Neil Gaiman – Beobachtungen aus der letzten Reihe

Quelle: pixabay.com

Ein neues Universum

Auf das Buch, das ich heute vorstellen möchte, bin ich ganz zufällig gestoßen, und ich bin froh über diesen Zufall. Es enthält verschiedene Texte von Neil Gaiman, einem britischen Science-Fiction, Fantasy- und Comic-Autor, der auch Kinder- und Jugendbücher verfasst. Der vorliegende Band enthält u.a. Vorwörter, die Gaiman für die Bücher anderer Autoren geschrieben hat, aber auch Reden, oder zum Beispiel  ein Interview, das er als Journalist mit Lou Reed geführt hat.

In seinen Texten greift er ganz unterschiedlichen Themen auf: Zum einen geht es natürlich um die Bücher, deren Vorwörter er verfasst hat. Auf diese Weise habe ich eine ganze Reihe von Autoren kennen gelernt und mehr über ein Genre erfahren, das ich bisher immer links liegen gelassen habe. Immerhin, einige Autoren waren selbst mir bekannt, denn  natürlich habe ich schon von Terry Pratchett, Douglas Adams und Stephen King gehört. Gaiman war bzw. ist mit ihnen befreundet und hat mit ihnen zusammengearbeitet. Berührt hat mich ein Kapitel, in dem er durch Zufall während eines Interviews vom Tode Douglas Adams‘ erfährt. Das Interview ist später nicht zu gebrauchen, so geschockt ist Gaiman.

Zum anderen geht es in Beobachtungen aus der letzten Reihe aber auch um allgemeine Themen rund ums Schreiben: Wofür sind Geschichten eigentlich gut? Welche Bedeutung hat das Lesen? Brauchen wir heutzutage noch Bibliotheken? Was ist eigentlich Genre-Literatur? Dabei erfährt man  auch viel über Neil Gaiman selbst: Wie ist er zu dem Schriftsteller geworden, der er ist? Was ist ihm wichtig? Wir erfahren, dass er Musik sehr gerne mag. Hier war ein Kapitel besonders schön, das sich seiner Frau und ihrer Musik widmet.

Es hat mir großen Spaß gemacht, das Buch zu lesen, auch wenn mir bei manchen Kapiteln etwas der Hintergrund fehlte und sich die Inhalte z.T. überschnitten haben. Es hat Spaß gemacht, weil man Gaimans Begeisterung heraushört. Weil er seine Kollegen wertschätzt und ihr Talent neidlos anerkennt. Weil er sich selbst nicht so tierisch ernst nimmt und selbstkritisch ist, ohne seine Erfolge klein zu reden. Weil er mir eine unbekannte Welt nahegebracht hat.

Dieses Buch ist wahrscheinlich ein Fundus für Science-Fiction-, Fantasy- und Comic-Fans, aber eben nicht nur für sie.  Ich werde es wohl noch einmal lesen, mir ein paar Autoren herauspicken und mich in das neue Universum einarbeiten. Und mir natürlich noch andere Bücher von Gaiman zu Gemüte führen.

Neil Gaiman – Beobachtungen aus der letzten Reihe: Über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen – Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Ruggero Leò – Eichborn-Verlag

Susan Sontag – Standpunkt beziehen

Der Realität ins Auge blicken

Standpunkt beziehen ist ein kleines Reclam-Heftchen mit gut 60 Seiten. Es enthält fünf Essays von Susan Sontag (1933-2004), einer umstrittenen amerikanischen Intellektuellen. Sie setzte sich sehr für Menschenrechte ein und war eine große Kritikerin der US-amerikanischen Gesellschaft und Regierung.

Susan Sontag hat mehrere Texte verfasst. Standpunkt beziehen gibt Auszüge aus einem Teil davon wieder.

Am interessantesten fand ich das Essay Gegen Interpretation. Susan Sontag geht davon aus, dass Kunst sich rechtfertigen muss, da sie keinen besonderen Sinn erfüllt. Dieser Umstand, und die Unfähigkeit der Menschen die Realität zu akzeptieren, hat eine wichtige Konsequenz:

Kunstwerke (z.B. Bücher) werden oft nicht so genommen, wie sie sind. Vielmehr schreiben Interpreten den Werken eine weitere Bedeutungsebene zu. Eine solche Interpretation weist wiederum darauf hin, dass der Interpret mit dem Werk unzufrieden ist. Er möchte es durch etwas anderes ersetzen.

Sontag fordert dazu auf, ein Kunstwerk in seiner realen Form anzunehmen. Statt zu überlegen, was es aussagt, sollte man nach dessen Wirkung fragen, d.h. nach den Empfindungen, die es auslöst.

Das hat mich nachdenklich gemacht, bin ich doch selbst jemand, der hinter jeder Ecke eine tiefere Bedeutung vermutet. Eine weitere Beobachtung passt zu Sontags Hypothese: Bei Büchern, die mich spontan begeistern, grabe ich selten tiefer nach. Dagegen nehme ich Bücher, die mich nicht packen, oft „auseinander“.

Daneben gibt es zwei Essays, die sich mit dem 11. September 2001 bzw. der Fotografie im Irakkrieg befassen. Ein weiteres, sehr kurzes Essay handelt von der Fotografie im Allgemeinen und ihren Merkmalen.

Im fünften und letzten Essay geht es um die Schönheit. Wie ist sie zu definieren? Aber auch der Missbrauch des Begriffs kommt zur Sprache. So sagte Papst Johannes Paul II. im Jahre 2002 zu den sexuellen Übergriffen katholischer Priester in den USA: „Ein großes Kunstwerk kann man verunstalten, doch seine Schönheit bleibt bestehen; und jede intellektuell redliche Kritik muss die Wahrheit dieses Satzes anerkennen.“ (S. 23)

Dieser Vergleich zwischen der katholischen Kirche und einem großen Kunstwerk dient laut Sontag dazu, das Geschehene zu bagatellisieren, „aus den abscheulichen Verfehlungen etwas zu machen, über das wir hinwegsehen können.“ (S. 23)

Susan Sontag ist sehr deutlich in ihren Aussagen – was aber nicht heißt, dass die Essays besonders leicht zu lesen wären. Doch dass sie ihre Meinung klar sagt, ist angesichts des Titels kein Wunder. Nicht zuletzt habe ich Standpunkt beziehen gelesen, um ihre Meinung zu erfahren.

Bei allen fünf Essays scheint die Forderung durch, der Realität ins Auge zu blicken. Sontag fordert den Leser eindringlich auf, sich nichts vorzumachen. 60 Seiten, die es in sich haben.

Susan Sontag – Standpunkt beziehen – Reclam