Susan Sontag – Standpunkt beziehen

Der Realität ins Auge blicken

Standpunkt beziehen ist ein kleines Reclam-Heftchen mit gut 60 Seiten. Es enthält fünf Essays von Susan Sontag (1933-2004), einer umstrittenen amerikanischen Intellektuellen. Sie setzte sich sehr für Menschenrechte ein und war eine große Kritikerin der US-amerikanischen Gesellschaft und Regierung.

Susan Sontag hat mehrere Texte verfasst. Standpunkt beziehen gibt Auszüge aus einem Teil davon wieder.

Am interessantesten fand ich das Essay Gegen Interpretation. Susan Sontag geht davon aus, dass Kunst sich rechtfertigen muss, da sie keinen besonderen Sinn erfüllt. Dieser Umstand, und die Unfähigkeit der Menschen die Realität zu akzeptieren, hat eine wichtige Konsequenz:

Kunstwerke (z.B. Bücher) werden oft nicht so genommen, wie sie sind. Vielmehr schreiben Interpreten den Werken eine weitere Bedeutungsebene zu. Eine solche Interpretation weist wiederum darauf hin, dass der Interpret mit dem Werk unzufrieden ist. Er möchte es durch etwas anderes ersetzen.

Sontag fordert dazu auf, ein Kunstwerk in seiner realen Form anzunehmen. Statt zu überlegen, was es aussagt, sollte man nach dessen Wirkung fragen, d.h. nach den Empfindungen, die es auslöst.

Das hat mich nachdenklich gemacht, bin ich doch selbst jemand, der hinter jeder Ecke eine tiefere Bedeutung vermutet. Eine weitere Beobachtung passt zu Sontags Hypothese: Bei Büchern, die mich spontan begeistern, grabe ich selten tiefer nach. Dagegen nehme ich Bücher, die mich nicht packen, oft „auseinander“.

Daneben gibt es zwei Essays, die sich mit dem 11. September 2001 bzw. der Fotografie im Irakkrieg befassen. Ein weiteres, sehr kurzes Essay handelt von der Fotografie im Allgemeinen und ihren Merkmalen.

Im fünften und letzten Essay geht es um die Schönheit. Wie ist sie zu definieren? Aber auch der Missbrauch des Begriffs kommt zur Sprache. So sagte Papst Johannes Paul II. im Jahre 2002 zu den sexuellen Übergriffen katholischer Priester in den USA: „Ein großes Kunstwerk kann man verunstalten, doch seine Schönheit bleibt bestehen; und jede intellektuell redliche Kritik muss die Wahrheit dieses Satzes anerkennen.“ (S. 23)

Dieser Vergleich zwischen der katholischen Kirche und einem großen Kunstwerk dient laut Sontag dazu, das Geschehene zu bagatellisieren, „aus den abscheulichen Verfehlungen etwas zu machen, über das wir hinwegsehen können.“ (S. 23)

Susan Sontag ist sehr deutlich in ihren Aussagen – was aber nicht heißt, dass die Essays besonders leicht zu lesen wären. Doch dass sie ihre Meinung klar sagt, ist angesichts des Titels kein Wunder. Nicht zuletzt habe ich Standpunkt beziehen gelesen, um ihre Meinung zu erfahren.

Bei allen fünf Essays scheint die Forderung durch, der Realität ins Auge zu blicken. Sontag fordert den Leser eindringlich auf, sich nichts vorzumachen. 60 Seiten, die es in sich haben.

Susan Sontag – Standpunkt beziehen – Reclam

Theresia Enzensberger – Blaupause

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Eine junge Frau sucht ihre Identität

Luise Schilling kommt 1921 nach Weimar, um am Bauhaus Architektur zu studieren. Sie verliebt sich in Jakob, der neben einigen anderen Studenten ein Anhänger Johannes Ittens und des Mazdaznans ist.

Itten ist Meister, so nennen sich die Lehrenden am Bauhaus. Mazdaznan ist eine religiöse Lehre, bei der es darum geht, mit dem Ich in Einklang zu leben. Dazu dient eine asketische Lebensweise mit vegetarischer Ernährung, Fasten, viel Bewegung, Meditation u.a.

Luise möchte zum Kreis der Mazdaznan-Studenten dazuzugehören, doch es will ihr nicht recht gelingen. Und auch Jakob macht ihr abwechselnd Hoffnung und stößt sie von sich, so dass sie sich schließlich enttäuscht sowohl von Jakob als auch Itten und Mazdaznan abwendet.

Wenig später wird Luise von ihren Eltern nach Berlin zurückbeordert. Dies erfährt der Leser aber nur anhand eines Briefes, den der Vater der Tochter schreibt. Die Eltern waren von Anfang an nicht sehr glücklich über Luises Entscheidung, nach Weimar zu gehen. Sie möchten, dass ihre Tochter einen guten Mann findet und auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet wird. Und so geht Luise die folgende Zeit auf eine Haushaltsschule.

Nachdem ihr Vater gestorben ist, kehrt Luise 1926 zum Bauhaus zurück, das mittlerweile nach Dessau umgesiedelt ist. Sie kann Bauhaus-Leiter Gropius  davon überzeugen, in die Bauabteilung zu kommen (und nicht in die Webwerkstatt, die ursprünglich für sie vorgesehen war).

