Judith Hermann – Lettipark

In 17 Erzählungen lugt Hermann blitzlichtartig in das Leben verschiedener Menschen hinein und beschreibt alltägliche Begebenheiten und Probleme, Beziehungen, die mehr oder weniger gut funktionieren, vielleicht sogar kurz davor stehen, auseinanderzubrechen. Sie deutet Wendungen im Leben dieser Menschen an und bestimmte Einsichten, die sie haben. Sie tut das treffend und in einem interessanten minimalistischen Stil, alles in allem geht es aber inhaltlich nach meinem Empfinden über Allgemeinplätze nicht hinaus.

Für mich ist Lettipark wie eine Pralinenschachtel, die ich ganz schnell leer esse, immer in der Hoffnung, dass die nächste Praline etwas Besonderes ist. Irgendwie sind alle Pralinen ganz gut, aber keine ist speziell und gibt mir ein Aha-Erlebnis. Am Ende bin ich zwar satt, aber nicht richtig zufrieden und ich könnte auch nicht mehr sagen, wonach die einzelnen Pralinen geschmeckt haben.

Die Wirkung der Geschichten erinnert mich an Jazz bzw. die Art, wie ich diese Musik als Laie erlebe:  Hört sich ganz interessant an, hat kein System (zumindest keins, das ich verstehe), ich kann die Musik nicht wiedergeben und sie berührt mich nicht richtig, ohne dass ich sagen könnte, warum. Jazz wirkt auf mich tiefgründig und intelligent, aber ob er das wirklich ist, weiß ich nicht.

Fazit:

Minimalismus auf die Spitze getrieben. Andeutungen auf etwas tiefer Liegendes? Literatur, zu der man einen ganz bestimmten Zugang braucht, den ich nicht habe, trotz Hermanns außergewöhnlichem Stil.

Judith Hermann – Lettipark – S. Fischer

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen

Auf 90 Seiten wird in Du hättest gehen sollen die Geschichte eines mittelmäßigen Drehbuchautors beschrieben, der mit seiner Frau und der vierjährigen Tochter in ein abgelegenes Ferienhaus fährt, um dort Urlaub zu machen und an einem Drehbuch zu schreiben, das vom Produzenten sehnlichst erwartet wird. Während des Aufenthaltes in dem Haus verliert der Protagonist zunehmend den Boden unter den Füßen, denn es geschehen merkwürdige Dinge, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Dieser Auflösungsprozess wird sehr spannend aus der Sicht des Drehbuchautors selber beschrieben.

Mein grundlegendes Problem mit der Geschichte besteht in der Unsicherheit darüber, ob der Protagonist selber verrückt wird oder ob mit dem Haus etwas nicht stimmt. Auf eine Aufklärung hoffend bin ich lesend durch das Buch gehetzt – und enttäuscht worden. Was ich verstanden habe: Die Ehefrau ist Schauspielerin, und die Ehe, das ganze Familienleben scheint nur gespielt und wie im Drehbuch ziemlich willkürlich zu sein. Jedes der drei Familienmitglieder hat eine Rolle in dem Film, der zunehmend zu einem Horrorfilm wird.

Das Buch hat mich für den Moment des Lesens gepackt, ich habe die Hilflosigkeit des Protagonisten gespürt, seine Einsamkeit, seine Unfähigkeit, zu sprechen, aber mit dem Zuklappen des Buches war der Effekt auch schon verpufft. Mit anderen Worten, Kehlmann gelingt es zwar, mich mitzureißen – die Sprache ist nüchtern und reduziert, eindringlich, dicht, die Grenze zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Drehbuchpassagen verschwimmt, das aktuell Erlebte findet sich im Drehbuch wieder und umgekehrt – aber es geht nicht über diese vorübergehende Berührung hinaus.

Das liegt vermutlich auch daran, dass ich nicht verstehe, wie die Verrücktheit des Protagonisten und/oder des Hauses mit den offensichtlichen Eheproblemen zusammenhängt. Warum kombiniert Kehlmann das? Es kommen an mehreren Stellen verschiedene Varianten der Aufforderung „Du solltest gehen“ vor. Soll der Protagonist seine Frau verlassen? Steht das verrückte Haus für die verrückte Beziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Frau? Projiziert der Protagonist seine Innere Auflösung nach außen, auf das Haus? Oder hätte er einfach das Haus frühzeitig verlassen sollen, weil es darin spukt? Ist es so trivial?

