Hari Kunzru – White Tears

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„Hari Kunzru ist ein begnadeter Geschichtenerzähler“ – so wird die New York Times auf dem hinteren Buchdeckel zitiert. Und damit ist das Entscheidende  auch schon gesagt: Hari Kunzru  hat mit White Tears eine richtig gute Geschichte geschrieben.

Darin geht es um zwei junge Musiker namens Seth und Carter. Seth kommt aus schwierigen Verhältnissen; seine Mutter ist gestorben und der Vater mit der Erziehung vollkommen überfordert. Carter entstammt dem wohlhabenden Wallace-Clan:

„Carter sprach so gut wie nie über seine Familie. […] Er hatte einen Bruder und eine Schwester, beide älter als er, und sein Vater entpuppte sich als großzügiger Sponsor der Republikaner. […] Vielleicht war es kein Zufall, dass der Wallace-Konzern, ein Ungeheuer, dessen Tentakel sich bis in Bauwesen, Logistik und Energie ausbreiteten, seit Nine-Eleven expandiert hatte, indem er Amerika im Krieg gegen den Terror unterstützte.“ (S. 16).

Seth und Carter können mit der digitalen Musik nichts anfangen. Stattdessen nehmen sie auf alt hergebrachte Art Töne auf und entwerfen daraus in ihrem Studio einen ganz besonderen Sound. Vor allem der Blues hat es ihnen angetan.

Eines Tages erfasst Seth bei einem seiner Streifzüge durch New York zufällig den Gesang eines unbekannten Mannes. Unter mysteriösen Umständen gelingt es Carter, aus den aufgenommenen Fetzen ein ganzes Lied zu kreieren. Carter ist hin und weg von dem Song, Seth ist gleichzeitig fasziniert und irritiert, ja fast abgestoßen.

Dann verkauft Carter den Song ohne das Wissen seines Freundes im Netz. Er behauptet dabei, es handle sich um eine Aufnahme von „Charlie Shaw“ aus dem Jahre 1928. Der Hit geht viral. Die Sache ist Seth ganz und gar nicht geheuer, und dann meldet sich auch noch jemand und behauptet, den fiktiven Charlie Shaw zu kennen. JumpJim, der sich in einer Online-Tauschbörse herumtreibt, will unbedingt wissen, was auf der B-Seite der Platte ist….

Und Seths Unbehagen trügt nicht: Kurze Zeit später wird Carter auf brutale Weise überfallen und fällt ins Koma.  Alles deutet darauf hin, dass der Überfall mit der Aufnahme zusammenhängt. Seth macht sich mit Carters Schwester Leonie auf die Suche nach Charlie Shaw: Nur er kann Licht ins Dunkel bringen.

Die Suche führt die beiden Richtung Süden, durch Mississippi. Sie folgen den Hinweisen von JumpJim, der auch einst nach Charlie Shaw suchte. Wie es JumpJim damals erging, und was Seth und Leonie heute erleben, wird genial mit der Geschichte der Familie Wallace zusammengebracht und zu einem überzeugenden Ende geführt.

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Buch viele surreale Momente enthält, vor allem in der zweiten Hälfte. Es geschehen merkwürdige Dinge, die Seth sich nicht erklären kann. Später geht es sogar so weit, dass er nicht mehr weiß, welche Personen real sind, und welche nur Geister. Kunzru gelingt es meines Erachtens sehr gut, Seths Verwirrung für den Leser greifbar zu machen.

Fazit: Sehr lesenswerte, spannende Geschichte über den Blues, die Unterdrückung der Schwarzen und deren Ausbeutung.

Hari Kunzru – White Tears – Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner – Liebeskind

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier

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In Der Stift und das Papier geht es um Hanns-Josef Ortheil (Jahrgang 1951) und wie er zu seiner Leidenschaft, dem Schreiben gekommen ist. Ausgangpunkt ist eine „Schreibschule“, die sich der Vater für den damals achtjährigen Sohn ausgedacht hat.

Um die Entwicklung zu verstehen, muss man die Geschichte der Familie kennen: Hanns-Josefs Eltern verlieren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach vier Söhne. Ein unvorstellbares Trauma, angesichts dessen die Mutter verstummt und nur noch über kleine, beschriebene Zettel kommuniziert. Möglicherweise in Reaktion darauf hört Hanns-Josef Ortheil mit drei Jahren ebenfalls auf zu sprechen und beginnt erst wieder damit, als er sieben Jahre alt ist. Auch das Schreiben fällt ihm zu diesem Zeitpunkt noch schwer und sein Wortschatz ist begrenzt (S. 153/154).

Die Familie macht gerade Urlaub in ihrem Ferienhaus im Westerwald, da beginnt der Vater mit dem ungewöhnlichen Unterricht; später unterrichtet auch die Mutter. Beide Elternteile sind sehr progressiv und haben eine kritische Einstellung zum regulären (Deutsch-)Unterricht bzw. der Schule im Allgemeinen (S. 163). Mein Eindruck ist, dass sie Hanns-Josef nicht nur helfen wollen, das Versäumte nachzuholen. Es ist ihnen auch wichtig, ihre eigenen Bildungswerte zu vermitteln.

Der Sohn entpuppt sich als gelehriger Schüler und macht ohne zu murren mit. Innerlich spürt er aber auch einen gewissen Widerstand, da ihm die frühere Stummheit auch Freiheit gegeben hat: „[…] es ist, als forderte es [das Gehirn] meine frühere Stummheit zurück, indem es mir zeigt, wie angenehm und frei es sich damit lebt. Keine Sprache, keine Erwiderungen und Antworten, kein Streit, nichts davon!“ (S. 40).

Für mich ist es anhand der Darstellung im Buch schwierig nachzuvollziehen, worin Hanns-Josefs Schwierigkeiten im jungen Alter wirklich bestanden haben. Ortheil erzählt zwar aus der Sicht des Jungen, aber diese Sicht ist differenziert und passt nicht zu einem Kind,  das „um Sprache ringt“. Dazu kommt, dass ich den Umstand, mit 7 Jahren noch nicht lesen und schreiben zu können, für wenig bemerkenswert halte. Beides lernen Kinder ja erst im Verlaufe der Grundschulzeit. Meines Erachtens geht das, was der Vater seinem Sohn beibringt, weit über den normalen Grundschulstoff hinaus (S. 34, 36, 69-71).