Sie lernt neue Freunde kennen und verliebt sich. Erst scheint es so, als habe sie mit Hermann mehr Glück, doch dann treten auch in dieser Beziehung gravierende Probleme zutage, u.a. wegen Hermanns lockerer Lebensauffassung. Irgendwann wendet sich Luise auch von Hermann ab.

Sie schließt ihr Studium zwar ab, verlässt das Bauhaus aber desillusioniert. Sie wandert in die USA aus und wird dort, so erfährt der Leser am Ende des Buches, als Architektin und Autorin arbeiten.

In meinen Augen geht es in Blaupause vor allem um Luises Suche nach der eigenen Identität. Es geht um die Frage, die man sich als junger Erwachsener stellt: Wer bin ich eigentlich? Die Beantwortung dieser Frage geht unweigerlich  mit Abgrenzung einher – vom Elternhaus, von Jakob und dem Mazdaznan, von Hermann, letztlich auch vom Bauhaus. So gesehen ist es wohl ein klassischer Coming-of-Age-Roman.

Ein zweiter Aspekt ist natürlich das Bauhaus selbst. Man erfährt, wie das Studium dort funktionierte und hört bekannte Namen wie Gropius, Itten, Klee, Kandinsky usw. Das ist interessant und hat mich animiert, weitergehend zum Bauhaus zu recherchieren. Insgesamt bleibt die Auseinandersetzung mit dieser Kunstschule aber etwas an der Oberfläche.

Ein dritter Aspekt ist die geschichtliche Einordung. Luise ist nicht so desinteressiert an den politischen Ereignissen dieser Zeit wie die Itten-Jünger. Ihnen geht es nur um ihre persönliche Entwicklung und die Kunst. Luise ist aber doch so weit mit sich selbst beschäftigt, dass sie z.B. nicht versteht, wie ihr Bekannter Friedrich, ein Kommunist, so alarmiert sein kann.

Ein vierter Aspekt ist die Benachteiligung der Frau. Auch in einer so fortschrittlichen Umgebung wie dem Bauhaus herrschen traditionelle Rollenbilder vor. So traut man Luise nicht zu, richtig mit Zahlen umgehen oder dreidimensional Denken zu können. Itten sieht sie in der Webwerkstatt, aber nicht als Architektin. Er ist nicht der einzige, der so denkt.

Das Buch ist in der Gegenwartsform geschrieben und wirkt dadurch sehr aktuell; für meinen Geschmack fast ein bisschen zu aktuell. Oft hatte ich das Gefühl, dass es gar nicht um eine junge Frau Anfang des 20. Jahrhunderts geht, sondern um jemanden, der – sagen wir – fünfzig Jahre später gelebt hat.

Das liegt glaube ich im Wesentlich daran, dass Theresia Enzensberger an verschiedenen Stellen nicht sehr ins Detail geht: So z.B. beim Konflikt Luises mit ihrer Familie. Wir erfahren nicht viel über die inneren und äußeren Kämpfe, die sie austrägt, um ihre eigene Vorstellung vom Leben durchzusetzen. Es muss Frauen wie sie sehr viel Kraft gekostet haben, und das wird in Blaupause nicht richtig deutlich. (Vielleicht ist meine Vorstellung von den 1920er Jahren aber auch verkehrt).

Diesen kursorischen Stil kann man einerseits beklagen. Andererseits ist das Buch dadurch schnell und flüssig zu lesen und wühlt den Leser nicht sonderlich auf (zumindest mich nicht). Die Sprache würde ich schließlich als schnörkellos bezeichnen. In dieser Schnörkellosigkeit ist sie aber meines Erachtens nicht besonders raffiniert.

Fazit: Ein gut zu lesendes, interessantes, aber nicht allzu sehr in die Tiefe gehendes Buch über eine junge Frau, die ihre Identität sucht, und das in der besonderen Umgebung des Bauhauses. Es geht um den zentralen Konflikt der Identitätsfindung im jungen Erwachsenenalter: Die Abnabelung vom Elternhaus und die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. Wie viel Individualität ist der junge Mensch bereit aufzugeben, um dazuzugehören? Die historische Einbettung ins Deutschland der 1920er Jahre und die Darstellung der Schwierigkeiten, die man als Frau in dieser Zeit hatte, überzeugen mich nicht ganz. Das liegt vermutlich daran, dass zentrale Passagen nicht detailliert ausgeführt werden.

Theresia Enzensberger – Blaupause – Hanser

 

Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil

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Ein etwas anderer Kommissar und ein vertrackter Fall

Kurz hintereinander werden in Paris zwei Leichen gefunden, die einer Lehrerin und eines reichen Schlossherrn. Im ersten Moment deutet alles auf Selbstmord hin. Da entdeckt Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg ein merkwürdiges Zeichen, das an beiden Tatorten hinterlassen wurde. Was hat es damit auf sich?

Adamsberg und seine Mitarbeiter finden heraus, dass beide Toten vor einigen Jahren zusammen in Island waren. Damals kamen zwei Mitglieder der Reisegruppe ums Leben. Wie hängen die beiden aktuellen Fälle mit der Reise und den damaligen Toten zusammen? War es möglicherweise doch Mord?

