George Watsky – Wie man es vermasselt

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Das wahre Leben

Wie man es vermasselt umfasst 13 Essays über das Leben des Autors. In der ersten Geschichte wollen George und sein Freund Jackson einen Narwal-Stoßzahn von Kanada in die USA schmuggeln. Für mich die schwächste Geschichte (und ich war beim Lesen schon ein wenig enttäuscht). Doch ich bin drangeblieben. Nicht zuletzt wegen der Sprache, die locker, flockig und stellenweise richtig witzig daherkommt.

Ich habe es nicht bereut… Watsky hält ein ganzes Potpourri an Themen für den Leser bereit: Pleiten, Pech und Pannen eines pubertierenden Schülers; eine Reise durch Europa, die zeigt, dass man oft gar nicht so mutig ist, wie man gerne wäre; Watskys Bemühungen, in LA einen Job als Schauspieler zu bekommen, ohne seine Prinzipien an den Nagel hängen; die ersten Auftritte vor spärlichem  Publikum; seine Epilepsie, aber auch erste hilflose Erfahrungen mit Frauen. Und das sind nur einige Beispiele.

Es macht Spaß, den Beobachtungen, Gefühlen und Gedanken dieses sympathischen jungen Mannes zu folgen. Freimütig erzählt er von seinen Sorgen, Ängsten, Missgeschicken – ohne Selbstmitleid oder Bedauern. Eher als das, was sie sind: Erfahrungen, die man als fehlbarer Mensch nun mal macht und aus denen man lernen kann. Und so habe ich zwar gelacht, aber nicht über Watsky, sondern eher mit ihm als Schwester im Geiste und mit dem Gefühl: „Ja, so ist das Leben manchmal. Und trotzdem ist es irgendwie schön.“

Fazit: Watsky schafft es irgendwie, über die Fallstricke des Lebens zu philosophieren und dem Leser gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, dass am Ende schon alles gut wird. Das muss man erst mal hinkriegen. In meinen Augen eine sehr anregende und gleichzeitig auch ermutigende Lektüre.

George Watsky – Wie man es vermasselt – aus dem Amerikanischen von Jenny Merling – Diogenes

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier

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In Der Stift und das Papier geht es um Hanns-Josef Ortheil (Jahrgang 1951) und wie er zu seiner Leidenschaft, dem Schreiben gekommen ist. Ausgangpunkt ist eine „Schreibschule“, die sich der Vater für den damals achtjährigen Sohn ausgedacht hat.

Um die Entwicklung zu verstehen, muss man die Geschichte der Familie kennen: Hanns-Josefs Eltern verlieren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach vier Söhne. Ein unvorstellbares Trauma, angesichts dessen die Mutter verstummt und nur noch über kleine, beschriebene Zettel kommuniziert. Möglicherweise in Reaktion darauf hört Hanns-Josef Ortheil mit drei Jahren ebenfalls auf zu sprechen und beginnt erst wieder damit, als er sieben Jahre alt ist. Auch das Schreiben fällt ihm zu diesem Zeitpunkt noch schwer und sein Wortschatz ist begrenzt (S. 153/154).

Die Familie macht gerade Urlaub in ihrem Ferienhaus im Westerwald, da beginnt der Vater mit dem ungewöhnlichen Unterricht; später unterrichtet auch die Mutter. Beide Elternteile sind sehr progressiv und haben eine kritische Einstellung zum regulären (Deutsch-)Unterricht bzw. der Schule im Allgemeinen (S. 163). Mein Eindruck ist, dass sie Hanns-Josef nicht nur helfen wollen, das Versäumte nachzuholen. Es ist ihnen auch wichtig, ihre eigenen Bildungswerte zu vermitteln.

Der Sohn entpuppt sich als gelehriger Schüler und macht ohne zu murren mit. Innerlich spürt er aber auch einen gewissen Widerstand, da ihm die frühere Stummheit auch Freiheit gegeben hat: „[…] es ist, als forderte es [das Gehirn] meine frühere Stummheit zurück, indem es mir zeigt, wie angenehm und frei es sich damit lebt. Keine Sprache, keine Erwiderungen und Antworten, kein Streit, nichts davon!“ (S. 40).

Für mich ist es anhand der Darstellung im Buch schwierig nachzuvollziehen, worin Hanns-Josefs Schwierigkeiten im jungen Alter wirklich bestanden haben. Ortheil erzählt zwar aus der Sicht des Jungen, aber diese Sicht ist differenziert und passt nicht zu einem Kind,  das „um Sprache ringt“. Dazu kommt, dass ich den Umstand, mit 7 Jahren noch nicht lesen und schreiben zu können, für wenig bemerkenswert halte. Beides lernen Kinder ja erst im Verlaufe der Grundschulzeit. Meines Erachtens geht das, was der Vater seinem Sohn beibringt, weit über den normalen Grundschulstoff hinaus (S. 34, 36, 69-71).

