Will Gompertz – Denken wie ein Künstler

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Was heißt eigentlich kreativ?

Der Titel Denken wie ein Künstler – Wie Sie Ihr Leben kreativer machen klang für mich zuerst nach einem Ratgeber, der vollmundige Versprechen abgibt, die er dann doch nicht einhält. Doch war mein Interesse geweckt und so habe ich mich ein bisschen genauer mit dem Buch befasst. Und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht doch lohnen würde, es zu lesen. Und so war es dann auch.

Warum ist das so? Ich habe gemerkt, dass Denken wie ein Künstler kein Ratgeber ist, sondern eher eine Analyse – eine Analyse des künstlerischen Wesens. Was macht den Künstler zum Künstler? Gompertz überlässt es seinem Leser, zu entscheiden, was er aus seinen Ausführungen mitnehmen möchte.

Will Gompertz ist Kunstkorrespondent der BBC und hat Künstler verschiedener Art kennen gelernt und in ihrem Schaffen beobachtet. In Denken wie ein Künstler gibt er in unterhaltsamer Form einen Überblick darüber, was seiner Meinung nach diesen Künstlern gemein ist.

Das tut er in insgesamt 11 Kapiteln, deren Überschriften schon ganz gut andeuten, worum es geht: 1. Künstler denken unternehmerisch, 2. …scheitern nicht, 3. …sind ernsthaft neugierig, 4. …stehlen, 5.  …sind Skeptiker, 6. …sehen das große Ganze und die kleinen Details, 7. …haben einen Standpunkt, 8. …sind mutig, 9. …machen Denkpausen, 10. Alle Schulen sollten Kunstschulen sein, 11. Ein letzter Gedanke.

Aufgelockert wird das Ganze durch witzige Strichzeichnungen, Schwarz-Weiß-Abbildungen verschiedener Kunstwerke und Fotos sowie Zitaten von Künstlern zu Anfang und Ende jeden Kapitels. Innerhalb des Fließtextes sind wichtige Aussagen fett hervorgehoben.

Dazu kommt ein Farbteil mit Bildern, auf die Gompertz im Text genauer eingeht. Was er zu den Bildern zu sagen hatte, fand ich überaus spannend. Wenn ich in einem Museum bin, läuft das bei mir normalerweise so ab: Ich schaue mir ein Gemälde an, finde es ansprechend oder eher nicht. Ich bewundere den Künstler für sein Können und seine Ideen, kann ihn vielleicht einer Epoche zuordnen. Das war es aber auch schon.

Gompertz erhellt die Hintergründe zu den Bildern. Warum ist zum Beispiel Die Geißelung Christi von Piero della Francesca (1458-1460) ein so bemerkenswertes Bild? Es ist die perspektivische Darstellung, etwas völlig Neues für diese Zeit. Mit diesen und weiteren Hintergrundinformationen kann man die Bilder ganz anders, mit viel mehr Interesse betrachten.

Ich fand Denken wie ein Künstler nicht nur sehr angenehm zu lesen – Gompertz ist einfach begeistert von dem, was er tut und das merkt man dem Text an – es war auch gespickt mit gedanklichen Anregungen. So zum Beispiel im Kapitel Künstler haben einen Standpunkt, als Gompertz von dem US-amerikanischen Künstler Kerry James Marshall berichtet. Gompertz möchte ihn interviewen, und landet statt im Atelier (wo Marshall auf ihn wartet), aus Versehen zu Hause bei dessen Frau, der Schauspielerin Cheryl Lynn Bruce.

Sie bietet ihm Kuchen an, und als er sagt, dass er gerne welchen möchte, fordert sie ihn auf, sich einen Teller aus dem Regal auszusuchen. Sie sammelt Teller, von jeder Sorte gibt es einen. „Wir sind keine Roboter“, sagt sie dazu. „Das Leben ist aufregender, wenn man eine Meinung hat.“ (S. 165)

Ich fand es äußert spannend zu lesen, wie Künstler arbeiten, zu ihrem ganz persönlichen, unverwechselbaren Stil finden. Gompertz beschreibt z.B., wie Picasso von einem talentierten „Imitator“ zu einem Meister wurde. Picasso „bedient“ sich zwar auch als Meister noch bei vielen anderen Künstlern, nimmt deren Ideen auf, macht aber etwas ganz Eigenes draus, wobei die Reduktion eine wichtige Rolle spielt.

Das Denken der Künstler, wie es in den 11 Kapiteln charakterisiert wird, bildet einen wohltuenden Kontrast zu der Denkweise, die wir in der Schule lernen, und die leider so oft das Gegenteil von Kreativität ist.