Letztendlich tendiere ich dazu zu glauben, dass sich die Geschichte um die psychische Auflösung des Protagonisten dreht, um seine Entfremdung von sich selbst und seiner Familie. Darum, dass das verrückte Haus eine persönliche Entwicklung in Gang setzt, die die Selbsteinsicht zum Ziel hat. Dass der Protagonist die Schauspielerin aufgeben und der Wahrheit ins Gesicht sehen muss. Dass es kein Zurück in das alte Leben mehr gibt. Aber sicher bin ich mir nicht. Das soll vielleicht so sein, vielleicht soll ich als Leser diese Unsicherheit spüren. Aber es führt bei mir leider nur dazu, dass ich das Buch schulterzuckend zur Seite lege.

Fazit:

Sehr kurz, sehr spannend, aber bei mir ohne Nachwirkungen. Eine Wunderkerze.

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen – Rowohlt

Ian McEwan – Nussschale

Nussschale ist ein ganz besonderer Roman, weil er aus der Sicht einer ganz besonderen Person geschrieben ist, der eines (männlichen) Fötus. Dieser bekommt ganz gut mit, was draußen so vor sich geht und weiß von daher, dass seine Mutter Trudy und ihr Geliebter Claude planen, seinen leiblichen Vater umzubringen. Diese Ausgangssituation legt McEwan auf den ersten anderthalb Seiten des Romans genial dar.

Zwar muss sich der Fötus aufgrund seiner Abgeschiedenheit mit einigen Mutmaßungen zufrieden geben (z.B. S. 40/41), alles in allem hat er aber ein sehr fundiertes Wissen über die Welt und eine dezidierte Meinung zu aktuellen Themen, was er in einigen längeren Abhandlungen demonstriert (z.B. S. 42).

Der erzählende Fötus, an sich schon absurd, denkt und spricht wie ein äußerst gebildeter Erwachsener. Diese Bildung hat er durchs genaue Zuhören und dank der Vorliebe seiner Mutter für auditive Informationsquellen wie Radio und Podcasts: „In so mancher langen, ruhigen Nacht habe ich meiner Mutter einen heftigen Tritt verpasst. Sie wurde wach, konnte nicht wieder einschlafen und tastete nach dem Radio. Grausam, ich weiß, aber am Morgen waren wir beide besser informiert.“ (S. 14).

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für McEwans (trockenen) Humor, so die Beschreibung Claudes durch den Fötus auf Seite 83/84: „Seine [Claudes] Geistlosigkeit hat etwas Poetisches, eine Form von Nihilismus, die das Gewöhnliche aufwertet. Oder, umgekehrt, etwas Gewöhnliches, das selbst den abscheulichsten Gedanken entschärft.“. Später, als Claude über den Mordplan spricht, kommentiert der Fötus: „Trotzdem ist sein Plan eher der eines Winzers als eines Metzgers. Unausgegoren.“ (S. 89). Die Grenze zwischen Humor und Zynismus ist fließend, manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken: „Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter.  Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt […]“ (S. 17).

Schon mit dem Zitat, das dem Roman vorangestellt ist, wird der Bezug zu Shakespeares Drama „Hamlet“ klar. Schnell sind die Rollen verteilt: Die Mutter des Fötus, Trudy, entspricht Gertrude; ihr Geliebter Claude ist Claudius. Claudes Bruder, John, ist König Hamlet, der Fötus selber Prinz Hamlet. Letzterer kann nichts tun, um den Mord zu verhindern, aber er könnte später Rache nehmen (S. 80/81), genauso wie Prinz Hamlet.

Doch der Fötus ruft sich ins Gedächtnis, dass Rache „out“ ist (S. 80/81) und bezieht sich dabei auf den englischen Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes und sein Hauptwerk Leviathan. Hobbes stellt dem Naturzustand des Menschen, der durch Gewalt, Anarchie, Gesetzlosigkeit, Wettbewerb und Ehrgeiz gekennzeichnet ist, den Staat gegenüber, d.h. eine übergeordnete Instanz, die die Einhaltung der Gesetze überwacht. (Auf Claude und Trudy trifft die Charakterisierung des Naturzustandes mehr als zu: Sie versinken im Chaos, sind selbstsüchtig und rücksichtslos.)