Die Lehrerin und der Schlossherr waren aber nicht nur zusammen in Island, sondern beide auch Mitglied in einem Geheimbund. Dieser Geheimbund spielt Sitzungen der Nationalversammlung zur Zeit der französischen Revolution originalgetreu nach. Als noch weitere  Mitglieder der geheimen Vereinigung sterben, wenden sich Adamsberg und die anderen Ermittler von der Island-Spur ab. Sie begeben sich in die Untiefen des Geheimbundes, kommen aber auch hier nicht weiter…. Bis es fast zu spät ist.

Das barmherzige Fallbeil ist für meinen Geschmack ein sehr spannender Kriminalroman, und Jean-Baptiste Adamsberg ein sehr ungewöhnlicher Kommissar. Er löst seine Fälle eher intuitiv. Bilder und Gedankenfetzen steigen in seinem Kopf auf, führen ein Eigenleben. Adamsberg versucht, diese Eingebungen festzuhalten und zu deuten. Er geht nicht analytisch vor wie sein Stellvertreter Danglard, was manchmal auch zu Konflikten führt.

In dieser Geschichte fügt sich das Puzzle nicht, wie in anderen Krimis, nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Was nicht bedeutet, dass man im Laufe der Ermittlungen nicht immer wieder etwas Neues erfährt. Adamsberg schaut sich all diese Puzzleteile immer wieder an, dreht und wendet sie. Bis er das ganze Puzzle am Ende in einem Rutsch zusammensetzt.

Damit überrascht er sowohl den Leser als auch seine Mitarbeiter, die schon lange das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. (Zumindest war ich überrascht über die Lösung; vielleicht geht es spitzfindigeren Lesern anders).

Adamsberg kommt sympathisch rüber, bleibt als Person aber auch ein Rätsel. Vargas stellt seine Gedanken und Gefühle nicht sehr ausführlich dar. Vermutlich, weil Adamsberg selbst keinen rechten Zugang zu ihnen hat. (Genau das ist ja der Grund für sein intuitives Vorgehen.) So gesehen stellt Vargas Adamsbergs Persönlichkeit konsistent dar. Auch die anderen Figuren sind gut gezeichnet.

In der Mitte hat das Buch einige Längen, da geht es um den Geheimbund und Robespierre. Hier hätte man von den 500 Seiten etwas abzwacken können. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt.

Fazit: Ein spannender Krimi mit einem etwas anderen Kommissar, mit einigen Längen in der Mitte. Wobei Menschen, die sich mehr für Robespierre interessieren, das vielleicht gar nicht so kritisch sehen.

Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil – aus dem Französischen von Waltraud Schwarze – Blanvalet

George Watsky – Wie man es vermasselt

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Das wahre Leben

Wie man es vermasselt umfasst 13 Essays über das Leben des Autors. In der ersten Geschichte wollen George und sein Freund Jackson einen Narwal-Stoßzahn von Kanada in die USA schmuggeln. Für mich die schwächste Geschichte (und ich war beim Lesen schon ein wenig enttäuscht). Doch ich bin drangeblieben. Nicht zuletzt wegen der Sprache, die locker, flockig und stellenweise richtig witzig daherkommt.

Ich habe es nicht bereut… Watsky hält ein ganzes Potpourri an Themen für den Leser bereit: Pleiten, Pech und Pannen eines pubertierenden Schülers; eine Reise durch Europa, die zeigt, dass man oft gar nicht so mutig ist, wie man gerne wäre; Watskys Bemühungen, in LA einen Job als Schauspieler zu bekommen, ohne seine Prinzipien an den Nagel hängen; die ersten Auftritte vor spärlichem  Publikum; seine Epilepsie, aber auch erste hilflose Erfahrungen mit Frauen. Und das sind nur einige Beispiele.

Es macht Spaß, den Beobachtungen, Gefühlen und Gedanken dieses sympathischen jungen Mannes zu folgen. Freimütig erzählt er von seinen Sorgen, Ängsten, Missgeschicken – ohne Selbstmitleid oder Bedauern. Eher als das, was sie sind: Erfahrungen, die man als fehlbarer Mensch nun mal macht und aus denen man lernen kann. Und so habe ich zwar gelacht, aber nicht über Watsky, sondern eher mit ihm als Schwester im Geiste und mit dem Gefühl: „Ja, so ist das Leben manchmal. Und trotzdem ist es irgendwie schön.“

Fazit: Watsky schafft es irgendwie, über die Fallstricke des Lebens zu philosophieren und dem Leser gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, dass am Ende schon alles gut wird. Das muss man erst mal hinkriegen. In meinen Augen eine sehr anregende und gleichzeitig auch ermutigende Lektüre.

George Watsky – Wie man es vermasselt – aus dem Amerikanischen von Jenny Merling – Diogenes

Erling Kagge – Stille

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Assoziationen zur Stille

Stille ist ein sehr schön aufgemachtes, schmales Büchlein über ein besonderes Phänomen, an dem es heutzutage mangelt. So wirft Kagge am Anfang drei Fragen auf: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je? Es folgen „33 Versuche einer Antwort“. Bei diesen Antworten geht es um das Staunen, die Natur, Langeweile, Ablenkung, Smartphones und verschiedene andere Themen.