Was heißt nun Kreativität? Gompertz stellt seinen Ausführungen keine Lehrbuch-Definition voraus. Ich fasse sie so zusammen: Kreativ-Sein heißt, dem eigenen Standpunkt auf originelle, neue Art Ausdruck zu verleihen, und sich dabei nicht vom Althergebrachten einschüchtern zu lassen. Dazu ist der Kreative neugierig und skeptisch und hört nie auf zu fragen. Kreativ-Sein beinhaltet die Verknüpfung von Dingen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen. Es heißt aber auch, Dinge weglassen zu können.

Fazit: Ein sehr unterhaltsames, interessantes Buch für all diejenigen, die das Gefühl haben, dass die Kreativität in ihrem Leben zu kurz kommt.

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler – aus dem Englischen von Sofia Blind – Dumont

 

Al Gore – Truth to Power

Al Gore, Ex-Vize-Präsident und zweifacher Präsidentschaftskandidat der USA, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Thema Klimawandel. Im Jahre 2006 veröffentlichte er  einen Film und ein dazugehöriges Buch mit dem Titel An Inconvenient Truth. Ausgehend davon rief er das sogenannte Climate Reality Project ins Leben.

Elf Jahre später gibt es nun erneut einen Film und auch Buch zum Thema. In dieser Folge-Publikation geht es zum einen darum, den Status-quo in Sachen Klimawandel darzustellen. Es wird aber auch gezeigt, welche Fortschritte gemacht wurden und es werden konkrete Hilfestellungen für die eigenen Klimaschutzaktivitäten gegeben.

Wenn man das Buch aufschlägt, merkt man direkt, dass es kein typisches Sachbuch ist. Es gibt viele Fotos und Diagramme  und relativ wenig Text, der noch dazu recht groß gedruckt ist. Eine Ausnahme bilden Porträts von Leuten, die als Mitarbeiter des Climate Reality Projects den Gedanken des Klimawandels weitertragen. Weitere Ausnahmen sind ausführliche Darstellungen ausgewählter Sachverhalte, wie die Luftverschmutzung in China. Das Buch erinnert stellenweise an eine sehr gut gemachte Power-Point-Präsentation zwischen zwei Buchdeckeln.

Doch die nette Aufmachung dient meiner Einschätzung nach nicht dazu, über mangelnde Inhalte hinwegzutäuschen. Zwar geht es inhaltlich nicht sehr in die Tiefe, aber ich hatte schon den Eindruck, dass die genannten Informationen Hand und Fuß haben bzw. aus verlässlichen Quellen stammen. Allerdings kann ich nicht verhehlen, dass ein wenig Selbstbeweihräucherung Al Gores dabei ist. Aber in erträglichem Maße.

Einen weiteren Aspekt finde ich wichtig. Er geht aus dem Untertitel des Buches hervor: Your action handbook to learn the science, find your voice, and help solve the climate crisis. Die zweite Hälfte des Buches enthält konkrete Anleitungen dafür, wie man Klimawandelaktivist wird.  Es wird z.B. erklärt, wie man Kindern das Problem des Klimawandels nahebringen kann, wie man selbst klimaschonender lebt, wie man Veranstaltungen zum Thema organisiert oder eine Präsentation vorbereitet. Es gibt sogar Briefvorlagen für Schreiben an Politiker. Letztlich ist das Buch auch deshalb lehrreich, weil Gore die Tipps zur erfolgreichen Verbreitung seines Anliegens auch selbst beherzigt und in dem Buch umsetzt.

Zwar glaube ich nicht, dass das Buch Klimawandel-Leugner vom Gegenteil überzeugen kann. Der oder die Unentschiedene kann aber durchaus Nutzen daraus ziehen. Gut fand ich auch, dass in einem Kapitel passende Antworten auf typische Einwände gegeben werden. (Bsp.: Es ist doch so kalt draußen, wie kann es da Klimawandel geben?) Das einzige, was ich vermisst habe, war ein Inhaltsverzeichnis.

Fazit: Wer sich auf angenehme Art über den Klimawandel informieren und dabei nicht zu sehr in die Tiefe gehen möchte, der ist mit diesem Buch sehr gut beraten. Gleiches gilt für Leser, die selbst gerne gegen den Klimawandel aktiv werden möchten und dazu Hilfestellung suchen. Die Informationen im Buch sind zwar auf die USA gemünzt, lassen sich aber meines Erachtens auf Deutschland übertragen. Last, but not least: Gore geht an vielen Stellen darauf ein, wie weit wir Menschen beim Thema Klimaschutz schon gekommen sind. Es ist also auch ein Buch, das Hoffnung macht und zeigt, welche positiven Entwicklungen es gibt und wie diese fortgesetzt werden können.

Al Gore – Truth to Power: An Inconventien Sequel – Macmillan USA