Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier

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In Der Stift und das Papier geht es um Hanns-Josef Ortheil (Jahrgang 1951) und wie er zu seiner Leidenschaft, dem Schreiben gekommen ist. Ausgangpunkt ist eine „Schreibschule“, die sich der Vater für den damals achtjährigen Sohn ausgedacht hat.

Um die Entwicklung zu verstehen, muss man die Geschichte der Familie kennen: Hanns-Josefs Eltern verlieren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach vier Söhne. Ein unvorstellbares Trauma, angesichts dessen die Mutter verstummt und nur noch über kleine, beschriebene Zettel kommuniziert. Möglicherweise in Reaktion darauf hört Hanns-Josef Ortheil mit drei Jahren ebenfalls auf zu sprechen und beginnt erst wieder damit, als er sieben Jahre alt ist. Auch das Schreiben fällt ihm zu diesem Zeitpunkt noch schwer und sein Wortschatz ist begrenzt (S. 153/154).

Die Familie macht gerade Urlaub in ihrem Ferienhaus im Westerwald, da beginnt der Vater mit dem ungewöhnlichen Unterricht; später unterrichtet auch die Mutter. Beide Elternteile sind sehr progressiv und haben eine kritische Einstellung zum regulären (Deutsch-)Unterricht bzw. der Schule im Allgemeinen (S. 163). Mein Eindruck ist, dass sie Hanns-Josef nicht nur helfen wollen, das Versäumte nachzuholen. Es ist ihnen auch wichtig, ihre eigenen Bildungswerte zu vermitteln.

Der Sohn entpuppt sich als gelehriger Schüler und macht ohne zu murren mit. Innerlich spürt er aber auch einen gewissen Widerstand, da ihm die frühere Stummheit auch Freiheit gegeben hat: „[…] es ist, als forderte es [das Gehirn] meine frühere Stummheit zurück, indem es mir zeigt, wie angenehm und frei es sich damit lebt. Keine Sprache, keine Erwiderungen und Antworten, kein Streit, nichts davon!“ (S. 40).

Für mich ist es anhand der Darstellung im Buch schwierig nachzuvollziehen, worin Hanns-Josefs Schwierigkeiten im jungen Alter wirklich bestanden haben. Ortheil erzählt zwar aus der Sicht des Jungen, aber diese Sicht ist differenziert und passt nicht zu einem Kind,  das „um Sprache ringt“. Dazu kommt, dass ich den Umstand, mit 7 Jahren noch nicht lesen und schreiben zu können, für wenig bemerkenswert halte. Beides lernen Kinder ja erst im Verlaufe der Grundschulzeit. Meines Erachtens geht das, was der Vater seinem Sohn beibringt, weit über den normalen Grundschulstoff hinaus (S. 34, 36, 69-71).

Das Schreiben wird zu Hanns-Josefs Lieblingsbeschäftigung, besser gesagt zu einer Sucht: „Was ich schreibe, liest sich wie die Beschreibungen eines Süchtigen. Und genau so ist es. Das Schreiben wurde, scharf formuliert, zu einer Sucht.“ (S. 136). Er schreibt alles auf, wirklich alles. Er dokumentiert sein ganzes Leben, hält jeden Tag in einer Chronik fest. Während er etwas erlebt, überlegt er, ob das Erlebte „genug hergibt“ zum Schreiben (S. 149), was mich unweigerlich an Facebook/Instragram etc. denken ließ. Nur wenn Ortheil über sein Leben schreiben kann, rauscht es nicht unbeachtet an ihm vorbei (S. 136). Es ist wie eine Selbstvergewisserung durch das Schreiben, aber auch, als hätte er Angst, eine Erinnerung im wahrsten Sinne des Wortes zu verlieren (z.B. S. 216).