Das Buch liest sich flüssig und hält hier und da ein paar interessante Gedanken für den Leser bereit. Was mir allerdings fehlt sind Tiefgang und Struktur. Die Kapitel wirken auf mich willkürlich aneinandergereiht, so als habe Kagge einfach seinen Assoziationen freien Lauf gelassen. Dabei werden die drei Fragen sicherlich indirekt auf die ein oder andere Weise beantwortet. Wer es aber, wie ich, etwas konkreter mag, kommt nicht auf seine Kosten.

Auch Leser, die sich schon ein paar Gedanken über Achtsamkeit und verwandte Themen gemacht haben, werden meines Erachtens wenig von dem Buch profitieren, da es einfach zu sehr an der Oberfläche bleibt.

Fazit: Stille hinterlässt bei mir keinen bleibenden Eindruck. Laut Untertitel handelt es sich um einen Wegweiser. Ich finde, es ist einfach ein nettes Büchlein für einen entspannten Lese-Nachmittag.

Erling Kagge – Stille – aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg – Insel

Rodrigo Hasbún – Die Affekte

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Über die Auflösung einer Familie

Das Buch Die Affekte handelt von Hans Ertl und seiner Familie. Ertl ist im Zweiten Weltkrieg Kameramann der NS-Filmemacherin Riefenstahl und nach 1945 in München nicht mehr wohlgelitten. So wandert er mit seiner Frau und den drei Töchtern nach La Paz aus.

Der exzentrische Vater ist begeisterter Bergsteiger und dauernd unterwegs. Zu Beginn der Geschichte ist er zwar gerade erst von der Erstbesteigung des Achttausenders Nanga Parbat zurückgekehrt. Doch er hat schon wieder eine neue Idee.

Er möchte die verschollene Stadt Paititi finden und darüber einen Dokumentarfilm drehen. Und schon kurze Zeit später macht er sich mit einem Team erfahrener Leute und seinen beiden älteren Töchter Monika und Heidi auf dem Weg. Ehefrau Aurelia und die jüngste Tochter Trixie bleiben zu Hause.

Im ersten Drittel des Buches geht es um diese Expedition. Es wird klar, dass Ertl dominant, cholerisch und geradezu versessen aufs Filmen ist. Seine Tochter Monika erweist sich als labiler Charakter. Da aus mehreren Perspektiven erzählt wird, erfährt man auch, wie es den Daheimgebliebenen geht. Wenig verwunderlich: Sie fühlen sich einsam, vor allem Aurelia.

Im Anschluss beschreibt Hasbún das weitere Leben der verschiedenen Familienmitglieder und ihr Verhältnis untereinander. Ein Aspekt sind dabei Monikas Aktivitäten als Guerillakämpferin bei der bolivianischen Untergrundbewegung ELN (Ejército de Liberación Nacional, Nationale Befreiungsarmee).

Beim Lesen dachte ich immer wieder: Spannender Anfang – Und dann war das Buch plötzlich zu Ende. Der Roman ist flüssig zu lesen und interessant, eben weil er von historischen Fakten inspiriert ist. Das Problem ist nur, dass ich nicht weiß, was Hasbún mir eigentlich sagen will.

Die Familie ist kaputt, soviel ist klar. Aber da die Geschichte sehr schnell und eher kursorisch erzählt wird, werden die psychologischen Verstrickungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern  meines Erachtens nicht richtig deutlich.

Es geht natürlich um die Auswirkungen des abwesenden und doch alles überschattenden Vaters. Aber wie sehen die genau aus? Streit, Wut, Hass, Unverständnis, Liebe, Versöhnung, Schuldgefühle – Hasbún schildert Gefühle und Auseinandersetzungen nicht im Detail. Aber genau das wäre für mich das Entscheidende gewesen.

Fazit: Gut geschriebener, von historischen Fakten inspirierter Roman über den Verfall einer Familie, bei dem ich psychologische Details vermisse.

Rodrigo Hasbún – Die Affekte – aus dem Spanischen von Christian Hansen – Suhrkamp

Olivier Bourdeaut – Warten auf Bojangles

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Was heißt schon normal…

In Warten auf Bojangles geht es um eine kleine Familie mit einer ganz besonderen Mutter, die vor Ideen sprüht, eine kindliche Begeisterung entwickeln kann, auf liebenswürdige Weise verrückt, aber alleine lebensuntauglich ist.

Ihr Ehemann wird vom ersten Augenblick an magisch von ihr angezogen. Er liebt sie bedingungslos und will ihr Leben zu dem Fest machen, das sie sich wünscht. Er spürt aber auch, dass etwas in ihr ist, das irgendwann außer Kontrolle geraten kann. Dennoch lässt er sich auf ein Leben mit ihr ein. Und er bereut es nicht.

Die Geschichte wird aus der Sicht des Ehemanns, aber vor allem der des Sohnes erzählt. Der wächst unter sehr ungewöhnlichen Umständen und vorwiegend unter Erwachsenen auf, an deren zahlreichen Partys er teilnimmt. Für ihn ist das nicht immer einfach, aber er hat auch sehr viel Spaß und scheint nicht unglücklich zu sein. Später, als es der Mutter schlechter geht, leidet er allerdings genauso wie sein Vater mit der Mutter mit.

