Rodrigo Hasbún – Die Affekte

Quelle: www.pixabay.com

Über die Auflösung einer Familie

Das Buch Die Affekte handelt von Hans Ertl und seiner Familie. Ertl ist im Zweiten Weltkrieg Kameramann der NS-Filmemacherin Riefenstahl und nach 1945 in München nicht mehr wohlgelitten. So wandert er mit seiner Frau und den drei Töchtern nach La Paz aus.

Der exzentrische Vater ist begeisterter Bergsteiger und dauernd unterwegs. Zu Beginn der Geschichte ist er zwar gerade erst von der Erstbesteigung des Achttausenders Nanga Parbat zurückgekehrt. Doch er hat schon wieder eine neue Idee.

Er möchte die verschollene Stadt Paititi finden und darüber einen Dokumentarfilm drehen. Und schon kurze Zeit später macht er sich mit einem Team erfahrener Leute und seinen beiden älteren Töchter Monika und Heidi auf dem Weg. Ehefrau Aurelia und die jüngste Tochter Trixie bleiben zu Hause.

Im ersten Drittel des Buches geht es um diese Expedition. Es wird klar, dass Ertl dominant, cholerisch und geradezu versessen aufs Filmen ist. Seine Tochter Monika erweist sich als labiler Charakter. Da aus mehreren Perspektiven erzählt wird, erfährt man auch, wie es den Daheimgebliebenen geht. Wenig verwunderlich: Sie fühlen sich einsam, vor allem Aurelia.

Im Anschluss beschreibt Hasbún das weitere Leben der verschiedenen Familienmitglieder und ihr Verhältnis untereinander. Ein Aspekt sind dabei Monikas Aktivitäten als Guerillakämpferin bei der bolivianischen Untergrundbewegung ELN (Ejército de Liberación Nacional, Nationale Befreiungsarmee).

Beim Lesen dachte ich immer wieder: Spannender Anfang – Und dann war das Buch plötzlich zu Ende. Der Roman ist flüssig zu lesen und interessant, eben weil er von historischen Fakten inspiriert ist. Das Problem ist nur, dass ich nicht weiß, was Hasbún mir eigentlich sagen will.

Die Familie ist kaputt, soviel ist klar. Aber da die Geschichte sehr schnell und eher kursorisch erzählt wird, werden die psychologischen Verstrickungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern  meines Erachtens nicht richtig deutlich.

Es geht natürlich um die Auswirkungen des abwesenden und doch alles überschattenden Vaters. Aber wie sehen die genau aus? Streit, Wut, Hass, Unverständnis, Liebe, Versöhnung, Schuldgefühle – Hasbún schildert Gefühle und Auseinandersetzungen nicht im Detail. Aber genau das wäre für mich das Entscheidende gewesen.

Fazit: Gut geschriebener, von historischen Fakten inspirierter Roman über den Verfall einer Familie, bei dem ich psychologische Details vermisse.

Rodrigo Hasbún – Die Affekte – aus dem Spanischen von Christian Hansen – Suhrkamp

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.