aussage nach kaum an Büchern interessiert sind, die Florence unterstützen. Florences ärgste Gegenspielerin ist dagegen die gebildete Mrs. Gamart, die sich noch dazu für ein Kulturzentrum einsetzt. Das aber nicht, weil ihr an der Kultur gelegen wäre, sondern weil sie sich selber profilieren und Macht ausüben will.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Fitzgerald die wahre Natur der Leute entlarvt. Ihre genaue Beobachtungsgabe ist auch die Grundlage für etliche humorvolle Passagen. Fitzgerald schreibt manchmal mit Ironie, manchmal mit Galgenhumor, einfach an vielen Stellen witzig, weil sie den Nagel auf den Kopf trifft: „Aus langer Gewohnheit verwarf Mrs. Gamart die Vorstellung, dass ihr Ehemann in irgendeiner Weise notwendig sein könne.“ (S. 140). Und so kommt der Roman auch wunderbar mit nur rund 150 Seiten aus, ohne dass etwas fehlt.

Florence geht bei ihrem Vorhaben von einer einfachen Prämisse aus: „Wenn man alles gibt, was man hat, muß man doch zum Erfolg kommen.“ Milo, ein junger Mitbewohner aus dem Dorf, dessen wichtigstes Ziel im Leben ist, möglichst wenig Energie zu verschwenden, erwidert: „Das sehe ich nicht so. Jeder muß am Schluß alles geben, was er hat. Alle müssen sterben. Sterben kann man nicht als Erfolg rechnen.“ (S. 133). Ich finde, die beiden sind so etwas wie Gegenspieler. Und leider ist Milos Pessimismus auch eine Art Weissagung.

Eine, wie ich finde, sehr treffende, weitergehende Analyse des Textes findet sich im Nachwort Nicholls. Er scheint ein großer Fan Fitzgeralds zu sein, und ich möchte mich dem Club anschließen.

Fazit:

Ein beeindruckend dichter Roman über eine Frau mit Format. Treffend, humorvoll und traurig zugleich.

Penelope Fitzgerald – Die Buchhandlung – Insel Verlag – aus dem Englischen von Christa Krüger – mit einem Nachwort von David Nicholls

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt ist ein Kunstexperte aus gutem Hause. Er hat untadelige Manieren, feste Grundsätze und lebt ein vorhersehbares Leben. Er weiß, dass seine Freunde ihn ausnutzen, aber er tut, was man von ihm erwartet, um niemanden zu enttäuschen. Genau dieser Weynfeldt lernt eine faszinierende, aber leider sprunghafte junge Frau kennen. Lorena ist ein Ex-Model, das sich durchs Leben schnorrt und nach dem ersten Zusammentreffen zunächst wieder aus Weynfeldts Leben verschwindet. Er ist darüber nicht sehr glücklich, aber seine gute Erziehung verbietet ihm, ihr nachzustellen.

Dann passieren mehrere Dinge, die die Geschichte in Fahrt bringen: Ein alter Freund bittet Adrian, ein wertvolles Bild zu verkaufen, Lorena meldet sich überraschend wieder und ein anderer Freund erbittet Geld für einen Neuanfang als Kunstmaler in Polynesien. Damit bahnen sich diverse Probleme an.

Gelungen finde ich die Darstellung des Protagonisten. Suter macht z.B. immer wieder darauf aufmerksam, was Weynfeldt nicht sagt und tut und illustriert damit dessen Charakter umso genauer. Weynfeldt ist gefangen in seinen Routinen und Grundsätzen. Seine Angst vor dem Leben wird durch die Gegenspieler – denen es an Prinzipien mangelt – umso stärker hervorgehoben.

Mir gefällt, wie die drei Handlungsstränge miteinander verwoben werden; daneben ist die Entwicklung Weynfeldts interessant und spannend (wie es in einem guten Roman ja auch sein sollte): Wie geht er mit den neuen Herausforderungen um? Wird er daran wachsen oder scheitern?

Die Auflösung ist überraschend und begeistert mich in besonderer Weise: Weynfeldt bleibt sich selber treu und  wird trotzdem ein anderer. Er ist klüger als erwartet. Eine Genugtuung für den Leser, dem Weynfeldt ans Herz gewachsen ist.

Die Sprache ist klar, flüssig und verständlich; nur manchmal finde ich die Schilderungen der Personen und Orte etwas zu detailliert.

Fazit:

Schnörkellose, unterhaltsame, kluge und überraschende Lektüre.

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt – Diogenes

Banana Yoshimoto – Lebensgeister

Banana Yoshimoto heißt eigentlich Mahoko Yoshimoto und liebt die red banana flower, was auch der Grund für ihren Künstlernamen ist.