Es gäbe meines Erachtens einiges an der Plausibilität der Geschichte zu kritisieren, aber sie hat mich so gefangen genommen, dass ich mich damit nicht befassen will. Die Entwicklung der Mutter ist nicht aufzuhalten, die innere Logik der Geschichte zwingend. Die Akteure, so wie sie dargestellt werden, können nicht anderes handeln.

Zwar ist ihr Verhalten meiner Ansicht nach an vielen Stellen zu kritisieren, aber im Rahmen der Geschichte nachvollziehbar. Und da die Figuren, trotz aller Tragik, auch viel Glück und Wärme ausstrahlen, und da sie zu ihrer Definition vom richtigen Leben stehen, ist Warten auf Bojangles ein sehr beeindruckender Roman.

Fazit: Eine berührende Geschichte darüber, wie man ohne Kompromisse lebt und liebt.

Olivier Bourdeaut – Warten auf Bojangles – aus dem Französischen von Norma Cassau – Piper

Hari Kunzru – White Tears

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„Hari Kunzru ist ein begnadeter Geschichtenerzähler“ – so wird die New York Times auf dem hinteren Buchdeckel zitiert. Und damit ist das Entscheidende  auch schon gesagt: Hari Kunzru  hat mit White Tears eine richtig gute Geschichte geschrieben.

Darin geht es um zwei junge Musiker namens Seth und Carter. Seth kommt aus schwierigen Verhältnissen; seine Mutter ist gestorben und der Vater mit der Erziehung vollkommen überfordert. Carter entstammt dem wohlhabenden Wallace-Clan:

„Carter sprach so gut wie nie über seine Familie. […] Er hatte einen Bruder und eine Schwester, beide älter als er, und sein Vater entpuppte sich als großzügiger Sponsor der Republikaner. […] Vielleicht war es kein Zufall, dass der Wallace-Konzern, ein Ungeheuer, dessen Tentakel sich bis in Bauwesen, Logistik und Energie ausbreiteten, seit Nine-Eleven expandiert hatte, indem er Amerika im Krieg gegen den Terror unterstützte.“ (S. 16).

Seth und Carter können mit der digitalen Musik nichts anfangen. Stattdessen nehmen sie auf alt hergebrachte Art Töne auf und entwerfen daraus in ihrem Studio einen ganz besonderen Sound. Vor allem der Blues hat es ihnen angetan.

Eines Tages erfasst Seth bei einem seiner Streifzüge durch New York zufällig den Gesang eines unbekannten Mannes. Unter mysteriösen Umständen gelingt es Carter, aus den aufgenommenen Fetzen ein ganzes Lied zu kreieren. Carter ist hin und weg von dem Song, Seth ist gleichzeitig fasziniert und irritiert, ja fast abgestoßen.

Dann verkauft Carter den Song ohne das Wissen seines Freundes im Netz. Er behauptet dabei, es handle sich um eine Aufnahme von „Charlie Shaw“ aus dem Jahre 1928. Der Hit geht viral. Die Sache ist Seth ganz und gar nicht geheuer, und dann meldet sich auch noch jemand und behauptet, den fiktiven Charlie Shaw zu kennen. JumpJim, der sich in einer Online-Tauschbörse herumtreibt, will unbedingt wissen, was auf der B-Seite der Platte ist….

Und Seths Unbehagen trügt nicht: Kurze Zeit später wird Carter auf brutale Weise überfallen und fällt ins Koma.  Alles deutet darauf hin, dass der Überfall mit der Aufnahme zusammenhängt. Seth macht sich mit Carters Schwester Leonie auf die Suche nach Charlie Shaw: Nur er kann Licht ins Dunkel bringen.

Die Suche führt die beiden Richtung Süden, durch Mississippi. Sie folgen den Hinweisen von JumpJim, der auch einst nach Charlie Shaw suchte. Wie es JumpJim damals erging, und was Seth und Leonie heute erleben, wird genial mit der Geschichte der Familie Wallace zusammengebracht und zu einem überzeugenden Ende geführt.

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Buch viele surreale Momente enthält, vor allem in der zweiten Hälfte. Es geschehen merkwürdige Dinge, die Seth sich nicht erklären kann. Später geht es sogar so weit, dass er nicht mehr weiß, welche Personen real sind, und welche nur Geister. Kunzru gelingt es meines Erachtens sehr gut, Seths Verwirrung für den Leser greifbar zu machen.

Fazit: Sehr lesenswerte, spannende Geschichte über den Blues, die Unterdrückung der Schwarzen und deren Ausbeutung.

Hari Kunzru – White Tears – Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner – Liebeskind

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier

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In Der Stift und das Papier geht es um Hanns-Josef Ortheil (Jahrgang 1951) und wie er zu seiner Leidenschaft, dem Schreiben gekommen ist. Ausgangpunkt ist eine „Schreibschule“, die sich der Vater für den damals achtjährigen Sohn ausgedacht hat.

Um die Entwicklung zu verstehen, muss man die Geschichte der Familie kennen: Hanns-Josefs Eltern verlieren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach vier Söhne. Ein unvorstellbares Trauma, angesichts dessen die Mutter verstummt und nur noch über kleine, beschriebene Zettel kommuniziert. Möglicherweise in Reaktion darauf hört Hanns-Josef Ortheil mit drei Jahren ebenfalls auf zu sprechen und beginnt erst wieder damit, als er sieben Jahre alt ist. Auch das Schreiben fällt ihm zu diesem Zeitpunkt noch schwer und sein Wortschatz ist begrenzt (S. 153/154).