Das Schreiben wird zu Hanns-Josefs Lieblingsbeschäftigung, besser gesagt zu einer Sucht: „Was ich schreibe, liest sich wie die Beschreibungen eines Süchtigen. Und genau so ist es. Das Schreiben wurde, scharf formuliert, zu einer Sucht.“ (S. 136). Er schreibt alles auf, wirklich alles. Er dokumentiert sein ganzes Leben, hält jeden Tag in einer Chronik fest. Während er etwas erlebt, überlegt er, ob das Erlebte „genug hergibt“ zum Schreiben (S. 149), was mich unweigerlich an Facebook/Instragram etc. denken ließ. Nur wenn Ortheil über sein Leben schreiben kann, rauscht es nicht unbeachtet an ihm vorbei (S. 136). Es ist wie eine Selbstvergewisserung durch das Schreiben, aber auch, als hätte er Angst, eine Erinnerung im wahrsten Sinne des Wortes zu verlieren (z.B. S. 216).

Der Titel Der Stift und das Papier ist Programm. Man könnte es fortführen: Und der Tisch und die Lampe und das Radio und, und, und. Ortheils Schreiben ist ein Schreiben über das Alltägliche. Langsam, detailliert, minutiös wird auch Triviales geschildet (S. 126, 215). Alles wird nach und nach dargelegt, ohne zu gewichten oder auf irgendeinen Höhepunkt der Geschichte hinzuarbeiten. Verwunderlich ist das nicht: „Papa denkt einen Augenblick nach und meint, dass Gründlichkeit wahrhaftig etwa sehr Wichtiges sei. Unser Schreiben sei ja im Grunde eine einzige Gründlichkeitsschule.“ (S. 209). Für mich drückt sich in dieser Gründlichkeit aber auch die Angst aus, etwas Erlebtes auszulassen, zu vergessen oder nicht adäquat darzustellen.

Dabei ist das „Erfundene“ sowieso nichts für Hanns-Josef. Erfinden heißt seiner Meinung nach „Fabulieren“: „Wohin bin ich mit diesem Schreiben denn bloß geraten? Ich bin ein „Fabulierer“ geworden, der das selbst Erlebte hinter dem Erfundenen verbirgt und zurückstellt.“ (S. 329). Gleichzeitig stellt Ortheils Vater klar (S. 287/288): „Das Erfundene ist spannend, abwechslungsreich und ‚sprüht von Ideen‘ (eine von Papas Anforderungen an gute Texte). Das Protokollierte ist langweilig, traurig und eintönig (und völlig ‚ideenlos‘).“

Ortheil vertritt eigentlich die gleiche Auffassung („Bloße Protokolle dessen, was ‚passiert‘, sind besonders langweilig.“, S. 282/283), trotzdem liest sich sein Buch für mich genau so: wie ein  Protokoll. Den Widerspruch erkläre ich mir dadurch, dass der Sohn einerseits sein dokumentarisches, gründliches Schreiben nicht aufgeben, andererseits aber auch nicht gegen den Vater argumentieren will.

Ernest Hemingway ist der Lieblingsautor der Vaters, und er soll später auch Ortheils großes Vorbild werden. Auch bei Hemingway passiert laut Ortheil nichts Besonderes und alles wird langsam und sehr genau erzählt (S. 327). Zudem kann er sich gut mit den Protagonisten Hemingways identifizieren: Sie reden wenig, beobachten viel, sie werden nicht in spannende Ereignisse verwickelt, leben einfach ihren Alltag. Nach allem, was ich weiß, ist Hemingway aber auch ein Meister des Weglassens, der Lücke, die der Leser mit seiner Fantasie füllen kann (über Hemingways Eisbergmodell s. hier). In dieser Hinsicht folgt Ortheil seinem Vorbild meines Erachtens nicht.

In Familie Ortheil scheint damals auch die Meinung vorzuherrschen, dass Sprechen nur dann gut ist, wenn es treffend und genau ist (S. 277). Skurril finde ich in diesem Zusammenhang eine Szene, in der Hanns-Josef mit seiner Mutter in der Küche das Essen vorbereitet (S. 166/167): „Mama redet während des Kochens nicht viel, vor allem aber redet sie nicht am Stück. Sie konzentriert sich auf die Vorbereitung des Essens und sagt dann und wann einen ihrer wenigen Sätze […].“ Zwischen den einzelnen Sätzen der Mutter und den wenigen Sätzen des Sohnes herrscht Stille. „Im Grund warten wir darauf, dass uns wieder ein guter, einzelner Satz einfällt. Ein Satz, der etwas Merkwürdiges hat. Oder etwas Seltsames. Etwas, das man in die Stille hinein sagt und das dann in dieser Stille verebbt.“

Mich wundert vor allem die Formulierung  „ein guter, einzelner Satz“. Beim Kommunizieren geht es meines Erachtens nicht darum, einzelne gute Sätze zu produzieren, sondern eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, auf die der Empfänger dann reagiert. Hier kommt es mir eher so vor, als ginge es darum, etwas möglichst „Wertvolles“ zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass dies den jungen Hanns-Josef ziemlich unter Druck gesetzt hat. Umso mehr, als gleichzeitig von ihm erwartet wird, frei und unbeschwert zu sprechen (S. 299). Letztlich bleibt Ortheil vielleicht gar nichts anderes übrig, als schreibend mit der Welt in Kontakt zu treten.

Auffallend finde ich auch Ortheils Auffassung von Gefühlen. Sehr oft liest man Sätze wie: „Papa mag das Radieren überhaupt nicht“ (S. 23), Mama mag dies, Papa mag das. Ortheil setzt Gefühle – so kommt es mir vor – mit Mögen/Nicht-Mögen gleich (S. 320). Gefühle sind aber doch viel mehr als Mögen und Nicht-Mögen, sie sind differenzierter. Es gibt Wut, Ärger, Hass, Freude, Überraschung, Ekel usw. Aber von diesen Gefühlen erfährt man nicht viel. Eher habe ich den Eindruck, Ortheil hält sich aus einem großen Wunsch nach Harmonie heraus sehr mit seinen Gefühlen zurück (z.B. S. 246 und 299). Außerdem geben die Eltern mit ihren klaren Vorlieben und Abneigungen ja sehr genau vor, was ein erwünschtes und was ein unerwünschtes Verhalten ist – vermutlich nicht einfach für den Sohn.

