Neil Gaiman – Beobachtungen aus der letzten Reihe

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Ein neues Universum

Auf das Buch, das ich heute vorstellen möchte, bin ich ganz zufällig gestoßen, und ich bin froh über diesen Zufall. Es enthält verschiedene Texte von Neil Gaiman, einem britischen Science-Fiction, Fantasy- und Comic-Autor, der auch Kinder- und Jugendbücher verfasst. Der vorliegende Band enthält u.a. Vorwörter, die Gaiman für die Bücher anderer Autoren geschrieben hat, aber auch Reden, oder zum Beispiel  ein Interview, das er als Journalist mit Lou Reed geführt hat.

In seinen Texten greift er ganz unterschiedlichen Themen auf: Zum einen geht es natürlich um die Bücher, deren Vorwörter er verfasst hat. Auf diese Weise habe ich eine ganze Reihe von Autoren kennen gelernt und mehr über ein Genre erfahren, das ich bisher immer links liegen gelassen habe. Immerhin, einige Autoren waren selbst mir bekannt, denn  natürlich habe ich schon von Terry Pratchett, Douglas Adams und Stephen King gehört. Gaiman war bzw. ist mit ihnen befreundet und hat mit ihnen zusammengearbeitet. Berührt hat mich ein Kapitel, in dem er durch Zufall während eines Interviews vom Tode Douglas Adams‘ erfährt. Das Interview ist später nicht zu gebrauchen, so geschockt ist Gaiman.

Zum anderen geht es in Beobachtungen aus der letzten Reihe aber auch um allgemeine Themen rund ums Schreiben: Wofür sind Geschichten eigentlich gut? Welche Bedeutung hat das Lesen? Brauchen wir heutzutage noch Bibliotheken? Was ist eigentlich Genre-Literatur? Dabei erfährt man  auch viel über Neil Gaiman selbst: Wie ist er zu dem Schriftsteller geworden, der er ist? Was ist ihm wichtig? Wir erfahren, dass er Musik sehr gerne mag. Hier war ein Kapitel besonders schön, das sich seiner Frau und ihrer Musik widmet.

Es hat mir großen Spaß gemacht, das Buch zu lesen, auch wenn mir bei manchen Kapiteln etwas der Hintergrund fehlte und sich die Inhalte z.T. überschnitten haben. Es hat Spaß gemacht, weil man Gaimans Begeisterung heraushört. Weil er seine Kollegen wertschätzt und ihr Talent neidlos anerkennt. Weil er sich selbst nicht so tierisch ernst nimmt und selbstkritisch ist, ohne seine Erfolge klein zu reden. Weil er mir eine unbekannte Welt nahegebracht hat.

Dieses Buch ist wahrscheinlich ein Fundus für Science-Fiction-, Fantasy- und Comic-Fans, aber eben nicht nur für sie.  Ich werde es wohl noch einmal lesen, mir ein paar Autoren herauspicken und mich in das neue Universum einarbeiten. Und mir natürlich noch andere Bücher von Gaiman zu Gemüte führen.

Neil Gaiman – Beobachtungen aus der letzten Reihe: Über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen – Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Ruggero Leò – Eichborn-Verlag

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler

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Was heißt eigentlich kreativ?

Der Titel Denken wie ein Künstler – Wie Sie Ihr Leben kreativer machen klang für mich zuerst nach einem Ratgeber, der vollmundige Versprechen abgibt, die er dann doch nicht einhält. Doch war mein Interesse geweckt und so habe ich mich ein bisschen genauer mit dem Buch befasst. Und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht doch lohnen würde, es zu lesen. Und so war es dann auch.

Warum ist das so? Ich habe gemerkt, dass Denken wie ein Künstler kein Ratgeber ist, sondern eher eine Analyse – eine Analyse des künstlerischen Wesens. Was macht den Künstler zum Künstler? Gompertz überlässt es seinem Leser, zu entscheiden, was er aus seinen Ausführungen mitnehmen möchte.

Will Gompertz ist Kunstkorrespondent der BBC und hat Künstler verschiedener Art kennen gelernt und in ihrem Schaffen beobachtet. In Denken wie ein Künstler gibt er in unterhaltsamer Form einen Überblick darüber, was seiner Meinung nach diesen Künstlern gemein ist.