Die Familie macht gerade Urlaub in ihrem Ferienhaus im Westerwald, da beginnt der Vater mit dem ungewöhnlichen Unterricht; später unterrichtet auch die Mutter. Beide Elternteile sind sehr progressiv und haben eine kritische Einstellung zum regulären (Deutsch-)Unterricht bzw. der Schule im Allgemeinen (S. 163). Mein Eindruck ist, dass sie Hanns-Josef nicht nur helfen wollen, das Versäumte nachzuholen. Es ist ihnen auch wichtig, ihre eigenen Bildungswerte zu vermitteln.

Der Sohn entpuppt sich als gelehriger Schüler und macht ohne zu murren mit. Innerlich spürt er aber auch einen gewissen Widerstand, da ihm die frühere Stummheit auch Freiheit gegeben hat: „[…] es ist, als forderte es [das Gehirn] meine frühere Stummheit zurück, indem es mir zeigt, wie angenehm und frei es sich damit lebt. Keine Sprache, keine Erwiderungen und Antworten, kein Streit, nichts davon!“ (S. 40).

Für mich ist es anhand der Darstellung im Buch schwierig nachzuvollziehen, worin Hanns-Josefs Schwierigkeiten im jungen Alter wirklich bestanden haben. Ortheil erzählt zwar aus der Sicht des Jungen, aber diese Sicht ist differenziert und passt nicht zu einem Kind,  das „um Sprache ringt“. Dazu kommt, dass ich den Umstand, mit 7 Jahren noch nicht lesen und schreiben zu können, für wenig bemerkenswert halte. Beides lernen Kinder ja erst im Verlaufe der Grundschulzeit. Meines Erachtens geht das, was der Vater seinem Sohn beibringt, weit über den normalen Grundschulstoff hinaus (S. 34, 36, 69-71).

Das Schreiben wird zu Hanns-Josefs Lieblingsbeschäftigung, besser gesagt zu einer Sucht: „Was ich schreibe, liest sich wie die Beschreibungen eines Süchtigen. Und genau so ist es. Das Schreiben wurde, scharf formuliert, zu einer Sucht.“ (S. 136). Er schreibt alles auf, wirklich alles. Er dokumentiert sein ganzes Leben, hält jeden Tag in einer Chronik fest. Während er etwas erlebt, überlegt er, ob das Erlebte „genug hergibt“ zum Schreiben (S. 149), was mich unweigerlich an Facebook/Instragram etc. denken ließ. Nur wenn Ortheil über sein Leben schreiben kann, rauscht es nicht unbeachtet an ihm vorbei (S. 136). Es ist wie eine Selbstvergewisserung durch das Schreiben, aber auch, als hätte er Angst, eine Erinnerung im wahrsten Sinne des Wortes zu verlieren (z.B. S. 216).

Der Titel Der Stift und das Papier ist Programm. Man könnte es fortführen: Und der Tisch und die Lampe und das Radio und, und, und. Ortheils Schreiben ist ein Schreiben über das Alltägliche. Langsam, detailliert, minutiös wird auch Triviales geschildet (S. 126, 215). Alles wird nach und nach dargelegt, ohne zu gewichten oder auf irgendeinen Höhepunkt der Geschichte hinzuarbeiten. Verwunderlich ist das nicht: „Papa denkt einen Augenblick nach und meint, dass Gründlichkeit wahrhaftig etwa sehr Wichtiges sei. Unser Schreiben sei ja im Grunde eine einzige Gründlichkeitsschule.“ (S. 209). Für mich drückt sich in dieser Gründlichkeit aber auch die Angst aus, etwas Erlebtes auszulassen, zu vergessen oder nicht adäquat darzustellen.

Dabei ist das „Erfundene“ sowieso nichts für Hanns-Josef. Erfinden heißt seiner Meinung nach „Fabulieren“: „Wohin bin ich mit diesem Schreiben denn bloß geraten? Ich bin ein „Fabulierer“ geworden, der das selbst Erlebte hinter dem Erfundenen verbirgt und zurückstellt.“ (S. 329). Gleichzeitig stellt Ortheils Vater klar (S. 287/288): „Das Erfundene ist spannend, abwechslungsreich und ‚sprüht von Ideen‘ (eine von Papas Anforderungen an gute Texte). Das Protokollierte ist langweilig, traurig und eintönig (und völlig ‚ideenlos‘).“

Ortheil vertritt eigentlich die gleiche Auffassung („Bloße Protokolle dessen, was ‚passiert‘, sind besonders langweilig.“, S. 282/283), trotzdem liest sich sein Buch für mich genau so: wie ein  Protokoll. Den Widerspruch erkläre ich mir dadurch, dass der Sohn einerseits sein dokumentarisches, gründliches Schreiben nicht aufgeben, andererseits aber auch nicht gegen den Vater argumentieren will.