Beim Lesen habe ich mich bisweilen gefragt, um wen es bei der Schreibschule eigentlich geht: den Sohn oder doch den Vater? Oft spricht der Vater von „wir“ und „unser“, wenn er von seinem Sohn spricht (z.B. S. 254/255). Er schickt die Texte des Sohnes ungefragt an eine Zeitung (S. 246). Und als Hanns-Josef sich für die Anzahl der Einwohner von Duisburg interessiert, fragt der Vater zurück: „Wollen wir das jetzt wirklich wissen?“ (S. 43). Hanns-Josef offenbar schon. Der Vater nimmt das Schreiben des Jungen wichtig, aber nimmt er auch den Jungen wichtig? Anders gesagt: Hanns-Josef bekommt sehr viel Aufmerksamkeit und Anerkennung von seinen Eltern, aber diese ist oft an das Schreiben gekoppelt (S. 155).

Etwas Aufzuschreiben bedeutet für Ortheil, etwas Bedrückendes loszuwerden (S. 262). Im krassen Gegensatz dazu steht die verständliche Sprachlosigkeit der Eltern angesichts des Verlusts der Söhne. Sie reden nicht über ihr Trauma (S.340). Mein Eindruck ist, dass Ortheil um seiner Eltern willen schreibt, stellvertretend für sie. So als wolle er ihnen immer noch helfen, ihr Trauma loszuwerden und über das zu sprechen, was sie nicht sagen können.

Damit im Zusammenhang steht auch der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte. Zu Beginn des Buches sagt Ortheil (S. 15): „Ich habe keine ‚Kindheit gehabt‘, ich stecke noch immer in ihr. In gewissem Sinn bin ich immer noch das Kind, das schreibt.“  Das empfinde ich auch so. Aber ich glaube nicht, dass im Gegensatz dazu alle anderen Menschen von ihrer Kindheit losgelöst sind: „Dass die Vergangenheit kein abgeschlossener oder verblasster Teil meines Lebens geworden ist, liegt wohl daran, dass sich diese kindliche Vergangenheit nicht wie bei den meisten anderen Menschen irgendwann aufgelöst und von meinem späteren Leben getrennt hat.“ (S. 15). Kein Mensch ist losgelöst oder getrennt von der eigenen Kindheit. Im besten Fall hat man sie als positiv erlebt und in seine Persönlichkeit integriert.

Fazit: Eine biographische Dokumentation über einen sprachlich hochbegabten Jungen, der in einer traumatisierten Familie aufgewachsen ist.

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier – btb

John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

Der Junge im gestreiften Pyjama ist ein Jugendbuch, das aus der Sicht eines Neunjährigen namens Bruno erzählt wird. Das Buch liest sich entsprechend flüssig, ohne jedoch sprachlich anspruchslos oder langweilig zu werden.

Worum es geht: Bruno lebt während des Zweiten Weltkriegs in Berlin. Eines Tages kommt er von der Schule nach Hause und erfährt, dass die Familie schon bald umziehen wird. Es hängt irgendwie mit der Arbeit des Vaters zusammen. Bruno ist sehr unglücklich: In Berlin gefällt es ihm sehr gut; sie haben ein schönes Haus in einer schönen Gegend und er will natürlich auch seine Freunde nicht zurücklassen. Aber es nützt alles nichts, schon bald darauf verlassen sie Berlin und ziehen nach Auswisch (so spricht Bruno den neuen Wohnort fälschlicherweise aus).

Es heißt natürlich Auschwitz; das neue Haus der Familie liegt direkt neben dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau – durch einen langen, hohen Zaun getrennt. Schnell wird dem Leser klar: Der Vater ist der neue Lager-Kommandant. Bruno dagegen ahnt nicht, was vor sich geht und welche Rolle sein Vater dabei spielt. Er ist kreuzunglücklich in Auswisch, langweilt sich und findet die Menschen hinter dem Zaun allenfalls etwas unheimlich.

Eines Tages wandert Bruno den Zaun entlang bis zu einer sehr abgelegenen Stelle und lernt Schmuel kennen, der auf der anderen Seite auf dem Boden sitzt. Groteskerweise (aber aus Brunos Sicht vielleicht nachvollziehbar) findet Bruno sein eigenes Schicksal vergleichbar mit dem von Schmuel: Beide wurden von ihrem zu Hause weggerissen und an diesen schlimmen Ort verfrachtet. Sie treffen sich von da an jeden Tag am Zaun und reden.

Die Treffen gehen über ein Jahr. Doch obwohl Bruno sensibel ist und auch merkt, wie dünn Schmuel ist und wie schlecht er aussieht, und obwohl es noch mehr Hinweise darauf gibt, dass es den Leuten hinter dem Zaun nicht gut gehen kann, zieht Bruno aus diesen Hinweisen keinerlei sinnvolle Schlussfolgerungen. Er begreift auch nicht, dass der Vater, der das Lager ja leitet, irgendwie dafür verantwortlich sein muss.

Anfangs dachte ich, es geht darum, wie Bruno die Einsicht verarbeitet, dass der von ihm bewunderte Vater systematisch Menschen ermordet. Aber bevor Bruno überhaupt zu irgendeinem Verständnis kommt, ist die Geschichte zu Ende. Bruno stirbt, weil er unter dem Zaun hindurch zu Schmuel ins KZ klettert. Er will seinem Freund helfen, dessen Vater zu finden, der „verschwunden“ ist. Da Bruno von Schmuel einen gestreiften Pyjama, also Lagerkleidung, bekommen hat, wird er von den Soldaten nicht als Sohn des Kommandanten erkannt und mit Schmuel vergast.

Auf der ersten Seite steht, der Junge im gestreiften Pyjama sei eine Fabel. Davon abgesehen, dass keine Tiere vorkommen, frage ich mich: Was ist die Moral dieser Geschichte? Wer zu naiv ist, wird es bitter bereuen? Hilfsbereitschaft zahlt sich nicht aus? Und wieso wird Brunos Schicksal und das seiner Familie am Ende so betont, und nicht das von Schmuel und Millionen anderer Juden?

