Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen

Auf 90 Seiten wird in Du hättest gehen sollen die Geschichte eines mittelmäßigen Drehbuchautors beschrieben, der mit seiner Frau und der vierjährigen Tochter in ein abgelegenes Ferienhaus fährt, um dort Urlaub zu machen und an einem Drehbuch zu schreiben, das vom Produzenten sehnlichst erwartet wird. Während des Aufenthaltes in dem Haus verliert der Protagonist zunehmend den Boden unter den Füßen, denn es geschehen merkwürdige Dinge, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Dieser Auflösungsprozess wird sehr spannend aus der Sicht des Drehbuchautors selber beschrieben.

Mein grundlegendes Problem mit der Geschichte besteht in der Unsicherheit darüber, ob der Protagonist selber verrückt wird oder ob mit dem Haus etwas nicht stimmt. Auf eine Aufklärung hoffend bin ich lesend durch das Buch gehetzt – und enttäuscht worden. Was ich verstanden habe: Die Ehefrau ist Schauspielerin, und die Ehe, das ganze Familienleben scheint nur gespielt und wie im Drehbuch ziemlich willkürlich zu sein. Jedes der drei Familienmitglieder hat eine Rolle in dem Film, der zunehmend zu einem Horrorfilm wird.

Das Buch hat mich für den Moment des Lesens gepackt, ich habe die Hilflosigkeit des Protagonisten gespürt, seine Einsamkeit, seine Unfähigkeit, zu sprechen, aber mit dem Zuklappen des Buches war der Effekt auch schon verpufft. Mit anderen Worten, Kehlmann gelingt es zwar, mich mitzureißen – die Sprache ist nüchtern und reduziert, eindringlich, dicht, die Grenze zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Drehbuchpassagen verschwimmt, das aktuell Erlebte findet sich im Drehbuch wieder und umgekehrt – aber es geht nicht über diese vorübergehende Berührung hinaus.

Das liegt vermutlich auch daran, dass ich nicht verstehe, wie die Verrücktheit des Protagonisten und/oder des Hauses mit den offensichtlichen Eheproblemen zusammenhängt. Warum kombiniert Kehlmann das? Es kommen an mehreren Stellen verschiedene Varianten der Aufforderung „Du solltest gehen“ vor. Soll der Protagonist seine Frau verlassen? Steht das verrückte Haus für die verrückte Beziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Frau? Projiziert der Protagonist seine Innere Auflösung nach außen, auf das Haus? Oder hätte er einfach das Haus frühzeitig verlassen sollen, weil es darin spukt? Ist es so trivial?

Letztendlich tendiere ich dazu zu glauben, dass sich die Geschichte um die psychische Auflösung des Protagonisten dreht, um seine Entfremdung von sich selbst und seiner Familie. Darum, dass das verrückte Haus eine persönliche Entwicklung in Gang setzt, die die Selbsteinsicht zum Ziel hat. Dass der Protagonist die Schauspielerin aufgeben und der Wahrheit ins Gesicht sehen muss. Dass es kein Zurück in das alte Leben mehr gibt. Aber sicher bin ich mir nicht. Das soll vielleicht so sein, vielleicht soll ich als Leser diese Unsicherheit spüren. Aber es führt bei mir leider nur dazu, dass ich das Buch schulterzuckend zur Seite lege.

Fazit:

Sehr kurz, sehr spannend, aber bei mir ohne Nachwirkungen. Eine Wunderkerze.

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen – Rowohlt

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