Ernest Hemingway ist der Lieblingsautor der Vaters, und er soll später auch Ortheils großes Vorbild werden. Auch bei Hemingway passiert laut Ortheil nichts Besonderes und alles wird langsam und sehr genau erzählt (S. 327). Zudem kann er sich gut mit den Protagonisten Hemingways identifizieren: Sie reden wenig, beobachten viel, sie werden nicht in spannende Ereignisse verwickelt, leben einfach ihren Alltag. Nach allem, was ich weiß, ist Hemingway aber auch ein Meister des Weglassens, der Lücke, die der Leser mit seiner Fantasie füllen kann. In dieser Hinsicht folgt Ortheil seinem Vorbild meines Erachtens nicht.

In Familie Ortheil scheint damals auch die Meinung vorzuherrschen, dass Sprechen nur dann gut ist, wenn es treffend und genau ist (S. 277). Skurril finde ich in diesem Zusammenhang eine Szene, in der Hanns-Josef mit seiner Mutter in der Küche das Essen vorbereitet (S. 166/167): „Mama redet während des Kochens nicht viel, vor allem aber redet sie nicht am Stück. Sie konzentriert sich auf die Vorbereitung des Essens und sagt dann und wann einen ihrer wenigen Sätze […].“ Zwischen den einzelnen Sätzen der Mutter und den wenigen Sätzen des Sohnes herrscht Stille. „Im Grund warten wir darauf, dass uns wieder ein guter, einzelner Satz einfällt. Ein Satz, der etwas Merkwürdiges hat. Oder etwas Seltsames. Etwas, das man in die Stille hinein sagt und das dann in dieser Stille verebbt.“

Mich wundert vor allem die Formulierung  „ein guter, einzelner Satz“. Beim Kommunizieren geht es meines Erachtens nicht darum, einzelne gute Sätze zu produzieren, sondern eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, auf die der Empfänger dann reagiert. Hier kommt es mir eher so vor, als ginge es darum, etwas möglichst „Wertvolles“ zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass dies den jungen Hanns-Josef ziemlich unter Druck gesetzt hat. Umso mehr, als gleichzeitig von ihm erwartet wird, frei und unbeschwert zu sprechen (S. 299). Letztlich bleibt Ortheil vielleicht gar nichts anderes übrig, als schreibend mit der Welt in Kontakt zu treten.

Auffallend finde ich auch Ortheils Auffassung von Gefühlen. Sehr oft liest man Sätze wie: „Papa mag das Radieren überhaupt nicht“ (S. 23), Mama mag dies, Papa mag das. Ortheil setzt Gefühle – so kommt es mir vor – mit Mögen/Nicht-Mögen gleich (S. 320). Gefühle sind aber doch viel mehr als Mögen und Nicht-Mögen, sie sind differenzierter. Es gibt Wut, Ärger, Hass, Freude, Überraschung, Ekel usw. Aber von diesen Gefühlen erfährt man nicht viel. Eher habe ich den Eindruck, Ortheil hält sich aus einem großen Wunsch nach Harmonie heraus sehr mit seinen Gefühlen zurück (z.B. S. 246 und 299). Außerdem geben die Eltern mit ihren klaren Vorlieben und Abneigungen ja sehr genau vor, was ein erwünschtes und was ein unerwünschtes Verhalten ist – vermutlich nicht einfach für den Sohn.

Beim Lesen habe ich mich bisweilen gefragt, um wen es bei der Schreibschule eigentlich geht: den Sohn oder doch den Vater? Oft spricht der Vater von „wir“ und „unser“, wenn er von seinem Sohn spricht (z.B. S. 254/255). Er schickt die Texte des Sohnes ungefragt an eine Zeitung (S. 246). Und als Hanns-Josef sich für die Anzahl der Einwohner von Duisburg interessiert, fragt der Vater zurück: „Wollen wir das jetzt wirklich wissen?“ (S. 43). Hanns-Josef offenbar schon. Der Vater nimmt das Schreiben des Jungen wichtig, aber nimmt er auch den Jungen wichtig? Anders gesagt: Hanns-Josef bekommt sehr viel Aufmerksamkeit und Anerkennung von seinen Eltern, aber diese ist oft an das Schreiben gekoppelt (S. 155).

Etwas Aufzuschreiben bedeutet für Ortheil, etwas Bedrückendes loszuwerden (S. 262). Im krassen Gegensatz dazu steht die verständliche Sprachlosigkeit der Eltern angesichts des Verlusts der Söhne. Sie reden nicht über ihr Trauma (S.340). Mein Eindruck ist, dass Ortheil um seiner Eltern willen schreibt, stellvertretend für sie. So als wolle er ihnen immer noch helfen, ihr Trauma loszuwerden und über das zu sprechen, was sie nicht sagen können.

Damit im Zusammenhang steht auch der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte. Zu Beginn des Buches sagt Ortheil (S. 15): „Ich habe keine ‚Kindheit gehabt‘, ich stecke noch immer in ihr. In gewissem Sinn bin ich immer noch das Kind, das schreibt.“  Das empfinde ich auch so. Aber ich glaube nicht, dass im Gegensatz dazu alle anderen Menschen von ihrer Kindheit losgelöst sind: „Dass die Vergangenheit kein abgeschlossener oder verblasster Teil meines Lebens geworden ist, liegt wohl daran, dass sich diese kindliche Vergangenheit nicht wie bei den meisten anderen Menschen irgendwann aufgelöst und von meinem späteren Leben getrennt hat.“ (S. 15). Kein Mensch ist losgelöst oder getrennt von der eigenen Kindheit. Im besten Fall hat man sie als positiv erlebt und in seine Persönlichkeit integriert.