Im Vordergrund der Geschichte stehen Brunos grenzenlose Naivität, aber auch seine freundliche Offenheit und Unvoreingenommenheit. Sie führen ihn letztlich ins Verderben. Aber diese Eigenschaften waren ja nicht der Grund für den Holocaust. Ich verstehe nicht, was Boyne damit ausdrücken will.

Es ist dem Autor zwar sehr gut gelungen, mich als Leserin emotional anzusprechen, aber eben nur emotional. Wie es zu so etwas unvorstellbar Grausamem wie dem Holocaust kommen konnte, wird meines Erachtens nicht hinreichend thematisiert. Es kommen zwar einige Figuren vor, die Widerspruch äußern, aber mehr auch nicht. Es folgt nichts daraus und Bruno kann dem sowieso nicht die richtige Bedeutung beimessen.

Schließlich denke ich, dass die Geschichte in der Form nicht hätte passieren können. Sie ist nicht plausibel. Das ist zwar für ein gutes Buch nicht generell ein wichtiges Kriterium, aber in diesem Fall meines Erachtens schon. Auch deshalb bin ich mir nicht sicher, ob es als Jugendbuch zum Thema Holocaust wirklich geeignet ist.

Fazit: Ein sehr ergreifend geschriebenes Jugendbuch zum Thema Holocaust, das mich mit einem ratlosen bis ärgerlichen Gefühl zurücklässt.

John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama – Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit –Fischer

Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt

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Eine Frau und ein Mann renovieren zur Zeit der Wende eine Altbau-Wohnung in Berlin. Sie wollen gemeinsam dort einziehen. Sie sind schon etwas älter, haben  erfüllende Berufe, ehemalige Beziehungen und ältere Kinder. Etwas Neues soll beginnen, ihr gemeinsames Leben. Aber schon auf den ersten Seiten wird klar, dass das Schicksal auf perfide Art dazwischenfunkt.

Der Mann fällt beim Renovieren von der Leiter und staucht sich die Wirbelsäule. Und während er sich durch die Reha kämpft, kümmert sie sich um die Wohnung. Als die beiden schließlich eingezogen sind – der Mann geht mittlerweile am Stock – stellt sich heraus, dass die Wohnung ein echter Fehlgriff ist: Nachts können sie vor lauter Lärm nicht schlafen, die Heizung geht dauernd kaputt, ständig ist der Behindertenparkplatz besetzt usw.

Auf die Frage, warum die beiden in der Wohnung bleiben, gibt das Buch keine Antwort. Es ist wie ein Bericht verfasst, d.h. man erfährt wenig über ihre Gefühle oder darüber, wie sie die Situation bewerten. Natürlich versuchen sie, die Probleme zu lösen, ihre Bemühungen bleiben aber erfolglos. Warum gehen sie nicht? Meine Vermutung ist, dass sie bleiben müssen, um dem Sturz nachträglich einen Sinn zu geben. Die Wohnung muss es wert sein, dass er nur noch am Stock laufen kann.

Am Ende des Buches heißt es: „Alles, was auf diesen Seiten zur Sprache kommt, hat sich auf diese oder jene Weise ereignet. […]“ Ulrike Edschmids Partner ist der Mann, der fällt – und der in der zweiten Hälfte des Buches etwas in den Hintergrund rückt. Die Erzählerin schildert hier alle möglichen Dinge, die sie erleben: Der Kioskbesitzer um die Ecke wird angeschossen, sie müssen wegen eines Bombenfundes überstürzt das Haus verlassen und ähnliches.

Der Mann kommt immer dann wieder ins Spiel, wenn er eigentlich schnell reagieren müsste, dies aber nicht mehr kann. Ich verstehe es so, dass die erzwungene Verlangsamung und Hilfsbedürftigkeit des Mannes durch die „Verschnellerung“ und Verrohung der Umwelt betont werden soll. Doch gelingt dies meines Erachtens nicht. Das liegt vor allem daran, dass es kein Vorher gibt. Wie haben sie vorher gelebt? Was hat der Mann gemacht, was die Frau? Was war ihnen wichtig? Wo haben sie gelebt? Wie verroht und schnell war das Viertel vorher? All das wird nur angerissen, ist aber zum Verständnis der Veränderung wichtig und hätte meines Erachtens genauer ausgeleuchtet werden müssen.

Es gelingt auch deshalb nicht, weil einfach ein schlimmes Ereignis an das nächste gereiht wird. Offensichtlich haben die beiden all das erlebt, aber so konzentriert und ohne eine Einordnung wirkt es auf mich übertrieben und unglaubwürdig. Dazu kommt, dass das Paar in einer anderen Gegend Berlins vielleicht auch positivere Erfahrungen hätte machen können.

Doch es wird so dargestellt, als gäbe es eine zwingende Beziehung zwischen dem Unfall und den Ereignissen. Als wäre das Ganze unabänderlich. Es kann natürlich sein, dass Edschmid das so empfunden hat:  Es passieren nur noch schlimme Dinge, wir können nichts dagegen tun und diese schlimmen Dinge fordern die Langsamkeit meines Partners heraus. Aber es gelingt ihr (zumindest in meinem Falle) nicht, diese Empfindung nachvollziehbar darzustellen.

Die Sprache ist flüssig und kommt ohne Schnörkel aus, was natürlich zur Berichtsform passt. Es gibt zudem einige treffende Passagen, die mich nachdenklich gemacht haben, so z.B. auf Seite 67: „Zuweilen erstaune es ihn, schreibt er, dass er bei der erzwungenen Verzögerung seiner Schritte auf eine innere, längst vorhandene Langsamkeit stoße, die er früher hinter einer zum Lebensstil gewordenen Eile habe verschwinden lassen.“

Manchmal bin ich über einen Wechsel der Zeitform innerhalb eines Satzes gestolpert (bspw. Seite 151/152): „Als ich mich nach zehn Tagen von ihr verabschiede, habe ich vor, im nächsten Jahr wiederzukommen. Sie wird dann alt genug für einen Sari sein – zwölf Jahre. Noch trägt sie ein kurzes Kleidchen. Ich habe ihr den Sari für den Geburtstag mitgebracht. Ich frage sie, wo sie sein wird, wenn ich kommen.“  Die Erzählerin streut die Information, dass sie dem Mädchen den Sari tatsächlich mitgebracht hat, offenbar einfach an irgendeiner Stelle ein. Vielleicht, um die Natürlichkeit des Berichts zu betonen?