Yoshimoto hat ein Buch über eine junge Frau geschrieben, die durch einen Unfall ihren Freund verliert und selber schwere Verletzungen – innerlich wie äußerlich – davonträgt. Für einen kurzen Moment schwebt Sayoko, so heißt die junge Frau, in Lebensgefahr und tritt in die Welt der Toten ein. Doch ihr geliebter verstorbener Opa schickt sie zurück ins Leben. In Lebensgeister erfahren wir, wie Sayoko ihre Verletzungen überwindet und zu ihrer Lebensfreude zurückfindet.

Yoshimotos Geschichte hat, wie gerade schon angedeutet, übersinnliche Elemente. Nicht nur, dass Sayoko eine Nahtoderfahrung macht, sie sieht auch die Geister der Verstorben (wenn auch leider nicht den Geist ihres Freundes Yoichi). Man sollte meinen, dass Sayoko diese Erfahrung beunruhigt, aber dem ist nicht so. Später erfährt sie sogar, dass auch andere Menschen Geister sehen können.

Im Verlauf ihres Heilungsprozesses lernt Sayoko neue Menschen kennen, die ihr gut tun, und auch die Beziehungen zu bereits bekannten Menschen, z.B. Yoichis Eltern, vertiefen sich. Sie macht die Erfahrung, dass das Gute in ihr durch die anderen Menschen zur ihr zurückstrahlt und sie ist bei aller Trauer dankbar für das, was sie in ihrem neu geschenkten Leben hat. Und das umso mehr, als ihr durch den Unfall klar geworden ist: Der Tod ist immer in der Nähe.

Die Sprache ist gefällig; es klingt fast so, als wäre Sayoko eine gute Freundin, die einem ihre Geschichte erzählt. Banana Yoshimoto gelingt es, Sayokos Gefühle und Befindlichkeiten, auch den Aufenthalt in der Zwischenwelt, plastisch darzustellen. Schön auch die Beschreibungen der Natur. Eine besondere Handlung gibt es nicht; die Geschichte wird getragen von Sayokos Alltag, der Aufgabe, das künstlerische Erbe ihres Freundes zu verwalten, aber vor allem von Sayokos Gefühlen, Reflexionen und Gesprächen. Dabei werden bestimmte Themen, wie z.B. die Dankbarkeit, immer und immer wieder aufgegriffen, was ich komischerweise nicht als unangenehm empfunden habe. Eher fühlte ich mich auf schöne Art in positive Gedanken eingelullt.

Fazit:

Seelenmassage und Meditation in einem. Schwieriges Thema in Hoffnung umgemünzt. Eine warme Decke an einem kalten Tag. Vermutlich nicht für jede Stimmung geeignet. Und auch nicht für vornehmlich rational veranlagte Leser.

Banana Yoshimoto – Lebensgeister – Diogenes – Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg

Einzlkind – Billy

Nein, das ist kein Rechtschreibfehler. Da steht wirklich Einzlkind auf dem Cover. Warum der Autor sich so nennt und wer er ist? Ich weiß es nicht.

Das Buch handelt von Billy, einem Auftragskiller, der nach einem erfolgreich ausgeführten Job in Amsterdam nach Las Vegas reist, um dort seinen Freund und Mitarbeiter Wharp zu treffen. Man erfährt, was Billy auf seiner Reise so alles erlebt, und in Rückblenden wird dargestellt, aus welcher Familie er stammt und wie er zu seinem Beruf gekommen ist.

Die Reise ist gespickt mit merkwürdigen Begegnungen, die zum Teil sehr ausgiebig geschildert werden. Als Beispiele seien hier Billys Zusammentreffen mit „Herman the German“, einem Autoverkäufer genannt (S.71ff), oder auch das mit zwei Mädchen beim Bingospielen (S. 142). Diese ausführlichen Schilderungen tragen nichts zu einer irgendwie gearteten Handlung bei, selbige gibt es nämlich gar nicht.

Interessant sind die eingeschobenen Rückblenden und Reflexionen Billys über seine Familie, die sich samt und sonders dem „Auftragskillertum“ verschrieben hat. Eine Einschränkung: Die Opfer müssen selber jemanden umgebracht haben, also Mörder sein. Der Onkel, bei dem Billy aufgewachsen ist, hat ein Faible für Philosophie, das sich auf den Neffen übertragen hat. Und so kommen auch philosophische Überlegungen zu der Frage, ob und unter welchen Umständen Morden gerechtfertigt sein könnte, nicht zu kurz. Nachdenkens wert fand ich den Gegensatz zwischen einem Mann, der einerseits sehr empathisch zu sein scheint (und Vegetarier ist), andererseits aber Menschen auf Anfrage töten.