Das tut er in insgesamt 11 Kapiteln, deren Überschriften schon ganz gut andeuten, worum es geht: 1. Künstler denken unternehmerisch, 2. …scheitern nicht, 3. …sind ernsthaft neugierig, 4. …stehlen, 5.  …sind Skeptiker, 6. …sehen das große Ganze und die kleinen Details, 7. …haben einen Standpunkt, 8. …sind mutig, 9. …machen Denkpausen, 10. Alle Schulen sollten Kunstschulen sein, 11. Ein letzter Gedanke.

Aufgelockert wird das Ganze durch witzige Strichzeichnungen, Schwarz-Weiß-Abbildungen verschiedener Kunstwerke und Fotos sowie Zitaten von Künstlern zu Anfang und Ende jeden Kapitels. Innerhalb des Fließtextes sind wichtige Aussagen fett hervorgehoben.

Dazu kommt ein Farbteil mit Bildern, auf die Gompertz im Text genauer eingeht. Was er zu den Bildern zu sagen hatte, fand ich überaus spannend. Wenn ich in einem Museum bin, läuft das bei mir normalerweise so ab: Ich schaue mir ein Gemälde an, finde es ansprechend oder eher nicht. Ich bewundere den Künstler für sein Können und seine Ideen, kann ihn vielleicht einer Epoche zuordnen. Das war es aber auch schon.

Gompertz erhellt die Hintergründe zu den Bildern. Warum ist zum Beispiel Die Geißelung Christi von Piero della Francesca (1458-1460) ein so bemerkenswertes Bild? Es ist die perspektivische Darstellung, etwas völlig Neues für diese Zeit. Mit diesen und weiteren Hintergrundinformationen kann man die Bilder ganz anders, mit viel mehr Interesse betrachten.

Ich fand Denken wie ein Künstler nicht nur sehr angenehm zu lesen – Gompertz ist einfach begeistert von dem, was er tut und das merkt man dem Text an – es war auch gespickt mit gedanklichen Anregungen. So zum Beispiel im Kapitel Künstler haben einen Standpunkt, als Gompertz von dem US-amerikanischen Künstler Kerry James Marshall berichtet. Gompertz möchte ihn interviewen, und landet statt im Atelier (wo Marshall auf ihn wartet), aus Versehen zu Hause bei dessen Frau, der Schauspielerin Cheryl Lynn Bruce.

Sie bietet ihm Kuchen an, und als er sagt, dass er gerne welchen möchte, fordert sie ihn auf, sich einen Teller aus dem Regal auszusuchen. Sie sammelt Teller, von jeder Sorte gibt es einen. „Wir sind keine Roboter“, sagt sie dazu. „Das Leben ist aufregender, wenn man eine Meinung hat.“ (S. 165)

Ich fand es äußert spannend zu lesen, wie Künstler arbeiten, zu ihrem ganz persönlichen, unverwechselbaren Stil finden. Gompertz beschreibt z.B., wie Picasso von einem talentierten „Imitator“ zu einem Meister wurde. Picasso „bedient“ sich zwar auch als Meister noch bei vielen anderen Künstlern, nimmt deren Ideen auf, macht aber etwas ganz Eigenes draus, wobei die Reduktion eine wichtige Rolle spielt.

Das Denken der Künstler, wie es in den 11 Kapiteln charakterisiert wird, bildet einen wohltuenden Kontrast zu der Denkweise, die wir in der Schule lernen, und die leider so oft das Gegenteil von Kreativität ist.

Was heißt nun Kreativität? Gompertz stellt seinen Ausführungen keine Lehrbuch-Definition voraus. Ich fasse sie so zusammen: Kreativ-Sein heißt, dem eigenen Standpunkt auf originelle, neue Art Ausdruck zu verleihen, und sich dabei nicht vom Althergebrachten einschüchtern zu lassen. Dazu ist der Kreative neugierig und skeptisch und hört nie auf zu fragen. Kreativ-Sein beinhaltet die Verknüpfung von Dingen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen. Es heißt aber auch, Dinge weglassen zu können.

Fazit: Ein sehr unterhaltsames, interessantes Buch für all diejenigen, die das Gefühl haben, dass die Kreativität in ihrem Leben zu kurz kommt.

Will Gompertz – Denken wie ein Künstler – aus dem Englischen von Sofia Blind – Dumont