Hari Kunzru – White Tears

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„Hari Kunzru ist ein begnadeter Geschichtenerzähler“ – so wird die New York Times auf dem hinteren Buchdeckel zitiert. Und damit ist das Entscheidende  auch schon gesagt: Hari Kunzru  hat mit White Tears eine richtig gute Geschichte geschrieben.

Darin geht es um zwei junge Musiker namens Seth und Carter. Seth kommt aus schwierigen Verhältnissen; seine Mutter ist gestorben und der Vater mit der Erziehung vollkommen überfordert. Carter entstammt dem wohlhabenden Wallace-Clan:

„Carter sprach so gut wie nie über seine Familie. […] Er hatte einen Bruder und eine Schwester, beide älter als er, und sein Vater entpuppte sich als großzügiger Sponsor der Republikaner. […] Vielleicht war es kein Zufall, dass der Wallace-Konzern, ein Ungeheuer, dessen Tentakel sich bis in Bauwesen, Logistik und Energie ausbreiteten, seit Nine-Eleven expandiert hatte, indem er Amerika im Krieg gegen den Terror unterstützte.“ (S. 16).

Seth und Carter können mit der digitalen Musik nichts anfangen. Stattdessen nehmen sie auf alt hergebrachte Art Töne auf und entwerfen daraus in ihrem Studio einen ganz besonderen Sound. Vor allem der Blues hat es ihnen angetan.

Eines Tages erfasst Seth bei einem seiner Streifzüge durch New York zufällig den Gesang eines unbekannten Mannes. Unter mysteriösen Umständen gelingt es Carter, aus den aufgenommenen Fetzen ein ganzes Lied zu kreieren. Carter ist hin und weg von dem Song, Seth ist gleichzeitig fasziniert und irritiert, ja fast abgestoßen.

Dann verkauft Carter den Song ohne das Wissen seines Freundes im Netz. Er behauptet dabei, es handle sich um eine Aufnahme von „Charlie Shaw“ aus dem Jahre 1928. Der Hit geht viral. Die Sache ist Seth ganz und gar nicht geheuer, und dann meldet sich auch noch jemand und behauptet, den fiktiven Charlie Shaw zu kennen. JumpJim, der sich in einer Online-Tauschbörse herumtreibt, will unbedingt wissen, was auf der B-Seite der Platte ist….

Und Seths Unbehagen trügt nicht: Kurze Zeit später wird Carter auf brutale Weise überfallen und fällt ins Koma.  Alles deutet darauf hin, dass der Überfall mit der Aufnahme zusammenhängt. Seth macht sich mit Carters Schwester Leonie auf die Suche nach Charlie Shaw: Nur er kann Licht ins Dunkel bringen.

Die Suche führt die beiden Richtung Süden, durch Mississippi. Sie folgen den Hinweisen von JumpJim, der auch einst nach Charlie Shaw suchte. Wie es JumpJim damals erging, und was Seth und Leonie heute erleben, wird genial mit der Geschichte der Familie Wallace zusammengebracht und zu einem überzeugenden Ende geführt.

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Buch viele surreale Momente enthält, vor allem in der zweiten Hälfte. Es geschehen merkwürdige Dinge, die Seth sich nicht erklären kann. Später geht es sogar so weit, dass er nicht mehr weiß, welche Personen real sind, und welche nur Geister. Kunzru gelingt es meines Erachtens sehr gut, Seths Verwirrung für den Leser greifbar zu machen.

Fazit: Sehr lesenswerte, spannende Geschichte über den Blues, die Unterdrückung der Schwarzen und deren Ausbeutung.

Hari Kunzru – White Tears – Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner – Liebeskind

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