Die Sprache ist salopp; es kommen umgangssprachliche Ausdrücke wie „okayer Haarschnitt“ vor (S. 129). Kurze Sätze bis hin zu Telegrammstil dominieren, längere oder komplizierte Sätze kommen so gut wie gar nicht vor. Oft werden Sätze, Begriffe, Erklärungen hinterhergeschoben, so dass der Sinn einer vorher gemachten Aussage geändert oder eingeschränkt wird:

„Auf seiner Mix-Kassette läuft You Sexy Thing von Hot Chocolate. Ich könnte mir keinen unpassenderen Song vorstellen. Für diese Straße.“ (S. 129)

Überhaupt spielt Musik eine sehr große Rolle in der Geschichte, da Billy ein großer Musikfreund ist und jedes Opfer ein Lied seiner Wahl hören darf, bevor es stirbt.

Das Ende ist offen, was ich einerseits schade finde. Andererseits ist es so ziemlich das einzig vernünftige Ende, das ich mir für die Geschichte vorstellen kann. Darin werden Billys Ausführungen darüber, warum er diesen Job macht, was er dabei empfindet und ob es Unrecht ist (S. 158) noch einmal aus einer anderen Warte kritisch beleuchtet. Und es erklärt letztlich auch, wie es überhaupt dazu kommt, dass Billy uns seine Reise schildert.

Fazit:

Insgesamt eine recht kurzweilige Geschichte ohne besondere Handlung, stellenweise etwas langatmig, dafür mit interessanten philosophischen Reflexionen und Rückblende. Dennoch nicht ganz überzeugend. Die Passagen, in denen die Reise und Billys Leben geschildert werden, berühren mich emotional nicht richtig. Die „theoretischen“ Teile mit den philosophischen Reflexionen finde ich nicht ausführlich genug. So habe ich das Thema weder mit dem Herz noch mit dem Kopf richtig durchdrungen.

Einzlkind – Billy – Suhrkamp

Kent Haruf – Our souls at night

Addie macht Louis einen ungewöhnlichen Vorschlag: Sie möchte seine Gesellschaft, nachts. Sie will mit ihm zusammen im Bett liegen, seine Hand halten und reden. Addie und Louis sind alleinstehend, ihre Partner sind vor einigen Jahren gestorben. Die beiden Nachbarn im Seniorenalter kennen sich so gut, wie man sich als Nachbarn eben kennt.

Mit dem wunderbaren ersten Satz wird der Stein ins Rollen gebracht: „And then there was the day when Addie Moore made a call on Louis Waters. It was an evening in May just before full dark.“

Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die später bereichert wird durch die Anwesenheit von Addies Enkelsohn Jamie. Seine Eltern haben sich vorübergehend getrennt und können sich nicht um das Kind kümmern. Addie und Louis machen es sich zur Aufgabe, dem durch die ungewohnte Situation aufgewühlten Jungen ein schönes zu Hause zu bieten. Und Jamie blüht auf. Alles wäre also wunderbar, wäre da nicht Addies Sohn Gene (Jamies Vater), der gegen die Verbindung seiner Mutter mit Louis ist und Jamie in Gefahr wähnt.

Our souls at night ist ein kurzes Buch mit einer sanften Sprache. Einfache Begebenheiten werden ohne große Aufregung erzählt, aber jede dieser Begebenheiten hat eine Bedeutung, erhellt die Beziehung zwischen Addie und Louis, zeigt ihr Verantwortungsgefühl gegenüber denen, die sie lieben, erklärt die Vergangenheit der beiden, deren Leben in vielerlei Hinsicht ein Kompromiss war. Sie haben Fehler gemacht, die sie nicht wieder gutmachen können, aber sie sind nicht verbittert deswegen. Sie genießen die gemeinsame Zeit, die Gegenwart des anderen, die Wahrhaftigkeit ihrer Freundschaft.

Das Buch lebt von dieser Wahrhaftigkeit. Es braucht keine besonderen stilistischen Kniffe. Haruf erzählt einfach, wie es ist, und das ist gut so.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, was in Ordnung war, da es nicht sonderlich lang und nicht sehr kompliziert geschrieben ist.

Fazit:

Eine wunderschöne Geschichte über zwei Menschen, die es wagen, ehrlich zu sein, sich zu öffnen und ein Risiko einzugehen.  Die damit belohnt werden, einen Seelenverwandten zu finden. Die zwar nicht gefeit sind vor den Unbill des Lebens, die schwere Entscheidungen treffen müssen. Die trotz allem einen Weg finden, ihre Freundschaft zu erhalten.

Kent Haruf – Our Souls at night – Picador

Ian McEwan – Nussschale

Nussschale ist ein ganz besonderer Roman, weil er aus der Sicht einer ganz besonderen Person geschrieben ist, der eines (männlichen) Fötus. Dieser bekommt ganz gut mit, was draußen so vor sich geht und weiß von daher, dass seine Mutter Trudy und ihr Geliebter Claude planen, seinen leiblichen Vater umzubringen. Diese Ausgangssituation legt McEwan auf den ersten anderthalb Seiten des Romans genial dar.

