Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil

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Ein etwas anderer Kommissar und ein vertrackter Fall

Kurz hintereinander werden in Paris zwei Leichen gefunden, die einer Lehrerin und eines reichen Schlossherrn. Im ersten Moment deutet alles auf Selbstmord hin. Da entdeckt Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg ein merkwürdiges Zeichen, das an beiden Tatorten hinterlassen wurde. Was hat es damit auf sich?

Adamsberg und seine Mitarbeiter finden heraus, dass beide Toten vor einigen Jahren zusammen in Island waren. Damals kamen zwei Mitglieder der Reisegruppe ums Leben. Wie hängen die beiden aktuellen Fälle mit der Reise und den damaligen Toten zusammen? War es möglicherweise doch Mord?

Die Lehrerin und der Schlossherr waren aber nicht nur zusammen in Island, sondern beide auch Mitglied in einem Geheimbund. Dieser Geheimbund spielt Sitzungen der Nationalversammlung zur Zeit der französischen Revolution originalgetreu nach. Als noch weitere  Mitglieder der geheimen Vereinigung sterben, wenden sich Adamsberg und die anderen Ermittler von der Island-Spur ab. Sie begeben sich in die Untiefen des Geheimbundes, kommen aber auch hier nicht weiter…. Bis es fast zu spät ist.

Das barmherzige Fallbeil ist für meinen Geschmack ein sehr spannender Kriminalroman, und Jean-Baptiste Adamsberg ein sehr ungewöhnlicher Kommissar. Er löst seine Fälle eher intuitiv. Bilder und Gedankenfetzen steigen in seinem Kopf auf, führen ein Eigenleben. Adamsberg versucht, diese Eingebungen festzuhalten und zu deuten. Er geht nicht analytisch vor wie sein Stellvertreter Danglard, was manchmal auch zu Konflikten führt.

In dieser Geschichte fügt sich das Puzzle nicht, wie in anderen Krimis, nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Was nicht bedeutet, dass man im Laufe der Ermittlungen nicht immer wieder etwas Neues erfährt. Adamsberg schaut sich all diese Puzzleteile immer wieder an, dreht und wendet sie. Bis er das ganze Puzzle am Ende in einem Rutsch zusammensetzt.

Damit überrascht er sowohl den Leser als auch seine Mitarbeiter, die schon lange das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. (Zumindest war ich überrascht über die Lösung; vielleicht geht es spitzfindigeren Lesern anders).

Adamsberg kommt sympathisch rüber, bleibt als Person aber auch ein Rätsel. Vargas stellt seine Gedanken und Gefühle nicht sehr ausführlich dar. Vermutlich, weil Adamsberg selbst keinen rechten Zugang zu ihnen hat. (Genau das ist ja der Grund für sein intuitives Vorgehen.) So gesehen stellt Vargas Adamsbergs Persönlichkeit konsistent dar. Auch die anderen Figuren sind gut gezeichnet.

In der Mitte hat das Buch einige Längen, da geht es um den Geheimbund und Robespierre. Hier hätte man von den 500 Seiten etwas abzwacken können. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt.

Fazit: Ein spannender Krimi mit einem etwas anderen Kommissar, mit einigen Längen in der Mitte. Wobei Menschen, die sich mehr für Robespierre interessieren, das vielleicht gar nicht so kritisch sehen.

Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil – aus dem Französischen von Waltraud Schwarze – Blanvalet

George Watsky – Wie man es vermasselt

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Das wahre Leben

Wie man es vermasselt umfasst 13 Essays über das Leben des Autors. In der ersten Geschichte wollen George und sein Freund Jackson einen Narwal-Stoßzahn von Kanada in die USA schmuggeln. Für mich die schwächste Geschichte (und ich war beim Lesen schon ein wenig enttäuscht). Doch ich bin drangeblieben. Nicht zuletzt wegen der Sprache, die locker, flockig und stellenweise richtig witzig daherkommt.

Ich habe es nicht bereut… Watsky hält ein ganzes Potpourri an Themen für den Leser bereit: Pleiten, Pech und Pannen eines pubertierenden Schülers; eine Reise durch Europa, die zeigt, dass man oft gar nicht so mutig ist, wie man gerne wäre; Watskys Bemühungen, in LA einen Job als Schauspieler zu bekommen, ohne seine Prinzipien an den Nagel hängen; die ersten Auftritte vor spärlichem  Publikum; seine Epilepsie, aber auch erste hilflose Erfahrungen mit Frauen. Und das sind nur einige Beispiele.

Es macht Spaß, den Beobachtungen, Gefühlen und Gedanken dieses sympathischen jungen Mannes zu folgen. Freimütig erzählt er von seinen Sorgen, Ängsten, Missgeschicken – ohne Selbstmitleid oder Bedauern. Eher als das, was sie sind: Erfahrungen, die man als fehlbarer Mensch nun mal macht und aus denen man lernen kann. Und so habe ich zwar gelacht, aber nicht über Watsky, sondern eher mit ihm als Schwester im Geiste und mit dem Gefühl: „Ja, so ist das Leben manchmal. Und trotzdem ist es irgendwie schön.“

Fazit: Watsky schafft es irgendwie, über die Fallstricke des Lebens zu philosophieren und dem Leser gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, dass am Ende schon alles gut wird. Das muss man erst mal hinkriegen. In meinen Augen eine sehr anregende und gleichzeitig auch ermutigende Lektüre.