Fazit: Eine biographische Dokumentation über einen sprachlich hochbegabten Jungen, der in einer traumatisierten Familie aufgewachsen ist.

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier – btb

John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

Der Junge im gestreiften Pyjama ist ein Jugendbuch, das aus der Sicht eines Neunjährigen namens Bruno erzählt wird. Das Buch liest sich entsprechend flüssig, ohne jedoch sprachlich anspruchslos oder langweilig zu werden.

Worum es geht: Bruno lebt während des Zweiten Weltkriegs in Berlin. Eines Tages kommt er von der Schule nach Hause und erfährt, dass die Familie schon bald umziehen wird. Es hängt irgendwie mit der Arbeit des Vaters zusammen. Bruno ist sehr unglücklich: In Berlin gefällt es ihm sehr gut; sie haben ein schönes Haus in einer schönen Gegend und er will natürlich auch seine Freunde nicht zurücklassen. Aber es nützt alles nichts, schon bald darauf verlassen sie Berlin und ziehen nach Auswisch (so spricht Bruno den neuen Wohnort fälschlicherweise aus).

Es heißt natürlich Auschwitz; das neue Haus der Familie liegt direkt neben dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau – durch einen langen, hohen Zaun getrennt. Schnell wird dem Leser klar: Der Vater ist der neue Lager-Kommandant. Bruno dagegen ahnt nicht, was vor sich geht und welche Rolle sein Vater dabei spielt. Er ist kreuzunglücklich in Auswisch, langweilt sich und findet die Menschen hinter dem Zaun allenfalls etwas unheimlich.

Eines Tages wandert Bruno den Zaun entlang bis zu einer sehr abgelegenen Stelle und lernt Schmuel kennen, der auf der anderen Seite auf dem Boden sitzt. Groteskerweise (aber aus Brunos Sicht vielleicht nachvollziehbar) findet Bruno sein eigenes Schicksal vergleichbar mit dem von Schmuel: Beide wurden von ihrem zu Hause weggerissen und an diesen schlimmen Ort verfrachtet. Sie treffen sich von da an jeden Tag am Zaun und reden.

Die Treffen gehen über ein Jahr. Doch obwohl Bruno sensibel ist und auch merkt, wie dünn Schmuel ist und wie schlecht er aussieht, und obwohl es noch mehr Hinweise darauf gibt, dass es den Leuten hinter dem Zaun nicht gut gehen kann, zieht Bruno aus diesen Hinweisen keinerlei sinnvolle Schlussfolgerungen. Er begreift auch nicht, dass der Vater, der das Lager ja leitet, irgendwie dafür verantwortlich sein muss.

Anfangs dachte ich, es geht darum, wie Bruno die Einsicht verarbeitet, dass der von ihm bewunderte Vater systematisch Menschen ermordet. Aber bevor Bruno überhaupt zu irgendeinem Verständnis kommt, ist die Geschichte zu Ende. Bruno stirbt, weil er unter dem Zaun hindurch zu Schmuel ins KZ klettert. Er will seinem Freund helfen, dessen Vater zu finden, der „verschwunden“ ist. Da Bruno von Schmuel einen gestreiften Pyjama, also Lagerkleidung, bekommen hat, wird er von den Soldaten nicht als Sohn des Kommandanten erkannt und mit Schmuel vergast.

Auf der ersten Seite steht, der Junge im gestreiften Pyjama sei eine Fabel. Davon abgesehen, dass keine Tiere vorkommen, frage ich mich: Was ist die Moral dieser Geschichte? Wer zu naiv ist, wird es bitter bereuen? Hilfsbereitschaft zahlt sich nicht aus? Und wieso wird Brunos Schicksal und das seiner Familie am Ende so betont, und nicht das von Schmuel und Millionen anderer Juden?

Im Vordergrund der Geschichte stehen Brunos grenzenlose Naivität, aber auch seine freundliche Offenheit und Unvoreingenommenheit. Sie führen ihn letztlich ins Verderben. Aber diese Eigenschaften waren ja nicht der Grund für den Holocaust. Ich verstehe nicht, was Boyne damit ausdrücken will.

Es ist dem Autor zwar sehr gut gelungen, mich als Leserin emotional anzusprechen, aber eben nur emotional. Wie es zu so etwas unvorstellbar Grausamem wie dem Holocaust kommen konnte, wird meines Erachtens nicht hinreichend thematisiert. Es kommen zwar einige Figuren vor, die Widerspruch äußern, aber mehr auch nicht. Es folgt nichts daraus und Bruno kann dem sowieso nicht die richtige Bedeutung beimessen.

Schließlich denke ich, dass die Geschichte in der Form nicht hätte passieren können. Sie ist nicht plausibel. Das ist zwar für ein gutes Buch nicht generell ein wichtiges Kriterium, aber in diesem Fall meines Erachtens schon. Auch deshalb bin ich mir nicht sicher, ob es als Jugendbuch zum Thema Holocaust wirklich geeignet ist.

Fazit: Ein sehr ergreifend geschriebenes Jugendbuch zum Thema Holocaust, das mich mit einem ratlosen bis ärgerlichen Gefühl zurücklässt.

John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama – Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit –Fischer