Zwar muss sich der Fötus aufgrund seiner Abgeschiedenheit mit einigen Mutmaßungen zufrieden geben (z.B. S. 40/41), alles in allem hat er aber ein sehr fundiertes Wissen über die Welt und eine dezidierte Meinung zu aktuellen Themen, was er in einigen längeren Abhandlungen demonstriert (z.B. S. 42).

Der erzählende Fötus, an sich schon absurd, denkt und spricht wie ein äußerst gebildeter Erwachsener. Diese Bildung hat er durchs genaue Zuhören und dank der Vorliebe seiner Mutter für auditive Informationsquellen wie Radio und Podcasts: „In so mancher langen, ruhigen Nacht habe ich meiner Mutter einen heftigen Tritt verpasst. Sie wurde wach, konnte nicht wieder einschlafen und tastete nach dem Radio. Grausam, ich weiß, aber am Morgen waren wir beide besser informiert.“ (S. 14).

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für McEwans (trockenen) Humor, so die Beschreibung Claudes durch den Fötus auf Seite 83/84: „Seine [Claudes] Geistlosigkeit hat etwas Poetisches, eine Form von Nihilismus, die das Gewöhnliche aufwertet. Oder, umgekehrt, etwas Gewöhnliches, das selbst den abscheulichsten Gedanken entschärft.“. Später, als Claude über den Mordplan spricht, kommentiert der Fötus: „Trotzdem ist sein Plan eher der eines Winzers als eines Metzgers. Unausgegoren.“ (S. 89). Die Grenze zwischen Humor und Zynismus ist fließend, manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken: „Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter.  Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt […]“ (S. 17).

Schon mit dem Zitat, das dem Roman vorangestellt ist, wird der Bezug zu Shakespeares Drama „Hamlet“ klar. Schnell sind die Rollen verteilt: Die Mutter des Fötus, Trudy, entspricht Gertrude; ihr Geliebter Claude ist Claudius. Claudes Bruder, John, ist König Hamlet, der Fötus selber Prinz Hamlet. Letzterer kann nichts tun, um den Mord zu verhindern, aber er könnte später Rache nehmen (S. 80/81), genauso wie Prinz Hamlet.

Doch der Fötus ruft sich ins Gedächtnis, dass Rache „out“ ist (S. 80/81) und bezieht sich dabei auf den englischen Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes und sein Hauptwerk Leviathan. Hobbes stellt dem Naturzustand des Menschen, der durch Gewalt, Anarchie, Gesetzlosigkeit, Wettbewerb und Ehrgeiz gekennzeichnet ist, den Staat gegenüber, d.h. eine übergeordnete Instanz, die die Einhaltung der Gesetze überwacht. (Auf Claude und Trudy trifft die Charakterisierung des Naturzustandes mehr als zu: Sie versinken im Chaos, sind selbstsüchtig und rücksichtslos.)

Dass der Roman an ein Theaterstück angelehnt ist, wird an vielen weiteren Stellen deutlich. Zum einen spielt er, an ein Bühnenbild erinnernd, ausschließlich im Hause Johns, wo Trudy mit Claude lebt. Und genauso wie Hamlet, stirbt John durch Gift.

Weitere Beispiele: Der Fötus sieht sich selbst wie einen Theater-Besucher (S. 37ff); auf S. 130 sagt er: „Seit einer Weile, aber, fragt nicht, warum, bin ich der Komödie überdrüssig.“; die Sprache ist dramatisch: „Aber ich war’s, ich war’s! O Gott!“ (Seite 75); dramatische Zuspitzung der Ereignisse, nachdem die Polizei die Nachricht vom Tode Johns überbracht hat; usw.

Schließlich klärt McEwan mit seinem Roman einige Fragen, die Shakespeares Drama offen gelassen hat: Hatten Gertrude und Claudius zu Lebzeiten des Königs ein Verhältnis? Ja! Woher stammt Hamlets Ekel gegenüber Sexualität? Er musste als Fötus das überaktive Sexualleben seiner Mutter mit ihrem Geliebten miterleben! Dann: War Gertrude vielleicht doch am Mord beteiligt? Jawohl! Hat Gertrude den Mord aus sexuellem Interesse an Claudius befördert? Ja!

Fazit:

Ein witziger, unterhaltsamer, aber aufgrund der Erzählhaltung des Fötus nicht übermäßig spannender Roman mit (etwas zu ausgiebigen) politischen Statements und unklarer Message. Dennoch lesenswert.

Ian McEwan – Nussschale – Diogenes – aus dem Englischen von Bernhard Robben