Olivier Bourdeaut – Warten auf Bojangles

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Was heißt schon normal…

In Warten auf Bojangles geht es um eine kleine Familie mit einer ganz besonderen Mutter, die vor Ideen sprüht, eine kindliche Begeisterung entwickeln kann, auf liebenswürdige Weise verrückt, aber alleine lebensuntauglich ist.

Ihr Ehemann wird vom ersten Augenblick an magisch von ihr angezogen. Er liebt sie bedingungslos und will ihr Leben zu dem Fest machen, das sie sich wünscht. Er spürt aber auch, dass etwas in ihr ist, das irgendwann außer Kontrolle geraten kann. Dennoch lässt er sich auf ein Leben mit ihr ein. Und er bereut es nicht.

Die Geschichte wird aus der Sicht des Ehemanns, aber vor allem der des Sohnes erzählt. Der wächst unter sehr ungewöhnlichen Umständen und vorwiegend unter Erwachsenen auf, an deren zahlreichen Partys er teilnimmt. Für ihn ist das nicht immer einfach, aber er hat auch sehr viel Spaß und scheint nicht unglücklich zu sein. Später, als es der Mutter schlechter geht, leidet er allerdings genauso wie sein Vater mit der Mutter mit.

Es gäbe meines Erachtens einiges an der Plausibilität der Geschichte zu kritisieren, aber sie hat mich so gefangen genommen, dass ich mich damit nicht befassen will. Die Entwicklung der Mutter ist nicht aufzuhalten, die innere Logik der Geschichte zwingend. Die Akteure, so wie sie dargestellt werden, können nicht anderes handeln.

Zwar ist ihr Verhalten meiner Ansicht nach an vielen Stellen zu kritisieren, aber im Rahmen der Geschichte nachvollziehbar. Und da die Figuren, trotz aller Tragik, auch viel Glück und Wärme ausstrahlen, und da sie zu ihrer Definition vom richtigen Leben stehen, ist Warten auf Bojangles ein sehr beeindruckender Roman.

Fazit: Eine berührende Geschichte darüber, wie man ohne Kompromisse lebt und liebt.

Olivier Bourdeaut – Warten auf Bojangles – aus dem Französischen von Norma Cassau – Piper

Hari Kunzru – White Tears

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„Hari Kunzru ist ein begnadeter Geschichtenerzähler“ – so wird die New York Times auf dem hinteren Buchdeckel zitiert. Und damit ist das Entscheidende  auch schon gesagt: Hari Kunzru  hat mit White Tears eine richtig gute Geschichte geschrieben.

Darin geht es um zwei junge Musiker namens Seth und Carter. Seth kommt aus schwierigen Verhältnissen; seine Mutter ist gestorben und der Vater mit der Erziehung vollkommen überfordert. Carter entstammt dem wohlhabenden Wallace-Clan:

„Carter sprach so gut wie nie über seine Familie. […] Er hatte einen Bruder und eine Schwester, beide älter als er, und sein Vater entpuppte sich als großzügiger Sponsor der Republikaner. […] Vielleicht war es kein Zufall, dass der Wallace-Konzern, ein Ungeheuer, dessen Tentakel sich bis in Bauwesen, Logistik und Energie ausbreiteten, seit Nine-Eleven expandiert hatte, indem er Amerika im Krieg gegen den Terror unterstützte.“ (S. 16).

Seth und Carter können mit der digitalen Musik nichts anfangen. Stattdessen nehmen sie auf alt hergebrachte Art Töne auf und entwerfen daraus in ihrem Studio einen ganz besonderen Sound. Vor allem der Blues hat es ihnen angetan.

Eines Tages erfasst Seth bei einem seiner Streifzüge durch New York zufällig den Gesang eines unbekannten Mannes. Unter mysteriösen Umständen gelingt es Carter, aus den aufgenommenen Fetzen ein ganzes Lied zu kreieren. Carter ist hin und weg von dem Song, Seth ist gleichzeitig fasziniert und irritiert, ja fast abgestoßen.

Dann verkauft Carter den Song ohne das Wissen seines Freundes im Netz. Er behauptet dabei, es handle sich um eine Aufnahme von „Charlie Shaw“ aus dem Jahre 1928. Der Hit geht viral. Die Sache ist Seth ganz und gar nicht geheuer, und dann meldet sich auch noch jemand und behauptet, den fiktiven Charlie Shaw zu kennen. JumpJim, der sich in einer Online-Tauschbörse herumtreibt, will unbedingt wissen, was auf der B-Seite der Platte ist….