Fazit: Ein in Berichtsform gehaltenes Buch über einen Mann, der aufgrund eines Unfalls nur noch mit Stock laufen kann und sich anpassen muss, und ein Buch über Berlin zur Zeit des Mauerfalls.

Ulrike Edschmid – Ein Mann, der fällt – Suhrkamp

Al Gore – Truth to Power

Al Gore, Ex-Vize-Präsident und zweifacher Präsidentschaftskandidat der USA, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Thema Klimawandel. Im Jahre 2006 veröffentlichte er  einen Film und ein dazugehöriges Buch mit dem Titel An Inconvenient Truth. Ausgehend davon rief er das sogenannte Climate Reality Project ins Leben.

Elf Jahre später gibt es nun erneut einen Film und auch Buch zum Thema. In dieser Folge-Publikation geht es zum einen darum, den Status-quo in Sachen Klimawandel darzustellen. Es wird aber auch gezeigt, welche Fortschritte gemacht wurden und es werden konkrete Hilfestellungen für die eigenen Klimaschutzaktivitäten gegeben.

Wenn man das Buch aufschlägt, merkt man direkt, dass es kein typisches Sachbuch ist. Es gibt viele Fotos und Diagramme  und relativ wenig Text, der noch dazu recht groß gedruckt ist. Eine Ausnahme bilden Porträts von Leuten, die als Mitarbeiter des Climate Reality Projects den Gedanken des Klimawandels weitertragen. Weitere Ausnahmen sind ausführliche Darstellungen ausgewählter Sachverhalte, wie die Luftverschmutzung in China. Das Buch erinnert stellenweise an eine sehr gut gemachte Power-Point-Präsentation zwischen zwei Buchdeckeln.

Doch die nette Aufmachung dient meiner Einschätzung nach nicht dazu, über mangelnde Inhalte hinwegzutäuschen. Zwar geht es inhaltlich nicht sehr in die Tiefe, aber ich hatte schon den Eindruck, dass die genannten Informationen Hand und Fuß haben bzw. aus verlässlichen Quellen stammen. Allerdings kann ich nicht verhehlen, dass ein wenig Selbstbeweihräucherung Al Gores dabei ist. Aber in erträglichem Maße.

Einen weiteren Aspekt finde ich wichtig. Er geht aus dem Untertitel des Buches hervor: Your action handbook to learn the science, find your voice, and help solve the climate crisis. Die zweite Hälfte des Buches enthält konkrete Anleitungen dafür, wie man Klimawandelaktivist wird.  Es wird z.B. erklärt, wie man Kindern das Problem des Klimawandels nahebringen kann, wie man selbst klimaschonender lebt, wie man Veranstaltungen zum Thema organisiert oder eine Präsentation vorbereitet. Es gibt sogar Briefvorlagen für Schreiben an Politiker. Letztlich ist das Buch auch deshalb lehrreich, weil Gore die Tipps zur erfolgreichen Verbreitung seines Anliegens auch selbst beherzigt und in dem Buch umsetzt.

Zwar glaube ich nicht, dass das Buch Klimawandel-Leugner vom Gegenteil überzeugen kann. Der oder die Unentschiedene kann aber durchaus Nutzen daraus ziehen. Gut fand ich auch, dass in einem Kapitel passende Antworten auf typische Einwände gegeben werden. (Bsp.: Es ist doch so kalt draußen, wie kann es da Klimawandel geben?) Das einzige, was ich vermisst habe, war ein Inhaltsverzeichnis.

Fazit: Wer sich auf angenehme Art über den Klimawandel informieren und dabei nicht zu sehr in die Tiefe gehen möchte, der ist mit diesem Buch sehr gut beraten. Gleiches gilt für Leser, die selbst gerne gegen den Klimawandel aktiv werden möchten und dazu Hilfestellung suchen. Die Informationen im Buch sind zwar auf die USA gemünzt, lassen sich aber meines Erachtens auf Deutschland übertragen. Last, but not least: Gore geht an vielen Stellen darauf ein, wie weit wir Menschen beim Thema Klimaschutz schon gekommen sind. Es ist also auch ein Buch, das Hoffnung macht und zeigt, welche positiven Entwicklungen es gibt und wie diese fortgesetzt werden können.

Al Gore – Truth to Power: An Inconventien Sequel – Macmillan USA

D. E. Stevenson – Stich ins Wespennest

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Barbara Buncle lebt in den 1930er Jahren in dem kleinen englischen Dorf Silverstream. Als ihr das Geld ausgeht, sucht sie nach neuen Einnahmequellen und beschließt, ein Buch zu schreiben. Da sie nach eigenen Aussagen überhaupt keine Fantasie hat, schreibt sie kurzerhand einen erschütternd realistischen Roman über die Mitbewohner des Dorfes. Sie bietet das Manuskript einem Verleger an, der einen Bestseller wittert.

Es kommt zur Veröffentlichung von Der Störenfried unter einem Pseudonym. Das Buch von „John Smith“ schlägt ein wie eine Bombe. Sehr schnell erkennen sich die Dorfbewohner in den Figuren der Geschichte wieder und sind zum Teil „not amused“.  Die unsägliche Mrs. Featherstone Hogg startet gar einen Feldzug gegen Unbekannt. Sie will wissen, wer John Smith ist, um ihn nach der Enttarnung auspeitschen zu lassen.  Colonel Weatherhead soll das übernehmen, doch der weiß noch gar nichts von der ihm zugedachten Aufgabe. Nichts liegt ihm ferner als John Smith zu verletzen, aber das interessiert sie nicht.