Das Schreiben wird zu Hanns-Josefs Lieblingsbeschäftigung, besser gesagt zu einer Sucht: „Was ich schreibe, liest sich wie die Beschreibungen eines Süchtigen. Und genau so ist es. Das Schreiben wurde, scharf formuliert, zu einer Sucht.“ (S. 136). Er schreibt alles auf, wirklich alles. Er dokumentiert sein ganzes Leben, hält jeden Tag in einer Chronik fest. Während er etwas erlebt, überlegt er, ob das Erlebte „genug hergibt“ zum Schreiben (S. 149), was mich unweigerlich an Facebook/Instragram etc. denken ließ. Nur wenn Ortheil über sein Leben schreiben kann, rauscht es nicht unbeachtet an ihm vorbei (S. 136). Es ist wie eine Selbstvergewisserung durch das Schreiben, aber auch, als hätte er Angst, eine Erinnerung im wahrsten Sinne des Wortes zu verlieren (z.B. S. 216).

Der Titel Der Stift und das Papier ist Programm. Man könnte es fortführen: Und der Tisch und die Lampe und das Radio und, und, und. Ortheils Schreiben ist ein Schreiben über das Alltägliche. Langsam, detailliert, minutiös wird auch Triviales geschildet (S. 126, 215). Alles wird nach und nach dargelegt, ohne zu gewichten oder auf irgendeinen Höhepunkt der Geschichte hinzuarbeiten. Verwunderlich ist das nicht: „Papa denkt einen Augenblick nach und meint, dass Gründlichkeit wahrhaftig etwa sehr Wichtiges sei. Unser Schreiben sei ja im Grunde eine einzige Gründlichkeitsschule.“ (S. 209). Für mich drückt sich in dieser Gründlichkeit aber auch die Angst aus, etwas Erlebtes auszulassen, zu vergessen oder nicht adäquat darzustellen.

Dabei ist das „Erfundene“ sowieso nichts für Hanns-Josef. Erfinden heißt seiner Meinung nach „Fabulieren“: „Wohin bin ich mit diesem Schreiben denn bloß geraten? Ich bin ein „Fabulierer“ geworden, der das selbst Erlebte hinter dem Erfundenen verbirgt und zurückstellt.“ (S. 329). Gleichzeitig stellt Ortheils Vater klar (S. 287/288): „Das Erfundene ist spannend, abwechslungsreich und ‚sprüht von Ideen‘ (eine von Papas Anforderungen an gute Texte). Das Protokollierte ist langweilig, traurig und eintönig (und völlig ‚ideenlos‘).“

Ortheil vertritt eigentlich die gleiche Auffassung („Bloße Protokolle dessen, was ‚passiert‘, sind besonders langweilig.“, S. 282/283), trotzdem liest sich sein Buch für mich genau so: wie ein  Protokoll. Den Widerspruch erkläre ich mir dadurch, dass der Sohn einerseits sein dokumentarisches, gründliches Schreiben nicht aufgeben, andererseits aber auch nicht gegen den Vater argumentieren will.

Ernest Hemingway ist der Lieblingsautor der Vaters, und er soll später auch Ortheils großes Vorbild werden. Auch bei Hemingway passiert laut Ortheil nichts Besonderes und alles wird langsam und sehr genau erzählt (S. 327). Zudem kann er sich gut mit den Protagonisten Hemingways identifizieren: Sie reden wenig, beobachten viel, sie werden nicht in spannende Ereignisse verwickelt, leben einfach ihren Alltag. Nach allem, was ich weiß, ist Hemingway aber auch ein Meister des Weglassens, der Lücke, die der Leser mit seiner Fantasie füllen kann. In dieser Hinsicht folgt Ortheil seinem Vorbild meines Erachtens nicht.