Und Seths Unbehagen trügt nicht: Kurze Zeit später wird Carter auf brutale Weise überfallen und fällt ins Koma.  Alles deutet darauf hin, dass der Überfall mit der Aufnahme zusammenhängt. Seth macht sich mit Carters Schwester Leonie auf die Suche nach Charlie Shaw: Nur er kann Licht ins Dunkel bringen.

Die Suche führt die beiden Richtung Süden, durch Mississippi. Sie folgen den Hinweisen von JumpJim, der auch einst nach Charlie Shaw suchte. Wie es JumpJim damals erging, und was Seth und Leonie heute erleben, wird genial mit der Geschichte der Familie Wallace zusammengebracht und zu einem überzeugenden Ende geführt.

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Buch viele surreale Momente enthält, vor allem in der zweiten Hälfte. Es geschehen merkwürdige Dinge, die Seth sich nicht erklären kann. Später geht es sogar so weit, dass er nicht mehr weiß, welche Personen real sind, und welche nur Geister. Kunzru gelingt es meines Erachtens sehr gut, Seths Verwirrung für den Leser greifbar zu machen.

Fazit: Sehr lesenswerte, spannende Geschichte über den Blues, die Unterdrückung der Schwarzen und deren Ausbeutung.

Hari Kunzru – White Tears – Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner – Liebeskind

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier

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In Der Stift und das Papier geht es um Hanns-Josef Ortheil (Jahrgang 1951) und wie er zu seiner Leidenschaft, dem Schreiben gekommen ist. Ausgangpunkt ist eine „Schreibschule“, die sich der Vater für den damals achtjährigen Sohn ausgedacht hat.

Um die Entwicklung zu verstehen, muss man die Geschichte der Familie kennen: Hanns-Josefs Eltern verlieren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach vier Söhne. Ein unvorstellbares Trauma, angesichts dessen die Mutter verstummt und nur noch über kleine, beschriebene Zettel kommuniziert. Möglicherweise in Reaktion darauf hört Hanns-Josef Ortheil mit drei Jahren ebenfalls auf zu sprechen und beginnt erst wieder damit, als er sieben Jahre alt ist. Auch das Schreiben fällt ihm zu diesem Zeitpunkt noch schwer und sein Wortschatz ist begrenzt (S. 153/154).

Die Familie macht gerade Urlaub in ihrem Ferienhaus im Westerwald, da beginnt der Vater mit dem ungewöhnlichen Unterricht; später unterrichtet auch die Mutter. Beide Elternteile sind sehr progressiv und haben eine kritische Einstellung zum regulären (Deutsch-)Unterricht bzw. der Schule im Allgemeinen (S. 163). Mein Eindruck ist, dass sie Hanns-Josef nicht nur helfen wollen, das Versäumte nachzuholen. Es ist ihnen auch wichtig, ihre eigenen Bildungswerte zu vermitteln.

Der Sohn entpuppt sich als gelehriger Schüler und macht ohne zu murren mit. Innerlich spürt er aber auch einen gewissen Widerstand, da ihm die frühere Stummheit auch Freiheit gegeben hat: „[…] es ist, als forderte es [das Gehirn] meine frühere Stummheit zurück, indem es mir zeigt, wie angenehm und frei es sich damit lebt. Keine Sprache, keine Erwiderungen und Antworten, kein Streit, nichts davon!“ (S. 40).

Für mich ist es anhand der Darstellung im Buch schwierig nachzuvollziehen, worin Hanns-Josefs Schwierigkeiten im jungen Alter wirklich bestanden haben. Ortheil erzählt zwar aus der Sicht des Jungen, aber diese Sicht ist differenziert und passt nicht zu einem Kind,  das „um Sprache ringt“. Dazu kommt, dass ich den Umstand, mit 7 Jahren noch nicht lesen und schreiben zu können, für wenig bemerkenswert halte. Beides lernen Kinder ja erst im Verlaufe der Grundschulzeit. Meines Erachtens geht das, was der Vater seinem Sohn beibringt, weit über den normalen Grundschulstoff hinaus (S. 34, 36, 69-71).