Auf der Rückseite des Buches wird die Zeitschrift Freundin Donna zitiert mit dem Resümee „Herrlich!“, und genau das ist es. Ein herrlich witziges Buch über mehr oder weniger sympathische Leute und ihr Zusammenleben. Aber auch darüber, wie sich die Dorfbewohner durch die Lektüre des Buches verändern. Da finden Paare zusammen oder begreifen endlich, wie furchtbar der Ehepartner wirklich ist, unfreundliche Ehemänner wandeln sich zu erträglichen Zeitgenossen, und selbst Barbara Buncle bleibt nicht dieselbe. Der Störenfried hält ihnen allen einen Spiegel vor und bringt Entwicklungen in Gang, die es ohne das Buch nicht gegeben hätte. Was dem Ganzen die Krone aufsetzt, und das im positiven Sinne, ist die Tatsache, dass das Buch schon in den 1930er Jahren geschrieben wurde. D. E. Stevenson lebte von 1892 bis 1973 und scheint ein rechter Freigeist, aber auch sehr kinderlieb gewesen zu sein.

Gegen Ende fiel meine Begeisterung für den Roman etwas ab. Die Geschichte wurde stellenweise unwahrscheinlich, konventionell und kitschig. Und das, obwohl Stevenson diesen Aspekt selbst in ihrer Geschichte thematisiert. Alles in allem wird dieses Manko aber durch den Rest der Geschichte mehr als wettgemacht, und sollte niemanden davon abhalten, Stich ins Wespennest zu lesen. Auch das umfangreiche Personal braucht niemanden zu stören. Zum einen gibt es am Ende des Buches ein Personenregister, zum anderen kristallisieren sich die entscheidenden Persönlichkeiten nach ein paar Seiten problemlos heraus.

 Fazit: Wie schon gesagt: Herrlich!

D. E. Stevenson – Stich ins Wespennest – Goldmann – aus dem Englischen neu übersetzt von Thomas Stegers

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

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Lou Ann kommt auf die Welt und ist tiefschwarz. Viel dunkler als ihre Mutter und ihr Vater. Die Eltern sind geschockt, der Vater macht sich direkt aus dem Staub. Die Mutter – froh, fast als Weiße durchzugehen – kann ihre Tochter einfach nicht lieben und hält sie auf Distanz.

Lou Ann entwickelt sich zu einer berauschend schönen Frau. Sie wählt einen Kleidungsstil ganz in Weiß, der ihre Hautfarbe betont und ändert ihren Namen (passenderweise) in „Bride“. Sie macht Karriere in einer Kosmetikfirma und lebt ein recht oberflächliches Leben in großem Luxus. Ihre beste Freundin heißt Brooklyn, hat eine sehr helle Hautfarbe und trägt Rastalocken. Über ihren Freund Booker weiß Bride eigentlich gar nichts, aber das stört sie nicht. Es geht ihr gut und sie ist stolz auf das, was sie geschafft hat.

Dann passiert das Unterwartete: Booker verlässt Bride ohne ersichtlichen Grund und aus dem Nichts heraus. Bride ist am Boden zerstört. Sie will eine Erklärung von ihm, aber Booker ist verschwunden. Während ihrer Suche erleidet sie einen schweren Autounfall. In dessen Folge verbringt sie sechs Wochen bei Steve und Evelyn, ihren Rettern. Die beiden leben irgendwo im Nirgendwo in großer Einfachheit, ja sogar Armut, wofür Bride nur Hohn übrighat.

Umso weniger nachvollziehbar ist für mich, warum sie sich nicht einfach von Brooklyn abholen lässt oder in ein Hotel geht. Bride gibt ihrer Freundin nicht einmal Bescheid, wo sie ist. Ähnlich unverständlich ist für mich ein mystisches Element der Geschichte: Nachdem Booker sie verlassen hat, verändert sich Brides Körper auf unerklärliche Weise zurück in den eines Kindes. Ich nehme an, das soll verdeutlichen, wie sehr der Verlust Bride verunsichert und ihr den Halt nimmt.

Ich hätte es besser gefunden, wenn Morrison die Hintergründe Brides und Bookers ein bisschen besser ausgeleuchtet hätte. Bride hatte eine furchtbare Kindheit aufgrund der Ablehnung durch die Mutter, Booker hat seinen geliebten älteren Bruder durch ein Verbrechen verloren. Beide Traumata werden aber nur angerissen bzw. kursorisch geschildert, so dass ich nicht richtig nachvollziehen kann, wie Bride und Booker zu den Menschen geworden sind, die sie sind.

Es fällt mir auch schwer, die Entwicklung zu verstehen, die Bride und Booker im Verlauf der Geschichte durchmachen. Bride lässt von ihrer Oberflächlichkeit ab, Booker durchschaut seine eigene intellektuelle Arroganz. Wie kommt es zu diesen Veränderungen? Sie gehen für meinen Geschmack viel zu schnell und erklären sich nicht aus der Geschichte heraus.

Insgesamt finde ich, dass sich die vier Teile der Geschichte nicht richtig zu einem Ganzen zusammenfügen; es bleiben zu viele lose Fäden übrig. Im ersten Teil kommen Sweetness (Brides Mutter), Bride und Brooklyn abwechselnd zu Wort: Die Sprache hat geradezu eine Sog-Wirkung, ist aber bei allen drei Frauen in ihrer Abfälligkeit sehr ähnlich. Der zweite Teil wird durch Brides Aufenthalt bei Steve und Evelyn dominiert, im dritten Teil klärt sich die Frage, was eigentlich mit Booker los ist. Im vierten Teil kommt Brooklyn noch einmal zu Wort, Bride findet Booker bei seiner Tante Queen, und auch Sweetness äußert sich abschließend.  Ja, Bride findet Booker wieder und beide sind irgendwie geläutert, aber Brooklyns Rolle bleibt z.B. ungeklärt und das Ende wirkt gezwungen und ist für mich purer Kitsch.

Auch das Schicksal einer weiteren Person, die eine wichtige Rolle in dem Buch spielt, bleibt ungeklärt: Sofia. Sofia war Brides Lehrerin und lange Jahre wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis. Bride möchte sich nach Sofias Entlassung aus dem Gefängnis um sie kümmern, wird aber rüde abgewiesen. Das Thema Kindesmissbrauch zieht sich durch das Buch, ist allgegenwärtig. Vielleicht soll damit illustriert werden,  wie verbreitet dieses Verbrechen ist? Ich empfinde es allerdings eher so, dass die kursorisch geschilderten Einzelfälle durch diese Allgegenwärtigkeit an Bedeutung verlieren.