In Familie Ortheil scheint damals auch die Meinung vorzuherrschen, dass Sprechen nur dann gut ist, wenn es treffend und genau ist (S. 277). Skurril finde ich in diesem Zusammenhang eine Szene, in der Hanns-Josef mit seiner Mutter in der Küche das Essen vorbereitet (S. 166/167): „Mama redet während des Kochens nicht viel, vor allem aber redet sie nicht am Stück. Sie konzentriert sich auf die Vorbereitung des Essens und sagt dann und wann einen ihrer wenigen Sätze […].“ Zwischen den einzelnen Sätzen der Mutter und den wenigen Sätzen des Sohnes herrscht Stille. „Im Grund warten wir darauf, dass uns wieder ein guter, einzelner Satz einfällt. Ein Satz, der etwas Merkwürdiges hat. Oder etwas Seltsames. Etwas, das man in die Stille hinein sagt und das dann in dieser Stille verebbt.“

Mich wundert vor allem die Formulierung  „ein guter, einzelner Satz“. Beim Kommunizieren geht es meines Erachtens nicht darum, einzelne gute Sätze zu produzieren, sondern eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, auf die der Empfänger dann reagiert. Hier kommt es mir eher so vor, als ginge es darum, etwas möglichst „Wertvolles“ zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass dies den jungen Hanns-Josef ziemlich unter Druck gesetzt hat. Umso mehr, als gleichzeitig von ihm erwartet wird, frei und unbeschwert zu sprechen (S. 299). Letztlich bleibt Ortheil vielleicht gar nichts anderes übrig, als schreibend mit der Welt in Kontakt zu treten.

Auffallend finde ich auch Ortheils Auffassung von Gefühlen. Sehr oft liest man Sätze wie: „Papa mag das Radieren überhaupt nicht“ (S. 23), Mama mag dies, Papa mag das. Ortheil setzt Gefühle – so kommt es mir vor – mit Mögen/Nicht-Mögen gleich (S. 320). Gefühle sind aber doch viel mehr als Mögen und Nicht-Mögen, sie sind differenzierter. Es gibt Wut, Ärger, Hass, Freude, Überraschung, Ekel usw. Aber von diesen Gefühlen erfährt man nicht viel. Eher habe ich den Eindruck, Ortheil hält sich aus einem großen Wunsch nach Harmonie heraus sehr mit seinen Gefühlen zurück (z.B. S. 246 und 299). Außerdem geben die Eltern mit ihren klaren Vorlieben und Abneigungen ja sehr genau vor, was ein erwünschtes und was ein unerwünschtes Verhalten ist – vermutlich nicht einfach für den Sohn.

Beim Lesen habe ich mich bisweilen gefragt, um wen es bei der Schreibschule eigentlich geht: den Sohn oder doch den Vater? Oft spricht der Vater von „wir“ und „unser“, wenn er von seinem Sohn spricht (z.B. S. 254/255). Er schickt die Texte des Sohnes ungefragt an eine Zeitung (S. 246). Und als Hanns-Josef sich für die Anzahl der Einwohner von Duisburg interessiert, fragt der Vater zurück: „Wollen wir das jetzt wirklich wissen?“ (S. 43). Hanns-Josef offenbar schon. Der Vater nimmt das Schreiben des Jungen wichtig, aber nimmt er auch den Jungen wichtig? Anders gesagt: Hanns-Josef bekommt sehr viel Aufmerksamkeit und Anerkennung von seinen Eltern, aber diese ist oft an das Schreiben gekoppelt (S. 155).

Etwas Aufzuschreiben bedeutet für Ortheil, etwas Bedrückendes loszuwerden (S. 262). Im krassen Gegensatz dazu steht die verständliche Sprachlosigkeit der Eltern angesichts des Verlusts der Söhne. Sie reden nicht über ihr Trauma (S.340). Mein Eindruck ist, dass Ortheil um seiner Eltern willen schreibt, stellvertretend für sie. So als wolle er ihnen immer noch helfen, ihr Trauma loszuwerden und über das zu sprechen, was sie nicht sagen können.

Damit im Zusammenhang steht auch der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte. Zu Beginn des Buches sagt Ortheil (S. 15): „Ich habe keine ‚Kindheit gehabt‘, ich stecke noch immer in ihr. In gewissem Sinn bin ich immer noch das Kind, das schreibt.“  Das empfinde ich auch so. Aber ich glaube nicht, dass im Gegensatz dazu alle anderen Menschen von ihrer Kindheit losgelöst sind: „Dass die Vergangenheit kein abgeschlossener oder verblasster Teil meines Lebens geworden ist, liegt wohl daran, dass sich diese kindliche Vergangenheit nicht wie bei den meisten anderen Menschen irgendwann aufgelöst und von meinem späteren Leben getrennt hat.“ (S. 15). Kein Mensch ist losgelöst oder getrennt von der eigenen Kindheit. Im besten Fall hat man sie als positiv erlebt und in seine Persönlichkeit integriert.