George Watsky – Wie man es vermasselt – aus dem Amerikanischen von Jenny Merling – Diogenes

Erling Kagge – Stille

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Assoziationen zur Stille

Stille ist ein sehr schön aufgemachtes, schmales Büchlein über ein besonderes Phänomen, an dem es heutzutage mangelt. So wirft Kagge am Anfang drei Fragen auf: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je? Es folgen „33 Versuche einer Antwort“. Bei diesen Antworten geht es um das Staunen, die Natur, Langeweile, Ablenkung, Smartphones und verschiedene andere Themen.

Das Buch liest sich flüssig und hält hier und da ein paar interessante Gedanken für den Leser bereit. Was mir allerdings fehlt sind Tiefgang und Struktur. Die Kapitel wirken auf mich willkürlich aneinandergereiht, so als habe Kagge einfach seinen Assoziationen freien Lauf gelassen. Dabei werden die drei Fragen sicherlich indirekt auf die ein oder andere Weise beantwortet. Wer es aber, wie ich, etwas konkreter mag, kommt nicht auf seine Kosten.

Auch Leser, die sich schon ein paar Gedanken über Achtsamkeit und verwandte Themen gemacht haben, werden meines Erachtens wenig von dem Buch profitieren, da es einfach zu sehr an der Oberfläche bleibt.

Fazit: Stille hinterlässt bei mir keinen bleibenden Eindruck. Laut Untertitel handelt es sich um einen Wegweiser. Ich finde, es ist einfach ein nettes Büchlein für einen entspannten Lese-Nachmittag.

Erling Kagge – Stille – aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg – Insel

Rodrigo Hasbún – Die Affekte

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Über die Auflösung einer Familie

Das Buch Die Affekte handelt von Hans Ertl und seiner Familie. Ertl ist im Zweiten Weltkrieg Kameramann der NS-Filmemacherin Riefenstahl und nach 1945 in München nicht mehr wohlgelitten. So wandert er mit seiner Frau und den drei Töchtern nach La Paz aus.

Der exzentrische Vater ist begeisterter Bergsteiger und dauernd unterwegs. Zu Beginn der Geschichte ist er zwar gerade erst von der Erstbesteigung des Achttausenders Nanga Parbat zurückgekehrt. Doch er hat schon wieder eine neue Idee.

Er möchte die verschollene Stadt Paititi finden und darüber einen Dokumentarfilm drehen. Und schon kurze Zeit später macht er sich mit einem Team erfahrener Leute und seinen beiden älteren Töchter Monika und Heidi auf dem Weg. Ehefrau Aurelia und die jüngste Tochter Trixie bleiben zu Hause.

Im ersten Drittel des Buches geht es um diese Expedition. Es wird klar, dass Ertl dominant, cholerisch und geradezu versessen aufs Filmen ist. Seine Tochter Monika erweist sich als labiler Charakter. Da aus mehreren Perspektiven erzählt wird, erfährt man auch, wie es den Daheimgebliebenen geht. Wenig verwunderlich: Sie fühlen sich einsam, vor allem Aurelia.

Im Anschluss beschreibt Hasbún das weitere Leben der verschiedenen Familienmitglieder und ihr Verhältnis untereinander. Ein Aspekt sind dabei Monikas Aktivitäten als Guerillakämpferin bei der bolivianischen Untergrundbewegung ELN (Ejército de Liberación Nacional, Nationale Befreiungsarmee).

Beim Lesen dachte ich immer wieder: Spannender Anfang – Und dann war das Buch plötzlich zu Ende. Der Roman ist flüssig zu lesen und interessant, eben weil er von historischen Fakten inspiriert ist. Das Problem ist nur, dass ich nicht weiß, was Hasbún mir eigentlich sagen will.

Die Familie ist kaputt, soviel ist klar. Aber da die Geschichte sehr schnell und eher kursorisch erzählt wird, werden die psychologischen Verstrickungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern  meines Erachtens nicht richtig deutlich.

Es geht natürlich um die Auswirkungen des abwesenden und doch alles überschattenden Vaters. Aber wie sehen die genau aus? Streit, Wut, Hass, Unverständnis, Liebe, Versöhnung, Schuldgefühle – Hasbún schildert Gefühle und Auseinandersetzungen nicht im Detail. Aber genau das wäre für mich das Entscheidende gewesen.

Fazit: Gut geschriebener, von historischen Fakten inspirierter Roman über den Verfall einer Familie, bei dem ich psychologische Details vermisse.

Rodrigo Hasbún – Die Affekte – aus dem Spanischen von Christian Hansen – Suhrkamp