Dabei ist mir auch nicht klar, wie das Thema Missbrauch und die anderen angesprochenen Themen – Misshandlung aufgrund der Hautfarbe, religiös motivierte Misshandlung, Trauer durch den Verlust eines geliebten Menschen, falsche Schuldzuweisungen – zusammenhängen. Welche Botschaft hat das Buch? Geht es darum, zu zeigen, dass verschiedenste Traumata die Menschen in ähnlicher Weise in ihrer Lebensfähigkeit und „Ganzheitlichkeit“ beeinträchtigen?

Fazit:

Mit Themen und Bedeutungen aufgeladene, durchaus spannend zu lesende Geschichte, die mich nicht richtig überzeugt hat.

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind – Rowohlt Verlag – aus dem Englischen von Thomas Piltz

Penelope Fitzgerald – Die Buchhandlung

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Wir befinden uns im Jahre 1959 in Hardborough, einem abgeschiedenen Örtchen an der Küste Ostenglands, wo Florence Green eine Buchhandlung aufmachen möchte. Man erfährt nicht viel über die Hintergründe, nur so viel: „Gut acht Jahre ihrer zweiten Lebenshälfte hatte sie nun schon in Hardborough verbracht und von dem sehr kleinen Kapital gezehrt, das ihr verstorbener Ehemann ihr hinterlassen hatte, und seit kurzem überlegte sie, ob es nicht ihre Pflicht sei, sich selbst und womöglich auch anderen klarzumachen, daß sie aus eigenem Recht existiere.“ (S. 9).

Nachdem Florence Green ihren Entschluss gefasst hat, gibt sie sich geradewegs an dessen Umsetzung. Und das ist gar nicht so einfach, denn es gibt nicht wenige Leute in Hardborough, die ihre Idee für verrückt halten. Und das sagen sie Florence auch. Überhaupt scheint sich in Hardborough jeder in jedermanns Angelegenheiten einzumischen, manchmal auf unerträglich aufdringliche Weise. Auch Florence hält ihre Meinung nicht unbedingt zurück, ist aber im Gegensatz zu vielen anderen Dorfbewohnern ein gutwilliger Mensch. Mehrfach im Verlauf der Geschichte werden Florence ihr Mitleid und ihre Gutmütigkeit zum Problem. Und auch ihr Vertrauen in andere Menschen soll sich nicht immer auszahlen.

Von mehreren Seiten werden Florence also Steine (eher riesige Felsbrocken) in den Weg gelegt. Ihr wird Unfähigkeit unterstellt, zum Teil wird sie sogar richtiggehend beleidigt. Doch all diese Angriffe pariert Florence in einer Art und Weise, dass es dem Leser eine wahre Freude ist. Sie lässt sich einfach nicht provozieren und von ihrem Weg abbringen.

Und es ist auch nicht so, dass sie keine Unterstützer hätte. Da sind Mr. Raven und der kauzige, aber liebenswerte Mr. Brundish, ein Bewunderer Florences. Und da ist Christine, ein elfjähriges Mädchen, das in der Buchhandlung aushilft. Christine ist nicht eins von diesen schüchternen, zurückhaltenden Mädchen, wie man sie 1959 vielleicht erwarten würde. Christine sagt, was sie denkt (und das ist nicht immer schmeichelhaft), hält ihre schlechte Laune nicht zurück und hat klare Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat. Doch Florence kann gut damit umgehen, dass dieses Kind eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten hat. Florence ist eine progressive, liberale Frau, für die Kinder klug und gleichberechtigt sind. (Das ist umso spannender, als Fitzgerald den Roman bereits 1978 geschrieben hat. Ins Deutsche übersetzt wurde er erstmals im Jahre 2000.)

Sehr lesenswert ist auch das Nachwort von David Nicholls, einem englischen Schriftsteller (*1966). Er weist unter anderem auf folgenden interessanten Zusammenhang hin: Es sind gerade die Leute der Arbeiterklasse des Dorfes, die ihrer eigenen Aussage nach kaum an Büchern interessiert sind, die Florence unterstützen. Florences ärgste Gegenspielerin ist dagegen die gebildete Mrs. Gamart, die sich noch dazu für ein Kulturzentrum einsetzt. Das aber nicht, weil ihr an der Kultur gelegen wäre, sondern weil sie sich selber profilieren und Macht ausüben will.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Fitzgerald die wahre Natur der Leute entlarvt. Ihre genaue Beobachtungsgabe ist auch die Grundlage für etliche humorvolle Passagen. Fitzgerald schreibt manchmal mit Ironie, manchmal mit Galgenhumor, einfach an vielen Stellen witzig, weil sie den Nagel auf den Kopf trifft: „Aus langer Gewohnheit verwarf Mrs. Gamart die Vorstellung, dass ihr Ehemann in irgendeiner Weise notwendig sein könne.“ (S. 140). Und so kommt der Roman auch wunderbar mit nur rund 150 Seiten aus, ohne dass etwas fehlt.

Florence geht bei ihrem Vorhaben von einer einfachen Prämisse aus: „Wenn man alles gibt, was man hat, muß man doch zum Erfolg kommen.“ Milo, ein junger Mitbewohner aus dem Dorf, dessen wichtigstes Ziel im Leben ist, möglichst wenig Energie zu verschwenden, erwidert: „Das sehe ich nicht so. Jeder muß am Schluß alles geben, was er hat. Alle müssen sterben. Sterben kann man nicht als Erfolg rechnen.“ (S. 133). Ich finde, die beiden sind so etwas wie Gegenspieler. Und leider ist Milos Pessimismus auch eine Art Weissagung.

Eine, wie ich finde, sehr treffende, weitergehende Analyse des Textes findet sich im Nachwort Nicholls. Er scheint ein großer Fan Fitzgeralds zu sein, und ich möchte mich dem Club anschließen.

Fazit:

Ein beeindruckend dichter Roman über eine Frau mit Format. Treffend, humorvoll und traurig zugleich.