Fazit: Eine biographische Dokumentation über einen sprachlich hochbegabten Jungen, der in einer traumatisierten Familie aufgewachsen ist.

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier – btb

Trevor Noah – Born a crime

Trevor Noah ist Moderator der „Daily Show“, einer politischen Satiresendung auf Comedy Central. Er wurde 1984 in Johannesburg geboren und ist Sohn einer südafrikanischen Mutter vom Stamme der „Xhosa“ und eines Schweizers. Eigentlich waren Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen zu dieser Zeit in Südafrika verboten, eine Haftstrafe von bis zu 5 Jahren drohte. So erklärt sich der Titel: „Born a crime“.

Trevor Noah schildert in dem Buch seine Kindheit und Jugend in Südafrika. Seine Mutter nimmt hier eine besondere Stellung ein, da die engere Familie eine ganze Weile lang nur aus ihnen beiden bestand. Sie scheint eine bemerkenswerte Frau zu sein; sehr religiös, eigenwillig, stur, einfallsreich, klar, furchtlos – auch da, wo sie es eigentlich nicht sein sollte (S. 13). Noahs leiblicher Vater nimmt keine so große Rolle in dem Buch ein, auch wenn ihm ein Kapitel gewidmet ist. Letzteres zeigt aber, dass trotz dessen physischer Abwesenheit eine positive Beziehung zu Noah vorhanden ist.

Trevor Noah erzählt im Plauderton und mit viel Humor (aber niemals platt) sehr reflektiert über eine harte Kindheit, die durch Verzicht, Strenge, Ausgrenzung und Gewalt gekennzeichnet war. Er sieht sich selbst und sein Leben dabei sehr klar, er ist nicht anklagend oder bedauernd, er versucht nicht, sich in einem besonderen Licht dastehen zu lassen. Auch  der Begriff „Moral“ kam mir beim Lesen nie in den Sinn, auch wenn das beim Thema Apartheit vielleicht naheliegt. Noah zeigt eher auf, wie absurd, widersprüchlich, unlogisch, verrückt das ganze Konzept ist. Der Ton des Buches – Humor gemischt mit Herz und analytischem Verstand –  illustriert vielleicht, wie er es schaffen konnte, unter den gegebenen Voraussetzungen der zu werden, der er ist.

Man erfährt, was es heißt, als Schwarzer (oder allgemeiner: Nicht-Weißer) während der Zeit der Apartheid in Südafrika gelebt zu haben, aber auch, was die Aufhebung der Apartheid für neue Probleme brachte. Noah weist an mehreren Stellen auf typische Eigenheiten der Weißen und Schwarzen hin, auf das gegenseitige Nicht-Verstehen dieser Eigenschaften und zu welchen skurrilen und schlimmen Missverständnissen es führen kann.  Er zeigt aber auch auf, wie es ist, als „mixed person“ zwischen mehreren Welten aufzuwachsen. Noah selbst ist ja weder schwarz noch weiß, sondern „colored“, aber selbst in dieser Gruppe fühlt er sich nicht recht akzeptiert. Er kommt (nicht zuletzt, weil er viele Sprachen spricht) zwar in vielen Welten klar, gehört aber nirgendwo richtig dazu. Spannend fand ich, wie er seinen Weg findet, damit umzugehen.  Er findet eine „Nische“, wird zu einem „Chamäleon“, das zwischen den Gruppen hin und her „schwebt“. Er mischt sich unter die Leute, kann mit allen gut – den Sportlern, den Computernerds, den Kindern aus den Townships. Er erzählt Geschichten, macht Witze (S. 140). Er versucht nicht, für die ganze Person, die er ist, akzeptiert zu werden, sondern nur für das, was er mit den anderen teilen will, und das ist der Humor: “You don’t ask to be accepted for everything you are, just one part of yourself that you’re willing to share. For me it was humor. I learned that even though I didn’t belong to one group, I could be a part of any group that was laughing.” (S. 141). Kein Wunder vielleicht, dass er Comedian und Alleinunterhalter geworden ist.