Der Titel Der Stift und das Papier ist Programm. Man könnte es fortführen: Und der Tisch und die Lampe und das Radio und, und, und. Ortheils Schreiben ist ein Schreiben über das Alltägliche. Langsam, detailliert, minutiös wird auch Triviales geschildet (S. 126, 215). Alles wird nach und nach dargelegt, ohne zu gewichten oder auf irgendeinen Höhepunkt der Geschichte hinzuarbeiten. Verwunderlich ist das nicht: „Papa denkt einen Augenblick nach und meint, dass Gründlichkeit wahrhaftig etwa sehr Wichtiges sei. Unser Schreiben sei ja im Grunde eine einzige Gründlichkeitsschule.“ (S. 209). Für mich drückt sich in dieser Gründlichkeit aber auch die Angst aus, etwas Erlebtes auszulassen, zu vergessen oder nicht adäquat darzustellen.

Dabei ist das „Erfundene“ sowieso nichts für Hanns-Josef. Erfinden heißt seiner Meinung nach „Fabulieren“: „Wohin bin ich mit diesem Schreiben denn bloß geraten? Ich bin ein „Fabulierer“ geworden, der das selbst Erlebte hinter dem Erfundenen verbirgt und zurückstellt.“ (S. 329). Gleichzeitig stellt Ortheils Vater klar (S. 287/288): „Das Erfundene ist spannend, abwechslungsreich und ‚sprüht von Ideen‘ (eine von Papas Anforderungen an gute Texte). Das Protokollierte ist langweilig, traurig und eintönig (und völlig ‚ideenlos‘).“

Ortheil vertritt eigentlich die gleiche Auffassung („Bloße Protokolle dessen, was ‚passiert‘, sind besonders langweilig.“, S. 282/283), trotzdem liest sich sein Buch für mich genau so: wie ein  Protokoll. Den Widerspruch erkläre ich mir dadurch, dass der Sohn einerseits sein dokumentarisches, gründliches Schreiben nicht aufgeben, andererseits aber auch nicht gegen den Vater argumentieren will.

Ernest Hemingway ist der Lieblingsautor der Vaters, und er soll später auch Ortheils großes Vorbild werden. Auch bei Hemingway passiert laut Ortheil nichts Besonderes und alles wird langsam und sehr genau erzählt (S. 327). Zudem kann er sich gut mit den Protagonisten Hemingways identifizieren: Sie reden wenig, beobachten viel, sie werden nicht in spannende Ereignisse verwickelt, leben einfach ihren Alltag. Nach allem, was ich weiß, ist Hemingway aber auch ein Meister des Weglassens, der Lücke, die der Leser mit seiner Fantasie füllen kann. In dieser Hinsicht folgt Ortheil seinem Vorbild meines Erachtens nicht.

In Familie Ortheil scheint damals auch die Meinung vorzuherrschen, dass Sprechen nur dann gut ist, wenn es treffend und genau ist (S. 277). Skurril finde ich in diesem Zusammenhang eine Szene, in der Hanns-Josef mit seiner Mutter in der Küche das Essen vorbereitet (S. 166/167): „Mama redet während des Kochens nicht viel, vor allem aber redet sie nicht am Stück. Sie konzentriert sich auf die Vorbereitung des Essens und sagt dann und wann einen ihrer wenigen Sätze […].“ Zwischen den einzelnen Sätzen der Mutter und den wenigen Sätzen des Sohnes herrscht Stille. „Im Grund warten wir darauf, dass uns wieder ein guter, einzelner Satz einfällt. Ein Satz, der etwas Merkwürdiges hat. Oder etwas Seltsames. Etwas, das man in die Stille hinein sagt und das dann in dieser Stille verebbt.“

Mich wundert vor allem die Formulierung  „ein guter, einzelner Satz“. Beim Kommunizieren geht es meines Erachtens nicht darum, einzelne gute Sätze zu produzieren, sondern eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, auf die der Empfänger dann reagiert. Hier kommt es mir eher so vor, als ginge es darum, etwas möglichst „Wertvolles“ zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass dies den jungen Hanns-Josef ziemlich unter Druck gesetzt hat. Umso mehr, als gleichzeitig von ihm erwartet wird, frei und unbeschwert zu sprechen (S. 299). Letztlich bleibt Ortheil vielleicht gar nichts anderes übrig, als schreibend mit der Welt in Kontakt zu treten.