Dass der Roman an ein Theaterstück angelehnt ist, wird an vielen weiteren Stellen deutlich. Zum einen spielt er, an ein Bühnenbild erinnernd, ausschließlich im Hause Johns, wo Trudy mit Claude lebt. Und genauso wie Hamlet, stirbt John durch Gift.

Weitere Beispiele: Der Fötus sieht sich selbst wie einen Theater-Besucher (S. 37ff); auf S. 130 sagt er: „Seit einer Weile, aber, fragt nicht, warum, bin ich der Komödie überdrüssig.“; die Sprache ist dramatisch: „Aber ich war’s, ich war’s! O Gott!“ (Seite 75); dramatische Zuspitzung der Ereignisse, nachdem die Polizei die Nachricht vom Tode Johns überbracht hat; usw.

Schließlich klärt McEwan mit seinem Roman einige Fragen, die Shakespeares Drama offen gelassen hat: Hatten Gertrude und Claudius zu Lebzeiten des Königs ein Verhältnis? Ja! Woher stammt Hamlets Ekel gegenüber Sexualität? Er musste als Fötus das überaktive Sexualleben seiner Mutter mit ihrem Geliebten miterleben! Dann: War Gertrude vielleicht doch am Mord beteiligt? Jawohl! Hat Gertrude den Mord aus sexuellem Interesse an Claudius befördert? Ja!

Fazit:

Ein witziger, unterhaltsamer, aber aufgrund der Erzählhaltung des Fötus nicht übermäßig spannender Roman mit (etwas zu ausgiebigen) politischen Statements und unklarer Message. Dennoch lesenswert.

Ian McEwan – Nussschale – Diogenes – aus dem Englischen von Bernhard Robben

 

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben ist ein kurzer Roman über einen Mann namens Andreas Egger, der ein einfaches, von schwerer Arbeit gekennzeichnetes Leben in den Alpen führt. Irgendwann Ende des 19. Jahrhundert geboren, erlebt er die Modernisierung seines Dorfes, den Einzug der Elektrizität in die Häuser usw., bis er schließlich mit knapp achtzig Jahren in Zurückgezogenheit stirbt. Die Geschichte endet nicht nur mit dem Tod, sie beginnt auch damit. Genauer gesagt mit dem Tod des alten Hörnerhannes; Egger hat den sterbenden Ziegenhirten gerade in seiner Hütte gefunden.

Egger ist kein Mann der großen Worte. Er ist einer, der tut, was getan werden muss. Stark, aber langsam, unermüdlich arbeitend, erweist er sich immer wieder als überraschend flexibel. Er hat ein großes Herz, auch wenn er seine eigenen Gefühle oftmals gar nicht richtig einordnen kann. Er ist umsichtig, mit Intuition ausgestattet und einer großen Liebe fähig.

Robert Seethaler hat ein Buch über einen Mann geschrieben, der in seinem Leben viele Tiefschläge erleidet, und dennoch Zufriedenheit empfindet, nicht zuletzt durch seine Verbundenheit mit der Natur. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben streift Egger nur kurz, aber dieses Erlebnis ist nichts, was ihn in seinen Grundfesten erschüttert.

Der Reiz des Buches liegt meines Erachtens im Gegensatz zwischen dem einfachen, ungebildeten, wortkargen Mann auf der einen Seite und seiner Herzensbildung, seinem gesunden Menschenverstand, seiner Loyalität auf der anderen. Ein Mann, der überaus klug und mit Gespür für die eigenen Stärken und Schwächen das Beste aus sich und seinem Leben macht.

Dazu kommt eine in meinen Augen flüssige, treffende, nicht zu blumige, nicht zu schlichte Sprache, die Egger, sein Leben und die Natur zum Leben erweckt.

Fazit:

Ein kleines, mit einer wunderschönen Sprache ausgestattetes Buch über einen einfachen und doch besonderen Mann, den ich gerne auf seinem Lebensweg begleitet habe.

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben – Goldmann