Das Schreiben wird zu Hanns-Josefs Lieblingsbeschäftigung, besser gesagt zu einer Sucht: „Was ich schreibe, liest sich wie die Beschreibungen eines Süchtigen. Und genau so ist es. Das Schreiben wurde, scharf formuliert, zu einer Sucht.“ (S. 136). Er schreibt alles auf, wirklich alles. Er dokumentiert sein ganzes Leben, hält jeden Tag in einer Chronik fest. Während er etwas erlebt, überlegt er, ob das Erlebte „genug hergibt“ zum Schreiben (S. 149), was mich unweigerlich an Facebook/Instragram etc. denken ließ. Nur wenn Ortheil über sein Leben schreiben kann, rauscht es nicht unbeachtet an ihm vorbei (S. 136). Es ist wie eine Selbstvergewisserung durch das Schreiben, aber auch, als hätte er Angst, eine Erinnerung im wahrsten Sinne des Wortes zu verlieren (z.B. S. 216).

Der Titel Der Stift und das Papier ist Programm. Man könnte es fortführen: Und der Tisch und die Lampe und das Radio und, und, und. Ortheils Schreiben ist ein Schreiben über das Alltägliche. Langsam, detailliert, minutiös wird auch Triviales geschildet (S. 126, 215). Alles wird nach und nach dargelegt, ohne zu gewichten oder auf irgendeinen Höhepunkt der Geschichte hinzuarbeiten. Verwunderlich ist das nicht: „Papa denkt einen Augenblick nach und meint, dass Gründlichkeit wahrhaftig etwa sehr Wichtiges sei. Unser Schreiben sei ja im Grunde eine einzige Gründlichkeitsschule.“ (S. 209). Für mich drückt sich in dieser Gründlichkeit aber auch die Angst aus, etwas Erlebtes auszulassen, zu vergessen oder nicht adäquat darzustellen.

Dabei ist das „Erfundene“ sowieso nichts für Hanns-Josef. Erfinden heißt seiner Meinung nach „Fabulieren“: „Wohin bin ich mit diesem Schreiben denn bloß geraten? Ich bin ein „Fabulierer“ geworden, der das selbst Erlebte hinter dem Erfundenen verbirgt und zurückstellt.“ (S. 329). Gleichzeitig stellt Ortheils Vater klar (S. 287/288): „Das Erfundene ist spannend, abwechslungsreich und ‚sprüht von Ideen‘ (eine von Papas Anforderungen an gute Texte). Das Protokollierte ist langweilig, traurig und eintönig (und völlig ‚ideenlos‘).“

Ortheil vertritt eigentlich die gleiche Auffassung („Bloße Protokolle dessen, was ‚passiert‘, sind besonders langweilig.“, S. 282/283), trotzdem liest sich sein Buch für mich genau so: wie ein  Protokoll. Den Widerspruch erkläre ich mir dadurch, dass der Sohn einerseits sein dokumentarisches, gründliches Schreiben nicht aufgeben, andererseits aber auch nicht gegen den Vater argumentieren will.

Ernest Hemingway ist der Lieblingsautor der Vaters, und er soll später auch Ortheils großes Vorbild werden. Auch bei Hemingway passiert laut Ortheil nichts Besonderes und alles wird langsam und sehr genau erzählt (S. 327). Zudem kann er sich gut mit den Protagonisten Hemingways identifizieren: Sie reden wenig, beobachten viel, sie werden nicht in spannende Ereignisse verwickelt, leben einfach ihren Alltag. Nach allem, was ich weiß, ist Hemingway aber auch ein Meister des Weglassens, der Lücke, die der Leser mit seiner Fantasie füllen kann (über Hemingways Eisbergmodell s. hier). In dieser Hinsicht folgt Ortheil seinem Vorbild meines Erachtens nicht.

In Familie Ortheil scheint damals auch die Meinung vorzuherrschen, dass Sprechen nur dann gut ist, wenn es treffend und genau ist (S. 277). Skurril finde ich in diesem Zusammenhang eine Szene, in der Hanns-Josef mit seiner Mutter in der Küche das Essen vorbereitet (S. 166/167): „Mama redet während des Kochens nicht viel, vor allem aber redet sie nicht am Stück. Sie konzentriert sich auf die Vorbereitung des Essens und sagt dann und wann einen ihrer wenigen Sätze […].“ Zwischen den einzelnen Sätzen der Mutter und den wenigen Sätzen des Sohnes herrscht Stille. „Im Grund warten wir darauf, dass uns wieder ein guter, einzelner Satz einfällt. Ein Satz, der etwas Merkwürdiges hat. Oder etwas Seltsames. Etwas, das man in die Stille hinein sagt und das dann in dieser Stille verebbt.“

