Hartmut Lange – Das Haus in der Dorotheenstraße

Hartmut Langes Das Haus in der Dorotheenstraße umfasst fünf kurze Novellen: Die Ewigkeit des Augenblicks handelt von Michael Denninghoff, einem Taxifahrer, der den Tod seiner Frau nicht verwunden hat und die nicht gelebte Trauer an ihrem Lieblingsbild festmacht, das er nach ihrem Tod weggegeben hat und nun unbedingt zurückhaben möchte. In Der Bürgermeister von Teltow geht es um einen überforderten Politiker namens Andreas Schmittke, dessen Stress sich in der Vorstellung manifestiert, eine Krähe halte sich auf dem Rücksitz seines Autos auf. Das Haus in der Dorotheenstraße handelt von Gottfried Klausen, der für seinen Job nach London zieht, während seine Frau Xenia in Berlin zurückbleibt. Er erkennt lange nicht, dass sie einen Geliebten hat und gar nicht in Erwägung zieht, ihm nach London zu folgen. In Die Cellistin sieht und hört eine Person unbekannten Namens eine Cellistin in der Natur sitzen und spielen. Schnell wird der Person klar, dass es Einbildung ist, aber das mindert nicht den Reiz der Erfahrung. Schließlich handelt Der Schatten von Steffi Trautwein, die darunter leidet, dass ihr Ehemann Philipp dauernd abwesend ist. Sie hat sich in der Rolle der wartenden Ehefrau eingerichtet und rückt auch nicht davon ab, als sich die Hinweise mehren, dass er eine Affäre hat.

Hartmut Lange benutzt des Öfteren lange, verschachtelte Sätze, die durch Einschübe und Wiederholungen an die Ungeordnetheit der gesprochenen (und gedachten) Sprache erinnern. Im Prinzip behält er diesen Stil in allen Novellen bei, er fiel mir aber in der ersten Novelle besonders auf, was zu dem unsicheren Tonfall des Protagonisten passt. In der zweiten Novelle ist der Tonfall eher nervös, in der dritten sachlich-penibel, in der vierten – die in der Ich-Form geschrieben ist – entspannt und in der fünften ironisch-distanziert.

Distanziert klingen aber eigentlich alle Novellen (bis auf die vierte mit der Cellistin). Es wird beschrieben, was die Protagonisten denken und tun, aber man erfährt wenig über ihre Gefühle und Motive. Es gibt kaum wörtliche Rede, dafür sind die Gedanken in Anführungszeichen gesetzt, was ich so interpretierte, dass für die jeweils sehr einsamen Protagonisten die Grenze zwischen dem, was sie denken, und dem, was sie sagen, verwischt. Sie sind zu sehr mit sich allein.

In allen Novellen steht der Alltag im Vordergrund, das Festhalten an alten Gewohnheiten. Michael Denninghoff aus der ersten Novelle leidet darunter, den Alltag mit seiner Frau nicht mehr erleben zu dürfen, Bürgermeister Schmittke erlebt ihn als Druck und wird aus der Bahn geworfen. Die untreue Ehefrau Xenia in der dritten Novelle will den Luxus ihres Lebens in Berlin nicht aufgeben. Ihr Mann erkennt, dass er in der Fremde, ohne den gewohnten Alltag, in unangenehmer Weise auf sich selbst zurückgeworfen ist: „Denn wenn man sich mit einer Gegend nicht anfreunden kann, wird man auf sich selbst verwiesen. Man lernt sich kennen, und man erlebt, das kann ich dir versichern, manch unangenehme Überraschung.“ (S. 91). Ein Mann in der Fremde, mit einer daheimgebliebenen Frau, die Xenia heißt, und ihm fremd ist. Gottfried Klausen muss erst aus dem Alltag ausbrechen, um das zu begreifen. Die wartende Ehefrau Steffi in Der Schatten ignoriert alle Warnsignale, nur um ihren Alltag in gewohnter Form aufrechtzuerhalten. Persönliche Vermutungen/Hoffnungen werden als allgemeine Aussagen umgedeutet und sich schöngeredet (S. 113).

In allen Novellen (außer der der Cellistin) geht es darum, dass die Protagonisten die Augen vor der Realität verschließen, nur sehen, was sie sehen wollen. Sie können schwer ertragen, dass die eigenen Überzeugungen angekratzt oder gar widerlegt werden. Lieber sterben sie (Novelle 1), verharren in einer Situation (Novelle 5), fliehen (Novelle 3), oder bekämpfen eine eingebildete Krähe (Novelle 2).

Die Protagonisten in diesen vier Novellen hängen einer fixen Idee nach, haben keinen richtigen Zugang zu ihren Gefühlen und den Gründen für ihr Verhalten und sind so in ihrem Ich und ihrer Situation gefangen. Die nicht fassbaren Gefühle machen sich an einer eingebildeten Krähe fest (Novelle 2), einem Kunstdruck (Novelle 1), dem Schatten vor dem Hintereingang (Novelle 5), einer Aschewolke nach einem Vulkanausbruch (Novelle 3).

Auch in der Novelle Die Cellistin gibt es ein Symbol – eben die eingebildete Musikerin bzw. die CD mit ihrer Musik. Nur dass der Protagonist diese Einbildung annimmt und versteht: „Ich war ernüchtert, musste mir eingestehen, dass die Begegnung mit der Cellistin eine Täuschung gewesen war. […] ‚Es gibt kein Rendezvous mit einer Toten, die in England begraben ist und also keinerlei Grund hat, tausend Kilometer weiter ostwärts wieder aufzutauchen‘, dachte ich, spürte aber, dass sich die Sache damit keineswegs erledigt hatte. ‚Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern.‘

Schließlich bringt der Erzähler es auf den Punkt: „‚Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern‘, dachte ich […].“ (S. 101-102). Genau das machen die Protagonisten aller fünf Novellen, aber nur der Protagonist in Novelle 4 ist sich dessen bewusst. Er erkennt auch die wichtige Rolle der Kunst und resümiert über die CD mit der Musik der Cellistin: „‚Aber es zaubert‘, dachte ich, ‚sowie man es zum Klingen bringt, eben jene menschenfreundliche Ewigkeit herbei, auf der die Cellistin offenbar nicht zu hoffen gewagt hatte.‘“ (S. 104-105). In der Kunst wird der Augenblick zur Ewigkeit, kann man ihn am Leben erhalten. Es ist „[…] die Kunst, die es uns ermöglicht, die Grenze von Leben zum Tode niederzureißen‘.“ (S. 104). Denninghoffs Ehefrau erkannte das zu ihrer Zeit auch in dem Kunstdruck. Sie sagte zu den beiden Personen auf dem Bild: „Die zwei wirken überaus lebendig, verharren aber in ein und derselben Haltung. Es gibt eine Ewigkeit des Augenblicks.“ (S. 32). Hier kommt nach meinem Empfinden auch wieder das Thema „Festhalten“ an etwas Bekannten zum Ausdruck, so dass der Bogen zum Thema „Alltag“ geschlagen wird.

Fazit: Fünf beeindruckende Novellen, große Symbolik auf kleinstem Raum.

Hartmut Lange – Das Haus in der Dorotheenstraße – Diogenes