Penelope Fitzgerald – Die Buchhandlung – Insel Verlag – aus dem Englischen von Christa Krüger – mit einem Nachwort von David Nicholls

Martin Walker – Eskapaden

Eskapaden ist der achte Band der Krimi-Reihe um Bruno, „Chef de police“ im fiktiven Ort Saint-Denis im Périgord. Er beginnt sehr vielversprechend mit dem Satz: „Benoît Courrèges, Chef de police de Kleinstadt Saint-Denis und allen bekannt als Bruno, hatte sich so sehr auf diesen Tag gefreut, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, er könnte tragisch enden.“ (S. 7).

Was dann folgt, ist eine anstrengende Beschreibung der Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Marco Desaix („dem Patriarchen“).  Anstrengend deshalb, weil zahlreiche Personen vorgestellt und verschiedene historische Details ausgebreitet werden (der Jubilar ist ein gefeierter Kriegsheld). Weder konnte ich mir alle Namen merken, noch verstand ich die Art der Beziehung zwischen den Leuten. Vom historischen Hintergrund ganz zu schweigen.

Mein Problem ist unter anderem sprachlicher Natur, da Walkers Sätze mit (zu) vielen Informationen gespickt sind. Ein Beispiel: „Als Gorbatschow im Kreml saß, war Crimson als Mitarbeiter der britischen Botschaft in Moskau sehr daran interessiert gewesen, Gilberts Bekanntschaft zu machen, da dieser beste Kontakte zur sowjetischen Luftwaffe unterhalten hatte. Er hatte Crimson schließlich auch dem Patriarchen vorgestellt, und zwar während einer seiner berühmten Partys in seiner Wohnung am Arbat, einer der ältesten und vornehmsten Straßen im Zentrum Moskaus.“ (S. 83/84).

Natürlich kann es sein, dass andere Leser solche Sätze überhaupt nicht kompliziert finden – umso besser! Ich habe  große Schwierigkeiten damit, die wichtigen Informationen zu extrahieren und zu behalten. Umso mehr, als mir nicht klar ist, inwiefern das Gesagte für die Geschichte wichtig ist. Walker behält diesen Stil bei, nur ist er mir in den ersten zwei Kapiteln in besonderer Weise aufgefallen.

Die Feierlichkeit endet mit dem Tod von erwähntem Gilbert. Bruno glaubt nicht an eine natürliche Todesursache und beginnt zu ermitteln. An dieser Stelle versprach es, unterhaltsamer und einfacher zu werden, aber so richtig sprang der Funke nicht über. Warum?

Da sind zum einen die Beschreibungen der verschiedenen Figuren. Walker schafft es meines Erachtens nicht, die Personen durch ihr Auftreten, ihre Sprache oder ihr Verhalten voneinander abzugrenzen. Die Figuren bleiben blass. Wenig überzeugend finde ich auch die Darstellung ihrer emotionalen Reaktionen. Dazu kommt, dass die Handlung eher vor sich hin „wabert“, als stringent voranzuschreiten. Bruno wird von diversen Essenseinladungen und anderen Pflichten einfach zu sehr in Anspruch genommen. Und der Leser wird, um im Bild zu bleiben, über all diese Nebenkriegsschauplätzen genauestens informiert. Weiterhin gibt es Szenen, die inhaltlich spannend sein sollten (zum Beispiel ein Überfall auf Bruno), aber nicht sonderlich spannend dargestellt werden.  Schließlich ist die Auflösung meines Erachtens hanebüchen.

Alles in allem finde ich die Geschichte also handwerklich nicht sehr gut gemacht. Welchen Anteil die Übersetzung an diesem Umstand hat, kann ich nicht beurteilen. Auch kann ich nichts dazu sagen, wie die ersten sieben Bände sind, da ich sie nicht gelesen habe.

Fazit:

Etwas zähe Lektüre mit blassen Figuren und zu viel Drumherum.

Martin Walker – Eskapaden – Diogenes – aus dem Englischen von Michael Windgassen

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Adrian Weynfeldt ist ein Kunstexperte aus gutem Hause. Er hat untadelige Manieren, feste Grundsätze und lebt ein vorhersehbares Leben. Er weiß, dass seine Freunde ihn ausnutzen, aber er tut, was man von ihm erwartet, um niemanden zu enttäuschen. Genau dieser Weynfeldt lernt eine faszinierende, aber leider sprunghafte junge Frau kennen. Lorena ist ein Ex-Model, das sich durchs Leben schnorrt und nach dem ersten Zusammentreffen zunächst wieder aus Weynfeldts Leben verschwindet. Er ist darüber nicht sehr glücklich, aber seine gute Erziehung verbietet ihm, ihr nachzustellen.

Dann passieren mehrere Dinge, die die Geschichte in Fahrt bringen: Ein alter Freund bittet Adrian, ein wertvolles Bild zu verkaufen, Lorena meldet sich überraschend wieder und ein anderer Freund erbittet Geld für einen Neuanfang als Kunstmaler in Polynesien. Damit bahnen sich diverse Probleme an.

Gelungen finde ich die Darstellung des Protagonisten. Suter macht z.B. immer wieder darauf aufmerksam, was Weynfeldt nicht sagt und tut und illustriert damit dessen Charakter umso genauer. Weynfeldt ist gefangen in seinen Routinen und Grundsätzen. Seine Angst vor dem Leben wird durch die Gegenspieler – denen es an Prinzipien mangelt – umso stärker hervorgehoben.

Mir gefällt, wie die drei Handlungsstränge miteinander verwoben werden; daneben ist die Entwicklung Weynfeldts interessant und spannend (wie es in einem guten Roman ja auch sein sollte): Wie geht er mit den neuen Herausforderungen um? Wird er daran wachsen oder scheitern?

Die Auflösung ist überraschend und begeistert mich in besonderer Weise: Weynfeldt bleibt sich selber treu und  wird trotzdem ein anderer. Er ist klüger als erwartet. Eine Genugtuung für den Leser, dem Weynfeldt ans Herz gewachsen ist.

Die Sprache ist klar, flüssig und verständlich; nur manchmal finde ich die Schilderungen der Personen und Orte etwas zu detailliert.

Fazit:

Schnörkellose, unterhaltsame, kluge und überraschende Lektüre.

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt – Diogenes