Was mich am meisten beeindruckt hat, ist Noahs Resilienz, also seine Widerstandsfähigkeit gegen die Widrigkeiten seines Lebens. Die Fähigkeit, nicht zu verzweifeln, nicht verbittert zu werden, Mut zu haben. Hier spielt die Mutter wahrscheinlich eine große Rolle, die Noah Bildung mitgegeben hat und wohl das Gefühl, wertvoll zu sein. Zum Nachdenken gebracht hat mich in diesem Zusammenhang speziell die Tatsache, dass Noah diese Resilienz trotz der vielen Prügel, die er (auch von seiner Mutter) einstecken musste, erworben hat. Ich glaube, die Lösung liegt darin, dass die Mutter nicht im Zustand äußerster Wut gehandelt hat, sondern das Schlagen eine disziplinarische Maßnahme war (S. 84-85). Wenn ein Kind von einem wütenden Erwachsenen geschlagen wird, einem Erwachsenen, der „außer sich“ ist, hat es Todesangst. Über die Prügel seines späteren Stiefvaters schreibt Noah dementsprechend: „In all the times I received beatings from my mom, I was never scared of her. … The first time Abel hit me I felt something I had never felt before. I felt terror.“ (S. 262). Und dann: „I felt like there was something inside him that wanted to destroy me.“ (S. 264). Noah berichtet, dass viele schwarze Eltern ihre Kinder schlagen. Ich verstehe es so, dass die Prügelstrafe eingesetzt wird in der Hoffnung, das Kind adäquat auf eine für es ungerechte Welt vorzubereiten: „You get that with a lot of black parents. They’re trying to discipline you before the system does. “ (S. 227). Ob diese Strategie der Vorbereitung wirklich funktioniert, sei mal dahin gestellt, aber es hilft vielleicht, die Haltung der Eltern zu verstehen. Wobei – und auch das finde ich bemerkenswert – die Mutter später von der Prügelstrafe als Disziplinierungsmaßnahme abkommt (S. 262).

Kennzeichnend für die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist meines Erachtens die folgende Situation: Noah ist nach einer Prügelstrafe in seinem Zimmer und weint. Die Mutter kommt herein und fragt, ob er zum Essen kommt. Sie müssen sich beeilen, wenn sie später zusammen Rescue 911 im Fernsehen schauen wollen. Noah antwortet:  “What? What kind of psychopath are you? You just beat me!” (S. 85). Natürlich weiß ich nicht, ob das wirklich seine Antwort war, aber der Tonfall zeigt, dass Noah keine Angst vor seiner Mutter hatte und sich mit ihr auseinandergesetzt hat (andere Episoden legen das auch nahe).

Noah ist ein Junge, der Regeln auf ihre Stichhaltigkeit hin prüft. Wenn er eine Regel ungerecht findet, setzt er alles daran, zu seinem Recht zu kommen. Und hier ist die Mutter oft an seiner Seite und nimmt ihn in Schutz gegenüber Autoritäten. Auch das ist vielleicht ein Grund für Noahs Resilienz: Seine Mutter versteht seine Logik und unterstützt ihn. Sie lebt ihm vor, was es heißt, keine Angst vor Autoritäten zu haben und geistig unabhängig zu sein. Das hält sie aber leider nicht davon ab, einen alkoholabhängigen und gewalttätigen Mann zu heiraten, für den sie sich sehr einsetzt, und der sie später fast umbringt. Völlig unfassbar für mich auch: Die Polizei hilft Noahs Mutter nicht. Sie will ihren Mann anzeigen, aber die Polizisten auf der Wache raten ihr, sich mit ihm zu arrangieren. Sicher hat sie ihn wütend gemacht und ist selber schuld. Noah resümiert: „They were men first, and police second.“ (S. 257). In einem System, in dem die Männer zusammenhalten, hat eine Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird, keine Chance. Noah versteht lange nicht, warum seine Mutter den Vater nicht einfach verlässt. Er denkt, sie hat eine Wahl. Aber später versteht er, dass das nicht stimmt (S.272).

Einen letzten Punkt würde ich gerne erwähnen, und zwar Noahs (humorvolle) Art, seine Lebensweisheiten herzuleiten: Was bedeutet es zum Beispiel, jemanden zu lieben? Hier kommt sein Hund Fufi ins Spiel. Auch scheint die Sache mit den Mädchen anfangs wohl etwas schwierig gewesen zu sein, was Noah in drei gesonderten Kapiteln darstellt. Ein anderes Kapitel handelt von seiner Zeit in Alexandra. Noah beschreibt sehr plastisch, was es heißt, in diesem Township zu leben. Beeindruckt haben mich seine Ausführungen zum Thema „Kriminalität“, die dort zum Leben dazugehört. Was heißt es eigentlich, kriminell zu sein? Und wie hängt die Definition mit der Lebenssituation zusammen?

Fazit:

Ich kann es wohl kaum verhehlen, dass mir das Buch sehr gut gefallen hat. Trotz Englisch gut zu lesen, voller Humor, ergreifend, berührend,  sachlich informativ, persönlich lehrreich.

Trevor Noah – Born a crime – Spiegel & Grau