Auffallend finde ich auch Ortheils Auffassung von Gefühlen. Sehr oft liest man Sätze wie: „Papa mag das Radieren überhaupt nicht“ (S. 23), Mama mag dies, Papa mag das. Ortheil setzt Gefühle – so kommt es mir vor – mit Mögen/Nicht-Mögen gleich (S. 320). Gefühle sind aber doch viel mehr als Mögen und Nicht-Mögen, sie sind differenzierter. Es gibt Wut, Ärger, Hass, Freude, Überraschung, Ekel usw. Aber von diesen Gefühlen erfährt man nicht viel. Eher habe ich den Eindruck, Ortheil hält sich aus einem großen Wunsch nach Harmonie heraus sehr mit seinen Gefühlen zurück (z.B. S. 246 und 299). Außerdem geben die Eltern mit ihren klaren Vorlieben und Abneigungen ja sehr genau vor, was ein erwünschtes und was ein unerwünschtes Verhalten ist – vermutlich nicht einfach für den Sohn.

Beim Lesen habe ich mich bisweilen gefragt, um wen es bei der Schreibschule eigentlich geht: den Sohn oder doch den Vater? Oft spricht der Vater von „wir“ und „unser“, wenn er von seinem Sohn spricht (z.B. S. 254/255). Er schickt die Texte des Sohnes ungefragt an eine Zeitung (S. 246). Und als Hanns-Josef sich für die Anzahl der Einwohner von Duisburg interessiert, fragt der Vater zurück: „Wollen wir das jetzt wirklich wissen?“ (S. 43). Hanns-Josef offenbar schon. Der Vater nimmt das Schreiben des Jungen wichtig, aber nimmt er auch den Jungen wichtig? Anders gesagt: Hanns-Josef bekommt sehr viel Aufmerksamkeit und Anerkennung von seinen Eltern, aber diese ist oft an das Schreiben gekoppelt (S. 155).

Etwas Aufzuschreiben bedeutet für Ortheil, etwas Bedrückendes loszuwerden (S. 262). Im krassen Gegensatz dazu steht die verständliche Sprachlosigkeit der Eltern angesichts des Verlusts der Söhne. Sie reden nicht über ihr Trauma (S.340). Mein Eindruck ist, dass Ortheil um seiner Eltern willen schreibt, stellvertretend für sie. So als wolle er ihnen immer noch helfen, ihr Trauma loszuwerden und über das zu sprechen, was sie nicht sagen können.

Damit im Zusammenhang steht auch der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte. Zu Beginn des Buches sagt Ortheil (S. 15): „Ich habe keine ‚Kindheit gehabt‘, ich stecke noch immer in ihr. In gewissem Sinn bin ich immer noch das Kind, das schreibt.“  Das empfinde ich auch so. Aber ich glaube nicht, dass im Gegensatz dazu alle anderen Menschen von ihrer Kindheit losgelöst sind: „Dass die Vergangenheit kein abgeschlossener oder verblasster Teil meines Lebens geworden ist, liegt wohl daran, dass sich diese kindliche Vergangenheit nicht wie bei den meisten anderen Menschen irgendwann aufgelöst und von meinem späteren Leben getrennt hat.“ (S. 15). Kein Mensch ist losgelöst oder getrennt von der eigenen Kindheit. Im besten Fall hat man sie als positiv erlebt und in seine Persönlichkeit integriert.

Fazit: Eine biographische Dokumentation über einen sprachlich hochbegabten Jungen, der in einer traumatisierten Familie aufgewachsen ist.

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier – btb

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