Mich wundert vor allem die Formulierung  „ein guter, einzelner Satz“. Beim Kommunizieren geht es meines Erachtens nicht darum, einzelne gute Sätze zu produzieren, sondern eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, auf die der Empfänger dann reagiert. Hier kommt es mir eher so vor, als ginge es darum, etwas möglichst „Wertvolles“ zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass dies den jungen Hanns-Josef ziemlich unter Druck gesetzt hat. Umso mehr, als gleichzeitig von ihm erwartet wird, frei und unbeschwert zu sprechen (S. 299). Letztlich bleibt Ortheil vielleicht gar nichts anderes übrig, als schreibend mit der Welt in Kontakt zu treten.

Auffallend finde ich auch Ortheils Auffassung von Gefühlen. Sehr oft liest man Sätze wie: „Papa mag das Radieren überhaupt nicht“ (S. 23), Mama mag dies, Papa mag das. Ortheil setzt Gefühle – so kommt es mir vor – mit Mögen/Nicht-Mögen gleich (S. 320). Gefühle sind aber doch viel mehr als Mögen und Nicht-Mögen, sie sind differenzierter. Es gibt Wut, Ärger, Hass, Freude, Überraschung, Ekel usw. Aber von diesen Gefühlen erfährt man nicht viel. Eher habe ich den Eindruck, Ortheil hält sich aus einem großen Wunsch nach Harmonie heraus sehr mit seinen Gefühlen zurück (z.B. S. 246 und 299). Außerdem geben die Eltern mit ihren klaren Vorlieben und Abneigungen ja sehr genau vor, was ein erwünschtes und was ein unerwünschtes Verhalten ist – vermutlich nicht einfach für den Sohn.

Beim Lesen habe ich mich bisweilen gefragt, um wen es bei der Schreibschule eigentlich geht: den Sohn oder doch den Vater? Oft spricht der Vater von „wir“ und „unser“, wenn er von seinem Sohn spricht (z.B. S. 254/255). Er schickt die Texte des Sohnes ungefragt an eine Zeitung (S. 246). Und als Hanns-Josef sich für die Anzahl der Einwohner von Duisburg interessiert, fragt der Vater zurück: „Wollen wir das jetzt wirklich wissen?“ (S. 43). Hanns-Josef offenbar schon. Der Vater nimmt das Schreiben des Jungen wichtig, aber nimmt er auch den Jungen wichtig? Anders gesagt: Hanns-Josef bekommt sehr viel Aufmerksamkeit und Anerkennung von seinen Eltern, aber diese ist oft an das Schreiben gekoppelt (S. 155).

Etwas Aufzuschreiben bedeutet für Ortheil, etwas Bedrückendes loszuwerden (S. 262). Im krassen Gegensatz dazu steht die verständliche Sprachlosigkeit der Eltern angesichts des Verlusts der Söhne. Sie reden nicht über ihr Trauma (S.340). Mein Eindruck ist, dass Ortheil um seiner Eltern willen schreibt, stellvertretend für sie. So als wolle er ihnen immer noch helfen, ihr Trauma loszuwerden und über das zu sprechen, was sie nicht sagen können.

Damit im Zusammenhang steht auch der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte. Zu Beginn des Buches sagt Ortheil (S. 15): „Ich habe keine ‚Kindheit gehabt‘, ich stecke noch immer in ihr. In gewissem Sinn bin ich immer noch das Kind, das schreibt.“  Das empfinde ich auch so. Aber ich glaube nicht, dass im Gegensatz dazu alle anderen Menschen von ihrer Kindheit losgelöst sind: „Dass die Vergangenheit kein abgeschlossener oder verblasster Teil meines Lebens geworden ist, liegt wohl daran, dass sich diese kindliche Vergangenheit nicht wie bei den meisten anderen Menschen irgendwann aufgelöst und von meinem späteren Leben getrennt hat.“ (S. 15). Kein Mensch ist losgelöst oder getrennt von der eigenen Kindheit. Im besten Fall hat man sie als positiv erlebt und in seine Persönlichkeit integriert.

Fazit: Eine biographische Dokumentation über einen sprachlich hochbegabten Jungen, der in einer traumatisierten Familie aufgewachsen ist.

Hanns-Josef Ortheil – Der Stift und das Papier – btb